Kein Platz für Berufseinsteiger

Aktuelles von Max Taube

Täglich müssen Arbeiter in Deutschland feststellen, was es bedeutet, wenn das hiesige Kapital in einer Krise steckt. Ankündigungen wie der Abbau von 100.000 Stellen bei VW, 13.000 bei Bosch und 8.000 bei BMW, ein Großteil davon in Deutschland, zeigen das Ausmaß der aktuellen Wirtschaftskrise. Während direkte Kündigungen auf stärkeren Widerstand und gewerkschaftliche Schutzmaßnahmen stoßen, bieten schleichende Umstrukturierungen für die Unternehmen den Vorteil eines langsamen und graduellen Prozesses, gegen den die Gewerkschaften zumeist eher Verhandlungen als Streiks auffahren. Der aktuell massiv vorangetriebene Stellenabbau bedeutet daher vor allem: Reduzierung der Arbeitszeiten, Auslaufen von Verträgen, Renteneintritte ohne Nachbesetzung der Stelle und die Reduzierung von Stellenausschreibungen und Ausbildungsangeboten.

In nahezu allen Berufsgruppen ist die Anzahl der Jobs für Einsteiger in den Arbeitsmarkt drastisch zurückgegangen, mit Ausnahme der Pflege und des Gastronomiegewerbes. Auszubildenden und Hochschulabsolventen wird der Start in den Arbeitsmarkt also deutlich erschwert, wobei es Stellen im Tech-Sektor besonders hart trifft.

Beispielhaft dafür baut die Deutsche Telekom als größter deutscher Arbeitgeber im Bereich der Telekommunikationstechnik Arbeitsplätze ab, indem sie deutlich weniger Stellenangebote schafft, als durch Renteneintritte in der Belegschaft frei werden. Aus nahezu allen Gesellschaften und Fachbereichen hört man hier dasselbe: Die Quote zur Übernahme oder Neueinstellung von Personal ist merklich gekürzt worden und unzureichend. Es ist also wenig verwunderlich, dass das relevanteste Thema für Auszubildende und duale Studenten bei Veranstaltungen der Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) die fehlenden Übernahmemöglichkeiten in die Berufstätigkeit innerhalb des Unternehmens sind.

Die sinkenden Quoten sind aber kein spezifisches Phänomen der Deutschen Telekom, sondern betreffen die Gesamtheit des Arbeitsmarktes. Im Ausbildungsjahr 2025 sank die Übernahmequote laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) um vier Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr auf 75 Prozent, wobei die Informations- und Kommunikationsbranche mit 66 Prozent die drittniedrigste Übernahmequote, nach Land- und Forstwirtschaft mit 44 Prozent und „personennahe Dienstleistungen“ mit 52 Prozent, aufweist. Im Fazit des Kurzberichts des IAB verbinden die Forscher den Abbau von Ausbildungsplätzen mit der wirtschaftlichen Lage von Unternehmen. Konzerne mit unsicheren oder negativen Geschäftserwartungen agieren demnach zurückhaltender auf dem Ausbildungsmarkt. Betrachtet man dieses Verhalten im Kontext der aktuell schlechten Lage der deutschen Wirtschaft, wird deutlich: Der Rückgang der Ausbildungsplätze ist auf die andauernde Flaute der deutschen Wirtschaft zurückzuführen.

Das erste Opfer

Den Abwärtstrend des deutschen Imperialismus bekommen auch Berufseinsteiger deutlich zu spüren. Laut der Ökonomin Virginia Sondergeld sind sie sogar „das erste Opfer der schwachen Konjunktur“. Seit 2022 sind die Stellenangebote für Berufseinsteiger in Deutschland um zwei Drittel gesunken. Laut Sondergeld ist der Grund für diese Entwicklung, dass es für Unternehmen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten die risikoärmere Option ist, junges Personal zu relativ niedrigen Löhnen unternehmensspezifisch zu qualifizieren statt Hochschulabsolventen zu höheren Gehältern einzustellen.

Auch wenn die Lage der Stellenausschreibungen für Berufsausbildungen weniger dramatisch ist, sind hier die Angebote im Vergleich zu 2025 immerhin um sieben Prozent gesunken. Die Forscher des IAB-Kurzberichts zum Ausbildungsmarkt verbreiten wenig Zuversicht auf einen sich stabilisierenden Ausbildungsmarkt, im Gegenteil. Seit dem Angriffskrieg der USA auf den Iran ist mit weiteren Preissteigerungen für Öl auf dem globalen Markt zu rechnen. Das wiederum dürfte für die Unternehmen zu steigenden Betriebskosten führen, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, aber auch im Bereich Transport. Die Autoren des Kurzberichtes befürchten also nicht grundlos, „dass das Ausbildungsplatzangebot 2026 weiter sinkt und die Zahl der in diesem Jahr neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sogar unter den Tiefststand von 2020 fallen könnte“.

Unter den Ausbildungsbereichen mit dem größten Verlust an Stellenangeboten befindet sich vor allem das verarbeitende Gewerbe, welches durch den Preiskampf vorwiegend mit der chinesischen Industrie besonders unter Druck steht. Erkennbar ist auch ein Stellenabbau in der Informationsbranche, welcher durch einen zusätzlichen Faktor vorangetrieben wird: künstliche Intelligenz (KI).

Einstiegsstellen gehen zurück

Was in einer funktionierenden Gesellschaft zu einer Steigerung von Lebensqualität führen würde, stellt in der kapitalistischen Produktionsweise eine Existenzgefährdung für viele Arbeiter dar. Large Language Models (LLMs, eine Form der KI) ersetzen bereits jetzt einen Teil der Stellen, welche vor allem Berufseinsteigern die Möglichkeit bieten, erste praktische Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt zu sammeln. Im Rahmen einer Umfrage des Kienbaum Instituts gaben 35 Prozent der befragten Personalverantwortlichen an, aufgrund der Einsatzmöglichkeiten von KI bis 2030 weniger Einstiegsstellen anzubieten als bisher, was eine weitere Verschärfung vor allem für Akademiker bedeutet.

Seit 2022 hat sich, unter anderem aufgrund des vermehrten Einsatzes von LLMs, die Zahl arbeitsloser Akademiker fast verdoppelt und wird sich durch den Stellenabbau wahrscheinlich noch weiter erhöhen. Fehlende Berufseinstiege führen langfristig nicht nur zur Arbeitslosigkeit Tausender ausgebildeter Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern auch zu einem Mangel an geschultem Fachpersonal in den Betrieben.

Der Jobgarant: Sozialismus

Diese Entwicklungen zeigen einmal mehr, wie widersinnig das kapitalistische System mit unseren Ressourcen umgeht. In der Krise treten die Widersprüche dieses Systems umso klarer hervor. In seiner Kurzsichtigkeit und Profitlogik betrachtet das Kapital Ausbildungsplätze und Bildungsangebote für Jugendliche und Erwachsene in der Wirtschaftskrise als eine der ersten Einsparmöglichkeiten. Selbst innerhalb der Profitlogik ist diese Entscheidung halsbrecherisch und wird die wirtschaftliche Lage in der Zukunft verschlimmern.

Innovationen wie die Nutzung von KI für repetitive Aufgaben führen im Kapitalismus nicht zu einer Verringerung der Arbeitszeit oder Verbesserung der Arbeitsqualität, sondern zu Kündigungen und Umweltzerstörung. Wenn Fortschritt und Produktivitätssteigerung, wie die Vereinfachung von Produktionsschritten, nicht mehr nur die Arbeitsschritte obsolet machen, sondern gleich die gesamte Existenzgrundlage des Arbeiters, stehen Innovation und Lebensqualität des Proletariats in direktem Widerspruch zueinander.

Die Sicherung der Lebensgrundlagen kann in einer kapitalistischen Wirtschaft nicht gewährleistet werden, denn sie unterliegt den Zwängen der Kapitalakkumulation. Wenn wir eine Perspektive mit sicherer Beschäftigung und Versorgung der Bedürfnisse haben wollen, müssen wir mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung brechen. Nur wenn wir – als organisierte Arbeiter, zusammen mit den jungen Generationen – für die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, für ein Produktionssystem im Sinne und unter der Kontrolle der Mehrheit der Bevölkerung, für den Sozialismus kämpfen, können wir die Widersprüche des derzeitigen Systems aufheben und unsere Existenz auf einer gesicherten Lebensgrundlage aufbauen.

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