Profit vor Sicherheit: Tödliche Arbeitsunfälle häufen sich

Aktuelles von Louis Weber

Am 22. Mai kam es gegen 7:30 Uhr im Wurzener Ortsteil Dehnitz zu einem tödlichen Arbeitsunfall, mutmaßlich auf dem Gelände von PQ Corp. Der weltweit agierende Anbieter von Silikaten und Kieselsäuren liegt am Wachtelberg in Dehnitz, wo sich laut Leipziger Volkszeitung (LVZ) der Unfall ereignete – die LVZ benannte das Unternehmen nicht direkt. Ein Muldenkipper beschädigte mit seiner nach oben ragenden Ladefläche beim Ausfahren die Hallenfassade, die daraufhin auf das Führerhaus stürzte. Die Rettungskräfte konnten den verschütteten Arbeiter nicht rechtzeitig bergen. Er verstarb noch am Unfallort. Es ist unklar, ob menschliches Versagen oder ein technischer Defekt der Grund für die hochgestellte Ladefläche war.

Keine Seltenheit

Unfälle bei Chemiekonzernen sind keine Seltenheit. Erst am 15. Mai kam ein Arbeiter in Nürnberg ums Leben, mutmaßlich bei der SiCrystal GmbH – das Portal Nordbayern schreibt von einem Unfall in der Nürnberger Thurn-und-Taxis-Straße, der Bayerische Rundfunk schreibt von einem „Hersteller von Siliziumkarbid-Halbleiterwafern“. Der Arbeiter starb schwerverletzt im Krankenhaus. Bei dem Unfall in einem nordöstlichen Gewerbegebiet Nürnbergs im Stadtteil Schafhof meldete die Polizei zunächst, dass mindestens sieben Personen Verletzungen der Atemwege erlitten hätten. Kurz darauf sprach das Rote Kreuz von 30 Verletzten und 17 Menschen, die zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht wurden. Laut Einsatzkräften handelte es sich um eine „dramatische Lage“: So sollen Ersthelfer bereits beim Eintreffen der Rettungskräfte eine Person reanimiert haben, während eine weitere in Lebensgefahr schwebte.

Laut Feuerwehr gehen Arbeiter in dem Betrieb routinemäßig mit Chemikalien um. Es sei unklar, welche Chemikalie ausgetreten war. Auffällig ist, dass in den bürgerlichen Medien die verantwortliche Firma nicht genannt wurde. Es liegt nahe, dass so verhindert werden soll, dass der Ruf der Firma geschädigt wird. SiCrystal stellt Halbleiterscheiben für Mikrochips her und kündigte 2024 an, die Gesamtproduktionskapazitäten zu verdreifachen. Einem Bericht der Nürnberger Nachrichten vom Februar zufolge stand die Firma aber zuletzt unter Druck, verzögerte einen Neubau und „musste“ beim Personal sparen – möglicherweise ein Faktor, der den Unfall begünstigte, sofern sich dieser bei SiCrystal ereignet haben sollte.

Jährlich Hunderte Arbeiter

Obwohl die Anzahl an tödlichen Arbeitsunfällen seit Jahrzehnten tendenziell rückläufig ist, sind jährlich Hunderte Arbeiter betroffen. Fast 94 Prozent aller Todesopfer sind Männer, da diese häufiger in Berufen mit höheren Unfallgefahren arbeiten. Die höchste Gefahr besteht dabei im Bergbau mit sechs tödlichen Unfällen auf 100.000 Beschäftigte.

Dass es in Deutschland seltener zu tödlichen Arbeitsunfällen kommt als früher, dürfte nur teilweise auf veränderte Arbeitsbedingungen oder verbesserte Arbeitsschutzmaßnahmen zurückzuführen sein. Mittlerweile verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen teilweise auch in Deutschland wieder, wie am Beispiel von Tesla in Grünheide deutlich wird, wo sich schwere Arbeitsunfälle häufen. Tendenziell finden tödliche Unfälle aber in Industriezweigen statt, die ins Ausland verlagert werden. So verlieren zwar weniger deutsche Arbeiter ihr Leben, dafür aber ihre Klassengeschwister im Ausland.

Dass der Arbeitsschutz immer mehr aufgeweicht wird, zeigt auch ein tödlicher Unfall in Hessen, bei dem gleich fünf Arbeiter ihr Leben verloren. So wurden am 16. April fünf Männer aus einer Grube – mutmaßlich der Lederfabrik Beuleke – geborgen. Drei starben direkt an der Unfallstelle, zwei weitere wurden zunächst mit lebensbedrohlichen Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Sie verstarben wenige Tage später. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, da unsicher ist, ob die Männer Atemschutz und Schutzausrüstung trugen, sowie ob Gasmessungen vorgenommen wurden. Eine Schwefelwasserstoff-Vergiftung sei „hauptursächlich“ für den Tod der Männer gewesen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Es ist auch hier bemerkenswert, dass die Frankfurter Rundschau das Unternehmen nicht benennt. Die Lederfabrik Beuleke hat laut Webseite aktuell „wegen Trauerfall geschlossen“.

Unter Druck

Das deutsche Kapital steht zunehmend unter Druck, die Konkurrenz hat sich für viele Unternehmen verschärft. Dies führt nicht nur zu politischen Angriffen wie der Forderung, den Achtstundentag abzuschaffen, sondern auch zu verschärften Ausbeutungsbedingungen und schlechterem Arbeitsschutz. Die beschriebenen Fälle stehen dabei nicht isoliert, sondern verweisen auf wiederkehrende Muster in unterschiedlichen Branchen und Regionen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich weniger die Frage nach Einzelfehlern als nach den strukturellen Bedingungen, unter denen Arbeitssicherheit organisiert wird. Unter diesen Bedingungen ist davon auszugehen, dass künftig wieder mehr Arbeiter ihr Leben bei Arbeitsunfällen verlieren.

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