Aktuelles von Levin Meyer
Frankreich brennt abermals, was erreicht wird, bleibt bisher unklar
In der Französischen Republik entwickelte sich in den letzten Wochen eine Welle sozialer Unruhen, wie sie seit den „Gelbwesten“-Protesten vor über sechs Jahren so nicht mehr zu sehen war. Im September begann in den Schulen der Pariser Vororte eine Protestbewegung einer breiten Masse an Schülern und auch Lehrern, die Verbesserungen der Unterrichtsbedingungen forderte. Konkret leidet die Jugend unter Lehrermangel, übervollen Klassenzimmern und maroden Schulgebäuden.
Auch in den kolonialen Überseegebieten, die in den letzten Jahren – wie beim monatelangen Aufbegehren in Neukaledonien im Jahr 2024 – eine zunehmende Unzufriedenheit mit ihrer Zugehörigkeit zu Frankreich zeigten, kam es zu Schulprotesten, so zum Beispiel in Französisch-Guayana. Der französische Premier Lecornu versprach einerseits den Schülern, ihre Beschwerden zu hören, legte andererseits Anfang Oktober einen radikalen Kürzungshaushalt für das Jahr 2027 in der Nationalversammlung vor. Insgesamt ist eine Haushaltskürzung um rund 54 Milliarden Euro gegenüber den zuvor prognostizierten Ausgabenplänen angestrebt. Allein bei den Renten werden Einsparungen in Höhe von etwa 5,5 Milliarden Euro erwartet; zudem sind weitere Kürzungen im Gesundheitswesen geplant.
Die anfänglich reine Schülerbewegung, welche primär auf Blockade ihrer Schulen setzte, weitete sich zu einer Bewegung immer größer werdender Teile der Arbeiterklasse aus. Am 17. Oktober gingen dann rund 500.000 Menschen im ganzen Land auf die Straße.
Die Staats- und Konzernmedien Europas berichten in den letzten Tagen erzürnt über die Inbrandsetzung des historischen Rathauses in Limoges. Das sei eine ungekannte barbarische Schandtat und delegitimiere die Bewegung. Sie versuchen, die Jugendlichen als Randalierer und Verbrecher zu brandmarken, um die tatsächlich viel größere, vor allem gegen Minderjährige gerichtete Gewalt der militarisierten Polizei und Gendarmerie zu rechtfertigen.
Seit Beginn der Schulproteste Mitte September wurden insgesamt 6.773 Minderjährige in Polizeigewahrsam genommen. Mit für die Terrorismusbekämpfung eingeführten Gummigeschoss-Werfern und Granaten gehen die Einsatzkräfte auf Schüler los: So kam es in den letzten Wochen bereits zu mehreren Verstümmelungen. Ein Schüler in Tours hat ein Auge verloren. In Saint-Étienne verlor ein anderer während der großen Demonstration am 17. Oktober durch eine explodierende Polizeigranate eine Hand. Einem 14-Jährigen in Saint-Ouen-l’Aumône wurde der Kiefer gebrochen – er verlor seine unteren Zähne und brach sich alle oberen Zähne, nachdem er von einem Polizeigranatwerfer getroffen worden war. Im Großraum Paris ist die Polizei seit Beginn der Proteste für mindestens zwei Todesfälle verantwortlich. Premierminister Lecornu und Innenminister Nuñez kündigten währenddessen verschärfte Maßnahmen an; in mehreren Städten wurden nächtliche Ausgangssperren und Demonstrationsverbote verhängt. Die Gewerkschaften riefen einen Generalstreik für den 5. November 2026 aus und fordern im Zuge dessen die Anhebung des Mindestlohns sowie einen Stopp des harten Sparkurses Macrons. In Vorbereitung darauf beginnt der Staat die Mobilisierung von 70.000 Polizisten und Gendarmen; auch Drohnen sowie „eine große Zahl von Hubschraubern“ sollen zum Einsatz kommen.
Der unbeliebte Staatspräsident Macron, der über keinen nennenswerten parlamentarischen Rückhalt verfügt, verkündete im Staatsfernsehen, dass die volle Härte des Gesetzes gegen diejenigen angewendet werde, die Eigentum beschädigt oder an Ausschreitungen teilgenommen hatten. Die französische Rechte verweist auf ausländische Flaggen, wie etwa die Palästinas, die gelegentlich unter den Demonstranten zu sehen sind, um damit den angeblich fremdländischen und linksradikalen Charakter der Proteste zu beweisen. So behauptete die Präsidentschaftskandidatin von Rassemblement National (RN) Le Pen am 18. Oktober in einer auf Social Media verbreiteten Ansprache an ihre Wähler, Macron erleide einen völligen Kontrollverlust, sie stehe wiederum für Autorität und Sicherheit. Sowohl Macron wie auch Le Pen sehen in der politischen Linken einen Hauptschuldigen für die Protestwelle. Im Raum steht momentan auch die Anschuldigung, dass Innenminister Nuñez staatliche Stellen zur Erstellung inkorrekter oder politisch gefärbter Lageberichte gedrängt habe – Lageberichte, auf welche sich die großen Medien unkritisch stützen.
Anders als der in Umfragen punktende RN kann sich die Sozialdemokratie, darunter insbesondere die sich als radikal und oppositionell darstellende La France insoumise (LFI), die von Jean-Luc Mélenchon angeführt wird, als Alliierter und Interessenvertreter der Demonstranten und Schüler präsentieren. Die gegenwärtigen Ereignisse werden medial vor allem vor dem Hintergrund der in einigen Monaten stattfindenden Präsidentschaftswahlen verhandelt. So ist jetzt bereits klar, dass die Kandidaten der „Zentrumsparteien“ rund um den bisherige Amtsinhaber Macron keine großen Chancen haben werden.
Recht wahrscheinlich ist, dass es, auch wenn es weitere Kandidaten gibt, spätestens im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl zu einem Wettrennen zwischen dem sozialdemokratischen Wahlbündnis Nouveau Front populaire (NFP) unter Führung Mélenchons und dem RN mit Le Pen kommt. Sollte die Sozialdemokratie mit dem sich Sozialist nennenden Spitzenkandidaten Mélenchon den nächsten Präsidenten der Republik stellen, so wird dieser gemäß dem Klassencharakter seiner Partei sowie des Staates, den er leitet, den Kapitalismus verwalten und weiter die arbeitende Klasse von Kämpfen abhalten. Vor allem aber wird er, wie bereits jetzt schon mit seinem Versprechen, eine neue Republik auszurufen, unter den Massen Illusionen in die Reformierbarkeit des Systems schaffen.
Italien: Jugendproteste im Norden, Straßenblockaden im Süden
Seit dem 16. Oktober demonstrieren im Norden des Landes Zehntausende. Jugendliche gingen in Großstädten wie Rom, Mailand, Turin und Bologna auf die Straße. Auch hier geht es wie im Nachbarland um den miserablen Zustand des kaputtgesparten Bildungssystems. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt Italien nur 4,0 % für Bildung aus. Im EU-Vergleich liegt Italien damit auf dem drittletzten Platz. Im krassen Gegensatz zum stagnierenden Bildungsetat verzeichnet der Kriegsetat einen historischen Wachstumskurs. Im graduell verarmenden Land weiteten sich am darauffolgenden Wochenende die Proteste zu allgemeinen Sozialprotesten aus.
Die rechte Premierministerin Meloni reagierte auf die Wut der Bevölkerung mit Gewalt. Am 20. Oktober verabschiedete ihr Kabinett per Dekret ein hartes Sicherheitspaket. Entsendet werden sollen 500 Soldaten nach Mailand, um dort die Polizei zu unterstützen. Des Weiteren zaubert die Regierung ein neues Delikt aus dem Hut, und zwar das der „gewaltsamen Teilnahme an öffentlichen Kundgebungen“. Angeblichen Randalierern drohen künftig bis zu fünf Jahre Haft und Bußgelder von bis zu 20.000 Euro.
Wann immer die Bevölkerung der eigenen Kapitalistenklasse unangenehm wird, müssen doch sicher ausländische Kräfte dahinterstecken. So zumindest denkt sich das die Regierung. Der italienische Verteidigungsminister Crosetto spricht von den Protesten als einem Teil eines hybriden Krieges Russlands gegen die EU.
Der Süden des Landes steht ebenfalls still. Seit Anfang der Woche blockieren Landwirte und Lkw-Fahrer dort unbefristet die Häfen und Hauptverkehrsstraßen. Die Spritpreise sind zu hoch. Angetrieben durch die Nachwirkungen des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran stiegen Ende September die Preise für Diesel auf bis zu 2,42 € pro Liter. Benzin stieg im selben Monat auf 2,10 €, inflationsbereinigt ein Allzeithoch.
Ergebnis der Blockaden und Arbeitsniederlegungen ist auch, dass im Süden Italiens Lebensmittel knapp werden. Das in Kampanien ansässige Pasta-Unternehmen Rummo gab am Dienstag, dem 20. Oktober, bekannt, die Produktion aufgrund der Versorgungslage vorübergehend eingestellt zu haben. Ähnliches gilt für alle anderen großen Pasta-Hersteller in der benachbarten Region Apulien. Für den italienischen Agrarminister Lollobrigida ist klar: Die Proteste der Bauern und Trucker sind von Kriminellen geführt.
Nach Gesprächen mit der Meloni-Regierung im September willigte der italienische Mineralöl- und Energieriese Eni ein, fortan temporär einen freiwilligen Preisdeckel von 2,19 € für Diesel und 1,99 € für Benzin einzuführen. IP, Q8 und Tamoil sowie andere Konkurrenten zogen nach. Dieser Schritt führte aber bisher kaum zu einem Abflauen der Proteste im Süden. Die Spritpreise liegen in Italien weiterhin deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Insbesondere für kleinere Landwirte ist unter diesem Preisdruck keine rentable Produktion möglich. Am Freitag, dem 23. Oktober, gab Eni zudem die Verlängerung des freiwilligen Preisdeckels bis Ende des Jahres bekannt. Wie lange die Konzerne sich auf solche Kompromisse noch einlassen werden, ist unklar. Die künstliche Deckelung kostet allein den Eni-Konzern schätzungsweise 85 bis 100 Millionen Euro pro Monat.
Parallel dazu findet im süditalienischen Tarent ein intensiver Arbeitskampf um das dortige Stahlwerk des Konzerns „Ilva“ statt. Die drohende Schließung würde den Verlust von 20.000 Arbeitsplätzen bedeuten.
Während die Basisgewerkschaft USB einen Generalstreik für den 31. Oktober ausruft, suchte sich die deutlich größere CGIL den 20. November für einen 24-stündigen nationalen Generalstreik aus. Die anderen großen, stärker sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften Italiens riefen bisher nicht zu Streiks auf.
Wohnungskrise in Spanien
Mehr als sieben Jahrzehnte lebte die 87-jährige Maricarmen Abascal in einer Madrider Innenstadtwohnung. Nach einer Reihe von Mieterhöhungen um insgesamt 275 Prozent über wenige Jahre konnte sie ihre Miete nicht mehr bezahlen. Unter Anwendung von Polizeigewalt wurde die im Rollstuhl sitzende Frau am 23. September zwangsgeräumt. Sie hatte seit 2018 mehrfach erfolglos gegen die zahlreichen Mieterhöhungen geklagt.
Die sozialdemokratische Regierung des PSOE-Spitzenpolitikers Sánchez brachte, nachdem dieser Fall zu Massendemonstrationen der arbeitenden Bevölkerung in großen Teilen Spaniens geführt hatte, erfolglos zwei Gesetze zur Erleichterung der Mietlasten im Parlament ein. Premier Sánchez regiert seit 2018 mit einer Minderheitsregierung den spanischen Staat. In derselben Zeit verschlimmerte sich auch die Wohnungskrise. Sánchez entschuldigt sein jahrelanges Nichtstun unter anderem mit Verweis auf die schwierigen parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse. Ganz ehrlich ist diese Ausrede aber nicht, immerhin besaß seine Regierung die notwendigen Mehrheiten, drei Haushaltspläne und ein Wohnungsgesetz zu verabschieden; dennoch bekämpfte sie die Macht der Vermieter nicht im Geringsten. Auch die Beteiligung verschiedener sich sozialistisch und sogar kommunistisch nennender Parteien an seiner Regierung änderte nichts daran.
Premier Sánchez sieht sich einer stärker werdenden politischen Rechten gegenüber. Es sind Neuwahlen für den 29. November angekündigt. In den Medien wird das Wahlspektakel, kaum war die aus ihrer Wohnung geworfene 87-jährige Maricarmen Abascal am 7. Oktober an Erschöpfung verstorben, bereits wieder vollumfänglich losgetreten. Es gründete sich im Dunstkreis der ehemaligen Regierungspartner Sánchez‘ bereits das neue Wahlbündnis Frente Amplio (Breite Front). Mitglied ist auch die durch und durch reformistische und antikommunistische „Kommunistische“ Partei Spaniens, die bereits zuvor Minister stellte, den Militarismus und Sozialabbau der Sánchez-Regierungen also mitzuverantworten hat.
Die Gewerkschaften planen einen Generalstreik für den 11. November. Die bürgerlichen Parteien, unter ihnen gerade diejenigen die sich links nennenden, wollen diesen nur zur Wahlwerbung für die eigene Partei ausnutzen. Der Umstand, dass der Streik ohne ausreichende Vorbereitung und Organisation an den Arbeitsplätzen von oben ausgerufen wurde, verdeutlicht das. Die Kommunistische Partei der Arbeiter Spaniens (PCTE) erklärt, der Streik müsse stattdessen dazu dienen, die eigenständige Organisation der Arbeiterklasse zu stärken und den Kampf für konkrete Forderungen voranzubringen. Deswegen ruft sie die gesamte Arbeiterklasse dazu auf, sich aktiv an der Vorbereitung und Durchführung des Generalstreiks zu beteiligen, im Wissen darum, dass die konkreten Forderungen weder allein durch den einmaligen Streik noch durch die Wahl einer anderen Regierung erfüllt werden können.
Auf dem Wahlzettel wird für die vorgezogenen Parlamentswahlen mit der PCTE auch die Kampfpartei der Arbeiterklasse in Spanien stehen. Die PCTE lehnt jegliche Beteiligung der Arbeiterbewegung an sozialdemokratischen Regierungsprojekten grundsätzlich ab. Sie verweist darauf, dass Beteiligung an Regierungen im Kapitalismus immer Unterordnung der Arbeiterklasse unter den Willen der herrschenden, kapitalistischen Klasse bedeutet, egal welche Farbe die Regierungspartei trägt. Die PCTE will nicht einfach nur Sitze im Parlament erhalten, sie will die Wahlen nutzen, um im Rahmen dieses politisch besonders aufgeladenen Moments ihre Positionen zu verbreiten. Sie kämpft gleichermaßen gegen alle Erscheinungsformen der kapitalistischen Herrschaft, gegen PSOE und Frente Amplio ebenso wie gegen VOX und Partido Popolar (PP).
Wiedererwachen der Arbeiterbewegung in Portugal: Iberischer Generalstreik?
Von 2015 bis 2024 regierte die Sozialdemokratie mit Antonio Costa an der Spitze in Portugal. Er brach mit dem strikten Sparkurs der EU und wusste, wie er die führungslose Arbeiterklasse um den Finger zu wickeln hatte. Er führte neue Feiertage ein, schaffte es, den Tourismus, von welchem gerade kleine Ladenbesitzer und Straßenverkäufer abhängig sind, anzukurbeln, und es gelang ihm sogar, historische Haushaltsüberschüsse zu verzeichnen. Um ausländisches Kapital anzulocken, setzte Costa auf Programme wie die „Goldenen Visa“, ein Programm, durch welches schwerreiche Investoren Aufenthaltstitel sowie Steuererleichterungen gegen Immobilienkäufe erhielten. Die großflächige Ansiedlung dieser Wohnungspekulanten im Land hatte eine Wohnungskrise zur Folge. Im Jahr 2022 verdienten mehr als 50 % der Arbeiter weniger als 1.000 Euro pro Monat, während allein in Lissabon die Mieten im selben Jahr um 37 % gestiegen sind.
In seiner Regierungszeit konnte Costa auch noch ausgerechnet auf die Unterstützung des linksreformistischen „Bloco de Esquerda“ und der „kommunistischen“ Partei Portugals zählen. Die Arbeiterklasse Portugals gab den Revisionisten und Opportunisten in der „kommunistischen“ Partei in den folgenden Wahlen die gerechte Quittung. In der Parlamentswahl 2022 halbierte sich die Fraktion; der direkte Bündnispartner, die Ökologische Partei „Die Grünen“ (PEV), flog komplett aus dem Parlament. 2024 folgte eine weitere Niederlage, und 2025 fuhr die Partei das schlechteste Ergebnis ihrer gesamten Geschichte ein.
Auf den Niedergang der „kommunistischen“ Partei sowie der klassischen Sozialdemokratie bei den Wahlen 2024 folgte ein gewaltiger Angriff der neuen konservativen Regierung in Gestalt eines Gesetzespakets zur Arbeitsmarktreform. Unter dem Vorwand, den Arbeitsmarkt zu modernisieren, was auch immer das bedeuten mag, sah die Reform die Einführung einer 50-Stunden-Woche ohne Überstundenzuschläge vor. Auch Entlassungsverfahren, insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen, sollten unkomplizierter stattfinden können, befristete Arbeitsverhältnisse zudem einfacher möglich gemacht und das Streikrecht eingeschränkt werden.
Im Dezember 2025 kam es in Portugal zum ersten Generalstreik seit über 12 Jahren. Damit war ein erster Schritt getan, die Lethargie der Arbeiterklasse zu brechen. Der zweite folgte wenige Monate darauf, im Juni dieses Jahres. Die Arbeiterklasse schaffte es vorerst, das Arbeitsrechts-Reformpaket zu verhindern. Vor diesem Hintergrund ist das jetzige langsame Wiedererwachen der Arbeiterbewegung in Portugal zu betrachten. Im Oktober gingen rund 350.000 Angestellte im Gesundheits- und Bildungswesen in den Streik. Auch im Verkehrswesen kommt es zu vermehrten Streiks.
Die Unzufriedenheit hat mittlerweile eine neue Dimension angenommen. Da das arbeitende Volk Spaniens vor vielen derselben konkreten Probleme wie das Portugals steht, gibt es zwischen den größten Gewerkschaften Portugals und Spaniens Gespräche für einen gemeinsamen „iberischen“ Generalstreik für den 11. November 2026.
Griechenland und Albanien: Proteste auf den Straßen und Rangeleien im Parlament
Unter der Losung „From Greece to France, we’re fighting for public and free education“ zogen am 21. Oktober gut 10.000 Schüler, Studenten, Lehrkräfte und Eltern in Athen auf die Straße. Der Verband der Grundschullehrer rief zu einem 24-stündigen Streik auf. Konkrete Forderungen waren mehr Investitionen in das Bildungssystem, kleinere Klassen sowie die Besetzung tausender offener Lehrerstellen mit Festanstellungen. Gerade Studenten und andere junge Menschen leiden zudem unter den stark gestiegenen Mietpreisen in den Großstädten.
Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) und die Gewerkschaftsfront PAME betonen, dass die Medien und bürgerlichen Parteien, vorrangig die konservative Regierungspartei „Nea Dimokratia“, zwar versuchten, die gerechten Proteste zu verunglimpfen, ihnen das aber nicht gelungen ist.
Seit Anfang des Monats kommt es auch im nördlichen Nachbarland Albanien zu heftigen Massenprotesten. Zehntausende Demonstranten fordern den Rücktritt des sozialdemokratischen Premierministers Edi Rama. Diese jüngste Welle der Proteste wird vor allem von der Jugend getragen. Während Premier Rama abwechselnd mal Russland, mal „die Antifa“ beschuldigt, die Proteste verursacht zu haben, wachsen diese nur weiter.
Genauer betrachtet sind Teile der Bevölkerung Albaniens bereits seit Juni dieses Jahres auf der Straße. Ursprünglicher Auslöser war der Verkauf der Insel Sazan sowie anderer geschützter Küstengebiete an eine von Jared Kushner, dem Schwiegersohn Donald Trumps, geführte Investmentfirma. Bekannt wurde der Kauf des Naturschutzgebietes, als Kushners Ehefrau Ivanka Trump in einem Podcast unbeschwert darüber sprach, dass die Insel von nun an ihre „private island“ sei.
Während die Proteste auf den Straßen aufgrund der Brutalität der Polizei gewalttätiger werden, verzweifeln die Kapitalistenvertreter im Parlament des Landes immer mehr. Am Freitag brach unter den Parlamentariern eine lautstarke Schlägerei aus, als die Regierungspartei sich weigerte, die Proteste überhaupt zum Thema auf der Tagesordnung des Parlaments zu machen. Die größte parlamentarische Oppositionskraft, die Demokratische Partei (PD) unter der Führung des ehemaligen Premierministers Sali Berisha, wird dabei von den meisten Albanern auch nicht als reale Option wahrgenommen.
In Deutschland nichts Neues
Die Kämpfe in den Nachbarländern der BRD schafften es nicht, auf Deutschland überzuschwappen. Zwar formierte sich künstlich eine „GenZregeltdas“-Bewegung. Diese scheint aber bisher nicht von relevanten Massen der Jugend getragen zu sein. Die Initiative betritt die Bühne nicht nur ohne reale organische Basis, sondern auch mit einem inhaltsleeren Namen: Gerade weil sie keine alleinigen Proteste der „Gen Z“ sind, haben die Proteste in den anderen Ländern Europas überhaupt eine gewisse Schlagkraft. Es sind Proteste breiter Teile der Bevölkerung, insbesondere der Arbeiterklasse. Von Klasse möchte der Kreis der Initiatoren aber vermutlich wenig hören. Auf der Website der Initiative lässt sich aus der grundlegenden Erklärung entnehmen, dass „extremistische Gruppen, […] egal aus welcher Richtung“ bei den Protesten keinen Platz hätten. Damit übernimmt die die Initiative ein bürgerliches Narrativ, das das bestehende System als neutral und revolutionäre Positionen als illegitim erklärt. Um das Potenzial von einer Schüler- und Jugendbewegung zu entfalten, muss die zentrale Aufgabe sein, konkrete Forderungen wie beispielsweise die bessere Ausstattung von Schulen mit einer klaren und ehrlichen Infragestellung des jetzigen profitorientierten Systems zu verbinden – und sich so auf zukünftige Kämpfe vorzubereiten.
Europa steht auf, aber wohin wird es gehen?
Unseren Kontinent überzogen diesen Sommer die Folgen der sich zuspitzenden Klimakrise. Hitze, Waldbrände, großflächige Dürren – all das traf besonders die Arbeiterklasse Europas. Dazu kommt die ökonomische Krise zahlreicher europäischer Staaten, die gleichzeitige Militarisierung der EU samt ihren Mitgliedstaaten sowie der Beginn eines harten Sozialkahlschlags bei zeitgleicher Reallohnstagnation und Verteuerungen grundlegender Alltagswaren.
Das Ergebnis dieser Umstände ist gerechte Wut und Empörung arbeitender Menschen. Gefühle, die sich in erhöhte Aktionsbereitschaft übersetzen. Dort wo die daraus entstehenden Bewegungen jedoch ohne entschiedene politische Führung der Kommunisten geführt werden, werden sie im Sande verlaufen und von der Sozialdemokratie eingefangen.
Europas Jugend und die Arbeiterklasse im Allgemeinen erfahren mit jedem Tag der weiteren Militarisierung des Kontinents, mit jedem weiteren Sozialabbau- und Verarmungspaket der jeweiligen Regierungen immer deutlicher, dass ihre Interessen hier keine Rolle spielen. Aufgrund dieser Erfahrung begeben sich manche zur äußersten Rechten, andere zur vermeintlichen Linken. Beide versprechen den arbeitenden Menschen, eine echte Opposition zum Status quo zu sein.
Das teilweise sehr brutale Vorgehen der Repressionsapparate der kapitalistischen Staaten Europas gegen breite Teile der eigenen Bevölkerung, darunter vor allem gegenüber praktisch wehrlosen Minderjährigen, ist ein Ausdruck der gegenwärtigen Unfähigkeit der Kapitalisten, die arbeitenden Menschen weiter zuverlässig integriert zu halten.
Geht die Arbeiterklasse den politischen Kräften des Kapitals, ob Rechte oder Sozialdemokratie, auf den Leim, wird sie sich nicht retten können. Ihre Proteste würden ins Leere laufen. Ferner würden die Arbeiter sich abermals dem Kapital nutzbar machen, würden sie sich für das vermeintlich kleinere Übel entscheiden. Organisieren wir uns aber unabhängig von Staat und Kapital an unseren Betrieben, Universitäten und Schulen, wird die momentane Protestwelle nicht im Nichts verlaufen. Ihr Ergebnis wäre eine ungemeine Stärkung des Klassenbewusstseins in großen Teilen der Bevölkerung eines ganzen Kontinents.


