Aktuelles von Bob Oskar
Die deutsche Bundesregierung hat eine neue „Startup- und Scaleup-Strategie“[1] beschlossen. Zu den „Top-Maßnahmen“ gehört, dass gezielt Unternehmen und Neugründungen im Bereich der Rüstungsindustrie gefördert werden sollen. Unter dem Deckmantel der „hip“ anmutenden Startup-Szene orchestriert die Bundesregierung so den Aufbau der nächsten Rüstungsgiganten.
Startups als Jobmotor
Nach der Hightech Agenda Deutschland hat das Bundeskabinett am 22. Juli mit dem Beschluss der Startup- und Scaleup-Strategie weitere Weichen gestellt, um dem deutschen Kapital den Weg aus der wirtschaftlichen Krise zu ebnen. Die Agenda stellt dabei den übergeordneten strategischen Fahrplan dar, um Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien zu entwickeln, während die neue Startup- und Scaleup-Strategie die Rahmenbedingungen für junge Unternehmen verbessern soll. Diese gewinnen wirtschaftlich immer mehr an Bedeutung: 2024 waren nach Angaben des Bundesverbands Deutsche Startups bereits 522.000 Menschen in Deutschland bei Startups und Scaleups beschäftigt, mit weiter steigender Tendenz; im ersten Halbjahr 2026 gab es 3.053 Neugründungen, mehr als im gesamten Jahr 2024.
Allerdings räumt die Strategie selbst ein, dass es noch nicht ausreichend gelinge, „erfolgreiche Gründungen in Wachstums- und Skalierungsphasen zu überführen und dauerhaft in Deutschland zu halten“. Dem will die Bundesregierung nun entgegenwirken und verspricht unter anderem neue Finanzierungsmöglichkeiten, Entbürokratisierung, Unterstützung bei der Anwerbung neuer Fachkräfte durch eine „Work-and-Stay-Agentur“ für Fachkräfteeinwanderung und die Förderung von Gründungen aus der Wissenschaft.
DefenceTech: das neue Lieblingskind des deutschen Kapitals
Die politisch relevanteste Veränderung gegenüber der älteren Startup-Strategie 2022 ist jedoch, dass „Sicherheit und Verteidigung“ – also Kriegsvorbereitung und Aufrüstung – in dem Dokument nun einen zentralen Platz einnehmen. Stolz verkündet das Papier, dass die DefenceTech-Branche „zu den dynamischsten Segmenten der deutschen Startup- und Scaleup-Landschaft“ zähle und Deutschland dabei „europaweit eine Spitzenposition“ einnehme. Die Zahlen untermauern das: 2025 flossen nach Angaben der Kreditanstalt für Wiederaufbau insgesamt 1,16 Milliarden Euro an Risikokapital in deutsche DefenceTech-Unternehmen, was rund 16 Prozent (!) des gesamten Risikokapitals ausmachte, während der Anteil, der weltweit in diese Industrie floss, bei nur vier Prozent lag.
Doch damit gibt sich die Bundesregierung nicht zufrieden. Geplant ist eine Reihe von Unterstützungsmaßnahmen: der Zugang zu Kapital soll für DefenceTech-Unternehmen weiter vereinfacht werden, die Unternehmen sollen enger „mit der Expertise und den Bedarfen der Bundeswehr als Bedarfsträger“ verzahnt werden, und man wolle die „Koordination und Steuerung sowohl fähigkeitsfokussierter als auch technologiebasierter Forschungsprojekte stärken und die Vernetzung von zivilen und militärischen Bedarfsträgern fördern“. Bereits jetzt entwickeln gut 24 Prozent aller Startups Dual-Use-Güter mit sowohl zivilem als auch militärischem Nutzen, knapp zwei Prozent sind rein auf den militärischen Gebrauch ausgerichtet.
Zu den Maßnahmen gehört auch, dass das Bundesverteidigungsministerium dem NATO Innovation Fund (NIF) Unternehmen für Investitionen vorschlagen soll. Der NIF wurde 2023 ins Leben gerufen und soll insgesamt eine Milliarde Euro anlegen. Zudem sind Direktbeteiligungen des BRD an Rüstungs-Startups vorgesehen.
Partner in crime – „Partnerland Israel“
Auch der Schulterschluss mit der Kolonialmacht Israel fehlt nicht. Mit der Plattform „EXIST Startup Bridge Germany-Israel“ sollen die wirtschaftlichen Bindungen verstärkt werden. Im Rüstungssektor existieren diese allemal schon, zuletzt hatte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eine engere Zusammenarbeit angekündigt. In der Startup- und Scaleup-Strategie heißt es nun: „Mit dem Partnerland Israel sollen u. a. Formate wie Startup-Challenges (z. B. für DefenceTech) und Demo-Days zur Vernetzung von Kunden und Investoren durchgeführt werden“. „Demo-Days“ bezeichnen in der Startup-Welt Events, in denen Startups ihre Geschäftsidee in kurzen Präsentationen vorstellen, um Investoren anzuziehen. Die Kombination von Rüstungsunternehmen und Kolonialmacht erinnert aber gleichzeitig daran, dass in Palästina jeden Tag Unternehmen „demonstrieren“, was ihre Produkte können: Israel vermarktet seine Waffen bereits heute als kampferprobt in den Testlaboren Gaza und Westbank.
Kampf der Einhörner
Die drei größten Rüstungs-„Startups“ sind inzwischen zu milliardenschweren Unternehmen, sogenannten Einhörnern, geworden: Helsing ist momentan mit 15,3 Milliarden Euro das teuerste Startup in Europa überhaupt, das ebenfalls in München ansässige Quantum Systems ist über sieben Milliarden Euro wert, das Berliner Startup Stark Defence wird inzwischen mit mehr als drei Milliarden Euro bewertet. Alle drei sammelten in den vergangenen Monaten große Aufträge ein: Stark Defence und Helsing werden zusammen mit Rheinmetall Kamikaze-Drohnen (auch als Loitering Munition bezeichnet) für die Bundeswehr produzieren, Quantum Systems liefert Aufklärungsdrohnen und ist gemeinsam mit Helsing in die Entwicklung des Projekts Uranos KI involviert, eine KI-basierte Überwachung der NATO-Ostflanke, Helsing arbeitet wiederum mit Hochdruck an einer Jagdbomberdrohne, von der die Bundeswehr rund 400 Stück anschaffen will – muss sich hier jedoch noch gegen Airbus, Rheinmetall und das US-Unternehmen GA-ASI durchsetzen. Der Konkurrenzkampf ist allerdings gerade aufgrund der zu erwartenden Milliardenausgaben der Bundeswehr extrem scharf. Das Handelsblatt berichtete zuletzt von „Ideenklau, Unterlassungserklärungen, Übernahmefantasien“. Die strukturellen Veränderungen im Rüstungssektor – weg vom Panzer, hin zur Kombination aus Drohnen, Sensorik und KI – lassen zwar aktuell erhebliches Kapital und zahlreiche Aufträge an die neuen Unternehmen fließen, aber die Prozesse von Konzentration und Zentralisation des Kapitals könnten dadurch eher beschleunigt werden.
[1] Als Scaleups werden Unternehmen bezeichnet, die ein Produkt etabliert haben, es profitabel verkaufen und deren Umsatz oder Mitarbeiterzahlen über einen Zeitraum von drei Jahren mehr als 20 Prozent jährlich wachsen, das etablierte Unternehmensmodell also erfolgreich „skaliert“.


