Lest Brecht!

Zum 70. Todestag eines großen Dialektikers und Schriftstellers seiner Klasse

Beitrag von Liam Rader

Kultur kann ein Mittel im Klassenkampf sein, um komplexe politische Inhalte in einer zugänglichen Form zu transportieren. Indem sie alltägliche Situationen darstellt und die Sprache des Alltags verwendet, spricht sie den Zuschauer auf einer emotionalen Ebene an und macht dadurch vermittelt auch die großen Zusammenhänge verständlich. Eingängige Parolen, Lieder oder Gedichte (aber genauso natürlich auch Theaterstücke, Romane, Malerei etc.) bewahren die Erfahrungen früherer Kämpfe auf und reichen sie weiter, und sie stiften damit Motivation zu neuem Kampf. Wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Raum hat Bertolt Brecht es begriffen, Kultur als dieses Mittel im Klassenkampf anzuwenden. Als großer Dialektiker war er in der Lage, die wesentliche Seite der Dinge zu erkennen und die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit und Bewegung zu begreifen. Zentraler Bezugspunkt seiner Auseinandersetzung waren der Kapitalismus und die Klassenkämpfe seiner Zeit, von der Novemberrevolution über die Weimarer Republik und den deutschen Faschismus bis hin zum Aufbau des Sozialismus in der DDR. Doch auch mit historischen Kämpfen und zeitlosen politischen Fragen setzte er sich auseinander, nahm dabei konsequent den Standpunkt der unterdrückten Klassen ein und stellte so heraus, dass man die Vergangenheit kennen muss, um die Gegenwart zu verstehen und zu verändern.

Diesem Beispiel wollen wir folgen und anlässlich seines 70. Todestages eine Reihe seiner eher unbekannten Stücke, Lieder und Gedichte vorstellen, aus denen sich wertvolle Lehren für brennende aktuelle Fragen ziehen lassen. Es handelt sich dabei natürlich nicht um eine vollständige Darstellung seines umfangreichen Werks, sondern vielmehr um die Aufforderung, sich damit intensiver auseinanderzusetzen: Lest Brecht!

„In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung“

Er lebe in „finsteren Zeiten“, heißt es gleich zu Beginn des bekannten Brecht-Gedichtes An die Nachgeborenen. Brechts Leben war geprägt von zwei Weltkriegen und der jeweils damit verbundenen Militarisierung durch den deutschen Imperialismus. Das Lied Was bekam des Soldaten Weib stammt aus Brechts Stück Schweyk im Zweiten Weltkrieg, der Adaption eines Romans des tschechischen Kommunisten Jaroslav Hašek. Mit diesem Lied, das seine beklemmende Wirkung vor allem in der Vertonung Kurt Weills entfaltet, stellt Brecht eindrücklich dar, dass es für die einfache Bevölkerung trotz gelegentlicher Raubzüge im imperialistischen Krieg nichts zu gewinnen gibt:

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem reichen Amsterdam?
Aus Amsterdam bekam sie den Hut.
Und er steht ihr gut, der holländische Hut.
Den bekam sie aus Amsterdam. […]

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus der Lichterstadt Paris?
Aus Paris bekam sie das seidene Kleid.
Zu der Nachbarin Neid das seidene Kleid.
Das bekam sie aus Paris. […]

Und was bekam des Soldaten Weib
Aus dem weiten Russenland?
Aus Russland bekam sie den Witwenschleier.

Zu der Totenfeier den Witwenschleier.
Das bekam sie aus Russenland.

Diese Zeilen sollten zu denken geben, wenn der deutsche Imperialismus sich mit dem größten Aufrüstungsprogramm aller Zeiten auf einen erneuten Krieg gegen Russland vorbereitet. Mit umfangreichen Werbekampagnen versucht die Bundeswehr, diesen Krieg der Bevölkerung schmackhaft zu machen und Hunderttausende neuer Soldaten zu rekrutieren – falls das auf freiwilligem Wege nicht gelingen sollte, zeichnet sich die Wiedereinführung der Wehrpflicht bereits ab. Doch Brecht macht klar: Die Soldaten und ihre Angehörigen sind nicht nur Opfer des Militarismus, sondern in einem dialektischen Verhältnis auch die einzigen, die für ein Ende des Krieges sorgen können. So in diesem von Paul Dessau vertonten Gedicht:

General, dein Tank ist ein starker Wagen.
Er bricht einen Wald nieder, er zermalmt hundert Menschen.
Aber er hat einen Fehler:
Er braucht einen Fahrer. […]

General, der Mensch ist sehr brauchbar.
Er kann fliegen und er kann töten.
Aber er hat einen Fehler:
Er kann denken.

Auch das Lied gegen den Krieg unterstreicht, dass der Krieg eine Klassenfrage ist und nur als solche, nämlich durch die proletarische Revolution, sinnvoll beendet werden kann:

Der Prolet muss in den vordersten Graben
Die Generäle bleiben dahint.
Und wenn die Herren gegessen haben
Kann sein, dass er auch noch etwas find’t.

Dreck euer Krieg! So macht ihn doch allein!
Wir drehen die Gewehre um
Und machen einen anderen Krieg
Das wird der richtige sein.

Solange es Kapitalismus gibt, wird es Kriege geben. Brechts Rede auf dem Schriftstellerkongress von 1952 scheint heute eine mehr denn je gültige Warnung:

Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.

Eine zentrale Zäsur in Brechts Leben war der deutsche Faschismus. Bereits früh erkannte er den Zusammenhang zwischen faschistischer Demagogie und sozialer Frage. So schreibt er schon 1931 im Lied vom SA-Mann:

Als mir der Magen knurrte, schlief ich
Vor Hunger ein
Da hört ich sie ins Ohr mir
„Deutschland erwache!“ schrei’n.

Da sah ich viele marschieren
Sie sagten: „Ins dritte Reich.“
Ich hatte nichts zu verlieren
Ich lief mit, wohin war mir gleich.

In seinem Stück Die Rundköpfe und die Spitzköpfe beschreibt Brecht die Funktion faschistischer Rassenideologie zur Ablenkung von der Klassenfrage und zur Spaltung der Arbeiterklasse angesichts der wachsenden revolutionären Bewegung. Die systemstabilisierende Funktion des Faschismus ist es, die ihn notwendig immer wieder aus dem Kapitalismus entstehen lässt – insbesondere in Krisenzeiten. Diesen Zusammenhang bringt Brecht auch im Theaterstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui zum Ausdruck, das mit der Warnung endet:

So was hätt’ einmal fast die Welt regiert!
Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Dass keiner uns zu früh da triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Der Aufstieg der Nazis war dabei, wie Brecht betont, keineswegs unaufhaltbar. Er wurde gezielt vorangetrieben und hätte verhindert werden können. In seinem „Tui“-Komplex, der neben einzelnen Versen und einem Romanfragment vor allem das Stück Turandot (oder der Kongress der Weißwäscher) umfasst, setzt Brecht sich mit der Rolle der Intellektuellen in der Weimarer Republik auseinander: Selbst angesichts des aufstrebenden Faschismus, der ihre eigene Existenz bedroht, konzentrieren sie sich einzig darauf, die Realität zu verschleiern und damit die Herrschaft des Kapitals gegen die revolutionäre Bewegung zu verteidigen. Brecht versetzt die Handlung aber ins chinesische Kaiserreich – und gerade durch diese Verfremdung wird seine zeitlose Bedeutung erkennbar: Die wesentliche Funktion der Intellektuellen lässt sich problemlos auf heute übertragen, die Parallelen zu den bürgerlichen Medien sind vielfältig.

Brechts Stücke als antiimperialistischer Leitfaden

Wie der Kampf gegen den Kapitalismus und seine schlimmsten Auswüchse – Faschismus und imperialistischen Krieg – geführt werden kann und welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben, dafür liefern Brechts Texte reichliches Anschauungsmaterial. Das Stück Die Mutter (nach einer Romanvorlage von Maxim Gorki) sollte eine Pflichtlektüre insbesondere für junge Kommunistinnen und Kommunisten sein, nicht nur weil es mit dem Lob des Kommunismus und dem Lob des Revolutionärs berühmt gewordene Gedichte enthält, die in poetischer Weise die Richtigkeit unserer Weltanschauung ausdrücken. Darüber hinaus transportiert es zeitlos gültige Erfahrungen des Klassenkampfes, wie die Repression des kapitalistischen Staates, die Notwendigkeit und die Formen illegaler Arbeit oder den Verrat der reformistischen Gewerkschaftsführer, den Brecht in der Szene über die „Sumpfkopeke“ darstellt. Mit einer gewissen Abstraktion lässt sich dieses Schauspiel in nahezu jeder Tarifrunde der letzten Jahre wiederfinden.

Im Drama Die Maßnahme befasst sich Brecht dagegen mit den negativen Folgen von Linksradikalismus und revolutionärer Ungeduld. Eine richtige Taktik zeichnet sich nicht durch besonders radikale Phrasen oder eine moralische Unfehlbarkeit aus, sondern dadurch, dass sie zur Umsetzung einer tatsächlich revolutionären Strategie beiträgt. Die korrekte Bestimmung dieses Verhältnisses bleibt tägliche Aufgabe im Klassenkampf; auch dabei kann man von Brecht lernen.

Das Theaterstück Die heilige Johanna der Schlachthöfe dreht sich um Überproduktionskrise und Börsenspekulation sowie deren Folgen für das Proletariat. Auch hier betont Brecht, wie wichtig es ist, auf brennende soziale Fragen richtige Antworten zu geben. Es wäre gegenwärtigen Vertretern des hilflosen Antifaschismus zu wünschen, sie nähmen die Kernpunkte des Stückes zur Kenntnis: Es reicht nicht aus, einzelne soziale Folgen der Wirtschaftskrise moralisch zu kritisieren und ans Gewissen der Kapitalisten zu appellieren – der Kapitalismus als solcher muss überwunden werden. Dass dies keine leichte Aufgabe ist und welche Aufgaben sich nach der Revolution stellen, lässt sich am historischen Beispiel der Pariser Commune nachvollziehen, der Brecht mit Die Tage der Commune ein dramatisches Denkmal gesetzt hat. Auch für den Aufbau des Sozialismus in der DDR stellt Brecht fest:

Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns,
Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.

Für bürgerliche Kultur eigentlich ungenießbar

Bis heute wird Brecht auf deutschen und internationalen Bühnen gespielt, was nicht zuletzt auf den dialektischen Charakter seiner Stücke zurückzuführen ist. Der bürgerliche Kulturbetrieb versucht dabei aber nach Kräften, sein Werk zu entpolitisieren und seine Standpunkte zu verzerren. Ein beliebtes Mittel ist es, Brechts klares politisches Bekenntnis zu Sozialismus und Kommunismus als gerade noch akzeptable Jugendsünde zu verklären; mit dem Realsozialismus sei Brecht aber unzufrieden gewesen, ja sogar insgeheim zum „Systemgegner“ geworden. Hier muss betont werden, dass es eine bewusste Entscheidung Brechts war, nach dem Faschismus in den sozialistischen Teil Deutschlands zu gehen. Trotz Kritik an einzelnen (beispielsweise kulturpolitischen) Entwicklungen sah er sich selbst als Teil des Aufbaus des Sozialismus und stand in den gefährlichsten Momenten wie zum Beispiel nach dem konterrevolutionären Aufstand am 17. Juni 1953 hinter Staatsführung und SED – ohne sich dabei mit Kritik zurückzuhalten. Brecht von der DDR und dem Realsozialismus trennen zu wollen, wird seinem Leben und Werk nicht gerecht.

Es gäbe noch mehr zu sagen, doch hoffentlich ist klar geworden, welche Aktualität Brechts Texte auch heute, 70 Jahre nach seinem Tod, noch haben. Die kommunistische Bewegung kann für die Kämpfe der Gegenwart und Zukunft viel von ihm lernen und sollte sich weiterhin mit seinem Erbe befassen.

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