Aktuelles von Zayden Bammann
Tesla konnte in seiner Fabrik in Grünheide auf neue „innovative“ Art und Weise die Krankenrate von 17 Prozent auf unter 5 Prozent senken. Wie hat das Unternehmen das geschafft? Ganz einfach: Es zahlt den Angestellten bei Krankmeldung kein Geld mehr. So werden die Mitarbeiter zwar nicht gesund, aber die Produktion bleibt am Laufen.
Mit dem Entgeltfortzahlungsgesetz gegen die Arbeiter
Im Entgeltfortzahlungsgesetz ist festgehalten, dass ein Unternehmen die Lohnfortzahlung nur bis zur sechsten Woche einer Krankschreibung aufgrund der gleichen Krankheitsursache zahlen muss. Danach zahlt die Krankenkasse ein Krankengeld von in der Regel 70 Prozent des regelmäßigen Brutto-Lohns. Ändert sich allerdings nach den sechs Wochen der Krankheitsgrund, ist der Arbeitgeber verpflichtet, erneut eine Lohnfortzahlung zu leisten. Genau diese Regelung über die fortwährend gleiche Krankheitsursache für Lohnfortzahlung macht sich Werksleiter André Thierig jetzt zunutze: Ist ein Mitarbeiter länger als sechs Wochen krank, stellt Tesla mit der Begründung, es handle sich in jedem Fall nicht um eine neue Krankheitsursache, die Lohnfortzahlung ein. Wer dennoch eine neue Krankheitsursache habe, soll dies durch eine ärztliche Begründung nachweisen. Dieser Nachweis schließt eine detaillierte Beschreibung des Krankheitsgrundes mit ein, die einen Bruch der ärztlichen Schweigepflicht mit sich bringen würde. Vor Gericht wird dieses Vorgehen von Tesla vermutlich nicht Bestand haben: Bereits 2024 behielt das Unternehmen mit einer ähnlichen Begründung Lohnfortzahlungen ein, doch die IG Metall konnte daraufhin erfolgreich die Zahlung von insgesamt 160.000 € vor Gericht durchsetzen.
Woher kommt der hohe Krankenstand?
Doch woher kommt der vergleichsweise hohe Krankenstand im Unternehmen? Die Antwort ist klar: Überlastung. Die resultiert vor allem aus den kurzen Taktzeiten, überzogenen Produktionszielen und der chronischen Unterbesetzung. Bei einer Umfrage der IG Metall gaben 59 Prozent der Mitarbeiter an, regelmäßig unter Schmerzen aufgrund der schweren Arbeit zu leiden. 83 Prozent gaben an, dass sie sich sehr oft überlastet fühlen. Hinzu kommen immer wieder schwere Arbeitsunfälle, die sicher auch mit der Überlastung zusammenhängen: So erlitt im Januar 2025 ein 33-Jähriger eine tiefe Schnittwunde am Bein, im Februar 2025 wurde eine Mitarbeiterin von einem Gabelstapler angefahren, und im gleichen Monat wurde ein Mann während der Arbeit eingeklemmt, sodass er in die Unfallklinik gebracht werden musste.
Auch Repression und Einschüchterung der Angestellten sind bei Tesla alltäglich. So ist es beispielsweise Praxis, bei Krankmeldung unangekündigt Hausbesuche bei den Mitarbeitern zu machen und bereits innerhalb des sechswöchigen Zeitraums der Lohnfortzahlung mit deren Streichung zu drohen. Mitarbeitern wird schon allein bei dem Versuch, Gewerkschaftsarbeit zu machen, mit Kündigung gedroht. Auf den Betriebsrat ist bei all diesen Vorkommnissen nur wenig Verlass: Den Vorsitz des Betriebsrats hat momentan eine Gruppe von Personen inne, die ungeschönt die Interessen der Unternehmensbosse durchsetzen. Die IG Metall versucht zwar, gegen diesen Klassenkampf von oben anzukämpfen, bekommt aber immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen. Anfang des Jahres erstattete Tesla Anzeige gegen einen Gewerkschaftssekretär mit der Behauptung, er habe unerlaubterweise eine Betriebsratssitzung aufgezeichnet. Ermittlungen haben mittlerweile festgestellt, dass es keine Aufnahmen auf dem beschlagnahmten Laptop gibt. Die Betriebsratswahlen im März dieses Jahres ficht die IG Metall mittlerweile an, da die Geschäftsleitung mit Union-Busting-Methoden, wie Drohungen und Einschüchterungsversuchen, die Wahl unzulässig beeinflusst hat.
Gesundheit im Kapitalismus
Der Fall der Tesla Fabrik in Grünheide zeigt, welchen Stellenwert die Gesundheit der Mitarbeiter im Kapitalismus hat. Oberstes Ziel des Kapitals ist die Gewinnsteigerung bzw. der Profit. Die Steigerung der Produktivität und die Erhöhung der Ausbeutung der einzelnen Angestellten sind Mittel hierfür. Kranke Mitarbeiter stehen dem entgegen und sind deshalb ein Hindernis, das es nach Möglichkeit zu beseitigen gilt. Dass die ansteigende Krankenrate genau aus der Überlastung der Angestellten aufgrund der genannten Mittel zur Produktivitätssteigerung resultiert, ist so lange tolerierbar, soweit es denn Profit nicht schmälert. Sinkt der potenzielle Profit wegen höheren Ausfallquoten, gilt es, diese zu bekämpfen. Doch dies geschieht nicht durch Entlastung, sondern indem man durch die Streichung sozialer Absicherungen die Menschen dazu zwingt, auch krank zu arbeiten.
Doch nicht nur auf Ebene der Unternehmen ist dieses Vorgehen mittlerweile Praxis. Auch die Große Koalition plant, die Krise der deutschen Wirtschaft auf diesem Wege zu bekämpfen: Die Lohnfortzahlung am ersten Krankheitstag soll abgeschafft werden, und zusätzlich auch deren Länge gekürzt werden
Wir sehen: Was bei Tesla in Grünheide schon Praxis ist, soll in ähnlicher Weise nun auf gesetzlicher Ebene durchgesetzt werden. Der deutsche Staat ist ein Instrument des Kapitals und möchte dessen Ausbeutungsbedingungen verbessern. Die heutigen Gesetzesvorhaben sind dabei eine Reaktion auf die Krise der deutschen Wirtschaft. Im Kapitalismus wird es immer die Tendenz geben, Ausgaben wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einzuschränken, um die Produktivität des Unternehmens zu verbessern. Die Vorkommnisse bei Tesla sind deshalb nicht Ausdruck einer besonders „bösen“ Unternehmensführung, sondern einfach die Durchsetzung einer Tendenz des Kapitalismus. Doch klar ist: Gegen diese Angriffe auf unsere Rechte als Arbeiter müssen wir uns wehren. Schließen wir uns also gegen die Angriffe zusammen und bekämpfen sie, egal, ob sie nun von den Unternehmensbossen oder der Regierung kommen.


