Stellenabbau trotz Milliardengewinnen

Aktuelles von Adrian Dietrich

100.000 Stellen plant der VW-Konzern weltweit zu streichen, vier Werke in Deutschland stehen womöglich vor dem Aus. Was zunächst aus Insiderinformationen über Pläne des VW-Vorstands hervorging, bestätigte nun der Konzernchef Oliver Blume, der dem Aufsichtsrat am 9. Juli einen Sparpaketvorschlag präsentierte. Dieser riesige Stellenabbau stellt eine Verdopplung des bereits ausgehandelten Abbaus von 50.000 Stellen bis 2030 dar. Die IG-Metall verspricht „massive Gegenwehr“ – plant aber bisher keine Streiks.

Eine folgenschwere Entwicklung

Schon im September 2024 hatte VW mehrere Tarifverträge – unter anderem die seit 1994 geltende Beschäftigungssicherung – aufgekündigt und das mit der Notwendigkeit begründet, „die Kosten in Deutschland auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken“. Ende desselben Jahres einigten sich VW und IG-Metall ohne nennenswerten Kampf: Die Abwendung von Werkschließungen und die Jobgarantie bis 2030 bezahlte die VW-Belegschaft bitter mit der Streichung von 35.000 Stellen bei der Kernmarke und einem Verzicht auf Lohnerhöhung bis 2030. Zusätzlich sollten weitere 15.000 Stellen, unter anderem bei Audi und Porsche, abgebaut werden. Im Gegenzug kam VW der Forderung nach einem Bonus für IG Metall-Mitglieder nach – sozusagen als Belohnung für ihre Kompromissbereitschaft. Diese erhalten ab 2027 eine jährliche Sonderzahlung von mehreren hundert Euro. Die Gewerkschaft knüpft daran die Hoffnung, ihren hohen Organisationsgrad auch ohne Kampf über die nächsten Jahre retten zu können.

Nun zieht der VW-Konzern an: Insgesamt 100.000 Stellen sollen weltweit gestrichen werden. Besonders den VW-Werken in Zwickau, Emden, Hannover und dem Audi-Werk in Neckarsulm mit insgesamt ca. 40.000 Beschäftigten droht das Ende, da es keine Pläne gibt, die Produktion dort nach dem Auslauf der aktuellen Modelle – für Emden und Zwickau wäre das bereits 2031, für Hannover 2032 und Neckarsulm 2034 – fortzuführen. Auch sind viele Zuliefererbetriebe durch ihre Abhängigkeit von VW durch die Pläne gefährdet – allein NRW zählte 2025 ca. 200.000 Beschäftigte bei Zuliefererfirmen. Ähnlich sieht es außerdem bei anderen Automobilproduzenten aus: 8.000 Stellen sollen bei BMW gestrichen werden, bei Mercedes wird die Streichung von 6.000 Stellen sowie die Abschaffung der 35-Stunden-Woche gefordert.

Möglich ist auch, dass der VW-Vorstand versuchen wird, unter dem Deckmantel der Umstrukturierung das VW-Gesetz auszuhebeln. Das Bundesgesetz besagt, dass wichtige Beschlüsse wie Satzungsänderungen eine Mehrheit von mindestens 80 Prozent benötigen, was dem Land Niedersachsen, das 20,2 Prozent der VW-Anteile hält, eine Sperrminorität einräumt. Genauso relevant ist ein weiterer Absatz des Gesetzes, der festhält, dass Produktionsstätten nur mit Zustimmung von zwei Dritteln des Aufsichtsrats errichtet oder verlegt werden dürfen. Damit könnte das VW-Management solche weitreichenden Entscheidungen in Zukunft auch über die Köpfe der Politik hinweg treffen.

„Gewinneinbrüche“? – 5,9 Milliarden Euro sind den VW-Kapitalisten nicht genug

Den Stellenabbau begründet VW vor allem mit einem Einbruch der Verkaufszahlen im ersten Halbjahr dieses Jahres um rund ein Drittel in China, belastende US-Zölle und Druck durch eine sich international verschärfende Konkurrenz. Letzteres setzt dem Absatz von VW besonders zu, da sich allein der Automobilexport von China in den Jahren 2020 bis 2026 von ca. 1,2 Millionen auf über 10 Millionen erhöhte. Deutsche Firmen werden damit von chinesischen Herstellern nicht nur von deren chinesischen Binnenmarkt, sondern mehr und mehr auch vom internationalen Markt verdrängt. Oliver Blume hatte im April 2026 bereits erklärt, dass die Gesamtproduktion pro Jahr im Zuge der Absatzprobleme von 12 Millionen auf 9 Millionen Fahrzeuge gesenkt werden soll. Die Krise der deutschen Automobilkonzerne ist also durchaus real.

Trotzdem verzerrt das Narrativ der katastrophalen „Gewinneinbrüche“ bei VW, die die Massenentlassungen erzwingen würden, die Realität. Obwohl der Gewinn im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 12 Prozent zurückging, räumte VW trotzdem über 5,9 Milliarden Euro (!) Gewinn ein. Diese Unsummen an Geld kassieren hauptsächlich Manager und Großaktionäre, allen voran die Porsche-Piëch-Familien, welche über die Porsche SE-Beteiligungsgesellschaft indirekt die Volkswagen AG kontrollieren und als die größten Anteilseigner allein von 2022 bis Ende 2025 rund 860 Millionen Euro an Dividenden erhielten. Mit diesen 5,9 Milliarden Euro, die die VW-Belegschaft erarbeitet hat, geben sich diese Handvoll Parasiten aber nicht zufrieden. Und damit sie statt 5,9 Milliarden 8,6 Milliarden Euro erhalten (nichts anderes bedeutet das Beharren auf eine Umsatzrendite von 5,5 Prozent), werden 100.000 Beschäftigte rausgeschmissen – und die Verbleibenden müssen sicher mehr arbeiten. Ein Teil der in Deutschland abgebauten Produktionskapazitäten wird parallel in sogenannten „best cost countries“ wieder aufgebaut, also in Ländern mit niedrigerem Lohnniveau, geringeren Sozialabgaben und weniger strikten Arbeitsschutzgesetzen (genau das verbirgt sich nämlich häufig hinter der viel gescholtenen „Bürokratie“). Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Mercedes-Werk in Kecskemét (Ungarn), in dem die Produktion aktuell hochgefahren wird, während in Deutschland Stellen gestrichen werden.

Massenentlassung und Arbeitszeiterhöhung – zwei Seiten derselben Medaille

Die aktuelle Welle der Stellenstreichungen und Massenentlassungen in der Industrie wird auch von immer lauteren und einstimmigeren Rufen aus dem Kapitalistenlager nach der Erhöhung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnerhöhung – praktisch eine Lohnkürzung – begleitet. Das ist kein Zufall. Der Absatz stagniert, und die Kapitalisten ziehen die Konsequenz: Um die Produktionskosten zu senken, werden Hunderttausende rausgeschmissen, und die verbleibende Belegschaft wird gleichzeitig um jede zusätzliche Stunde Arbeitszeit ausgequetscht.

Die Grundidee ist simpel: Die Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnerhöhung würde für VW ca. 14 Prozent mehr verfügbare Arbeitszeit für die Produktion bedeuten. Ohne ihren Umsatz zu schädigen, könnten die VW-Kapitalisten dafür nun ca. 14 Prozent der Belegschaft rausschmeißen (bei einer Erhöhung auf 48 Stunden sind es sogar rund 37 Prozent der Belegschaft), um so den eingesparten Lohn direkt in ihren Profit umzumünzen. Der Umsatz bleibt gleich, die Kapitalisten machen mehr Profit – ein Teil der Arbeiterklasse leidet an Arbeitslosigkeit, ein anderer an chronischer Überarbeitung.

Nach der Massenentlassung ist vor der Massenentlassung – wenn sich die VW-Belegschaft nicht wehrt!

Dieser Stellenabbau kombiniert mit Arbeitszeiterhöhungen ist also vor allem eine Art, wie die Kapitalisten die Krise auf die Arbeiterklasse abwälzen können. Eins steht fest: Auch diese Entlassungswelle wird nicht die letzte sein, welche die Kapitalisten der VW-Belegschaft und der Arbeiterklasse generell auftischen werden. Ist die 40-Stunden-Woche in der Industrie erst einmal Realität, dann lässt die 48-Stunden-Woche und die nächste Massenentlassung nicht mehr lange auf sich warten. Es dürfte kein Zufall sein, dass das Kapital seinen Angriff zuerst gegen die am besten organisierten Hochburgen der deutschen Industriearbeiterklasse richtet, die großen Automobilkonzerne mit Organisationsgraden von teilweise 80 Prozent und mehr. Wenn sie dort nicht auf entschiedenen Widerstand treffen, wird für die weniger gut organisierten Teile der Klasse noch sehr viel Schlimmeres folgen.

Die IG Metall antwortete auf den geplanten Stellenabbau Anfang Juli zunächst mit einem Aktionstag als Auftakt für weitere Proteste. Sie versprach den Konzernchefs einen „heißen Sommer und Herbst“ und „massive Gegenwehr“, sollten diese an Stellenabbau und Kürzungsprogrammen festhalten. Außerdem organisierte sie inzwischen weitere Proteste, wie etwa bei dem Audi-Werk in Neckarsulm, an dem etwa 6.000 Menschen teilnahmen. Die kämpferische Stimmung stand jedoch im auffälligen Gegensatz zu den handzahmen Reden des Betriebsrats und der IG Metall, die im Grunde selbst versuchten, den Kollegen die Kürzungen schmackhaft zu machen. Insgesamt plant die Gewerkschaft, sich auf symbolische Protestaktionen zu beschränken – gestreikt wird wegen der Friedenspflicht nicht.

Es gibt aber auch positive Beispiele. Die IG-Metall-Vertrauensleute bei Mercedes in Untertürkheim haben im Juni eine Resolution verabschiedet, in der sie zum Widerstand bis hin zum Streik gegen den Sozialabbau und die Angriffe auf ihre Arbeitsbedingungen aufrufen – wenn nötig auch gegen den Willen der Gewerkschaftsführungen. Noch viel mehr Kolleginnen und Kollegen müssen verstehen, dass sich die Gewerkschaft nur dann bewegen wird, wenn ausreichend Druck von der Basis kommt.

Denn genau der Streik ist in dieser Situation nicht nur politisch richtig, sondern auch das praktisch notwendige Mittel. Tausend Bitten und Petitionen können die Kapitalisten, ohne mit der Wimper zu zucken, ignorieren – stillstehende Maschinen und eine lahmgelegte Produktion nicht! VW-Belegschaft und IG Metall müssen die aktuellen harten Angriffe also entschieden mit dem organisierten Widerstand, dem Streik – gemeinsam mit Zuliefererbetrieben und bestenfalls der gesamten Automobilbranche koordiniert – bekämpfen. Nicht jede Werksschließung kann verhindert werden, nicht jede Entlassungswelle abgewendet, aber erst der Kampf macht den Sieg überhaupt möglich!

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