Rechte Geschichtsfälschung von „rot-rot-grün“

Kommentar von Thanasis Spanidis

Der deutsche Imperialismus rüstet sich zum dritten Mal für einen Weltkrieg. Damit einher gehen der Generalangriff auf alle erkämpften sozialen und demokratischen Rechte der Arbeiterklasse und der graduelle, aber systematische und gezielte Übergang in eine offener diktatorische Herrschaftsform. Vor diesem Hintergrund ist es für die herrschende Klasse ein ständiges Ärgernis, dass nach wie vor große Teile der Bevölkerung an der Auffassung festhalten, der Faschismus der Nazis sei von Übel gewesen und dessen Beendigung im Mai 1945 durch die Rote Armee eine Befreiung. Es darf deshalb niemanden wundern, dass die Versuche, die Geschichte umzuschreiben, um den Faschismus in ein besseres Licht zu rücken und den Kommunismus als das eigentliche „totalitäre“ Böse des 20. Jahrhunderts darzustellen, jedes Jahr ein wenig frecher und absurder werden.

Besonders widerwärtig treiben es, wie seit langem bekannt, dabei die SPD und die „Grünen“ in der Hauptstadt. Seitdem der Konflikt in der Ukraine 2022 mit der russischen Invasion zum Großkrieg eskaliert ist, lassen die Berliner Behörden keine Gelegenheit aus, das russische Vorgehen zu instrumentalisieren, um mit dem Polizeiknüppel gegen Antifaschisten und Kommunisten vorzugehen. Dass die Fahne Russlands am 8./9. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom Faschismus, von der Polizei untersagt wurde, während vor zahllosen Rathäusern seit 2023 die Fahne des genozidalen israelischen Regimes weht, ist eine unerträgliche Heuchelei. Doch dass neben der weiß-blau-roten Trikolore des kapitalistischen Russland – der Fahne also, die von der konterrevolutionären weißen Armee im Russischen Bürgerkrieg (1918–1921) und von den Nazikollaborateuren der Wlassow-Armee im Zweiten Weltkrieg getragen wurde – gleich auch die Fahne der Sowjetunion mit verboten wurde, entlarvt, worum es dabei eigentlich geht. So, als wäre nicht das heutige Russland das direkte Gegenteil der sozialistischen Sowjetunion. So, als wäre es nicht gerade die kapitalistische Konterrevolution gewesen, die Jahrzehnte des friedlichen Zusammenlebens zwischen den sowjetischen Völkern beendet und die Tür für endloses Blutvergießen in der Ukraine, im Kaukasus, in Transnistrien und potenziell in ganz Europa geöffnet hat.

So war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis der antikommunistische Wahn auch die Symbole des antifaschistischen Sieges von 1945 ins Fadenkreuz nehmen würde. Unter dem sowjetischen Ehrenmal am Treptower Park liegen 7000 Rotarmisten bestattet, die für die Befreiung Berlins und Europas ihr Leben gegeben haben. Das Denkmal ganz einzureißen, traut man sich (noch) nicht, zumal es auch offen gegen den Zwei-Plus-Vier-Vertrag verstoßen würde, welcher die BRD auf Erhalt und Pflege sowjetischer Denkmäler verpflichtet. Deshalb haben die Geschichtsfälscher der SPD sich etwas anderes überlegt: Wie man der Rechtsaußen-Zeitung „Die Welt“ mitgeteilt hat, soll das Mahnmal mit zusätzlichen Tafeln über die „Verbrechen Stalins“ desinformieren, so etwa den „Hitler-Stalin-Pakt“ und die „sowjetische Aggression gegen Polen, das Baltikum und Finnland“. 

Die Legende, wonach die Sowjetunion durch das Nichtangriffsabkommen mit Deutschland von 1939 den Zweiten Weltkrieg quasi mitverschuldet habe, ist eine immer beliebtere, aber deshalb nicht weniger dreiste Fälschung der Geschichte, die rechtsradikale Narrative bedient. In Wahrheit waren es Frankreich und England, die mit ihrer Appeasement-Politik gegenüber Deutschland den Nazis den roten Teppich ausrollten und sie geradezu einluden, sich das Sudetenland, dann ganz Tschechien und Österreich unter den Nagel zu reißen. Es waren Frankreich und besonders England, die die Spanische Republik 1936–39 an den Faschismus verkauften, indem sie die internationalistische Hilfe der Sowjetunion sabotierten. Es war Polen, das sich an der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Nazideutschland beteiligte, sich dabei das Olsa-Gebiet (tschechisch Záolží) aneignete und alle Angebote der Sowjetunion für eine gemeinsame Verteidigung gegen Deutschland in den Wind schlug. Die Sowjetunion war es hingegen, die von 1933 bis 1939 sechs lange Jahre lang unermüdlich versuchte, ein Bündnis zur Eindämmung der deutschen Expansion aufzubauen und nichts als Ablehnung erfuhr – denn Frankreich und England hofften darauf, dass die Nazis als Rammbock gegen den sowjetischen Kommunismus dienen, oder, wie Friedrich Merz sagen würde, die „Drecksarbeit“ für sie machen würden. Damals wurde diese historische Tatsache auch von ehrlichen Antikommunisten wie dem ehemaligen amerikanischen Botschafter in Moskau Joseph Davies offen ausgesprochen: „Wir, oder besser gesagt die europäischen Demokratien, haben Stalin im August 1939 in Hitlers Arme gezwungen“[1], belehrte Davies seine Landsleute damals. Besonders erbärmlich und verlogen ist bis heute das Gejammer des polnischen Regimes und seiner antikommunistischen Nachfolger. Ein Regime, das 1920 das junge revolutionäre Russland überfiel und riesige weißrussische und ukrainische Gebiete annektierte, sich dann 1938 an der Aggression der Nazis beteiligte und über Jahre hinweg die ausgestreckte Hand der Sowjetunion ausschlug, aber bis heute darüber klagt, dass die Sowjetunion sich im Nichtangriffspakt von 1939 die polnisch besetzten Gebiete zurückholte.

Es soll aus der Erinnerung gelöscht werden, dass die Sowjetunion 27 Millionen Menschen im Großen Vaterländischen Krieg, also im Zweiten Weltkrieg verloren hat; dass über 8 Millionen Soldaten der Roten Armee im Krieg gefallen sind und weitere über 3 Millionen Rotarmisten in der Gefangenschaft der Nazis systematisch ermordet wurden. Wir sollen vergessen, dass es die Rote Armee war und nicht die USA oder England, die Berlin befreiten. Wir sollen gar nicht erst lernen, dass die Nazi-Wehrmacht 80–90 % ihrer Verluste im Kampf gegen die Rote Armee erlitt und alle entscheidenden Schlachten des europäischen Zweiten Weltkriegs von der Roten Armee geschlagen wurden: Vor Moskau, bei Rschew, in Stalingrad, am Kursker Bogen, bei Charkow, in Belarus (Operation Bagration), in Budapest, auf den Seelower Höhen und in Berlin.

Wer die Sowjetunion mit Dreck überschüttet und das Andenken von Millionen Kommunistinnen und Kommunisten, die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben ließen, durch den Schmutz zieht, der hat Übles im Sinn. Der zielt mit der Waffe der Geschichtsfälschung nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft. Jeder Gedanke, dass eine Welt ohne kapitalistische Ausbeutung, ohne imperialistische Kriege möglich sein könnte, soll mit dem undifferenzierten Zerrbild der „stalinistischen Gewaltherrschaft“ im Keim erstickt werden. Und der nächste, potenziell nukleare Weltkrieg, auf dessen Schwelle wir heute stehen, für den der deutsche Imperialismus auch dieses Mal entscheidende Mitverantwortung trägt, soll gerechtfertigt werden. „Der Russe“, der war doch immer schon der wahre Aggressor, der Feind Europas, der unzivilisierte asiatische Untermensch, wie wir ihn von den Propagandaplakaten der Nazis kennen – an solche tief verwurzelten Vorurteile appelliert die rechte Geschichtsfälschung, um die westliche Aggression von heute und morgen zu verschleiern.

Und wer springt gehorsamst auf den Zug mit auf? Natürlich, wie könnte es auch anders sein, die sogenannte „Linkspartei“. Die Vorsitzende der Berliner „Links“-Fraktion Anne Helm erklärte gegenüber der „Welt“, ihre Fraktion werde dem geschichtsfälschenden Antrag von SPD und Grünen zustimmen, denn „Russland missbraucht seit Jahren die Feierlichkeiten um den Tag der Befreiung für seine Kriegspropaganda“. Das ist zwar richtig, hat aber nichts mit dem Thema zu tun. Ansonsten könnte man auch auf die kriminelle Idee kommen, das Holocaust-Mahnmal vor dem Reichstag abzureißen, weil Israel den Holocaust zur Rechtfertigung seiner Verbrechen instrumentalisiert. Der russische Staat mag kein Recht haben, sich auf die Heldentaten der Völker der Sowjetunion (zu denen nicht zuletzt ja auch die Ukrainer gehörten) zu berufen – doch noch viel weniger haben dieses Recht Grüne, SPD und Pseudo-„Linke“, die heute in der Ukraine und Israel Faschisten unterstützen und den nächsten Feldzug nach Osten vorbereiten oder mittragen.

Die Sozialdemokratie, ob in Gestalt der Partei „Die Linke“ oder der SPD, sieht den Kommunismus letztlich als den einzig wirklichen Feind, mit dem sie nie leben können wird, weil er das Ausbeutersystem, dessen gehorsame Stiefellecker sie sind, abschaffen will – und deshalb ist sie umgekehrt ebenso unser Feind.


[1] Joseph Davies 1945: Mission to Moscow, London, S. 366

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