Mangelernährung in Deutschland – eine Klassenfrage

Aktuelles von Louis Weber

Steigende Lebensmittelpreise und sinkende reale Einkommen führen zunehmend dazu, dass Haushalte in Deutschland Mahlzeiten auslassen oder ihren Lebensmitteleinkauf stark einschränken. In aktuellen Berichten ist davon die Rede, dass drei Millionen Familien in Deutschland Mahlzeiten auslassen, um Geld zu sparen, rund 4,5 Millionen Familien haben ihren Konsum bei bestimmten Lebensmitteln reduziert.

Im März beschloss der Bundestag, dass Patienten in Krankenhäusern zukünftig auf Mangelernährung getestet werden sollen. Mangelernährung bedeutet, dass Betroffene zu wenig Energie, Eiweiße, Vitamine oder Mineralstoffe aufnehmen. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt. Mangelernährung ist auch in Industrieländern wie Deutschland keineswegs überwunden und betrifft insbesondere Teile der Arbeiterklasse.

Krankenhäuser: Mangel als Normalzustand

In Kliniken sind zwei Drittel der älteren Patienten mangelernährt, während der Anteil bei älteren Menschen, die zu Hause leben, nur fünf Prozent beträgt. Mangelernährung, die oft mit Einsamkeit, mangelnder Mobilität und Medikamenteneinnahme zusammenhängt, hat vor allem bei älteren Patienten einen großen Einfluss auf die Genesung von Krankheiten. Ältere Menschen essen tendenziell weniger, weil der Energiebedarf mit dem Alter sinkt. Da der Bedarf an Eiweißen, Vitaminen und Mineralstoffen aber gleichbleibt oder sogar steigt, kann es zu einem Defizit kommen. Auch Medikamente sowie ein nachlassender Riech- und Geschmackssinn können durch einen reduzierten Appetit zu einem solchen Defizit beitragen.

Mangelernährte Patienten leiden an einer verlangsamten Wundheilung, einem geschwächten Immunsystem und Muskelabbau, was die Genesung behindert. Eine Mangelversorgung des Gehirns kann zu Verwirrtheit und Konzentrationsstörungen führen. Eine Schweizer Studie legt nahe, dass Patienten, deren Ernährung an ihren Bedarf angepasst wird, ein geringeres Sterberisiko haben. Die Krankenhausverpflegung stellt daher ein Problem dar, da viele Mahlzeiten zu wenige Nährstoffe enthalten.

Ernährung als soziale Frage

Mangelernährung betrifft aber nicht nur ältere Menschen. In Deutschland konnte sich bereits im Jahr 2022 mehr als jeder Zehnte nicht wenigstens jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder einem vegetarischen Äquivalent leisten, im vergangenen Jahr waren es 13 Prozent der Bevölkerung. Vor allem bei Kindern tritt das Problem auf, dass ihre Ernährung einerseits zu wenig Nährstoffe liefert, gleichzeitig aber zu viele Kalorien enthält. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Lebensmittel wie Obst und Gemüse sind deutlich teurer als nährstoffarme, aber kalorienreiche Produkte wie Toastbrot, Fastfood oder Süßigkeiten.

Auch das oftmals teure und qualitativ minderwertige Essen in Kitas oder Schulen schafft keine Abhilfe. In der Folge leiden Arbeiterkinder vermehrt unter Fettleibigkeit und gleichzeitig unter Entwicklungsstörungen und einem geschwächten Immunsystem. Insbesondere für Kleinkinder ist dies hochproblematisch, da die Ernährung in den ersten drei Lebensjahren sich entscheidend auf die körperliche und kognitive Entwicklung auswirkt.

Die Nahrungsversorgung der Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland ist auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schlecht. Nur in Rumänien, Bulgarien, der Slowakei und Ungarn können sich prozentual weniger Menschen eine Mahlzeit mit Fisch, Fleisch oder einem vegetarischen Äquivalent leisten. Länder wie Griechenland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen können ihre Bevölkerung besser versorgen. Darin sieht die herrschende Klasse offensichtlich kein großes Problem. Entsprechend mager ist die Forschungslage: Bis 2025 gab es kaum Forschung zum Thema „Ernährungsarmut“. Erst seit letztem Jahr fördert das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) eine Studie, die bis 2028 laufen soll.

Politische Sprengkraft

Dass es auch anders geht, zeigte die DDR: Während sich in der BRD beträchtliche Teile der Arbeiterklasse immer häufiger keine ausreichenden Lebensmittel mehr leisten können, konnte dort die Versorgung des Volkes durch die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln sichergestellt werden. Dabei waren insbesondere nährstoffreiche Lebensmittel günstig, während die Kosten dafür gemessen am Lohn gering blieben. Im Gegensatz zur BRD gab es in der gesamten DDR staatlich gesichertes, qualitativ hochwertiges und kostengünstiges Essen in Kitas und Schulen.

Das Problem des „unsichtbaren“ Hungers in Deutschland bleibt weitgehend unbeachtet. Angesichts der wachsenden Konkurrenz im imperialistischen Weltsystem und der sich verschärfenden Lebensbedingungen der Arbeiterklasse ist davon auszugehen, dass auch die Ernährungsarmut zunehmen wird. Verbraucherschützer warnten bereits im Januar vor der „politischen Sprengkraft“, die das Thema birgt. Ernährungsarmut ist kein individuelles Problem, sondern Ausdruck der Klassenverhältnisse in der Bundesrepublik und Folge einer Produktions- und Verteilungsweise, die Bedürfnisse dem Profitprinzip unterordnet.

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