Aktuelles von Leonard Jung
In der vergangenen Woche erlebte Deutschland eine der stärksten Hitzewellen seit dem Beginn regelmäßiger Wetteraufzeichnungen. Jeden Tag erreichte die Mehrheit deutscher Orte neue historische Höchstwerte, in manchen Orten stiegen die Temperaturen über 41 Grad. Noch nie gab es im Juni eine so ausgeprägte Hitze. Hitzewellen dieser Art könnten in den kommenden Jahren durch den Klimawandel jedoch zur neuen Normalität werden.
Schäden an Straßen, Schienen und Transformatoren
Teilweise beschädigten die erhöhten Temperaturen Straßen und Schienen. Die A2 musste in Teilen wegen starker Hitzeschäden gesperrt werden. In Essen, Leipzig, Würzburg, Bremen und Nürnberg führten Beschädigungen an den Gleisen – beispielsweise schmelzende Fugenmassen – dazu, dass der Straßenbahnverkehr teilweise oder komplett zum Erliegen kam. Verformte Schienen und durchhängende Bahnoberleitungen führten auch bei der Bahn zu Geschwindigkeitsbegrenzungen und Ausfällen, die Deutsche Bahn riet zeitweise selbst von Zugreisen ab. An einigen Orten kam es durch Brände in Transformatorstationen zu Stromausfällen. Störungen in der digitalen Infrastruktur blieben bisher aus, sind aber durchaus denkbar: In London kam es während einer Hitzewelle 2022 durch Ausfälle von Kühlsystemen zur Lahmlegung von Rechenzentren von Google und Oracle.
Auch auf die Tierwelt wirkt sich die Hitzewelle aus. In der Mosel sank der Sauerstoffgehalt aufgrund der hohen Wassertemperaturen so stark, dass eine kritische Marke unterschritten wurde, wodurch ein Fischsterben droht. Insekten, die ohnehin bereits durch Artensterben extrem gefährdet sind, droht nach Hitzewellen eine vernichtende Unfruchtbarkeit.
Malochen bis zum letzten Tropfen Schweiß – Arbeiten bei 40 Grad
Das deutsche Arbeitsrecht kennt kein Hitzefrei. Wegen der zusätzlichen Belastung durch die Hitze steigt das Risiko für Verletzungen und Arbeitsunfälle. Die Hitze führt zu Konzentrationsverlust, Kopfschmerzen und Übelkeit. Besonders stark betroffen sind dabei Arbeiterinnen und Arbeiter im Außendienst, wie beispielsweise Berufstätige im Verkehr und auf Baustellen.
Büroräume oder Werkstätten dürfen ab 35 Grad, wenn es keine angemessenen Hilfsmittel gibt, nicht mehr genutzt werden und die Arbeit muss an einem anderen Ort fortgesetzt werden. Für Handwerkerinnen und Handwerker gibt es eine solche Regelung nicht – sie müssen ihre Arbeit verrichten, egal, wie stark die Temperatur steigt.
Die Kapitalisten sollen dabei zwar das Arbeitsschutzgesetz beachten, dieses ist allerdings so schwammig formuliert, dass die Entscheidungsgewalt über die Umsetzung letzten Endes doch ihnen selbst überlassen ist. So heißt es in § 4, „dass eine Gefährdung für das Leben (…) möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten“ werden soll. Konkret können die Pausen etwas verlängert, die Arbeitszeiten angepasst oder auch Sonnencreme und Wasser bereitgestellt werden. Auch sollen die Arbeiten – sofern möglich – im Schatten stattfinden. Vielerorts findet man aber abgelaufene Sonnencreme, nicht genug Wasser und generell variiert die Umsetzung stark. In manchen Betrieben gibt es zusätzliche Vereinbarungen zum Hitzeschutz. Auch diese werden jedoch oft nicht eingehalten und müssen von den Beschäftigten aktiv eingefordert werden.
Das Resultat ist, dass in vielen Branchen die Arbeit bei Extremwetter in teilweise menschenunwürdigen Bedingungen stattfindet. Zu beachten ist dabei, dass wegen des Klimawandels die Anzahl der Hitzetage (Tage mit Temperaturen über 30 Grad) stark zunimmt. Im Zeitraum von 1961 bis 1990 gab es jährlich durchschnittlich 4,2 heiße Tage; zwischen 1991 und 2020 schon 8,9. 2018 gab es sogar 20. Die Tendenz ist also klar steigend und dementsprechend wird auch das Arbeiten in extremer Hitze immer öfter vorkommen. Während es in der Vergangenheit eher die Ausnahme war, ist es in Zukunft gut möglich, dass jeden Sommer teilweise wochenlang unter diesen Bedingungen gearbeitet werden muss.
Zwei Klassen – zwei Krisen
Wie oben beschrieben, haben die Klimakrise und die globale Erderwärmung direkten Einfluss auf die Lebensrealität der gesamten Arbeiterklasse, die vor allem in gewissen Branchen besonders stark getroffen wird. Im Unterschied dazu wird das Leben der Bourgeoisie nicht sonderlich stark beeinträchtigt. Sinnbildlich erkennbar wurde dies ausgerechnet im Hauptquartier der EU-Kommission. Dort wurden in den unteren 7 Stockwerken die Klimaanlagen abgedreht. Das Büro von Ursula von der Leyen befindet sich im 13. Stock und ist natürlich klimatisiert. Ihre 26 Kommissare sind „zufälligerweise“ ab dem 8. Stockwerk anzutreffen.
Aber auch außerhalb des Arbeitsplatzes trifft der Klimawandel die Arbeiterklasse anders als die Kapitalistenklasse. Wie sehr man von Dürre, Überschwemmung und Hitze betroffen ist, hängt stark von den eigenen finanziellen Mitteln ab, die über Wohnort und Umgangsmöglichkeiten bestimmen.
Im vergangenen Jahr kamen bei Hitzewellen schätzungsweise über 24.000 Menschen in Europa ums Leben. In diesem Jahr starben in Frankreich zwischen dem 24. und 28. Juni hitzebedingt rund 1.000 Menschen, in einer Stadt wie Köln kamen am Wochenende schätzungsweise 120 Menschen durch die Hitze ums Leben. Stark betroffen sind dabei ältere, kranke und in Armut lebende Menschen. Mitten in der starken Hitze sind Klimaanlagen oftmals nur noch für Wucherpreise erhältlich, die sich viele Menschen nicht leisten können. Auch die Bäder sind vielerorts überfüllt, während die Bonzen den Luxus von privaten Poolanlagen oder exotischen Urlauben genießen können. In Paris etwa lassen Freibäder in reichen Vororten inzwischen nur noch Anwohnende ein, während Menschen aus ärmeren Vierteln in ihren kleinen Apartments verzweifeln.
Nicht nur vom innerstädtischen Wohnort, sondern auch von der Stellung des Landes im imperialistischen Weltsystem hängt ab, wie die Menschen von der Hitze betroffen sind. Indien etwa ist auch aufgrund seiner geographischen Lage besonders durch das Extremwetter betroffen, weshalb dort stellenweise Temperaturen von bis zu 50 Grad erreicht werden. Gleichzeitig gibt es weniger gesellschaftliche Ressourcen, um auf diese Entwicklung zu reagieren. Das kostet nach aktuellen Schätzungen jeden Tag über 3.000 Menschen das Leben. Auch hier sind ärmere Regionen besonders betroffen.
Sind wir dem Klimawandel hilflos ausgesetzt?
Die Klimakrise ist Ausdruck des Widerspruchs zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und der Natur. Denn solange der Kapitalismus herrscht, ist die Natur, genauso wie die Arbeiterschaft, der Profitlogik und ewigen Expansion des Kapitals unterworfen. Innerhalb des Kapitalismus kann die Krise daher nicht bewältigt werden.
Nur der Sozialismus kann diese Unterjochung brechen. Ein nachhaltiges Verhältnis zwischen Mensch und Natur und die Bewältigung der Folgen des Klimawandels müssen im sozialistischen Staat aktiv und bewusst angegangen werden – möglich wird dies allein durch die rationale Planung der Produktion.


