Aktuelles von Quentin Klaas
Der größte deutsche Autokonzern steckt in der Krise. Vor allem durch die verschärfte internationale Konkurrenz und Handelskonflikte sind die Gewinne bei Volkswagen (VW) im ersten Halbjahr 2026 zurückgegangen. Diese Entwicklungen zeichneten sich schon in den letzten Jahren ab. Als Reaktion darauf kündigte der Konzern im Jahr 2024 einen Sparplan mit Massenentlassungen und Werkschließungen an. Die neueste Entwicklung ist die Aufkündigung von 10 der 13 Tarifverträge mit der Industriegewerkschaft Metall (IG Metall) zum 31.12.2026. Ist das das endgültige Ende der sogenannten Sozialpartnerschaft bei VW? Was steckt dahinter?
Situation und Bedeutung von Volkswagen
Als größtes Automobilunternehmen und mit rund 100.000 Beschäftigten allein im Haustarif der Volkswagen AG als größter privater Arbeitgeber Deutschlands hat der VW-Konzern mit seinen Tochterfirmen strategische Bedeutung für das deutsche Kapital. Mit einem Marktanteil von 16,5 Prozent und der höchsten Produktionsrate an Autos bildet die Volkswagen Group den Kern der deutschen Autoindustrie. Damit zählt der Konzern zu den größten Monopolkonzernen des deutschen Kapitals. Die besondere Stellung von VW zeigt sich auch in der Beteiligung des Landes Niedersachsen, das rund 20 Prozent der Anteile besitzt und dadurch eine Steuerungs- und Stabilisierungsfunktion innerhalb des Konzerns ausübt.
Wegen dieser herausragenden Stellung des VW-Konzerns war es für die Unternehmensführung und die Regierenden in den vergangenen Jahrzehnten von großer Wichtigkeit, sich die Loyalität der Arbeiter durch hohe Löhne, gute Arbeitsbedingungen und soziale Absicherung zu erkaufen und dadurch einen ungestörten Betriebsablauf abzusichern.
Dieser Taktik folgend wird bei VW seit 80 Jahren ein Haustarifvertrag mit der IG Metall verhandelt. Dieser enthält weitgehende Begünstigungen für die Belegschaft im Vergleich zur Gesamtbranche. Außerdem geht mit dem Haustarif eine versetzte Friedenspflicht zu anderen Tarifrunden wie die denen der Flächentarifverträge der Metall- und Elektroindustrie oder der Stahlindustrie einher. Damit wird ein gemeinsamer Arbeitskampf der VW-Beschäftigten mit den Kolleginnen und Kollegen anderer Unternehmen in der Branche ausgeschlossen.
Mit einem Organisationsgrad von bis zu 90 % gehört VW neben Mercedes zu den mächtigsten und strategisch wichtigsten Bastionen der IG Metall. Es ist kein Zufall, dass das Kapital seine schärfsten Angriffe ausgerechnet dort konzentriert. Wenn es sich dort ohne größere Gegenwehr durchsetzen kann, dann drohen alle Dämme zu brechen – und in den wesentlich weniger kampfstarken Betrieben in der Fläche könnten noch viel schlimmere Einschnitte durchgesetzt werden.
Krise in der Automobilindustrie
Seit 2024 befindet sich die Autoindustrie in einer sich verschärfenden Krise. Krise bedeutet hier, dass die Gewinne des Konzerns im Abwärtstrend sind und keineswegs eine drohende Pleite. In dieser Situation greift der Vorstand auf harte Sparmaßnahmen zurück und fährt offene Angriffe gegen die Belegschaft.
Die Krise in der Branche und beim VW-Konzern speziell lässt sich vor allem auf die verschärfte internationale Konkurrenz zurückführen. Hier steht die deutsche Industrie auf der einen Seite in Konkurrenz zu China und dessen Autokonzernen, die vor allem im Bereich der Elektromobilität und mittlerweile hybrider Technologie die Marktführerschaft beanspruchen und in weiten Teilen bereits innehaben. Zudem trat in den letzten Jahren die Konkurrenz zu den USA deutlich hervor, besonders im Zuge der US-Zollpolitik. Die USA erheben Schutzzölle gegen Autos und Autoteile, die aus Deutschland importiert werden, um diese künstlich teurer zu machen und vom US-amerikanischen Markt zu verdrängen.
Mit der Stellung des VW-Konzerns ist auch verbunden, dass von der Produktion zahlreiche Zuliefererfirmen abhängig sind. So meldete beispielsweise der Autozulieferer KmB Technologie aus Zerbst in Sachsen-Anhalt Insolvenz an. Dies reiht sich ein in die Reihe von Insolvenzen, Werkschließungen und Stellenabbau bei unterschiedlichen Zulieferern der Automobilindustrie.
Angriffe auf die Arbeiter
Als Reaktion auf den Einbruch der Profite für die VW-Kapitalisten kündigte der Vorstand zu Beginn dieses Jahres einen Sparplan mit dem massenhaften Abbau von 50.000 Stellen bis 2030 an; im Sommer wurden Pläne für die Schließung von vier deutschen Werken bekannt. Auf der Kippe stehen die Standorte Emden, Zwickau, Hannover und das Audi-Werk in Neckarsulm. Im sogenannten „Zukunftsplan 2030“ beschreibt die Konzernspitze, wie sie das Unternehmen strategisch aufstellen will. Aus den bekannt gewordenen Details wird klar: Die Zugeständnisse für die Arbeiter der letzten Jahrzehnte sind vorbei und sie sollen für die Erhöhung der Profite des Konzerns und ihrer Aktionäre zahlen.
Auch wenn die IG Metall massiven Widerstand gegen die Kürzungspläne angekündigt hat, ist bisher nichts davon zu spüren. Stattdessen hat die Gewerkschaftsführung den altbekannten Kurs der Sozialpartnerschaft eingeschlagen und 2024 den sogenannten „Zukunftstarifvertrag“ mit den VW-Kapitalisten verhandelt. Damit stimmt die IG Metall dem Abbau von 35.000 Stellen zu und akzeptiert, dass die tarifliche Lohnerhöhung bis Ende 2030 ausgesetzt wird.
Die Spitze der Eskalation vonseiten der Konzernführung bildet die Aufkündigung fast aller Tarifverträge zwischen VW und IG Metall. Dies wurde am 30. September 2026 bekanntgegeben, die Kündigung greift zum Jahresende. Gekündigt wurden insgesamt 10 der 13 Tarifverträge, darunter der Entgelt- und Manteltarifvertrag. Das kommt einer offenen Kriegserklärung gleich. Und es zeigt – auch wenn der „Zukunftstarifvertrag“ bisher noch nicht gekündigt wurde –, dass solche Kompromisse letztlich das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen. Standorte und gute Arbeitsbedingungen werden nicht durch kampflose Zugeständnisse verteidigt, sondern dadurch, dass die Gewerkschaft die Zähne zeigt und mit Streik droht. Nur wenn die Kapitalisten verstehen, dass eine Abwicklung sehr teuer werden würde, überlegen sie sich zweimal, ob die Schließung ganzer Werke sich am Ende wirklich lohnt.
Die Strategie dahinter ist, Druck auf die Gewerkschaft für die kommenden Tarifverhandlungen aufzubauen und weitgehende Kürzungen und Verschlechterungen bei den Löhnen und Arbeitsbedingungen wie Urlaubstagen und Arbeitszeit der Arbeiter durchzusetzen. Der Sparplan aus 2024 und die Aufkündigung der Tarifverträge zeigen deutlich, dass die VW-Spitze den Plan der erkauften Loyalität der letzten 80 Jahre über Bord geworfen hat und zu einer offensiven Strategie der Auspressung und verschärften Ausbeutung umschwenkt.
Das, was jetzt bei VW von der IG Metall auf die Tagesordnung gesetzt werden muss, ist die Vorbereitung und Mobilisierung für Arbeitskampfmaßnahmen im Januar 2027. „Heftige Auseinandersetzungen zum Jahreswechsel“ dürfen keine leere Androhung der Gewerkschaftsführung und des Konzernbetriebsrates bleiben, sondern müssen in Form von Streiks breit organisiert werden. Der Streik ist in dieser Situation notwendiger denn je. Ohne massenhafte Niederlegung der Arbeit bei VW werden die Angriffe auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter nur noch stärker werden. Die Durchsetzung unserer Interessen ist keine Frage der Argumente, sondern eine Machtfrage!


