Das Märchen vom menschlichen Versagen – Zum Zugunglück in Spanien

Aktuelles von Niko Pancini

Wenn bei Zugunglücken Arbeiter und Reisende sterben, wird die Verantwortung oft auf einzelne Arbeiter geschoben, statt auf strukturelle Ursachen zu schauen. Das Zugunglück in Spanien wirft wieder einmal die Frage auf: Sicherheit im Bahnbetrieb – oder Sicherung der Profite?

Das Zugunglück in Spanien

Am Morgen des 28. Oktober 2026 fuhr in der spanischen Provinz Toledo ein Hochgeschwindigkeitszug auf einen stehenden Zug auf. Zum aktuellen Zeitpunkt (5. November 2026) beläuft sich die Zahl der Opfer des Unglücks auf 69 Tote und dutzende Verletzte. Die Unfallursache ist bislang noch ungeklärt. Der spanische Verkehrsminister Óscar Puente zieht „menschliches Versagen“ in Betracht.

Die spanische Lokführergewerkschaft (SEMAF) streikte am 29. Oktober und kündigte weitere Streiktage am 10. und 12. November an. Der aktuelle Arbeitskampf begann bereits vor dem Unfall und geht unter anderem auf Forderungen der Gewerkschaft zurück, die neue Vorschriften für mehr Sicherheit im Bahnverkehr forderte und diesbezüglich mangelnde Zusagen seitens des Verkehrsministeriums, sowie der beiden Schienenverkehrsunternehmen Renfe und Adif beklagte.

Selbst wenn der Fehler in diesem Fall bei einem einzelnen Mitarbeiter zu suchen sein sollte, liegt das eigentliche Problem an anderer Stelle. Die Stellungnahme des Verkehrsministers und die mediale Verarbeitung lassen Bedenken der Gewerkschaft zur allgemeinen Sicherheit des Bahnbetriebs außen vor. Diese Verschleierungstaktik individualisiert den Unfall und seine Ursache, anstatt zugrundeliegende Probleme zu thematisieren. Wie andere Zugunglücke der letzten Jahre in Spanien und ganz Europa  zeigen, entstehen sie nicht im luftleeren Raum, sondern sind die fatalen Folgen von Privatisierungen, Sparmaßnahmen und schlechten Arbeitsbedingungen. Schon Anfang des Jahres, am 18. Januar 2026, starben 46 Menschen auf derselben Strecke, weil zwei Hochgeschwindigkeitszüge entgleisten. Auch in diesem Fall ist die Unfallursache noch nicht ausreichend geklärt, jedoch konzentrieren sich die Ermittlungen unter anderem auf Schäden am Gleis.

Die Folgen einer schlechten Ausbildung

Welche Folgen eine schlechte Ausbildung im Eisenbahnsektor haben kann, zeigte am 28. Februar 2023 das Zugunglück in Tembi, Griechenland, bei dem ein Reisezug und ein Güterzug frontal zusammenstießen. Bei diesem Unglück kamen 57 Menschen ums Leben und viele weitere wurden verletzt.

Der Grund für dieses schreckliche Ereignis war eine fehlerhafte Weichenlage im Fahrweg. Der unerfahrene Fahrdienstleiter im Stellwerk war unzureichend ausgebildet und übersah die Lage der Weiche. Zudem waren technische Einrichtungen nicht vollständig funktionsfähig, da Erneuerungsarbeiten nur teilweise ausgeführt worden waren. Wegen der hohen und erschöpfenden Arbeitsbelastung bat die Spätschicht den Kollegen aus der Nachtschicht, seinen Dienst früher anzutreten.

Die griechische Regierung untersuchte den Fall nur oberflächlich und schob die Schuld auf „menschliches Versagen“. Infolgedessen brachen massive Massenproteste gegen die unzureichende Aufklärungspolitik der Regierung aus.

Der unerfahrene und nicht ausreichend ausgebildete Fahrdienstleiter muss sich nun vor Gericht mit weiteren beteiligten Mitarbeitern verantworten. Sie mussten sich an die Arbeitsmittel und die schlechten Arbeitsbedingungen anpassen, die ihnen von den Kapitalisten zur Verfügung gestellt wurden. Dafür können sich die Kapitalisten die notwendigen Investitionskosten sparen und die gesteigerten Profite aneignen.

Wie betrifft uns das in Deutschland?

Auf der Strecke Madrid–Sevilla ist das gleiche technische Sicherheitssystem verbaut, wie es auf etlichen Strecken in Deutschland auch eingesetzt wird. Das System übermittelt in diesem Fall die zulässige Höchstgeschwindigkeit und den verbleibenden Bremsweg und ist grundsätzlich sicher, wenn es ordentlich gewartet wird und die Fahrdienstleiter richtig ausgebildet werden.

Ob diese Bedingungen aktuell noch erfüllt sind, ist fraglich: Es ist kein Geheimnis, dass die Qualität des Schienennetzes der DB InfraGO AG mangelhaft ist. Bahnreisende erleben sie tagtäglich: Zugverspätungen und Ausfälle. Infolge der Privatisierung der Deutschen Bahn im Jahr 1994 wurden mehr als 5.400 Kilometer Strecke stillgelegt, sodass insbesondere ländliche Regionen schlechter angebunden sind. Diese Privatisierung bedeutete aber außerdem auch starke Einsparungen an Personal, die Ausschreibung und Verteilung der Regionalverkehrslinien an private Eisenbahnverkehrsunternehmen sowie eine mangelhafte Modernisierung der Infrastruktur. Genau darin besteht das Problem: Eine zuverlässige und moderne Infrastruktur ist essenziell für einen sicheren Bahnbetrieb. Sie ist das Werkzeug, mit dem die Fahrdienstleiter bei Störungen die Sicherheit gewährleisten können. Sie ist aber auch der sichere Weg, auf dem wir als Reisende täglich unterwegs sind und der wir unser Leben anvertrauen.

Marodes Schienennetz und Bahnunfälle in Deutschland

Auch in Deutschland sind wir an dem Punkt angekommen, dass Unfälle aufgrund maroder Infrastruktur geschehen. Es ist daher wenig überraschend, dass am 3. Juni 2022 eine Regionalbahn auf der Fahrt von Garmisch-Partenkirchen nach München entgleiste. Grund dafür war das Versagen von Betonschwellen, auf denen die Bahnschienen befestigt sind. Dabei verloren fünf Menschen ihr Leben. Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) nannte mehrere Faktoren als Ursache des Unfalls: Eine dieser Ursachen war die unzureichende Inspektion und Instandhaltung. Sie stellte fest, dass das Regelwerk der damaligen DB Netz AG (heute DB InfraGO AG) für diese Betonschwellen als Instandhaltungsmaßnahme nur eine Sichtprüfung vorsah. Sie überließ die Risikokontrolle dem fachkundigen Instandhaltungspersonal.

Anstatt verbindliche Sicherheitsstandards zu schaffen und eine systematische fachliche Absicherung dieser Entscheidungen zu gewährleisten, wurden die Mitarbeiter dazu angehalten, auf Grundlage ihrer eigenen Fachkenntnisse und ihres eigenen Ermessensspielraums zu entscheiden. Die BEU stellt fest: „Ein angepasstes Verfahren zum Erkennen der […] [inneren Schäden an den Betonschwellen] hätte das Ereignis aller Wahrscheinlichkeit nach verhindert.“

Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, kritisierte darüber hinaus den anschließenden Prozess um das Zugunglück: Es „saßen die Falschen auf der Anklagebank. Jahrzehntelang haben Verkehrsminister und Bahnvorstände […] die Bahn mutwillig kaputtgespart.“

Angesichts dieser Einschätzungen zum Unglück 2022 steht fest: Die Sicherheit des Bahnbetriebs hängt im Zweifelsfall vom individuellen Ermessen der Mitarbeiter ab. Klare Vorgaben, fachliche Unterstützung und eine funktionierende Rückfallebene für schwierige Entscheidungen fehlen. Die Sicherheit hängt darüber hinaus von der Wirtschaftlichkeit der Instandhaltungsmaßnahmen ab, statt von aktuellen Kenntnissen über die Materialien und Anforderungen an die verbaute Technik. Dieses Problem spiegelt die Notwendigkeit des Kapitalismus, um jeden Preis Profite zu erzielen.

Tod von Gleisarbeitern

Wenige Tage vor dem Zugunglück in Spanien verstarb ein Gleisarbeiter in Essen. Am 25. Oktober 2026 erfasste ein ICE zwei Arbeiter, während sie im Gleisbereich arbeiteten. Einer der beiden Kollegen starb, der andere wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Der Vorfall setzt damit die Reihe tödlicher Unfälle im Gleisbereich fort. Ein anonymer Lokführer benannte 2024 gegenüber der Tagesschau die Grundlage dafür: Hinter Baumaßnahmen herrsche ein Riesendruck, damit die Züge wieder weiterfahren könnten. Das Makabere daran ist, dass der DB-Vorstand einen Pünktlichkeitsbonus ausgeschüttet bekommt, wenn die festgelegte Pünktlichkeitsrate in dem Jahr erreicht wird.

Auch im Kern dieses Vorfalls geht es um die Profite, die in Form von Boni an den DB-Vorstand ausgezahlt werden. Es liegt nicht im Interesse der Kapitalisten, die Arbeiter bei ihrer Arbeit zu schützen. Sie nehmen den Tod des Arbeiters für ihre Profite in Kauf.

Mit Blick auf die Ereignisse der letzten Jahre, stellt man fest, dass solche Unfälle aus dem Profitzwang innerhalb der kapitalistischen Bedingungen zwangsläufig entstehen. Die Beschäftigten, unsere Klassengeschwister, begeben sich in Lebensgefahr für die Profitinteressen, mitunter müssen sie das am Ende mit ihrem Leben bezahlen. Nicht nur die Beschäftigten begeben sich in Lebensgefahr, sondern auch die Reisenden: Wenn die Instandhaltungsprüfungen der Infrastruktur nicht gewissenhaft, sondern nur so oft wie unbedingt nötig durchgeführt werden. Jedoch wird auch der Abbau der Qualität der Ausbildung gerne als Stellschraube genutzt, um die Profite zu erhöhen.

Was bedeutet es nun also, wenn „menschliches Versagen“ als Grund für die Unglücke angeführt werden? Es bedeutet die Individualisierung des Problems. Der Fokus wird auf den einzelnen Arbeiter gelenkt, der einen Fehler gemacht hat. Es berücksichtigt aber nicht den Zwang der kapitalistischen Produktionsweise, der dahintersteckt. Im Gegenteil, dieses Narrativ vertuscht es nur noch weiter.

Das Zugunglück in Spanien und die zwei Vorfälle in Deutschland zeigen, dass wir uns gegen Kapitalinteressen wehren müssen, um unsere und die Leben unserer Klassengeschwister zu schützen.

Wir werden sie, die ihr Leben im Betrieb gelassen haben, nicht vergessen. Wir dürfen uns nicht von den falschen Erklärungen der Kapitalisten blenden lassen, die Arbeiter als Schuldige für die Unfälle zu bezeichnen. Wir müssen uns in den Gewerkschaften organisieren und den Kampf gegen die führen, die unsere Klassengeschwister für Kapitalinteressen auf dem Gewissen haben. Die Lösung gegen das Sterben von Beschäftigten und Reisenden kann nur der Sozialismus sein. Nur eine Eisenbahn in der Hand der Arbeiterklasse schützt das Leben der Arbeiter und Reisenden gleichermaßen und stellt Sicherheit an erste Stelle.

Verwandt

Aktuell