Kommentar von Jonathan Fischer
Die Fußballweltmeisterschaft war eine politische Show der Reichen und Mächtigen statt eines Fests von Fans, Fußball und Kultur. Die Dreistigkeit, mit der dieses Spektakel inszeniert wurde, sucht ihresgleichen. Die Kriegstreiber und Ausbeuter dieser Welt versuchen hemmungslos, sich mit unserem Sport ihre blutigen und dreckigen Hände reinzuwaschen.
Die finale Inszenierung der FIFA und der USA
Die Inszenierung der WM erreichte mit der Halbzeitshow während des Finales ihren Höhepunkt: Ein Blick auf die Erde. Die Kamera zoomt immer näher an sie heran. Nimmt uns Zuschauer mit, bis wir im Finalstadion ankommen und in dessen Katakomben schon in die Jahre gekommene Stars sehen. Währenddessen läuft melodisch der Madonna-Song „Music makes the people come together“ im Hintergrund. Im weiteren Verlauf der Show wartet eine ganze Reihe an jungen und alten Stars, die mit ihren Tanz- und Gesangseinlagen auf dem Spielfeld versuchen, Stimmung ins Stadion zu bringen.
All das spielt im Grunde keine Rolle. Die Halbzeitshow ist eine absurde Heuchelei. Schon der Blick auf die Erde am Anfang soll uns vermitteln, dass wir friedlich und gemeinschaftlich auf ihr leben. Die Songauswahl verstärkt das Gefühl: Musik bringt die Menschen zusammen. Wichtig ist nicht, ob du gerade verhungerst oder die Korken auf deiner Luxusyacht knallen lässt, denn: „Music mix the bourgeoisie and the rebel“, so Madonna. Der Klassenkampf zwischen „bourgeoisie and the rebel“ erscheint sinnlos – wir sind doch alles nur Menschen. Passenderweise endet die Show mit einem riesigen Banner über dem Spielfeld, auf dem Kinder und Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe ausgelassen singen und tanzen. Das Banner zeigt in Regenbogenfarben die Kontinente. In der Mitte steht in großen Buchstaben „LOVE“, wobei das darin enthaltene „O“ durch ein Bild der Erde ersetzt wurde. Doch sitzen wir alle im gleichen Boot?
Die blutige Heuchelei der Reichen und Mächtigen
Die Halbzeitshow dauerte insgesamt 27 Minuten. In diesen 27 Minuten sind statistisch betrachtet 405 Menschen an Hunger und Durst gestorben. Fünf Menschen haben währenddessen wegen medizinischer Unterversorgung ihr Leben verloren. Zwischen 648 und 810 Menschen mussten innerhalb dieser 27 Minuten aufgrund von Krieg, Gewalt und Verfolgung fliehen und ihr Zuhause aufgeben. Im Jahr 2025 wurden alle 27 Minuten 14 Menschen im direkten Zusammenhang mit oder an den Folgen von Kriegen getötet. Im Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis zum 25. Juni 2025 wurden in Gaza durchschnittlich alle 27 Minuten ein bis zwei Menschen ermordet und vier verletzt. In den ersten 393 Tagen des von Israel verübten Genozids am palästinensischen Volk wurden durchschnittlich alle 27 Minuten knapp 150 Kilogramm Sprengstoff auf die Bevölkerung Gazas abgeworfen. 351 Menschen sterben innerhalb von 27 Minuten aufgrund von Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe. Im Zeitraum von Januar bis Mai 2026 verloren in den USA alle 27 Minuten durchschnittlich 1.080 Menschen ihren Arbeitsplatz. In den USA waren in diesen 27 Minuten 30 Menschen von sexuellen Übergriffen betroffen – dazu zählen Belästigungen, Gewalt und Vergewaltigung.
Innerhalb dieser 27 Minuten der Halbzeitshow im WM-Finale wuchs der Reichtum der knapp 3.500 reichsten Menschen der Welt um mindestens 204 Millionen US-Dollar. Während wir mit den Unmenschlichkeiten dieses kapitalistischen Systems zu kämpfen haben und gegeneinander aufgehetzt werden, organisieren die Reichen und Mächtigen genau dieses System der Ausbeutung und ziehen ihren Reichtum daraus. Sie organisieren Kriege für Rohstoffe und Absatzmärkte, die Ausbeutung unserer Arbeit und ihren Klassenkampf von oben. Und eben genau diese herrschende Kapitalistenklasse versucht uns in der Halbzeitshow klarzumachen, dass wir alle gemeinsam auf der Erde existieren, in Frieden zusammenleben und Liebe verbreiten sollen. Während sie die nächsten Kriege und Grausamkeiten gegen uns vorbereiten, sollen wir stillhalten und unser Schicksal erdulden. Muss das so sein?
Der notwendige Widerstand der Ausgebeuteten und Unterdrückten
Die Fankurven führen seit Jahrzehnten einen Kampf für einen Fußball für die Fans und die Allgemeinheit, statt eines Fußballs für die Funktionäre, Investoren und ihre Profite. Dass unser Fußball unter den kapitalistischen Bedingungen zu einem Milliardengeschäft verkommt und der hemmungslosen Inszenierung der Reichen und Mächtigen dient, ist schon lange bekannt und sollte jeder und jedem klar sein.
Ob Investorendeals der DFL (Deutsche Fußball Liga), Rheinmetall im Sponsoring des BVB, die Bundeswehr-Rekrutierung in unseren Stadien oder Milliardenverträge über die Vermarktung und Übertragungsrechte der Spiele – an jeder Ecke werden wir mit dem Ausnutzen und der Kommerzialisierung unseres Sports konfrontiert. Diese kapitalistischen Zustände, sowohl im Sport als auch in sämtlichen Bereichen unseres Lebens, sind aber nicht gottgegeben oder unveränderbar.
Wenn wir unseren Fußball, unsere Stadien und Fankultur den blutigen Händen der Reichen und Mächtigen entreißen wollen, müssen wir uns organisieren und das kapitalistische System als Ganzes beseitigen. Innerhalb der Logik von Ausbeutung und Profitmaximierung kann es keinen freien Sport und keine freie Kultur geben, die uns Arbeiterinnen und Arbeitern gehört.


