U-Boot-Deal mit Kanada: Ein strategisches Projekt des deutschen Imperialismus

Aktuelles von Robert Förster und Bob Oskar

In einem vom deutschen Staat vermittelten Deal konnte der deutsche Schiffsbau-Rüstungskonzern ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) das „Canadian Patrol Submarine Project“ (CPSP) mit einem Volumen von umgerechnet 37 Milliarden Euro für sich gewinnen. Über die nächsten Jahre soll die Tochter der ThyssenKrupp AG bis zu zwölf U-Boote der von Deutschland und Norwegen gemeinsam entwickelten 212-CD-Klasse für die kanadische Marine bauen, über die nächsten Jahrzehnte instand halten und weiterentwickeln. Dem deutschen Imperialismus geht es hier um mehr als Profite bei TKMS – er will das Bündnis mit Kanada stärken und die strategisch wichtige Rüstungsproduktion ausbauen.

TKMS – ein Shootingstar des deutschen Kapitals

TKMS ist eine Art aufgehender Stern am Himmel des deutschen Kapitals, welches sich in einer strukturellen wirtschaftlichen Krise befindet und gegen seinen Abstieg ankämpft. Der auf U-Boot-Technologie spezialisierte Rüstungskonzern ging 2005 unter anderem aus der Hamburger Werft Blohm + Voss hervor und wurde im Oktober 2025 als eigenständige Aktiengesellschaft an die Börse gebracht, wobei 51 % der Anteile beim ehemaligen Mutterkonzern ThyssenKrupp AG verblieben. Weitere 10 % gehören einer Stiftung, die von einem Nazi und Mitglied des Rüstungsrats im deutschen Faschismus gegründet wurde: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach. Die Stiftung trägt noch immer seinen Namen – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Der Konzern, der sich selbst vollmundig als „maritimes Powerhouse“ bezeichnet, kann sich über volle Auftragsbücher bis in die 2040er Jahre freuen: So baut er nicht nur die vier Fregatten des Typs MEKO A-200 Deu und die sechs neuen U-Boote der 212-CD-Klasse für die Deutsche Marine, was eine Verdopplung und Modernisierung der deutschen U-Bootflotte darstellt, sondern auch weitere vier 212-CD U-Boote für das norwegische Militär. Zudem wird wohl bald das dritte und damit letzte U-Boot der Dolphin-2-Klasse an Israel ausgeliefert, das seit einem Jahr in der Kieler Förde erprobt wird und für welches nun eine Ausfuhrgenehmigung erteilt wurde. Darüber hinaus steht bereits der Bau von drei neuen U-Booten der Dakar-Klasse mit einem Gesamtvolumen von 3 Milliarden Euro für Israel in den Startlöchern. Der Deal mit Kanada ist nun ein weiterer und der wohl bislang größte Erfolg.

Begünstigt wurde dieser Aufstieg zum Teil durch die jahrzehntelange Krise der deutschen Werftbranche, die mit der Konkurrenz aus Asien, insbesondere China und Südkorea, nicht mehr mithalten konnte. Als 2022 die MV Werften Insolvenz anmeldeten, wurden zwei der Hauptstandorte direkt militarisiert: Der Standort Rostock-Warnemünde wurde von der Bundeswehr zu einem Marinearsenal umfunktioniert, der Standort Wismar wurde von TKMS übernommen. Seitdem baut TKMS den Standort aus, modernisierte die Anlagen für 200 Millionen Euro und kündigte an, die Zahl der Beschäftigten von aktuell ca. 500 bis 2029 auf 1500 zu steigern.

Der Staat des Kapitals – die BRD vermittelt und subventioniert

Die Rüstungsexporte und Kooperationen mit den Armeen anderer Nationalstaaten wären schwerlich ohne die Mitwirkung des deutschen Staates zustande gekommen. Dieser tut deutlich mehr, als lediglich die notwendige Genehmigung für solche Exporte von Rüstungsgütern zu erteilen.

Erstens fungierten deutsche Spitzenpolitiker wie Kriegsminister Pistorius und Finanzminister Klingbeil als Lobbyisten für das Geschäft. Pistorius reiste gleich zwei Mal nach Kanada: Im Oktober 2025 traf er sich mit seinen Kollegen aus Kanada und Norwegen, um – so sein Ministerium – „die militärische Kooperation zu intensivieren“. Im Mai 2026 besuchte er die kanadische Sicherheitsmesse CANSEC, an der auch TKMS teilnahm, und machte ungewöhnlich offen Werbung dafür, dass der U-Boot-Deal ein „einzigartiges Geschäft“ sei.

Zweitens subventioniert die Bundesrepublik direkt die Exporte und den Aufstieg von TKMS aus der Staatskasse. So trug Deutschland für die israelischen Schiffe der Dolphin-1-Klasse 85 % der Kosten, bei der Dolphin-2-Klasse immerhin 30 %, bei den vier Korvetten der Sa’ar-6-Klasse ebenfalls etwa ein Drittel und bei den U-Booten der Dakar-Klasse voraussichtlich ein Sechstel.

Dabei geht es dem deutschen Staat um mehr als nur die Branchen der deutschen Industrie zu unterstützen, die heutzutage noch die gewünschten Margen an Profite abwerfen.

Einerseits ist es ein Vorteil für Deutschland, das sich wie seine Verbündeten und Rivalen auf einen imperialistischen Großkrieg vorbereitet, eine eigene, große, erprobte und fähige Rüstungsindustrie zu haben. Das gilt vor allem für die hochspezialisierte Produktion von Seekriegswaffen und vor allem für U-Boote und die damit verbundenen Technologien. Es bleibt dadurch unabhängiger von potenziellen Rivalen und kann sichergehen, dass die eigene Kriegstechnologie auf der Höhe der Zeit bleibt. Der gemeinsame Bau, die folgende Weiterentwicklung sowie die fortwährende Wartung der Boote führen zwangsweise auch zu einem Erfahrungs- und Technologietransfer. Deutschland dürfte anstreben, TKMS zu einem Marktführer für den Bau und die Entwicklung konventioneller U-Boote[1] innerhalb der NATO und deren Umfeld aufzubauen.

Andererseits vertieft Berlin seine militärische Kooperation mit den Importstaaten und verankert sich stärker in den betroffenen Regionen, was wiederum dabei hilft, ökonomische Interessen durchzusetzen. So möchte Deutschland etwa mit der massiven Subventionierung Israel als Bollwerk zur Wahrung der gemeinsamen Interessen in Vorderasien unterstützen. Kanada und Norwegen wiederum sind NATO-Partner, die beide in der arktischen Region aktiv sind und dort potenziell auch dem derzeitigen russischen Erzrivalen gegenüberstehen. Bei Kanada geht es zudem um eine transatlantische Partnerschaft, die für Deutschland eine immer bedeutendere Rolle spielt, da das alte Zugpferd der NATO, die USA, aus Sicht des deutschen Imperialismus immer unzuverlässiger zu werden droht. Da die Boote auch von TKMS über die nächsten Jahrzehnte gewartet und weiterentwickelt werden, schafft der Deal eine jahrzehntelange militärische Bindung.

Mittelmacht Kanada

Eben diese militärische Kooperation mit den europäischen Regionalmächten, allen voran Deutschland, ist aber auch im Interesse Kanadas, das Konsequenzen aus den ständigen Drohgebärden seitens der USA zieht. Der kanadische Premierminister Mark Carney schlussfolgerte im Januar 2026 in Davos in einer Art „Unabhängigkeitserklärung“ zur Situation der „Mittelmächte“, dass diese zusammen handeln müssten: „In einer Welt, in der Großmächte miteinander rivalisieren, stehen die Länder dazwischen vor einer Entscheidung: Entweder konkurrieren sie miteinander um Gunst, oder sie schließen sich zusammen, um einen dritten Weg mit Durchschlagskraft zu beschreiten.“ Der flächenmäßig zweitgrößte Staat der Erde hat aber auch eine extrem lange Küste, deren längster nördlicher Teil, entlang der Arktis, der Russischen Föderation gegenüberliegt. Eben diese Überschneidung der geopolitischen Interessen mit Deutschland ist ein entscheidender Grund dafür gewesen, warum Kanada sich nicht für die günstigeren und schneller verfügbaren KSS-III U-Boote aus Südkorea entschied.

Die Reaktion der Gewerkschaften

Von dem IG-Metall-Bezirk Küste oder anderen Gewerkschaften kamen bisher keine Reaktionen auf den Rüstungsdeal. In der Vergangenheit äußerte sich die IG Metall wohlwollend zur lokalen Rüstungsproduktion und unterstützte den Übergang von Beschäftigten der Meyer Werft und der insolventen MV Werften zu TKMS – darüber, dass es sich um Rüstungsproduktion handelt, wird geschwiegen. Zuletzt forderte die Gewerkschaft TKMS auf, die „starken Kompetenzen deutscher Ausrüster und Zulieferer“ zu nutzen und andere Firmen wie Rheinmetall in die Produktion der Fregatten Meko-200 einzubinden. Widerstand gegen das größte Aufrüstungsprojekt der Bundesrepublik sieht anders aus.


[1] Neben konventionellen U-Booten gibt es die deutlich kostenintensiveren, aber dafür unabhängigeren, atomar betrieben U-Boote, über die aktuell die USA, China, Russland, Großbritannien, Frankreich und Indien verfügen

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