Israels Lagerplan für Gaza und der taktische Rückzug der Hamas
Aktuelles von Lennart Niemeyer
In den deutschen Nachrichten ist es um Gaza still geworden. Fast könnte man meinen, dort herrsche inzwischen so etwas wie Frieden. Tatsächlich setzt Israel die Entvölkerung Gazas mit neuen Mitteln fort: Es sperrt die Überlebenden eines Genozids in ein immer enger werdendes Freiluftgefängnis. Den Bewohnerinnen und Bewohnern bleiben heute nur noch rund 30 Prozent der Fläche des ehemaligen Gazastreifens als Lebensraum.
Die sogenannten „Friedensverhandlungen“ bilden dabei lediglich die Fassade, hinter der Vertreibung, Landnahme und Genozid täglich weitergehen. Am 6. Juli reagierte die Hamas mit der Auflösung ihrer zivilen Verwaltung in Gaza. Was wie eine Kapitulation klingt, ist tatsächlich die Weigerung, die ihr zugedachte Rolle anzunehmen: die eigene Besatzung zu verwalten. Damit entlarvt die Organisation den von den Herrschenden verkündeten Frieden als tödliche Lüge.
„Gelbe Linie“ und Genozid
Heute hat die israelische Besatzungsmacht zwischen 65 und 70 Prozent des Gazastreifens annektiert und ethnisch gesäubert – Tendenz weiter steigend (NPR, Juli 2026; Al Jazeera, Juli 2026). Im Oktober 2025 vereinbarten die Kolonialmacht Israel und die Hamas eine Waffenruhe, die einen Rückzug der besetzenden israelischen Armee auf eine als „Gelbe Linie“ bezeichnete Demarkationslinie vorsah.
Ursprünglich sollte mit dieser Linie 53 Prozent des Gebiets unter Kontrolle der Besatzungsmacht belassen werden, mit dem Ziel weiterer Rückzugsstufen auf 40 und schließlich 15 Prozent im Rahmen späterer Verhandlungsphasen (BBC; Crisis Group). Sie teilt den Küstenstreifen seither in zwei Bereiche: die direkt besetzte, ethnisch gesäuberte Zone östlich der Linie unter vollständiger israelischer Militärkontrolle und den von der palästinensischen Bevölkerung bewohnten Bereich westlich davon, Richtung Mittelmeer. Aus der östlichen Zone will die Kolonialmacht Israel dauerhafte Militärposten machen.
Genau darin liegt der Kern der fortwährenden kolonialen Gewalt: Statt sich zurückzuziehen, verschiebt Israel die Linie kontinuierlich nach Westen. Nach Angaben der Vereinten Nationen wuchs die von Israel abgedeckte Sperrzone bis Juni 2026 auf 64,9 Prozent des Gazastreifens, von 53 Prozent zu Jahresbeginn. Örtlich rückten die gelben Betonblöcke um mehr als einen Kilometer vor.
Wer sich der Linie nähert, riskiert sein Leben. Soldaten der Besatzungsmacht erschossen den 16-jährigen Zaher Nasser Shamiya im Flüchtlingslager Jabalia, nachdem man ihm zuvor gesagt hatte, in dem betreffenden gelben Sperrblock befänden sich keine israelischen Besatzungstruppen; anschließend überrollte ein Panzer seinen Körper. James Elder, Sprecher des UN-Kinderhilfswerks UNICEF, brachte die Willkür der Gewalt auf den Punkt: „Wer in der Nähe der Linie niest, riskiert erschossen zu werden.“
Statt das Blutvergießen zu beenden, verstieß Israel nach Angaben des Gaza Government Media Office bis April 2026 rund 2.400 Mal gegen die Vereinbarung – durch Luftangriffe, Artilleriebeschuss und direkten Beschuss von Zivilisten. Bis zum 11. Juli tötete die IDF dabei mindestens 1.098 Palästinenserinnen und Palästinenser und verletzte 3.535 weitere. Die Zahlen beruhen auf Daten, in denen die Opfer der andauernden Blockade[1] noch nicht berücksichtigt sind. Diese Zahlen belegen: Der Waffenstillstand hat den Genozid nicht beendet, sondern lediglich seine Form verändert.
Verhandlungen: Der „Peace Plan“ und die Falle von Kairo
Die diplomatische Kulisse für diese Entwicklung liefert der sogenannte „Peace Plan“ der Trump-Regierung vom Oktober 2025. Die erste Phase verpflichtete Israel zur Freilassung palästinensischer Gefangener, zur Einstellung der Angriffe und zum Rückzug der Truppen hinter die Gelbe Linie. Die Kolonisatoren sollten täglich mindestens 600 Lastwagen mit Hilfsgütern sowie 200.000 Zelte und 60.000 mobile Unterkünfte liefern. Die Hamas hielt sich an die Abmachungen; Israel brach praktisch jeden Punkt.
Dieses Muster, also Genozid, gefolgt von Diplomatie, gefolgt von der Fortführung des Genozids, ist ein eingespieltes Instrument der Besatzungsmacht und des Imperialismus insgesamt. Washington und Tel Aviv behaupten dennoch, allein die Weigerung der Hamas, sich zu entwaffnen, blockiere den Fortgang der Gespräche.
Israel verlangt die vollständige Entwaffnung und lehnt jede Rolle der Hamas im Übergangsprozess ab. Die Hamas wiederum bindet die Entwaffnung an einen verbindlichen Prozess zur Gründung eines palästinensischen Staates; die Entwaffnung der kolonialen israelischen Armee stand dagegen nie zur Debatte.
Als Besatzer tritt Israel an der Grenze zu palästinensischem Gebiet mit tödlicher Gewalt auf und verlangt zugleich von den Palästinensern – gemeint ist die Hamas und jegliche Art von Widerstand, die man jedoch implizit mit der gesamten Bevölkerung gleichsetzt –, die Waffen niederzulegen. Eine Entwaffnung liefe auf die vollständige Kapitulation hinaus.
Die zur Umsetzung des Plans geschaffenen Institutionen zementieren, über die Blockade hinaus, die koloniale Herrschaft selbst. Das im Januar 2026 eingesetzte „Board of Peace“ unter dem persönlichen Vorsitz von Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, besitzt weitreichende Alleinentscheidungsrechte und umgeht die klassischen Strukturen der Vereinten Nationen. Zwar hätten auch die Vereinten Nationen in Gaza keine uneingeschränkte Entscheidungsmacht gehabt, doch das „Board of Peace“ bietet aus Sicht der Besatzer einen entscheidenden Vorteil: eine extreme und berechenbare Machtkonzentration in absoluter Gefügigkeit gegenüber dem US-amerikanischen Imperialismus und dessen regionalem Verbündeten Israel.
Ein vierseitiges Resolutionspapier vom Juni 2026, das einem Guardian-Reporterteam zugespielt wurde, offenbart zusätzlich das Ausmaß der institutionellen Immunisierung: Es gewährt sämtlichen Mitgliedern des „Board of Peace“, dem „Office of the High Representative“ (OHR) – dem Verwaltungsableger des Gremiums – sowie der internationalen Militärtruppe und beteiligten Vertragspartnern weitreichenden Schutz vor „jeglicher Festnahme, Inhaftierung oder jeglichen Gerichtsverfahren in Gaza“.
Zudem sollen dem Board, dem OHR und der Truppe kostenlos „öffentliche Grundstücke und Einrichtungen, die für die Erfüllung ihrer Aufgaben in Gaza benötigt werden“, zur Verfügung gestellt werden. Konkret geht es um all jene Flächen und Anlagen, die das Gremium, das OHR und die Truppe für ihre eigene Mission beanspruchen. Eine ausländische Machtstruktur bedient sich am Boden Gazas, während sie sich gleichzeitig rechtlich unangreifbar macht.
Für die operative Verwaltung Gazas bestimmten die Vermittlerstaaten Ägypten, Katar und die Türkei im Januar 2026 das „National Committee for the Administration of Gaza“ (NCAG), ein Gremium aus 15 palästinensischen Technokraten unter dem Vorsitz von Ali Schaath, einem gebürtigen Palästinenser aus Chan Yunis und ehemaligen stellvertretenden Planungsminister der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Das NCAG untersteht dem „Office of the High Representative“ unter Nickolay Mladenov, einem bulgarischen Diplomaten, der wiederum dem von Trump geleiteten „Board of Peace“ Bericht erstattet. Israel untersagt den Mitgliedern des NCAG bis heute die Einreise nach Gaza. Die designierte Übergangsregierung sitzt in Kairo fest, während vor Ort die IDF Fakten schafft.
Zypern und die Logik der Fragmentierung
Die jüngste Gesprächsrunde Ende Juni und Anfang Juli 2026 auf Zypern bestätigte dieses Muster. Vertreter des „Board of Peace“, des „Office of the High Representative“ und des NCAG trafen sich dort, um laut Al Jazeera den Artikel 17 des Trump-Plans umzusetzen. Es ist ein Vorgehen, das Beobachter offen als „Zangenbewegung“ zur Isolierung der Hamas von der palästinensischen Bevölkerung und ihren Ressourcen beschreiben. Das „Board of Peace“ stellte dabei eine „humanitäre Zone“ in Aussicht, in der eine streng überprüfte Bevölkerungsgruppe unter Aufsicht einer „International Stabilization Force“ (ISF) leben soll.
Für die übrigen Gebiete gibt es weder Plan noch Versorgung noch ein Mitspracherecht der palästinensischen Verwaltung. Diese Konstruktion folgt derselben Spaltungslogik, die auch die militärische Vorgehensweise der Kolonialmacht Israels seit jeher prägt: Die Bevölkerung wird in eine kontrollierbare, „kooperative“ Gruppe und eine schutzlose Restbevölkerung zerlegt, um kollektiven Widerstand zu verhindern.
Recherchen von Forensic Architecture, dem Euro-Med Human Rights Monitor und der New York Times haben in den vergangenen Monaten übereinstimmend offengelegt, dass Israel einen Zwei-Zonen-Plan vorbereitet, der Teile des Küstenstreifens in eine biometrisch überwachte, hochtechnisierte Zone mit streng reglementierter Versorgung verwandeln soll. Das von Drop Site News und Forensic Architecture ausgewertete Planungsmaterial des „Civil-Military Coordination Center“, einer US-geführten Koordinierungsstelle, sieht für diese Zonen biometrische Überwachung, Kontrollpunkte, die Überwachung von Einkäufen und „Normalisierungs“-Bildungsprogramme vor.
Die New York Times berichtete parallel über geplante „Alternative Safe Communities“ für jeweils 20.000 bis 25.000 Menschen im israelisch kontrollierten Teil Gazas. Wer in eine solche Zone aufgenommen werden soll, muss der Hamas abschwören und alle politischen Ansprüche aufgeben – nach übereinstimmenden Berichten sogar durch eine schriftliche Erklärung.
Der Euro-Med Human Rights Monitor verglich die entstehende Verdichtung der Bevölkerung bereits mit dem Ausmaß der bosnischen Enklave Srebrenica vor deren Fall 1995 und warnte vor einem „genozidalen Ghetto“. Der Rest des Gebiets bliebe nach diesem Plan ohne Hilfslieferungen, ohne Strom und ohne medizinische Versorgung der langsamen Vernichtung überlassen. Satellitenbilder zeigen bereits die Fundamente solcher Anlagen bei Rafah: dicht gepferchte Fertigbauten, umgeben von Kommunikations- und Überwachungstürmen.
Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Verhandlungen nicht im luftleeren Raum stattfinden, sondern unmittelbar im Anschluss an zwei Jahre genozidaler Gewalt. Menschen, die gerade ihre Familien, ihre Häuser und ihre Existenzgrundlage verloren haben, stehen nun vor einer Erpressung: entweder der Verzicht auf jede Form von Widerstand oder die Fortsetzung der Gewalt. Selbst wer sich dem vermeintlichen Schutz der „humanitären Zone“ unterwirft, erkauft sich damit nie dauerhafte Sicherheit – die Zone verzögert die endgültige Vertreibung und Tötung bestenfalls, verhindert sie aber keineswegs.
Das strategische Ziel „Großisrael“
Diese Beobachtung führt zu einer grundsätzlichen Einordnung: Die sogenannten „Friedensprozesse“ und diplomatischen Verhandlungen um Gaza haben den Charakter eines taktischen Instruments im Dienst strategischer Ziele – also der Schaffung eines „Großisraels“, der Zerschlagung jeglichen palästinensischen Widerstands und der weitestgehenden ethnischen Säuberung des beanspruchten Territoriums, getarnt als „Konfliktmanagement“.
Die wiederkehrende Abfolge aus genozidaler Eskalation, Verhandlungspause und erneuter Eskalation ist die logische Konsequenz eines Projekts, das auf die Auslöschung einer Nation zielt, dabei aber Rücksicht auf die diplomatischen und wirtschaftlichen Zwänge seiner imperialistischen Schutzmacht nehmen muss. Friedensprozess und Genozid lassen sich deshalb nicht als getrennte Phänomene begreifen.
Die Geschichte liefert dafür mehrere Belege. Während der Nakba 1947 bis 1949 vertrieb der neu gegründete, besetzende israelische Staat über 750.000 Palästinenser (mehr als die Hälfte der damaligen Bevölkerung) und zerstörte Hunderte Dörfer. Kaum waren 1949 die Waffenstillstandsabkommen mit den arabischen Staaten unterzeichnet, verweigerte Israel die in der UN-Resolution 194 vorgesehene Rückkehr der Flüchtlinge, enteignete ihr Eigentum per Gesetz (das sogenannte „Absentees‘ Property Law“) und errichtete auf den zerstörten Dörfern jüdische Siedlungen (UNRWA; Palestine Question).
Auch der 1993 begonnene Oslo-Friedensprozess folgt demselben Muster: Während die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) in den Verhandlungen auf bewaffneten Widerstand verzichtete, nutzte Israel die diplomatische Deckung, um sein koloniales Siedlungsprojekt massiv auszuweiten. Gezielte, massenhafte Gewaltakte wie die Bombardierung des libanesischen Ortes Kana 1996 mit rund 100 zivilen Toten unterbrachen die Verhandlungsphase immer wieder (UN).
Auf die Gespräche von Camp David im Jahr 2000 folgte prompt die nächste Eskalationsstufe: die brutale Niederschlagung der Zweiten Intifada ab Herbst 2000 mit mehr als 3.000 palästinensischen Toten, der systematischen Zerstörung der Verwaltungsinfrastruktur und dem Bau der sogenannten Sicherheitsmauer, die weite Teile des Westjordanlands von Israel abtrennt (B’Tselem).
Auflösung der Regierung: Taktischer Rückzug und die Zwei-Zonen-Vision
Dies alles ist der Hintergrund, vor dem die Hamas am 6. Juli die Auflösung ihrer zivilen Verwaltung bekannt gab. Mohammed al-Farra, bisheriger Vorsitzender des „Government Emergency Committee“, erklärte seinen Rücktritt; Ismail al-Thawabta, Generaldirektor des Hamas-Medienbüros, verkündete zugleich die Auflösung des gesamten Gremiums und die Übergabe der Regierungsverantwortung an das NCAG (Reuters; Al Jazeera).
Die Hamas betonte, dass es sich nicht um die Auflösung der Organisation selbst, sondern um die Abgabe der Verwaltungsverantwortung handle; rund 40.000 Beschäftigte, darunter 10.000 Polizeikräfte, sollen im Amt bleiben und künftig dem NCAG unterstehen.
Israels Außenminister Gideon Saar wies diese Klarstellung umgehend zurück und bezeichnete den Schritt als reine Berechnung, um der eigenen Entwaffnung zu entgehen: „Die offensichtliche Bereitschaft der Gruppe, einer technokratischen Regierung ‚Platz zu machen‘, zielt darauf ab, ihre eigene Entwaffnung zu verhindern.“ Solange die Hamas ihre Waffen behält, werde jede zivile Regierung faktisch nach ihren Vorgaben handeln, so Saar.
Der Schritt lässt sich dennoch als Versuch deuten, aus der strategischen Patt-Situation auszubrechen. Statt sich in aussichtslosen Verhandlungen über die Entwaffnung aufzureiben und gleichzeitig die gesamte humanitäre Katastrophe verwalten zu müssen, stößt die Hamas die verwaltungstechnische Last ab.
Sie befreit sich damit von einer Aufgabe, die unter den Bedingungen totaler Blockade und Zerstörung kaum zu erfüllen war, und legt zugleich die Widersprüche des „Friedensprozesses“ schonungslos offen: Das NCAG darf nicht nach Gaza einreisen, die „International Stabilization Force“ existiert bislang nur auf dem Papier, und die designierte Übergangsregierung gilt vielen palästinensischen Beobachtern als technokratisches, nicht gewähltes Gremium der kolonialen Normalisierung.
Darin zeigt sich der eigentliche koloniale Widerspruch: Jede Verwaltung eines kolonial kontrollierten Gebiets verfügt faktisch nur über stark eingeschränkte Entscheidungsgewalt und bleibt im Zweifel der Kolonialmacht in praktisch jeder Hinsicht ausgeliefert. Unabhängig davon, ob sie nun von der Hamas, von palästinensischen Technokraten oder von der Autonomiebehörde gestellt wird.
Genau diese Dynamik zeigt sich in einer grundlegenden kolonialen Herrschaftstaktik: Kolonisierte Bevölkerungen sollen sich möglichst selbst verwalten, weil das für die Kolonialmacht Kosten spart und den Anschein von Selbstbestimmung erzeugt, ohne die tatsächliche Kontrolle preiszugeben. In Gaza übernimmt diese Funktion nun das NCAG unter Aufsicht des „Board of Peace“; im Westjordanland erfüllt sie seit Jahrzehnten die Palästinensische Autonomiebehörde (PA). Und am Beispiel des Westjordanlands lässt sich auch bereits beobachten, wohin ein solches Arrangement langfristig führt: unter „eigener“ Verwaltung setzt sich die israelische Landnahme durch fortgesetzten Siedlungsbau ungebremst fort.
Das NCAG unter dem Vorsitz von Ali Schaath spiegelt diese Technokratisierung wider. Die Autonomiebehörde selbst gilt in der palästinensischen Bevölkerung als diskreditiert, weil sie nach verbreiteter Wahrnehmung die palästinensische Sache gegen politische Posten eingetauscht hat. Aktuell etwa durch die fortgesetzte Sicherheitskooperation ihrer Kräfte mit der besetzenden israelischen Armee im Westjordanland, die auch die Hamas wiederholt als „Farce der sogenannten Sicherheitskoordination“ kritisiert hat (Middle East Eye).
Die Menschenrechtsorganisation Al-Haq warnte in diesem Zusammenhang vor dem sogenannten „Gaza Reconstitution, Economic Acceleration and Transformation Trust“ (GREAT Trust), einem US-israelisch entworfenen „Wiederaufbauprogramm“, das Gaza nach Einschätzung der Organisation in eine „commercial arena for foreign investors“ verwandeln solle, ohne Rückkehr- oder Wiederaufbauperspektiven für die vertriebene Bevölkerung vorzusehen (Al-Haq).
Der Wille zur Selbstbestimmung und der Zwei-Zonen-Plan
Umfragen des Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR) unter der Leitung von Khalil Shikaki unterstreichen die tiefe Entfremdung der palästinensischen Bevölkerung von den etablierten Kräften sowohl in Gaza als auch im Westjordanland.
Die Erhebung vom Oktober 2025 kommt zu folgendem Ergebnis: In einer hypothetischen Präsidentschaftswahl zwischen dem inhaftierten Fatah-Politiker Marwan Barghouti, Amtsinhaber Mahmud Abbas (Fatah) und dem im Exil lebenden Hamas-Politiker Khalid Mishal entfielen 49 Prozent der Stimmen auf Barghouti, 36 Prozent auf Mishal und lediglich 13 Prozent auf Abbas. 80 Prozent der Befragten wünschen sich Abbas‘ Rücktritt.
Mit den Handlungen der Hamas zeigten sich 60 Prozent der Befragten zufrieden – deutlich mehr als mit der Amtsführung von Abbas. Der inhaftierte Barghouti verkörpert dabei den überparteilichen Wunsch nach Widerstand und Selbstbestimmung.
Fazit und Ausblick: Kein Frieden mit dem Imperialismus
Der „Friedensplan“ entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Etappe auf dem Weg zur endgültigen Vertreibung und Zonierung der palästinensischen Bevölkerung. Das „Board of Peace“ liefert dafür den diplomatischen Firnis, während die Militärmacht die eigentliche Umsetzung besorgt und die Verhandlungen in Kairo vor allem Zeit verschaffen, um Siedlungsbau und Lagerarchitektur voranzutreiben.
Die Auflösung der Hamas-Verwaltung markiert dabei weder Rückzug noch Aufgabe, sondern einen taktischen Positionswechsel: Die Last der Verwaltung wird abgeworfen, der koloniale Grundwiderspruch offengelegt: Jede Verwaltungsstruktur unter Besatzung bleibt der Kolonialmacht letztlich ausgeliefert, ob sie nun Hamas, NCAG oder Autonomiebehörde heißt.
Der Wunsch der Bevölkerung nach Selbstbestimmung, den die PCPSR-Umfragen eindrücklich dokumentieren, wird sich angesichts dieser Realität neue Wege suchen müssen, jenseits der Scheingefechte von Kairo und Zypern und jenseits der Zonenlogik der Kolonisatoren. Die Erfahrung des Westjordanlands zeigt, wie ein solches Arrangement endet: mit fortgesetzter Landnahme trotz formaler Selbstverwaltung. Gaza droht dasselbe Schicksal, nur unter anderen Vorzeichen und mit neuen Verwaltern.
[1] Seit dem 7. Oktober 2023 meldet das Gesundheitsministerium in Gaza rund 73.000 Todesopfer (Stand Juli 2026); unabhängige demografische Schätzungen etwa des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung gehen von deutlich höheren Werten zwischen 100.000 und 126.000 gewaltsamen Todesfällen aus (The Guardian; Middle East Monitor).


