Aktuelles von Jonas Wiedemann
Die FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft der Männer ist mit einem mehr als zähen Finalspiel zu Ende gegangen. Die USA, US-Präsident Donald Trump und FIFA-Chef Gianni Infantino haben für eine abstruse Inszenierung gesorgt, die in breiten Teilen der Fußballgemeinschaft auf große Kritik gestoßen ist. Fußballbegeisterte der ganzen Welt haben sich die WM-Spiele beim Public Viewing oder gemeinsam vor den Bildschirmen angeschaut und für eine Mannschaft mitgefiebert. Die Frage danach, wieso internationale Sportevents für Politik und Wirtschaft so wichtig sind, ist mehr als berechtigt. Weshalb werden Millionen von Dollar für eine solche Inszenierung ausgegeben – wer profitiert davon und zieht einen Nutzen daraus?
Die Ablenkung von Sozialabbau und Kriegsvorbereitung
Die herrschende Klasse und ihre Medien in der BRD sind vom frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft enttäuscht, da ein gutes Abschneiden des Teams einen ganz bestimmten Zweck hätte erfüllen können: Je weiter das DFB-Team in der WM kommt, desto stärker geraten aktuelle, politische Entscheidungen im Bundestag aus dem Fokus. In den Medien erscheint die Berichterstattung über die WM-Spiele wichtiger als jene über den massiven Sozialabbau. Die Bundesregierung diskutiert und beschließt massive Sparmaßnahmen, Massenentlassungen und Werksschließungen stehen auf der Tagesordnung, und es werden Milliarden für die Kriegsvorbereitung ausgegeben. Solche sportlichen Großereignisse sollen auch den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken, wie Bundesfinanzminister Lars Klingbeil herausstellt. Je größer der Erfolg, desto eher wird über die massive Unzufriedenheit und Spaltung der Bevölkerung hinweggesehen. Auf diesen Zug springen auch die öffentlich-rechtlichen Medien auf und verbreiten ein Gesellschaftsbild, das zur Befriedung dienen soll.
Das Problem besteht nicht darin, dass sich Menschen für Fußball begeistern und die deutsche Nationalmannschaft anfeuern. Das Problem sind die kapitalistischen Verhältnisse, unter denen Politik und Wirtschaft für ihre Profit- und Kriegsinteressen den Sport ausnutzen. Ein nationales „Wir“ macht es den Herrschenden einfacher, das falsche Gefühl von „wir sitzen alle in einem Boot“ zu vermitteln und die aktuellen Kriegsvorbereitungen und den damit einhergehenden Sozialabbau zu rechtfertigen. Einen ähnlichen Zweck erfüllen internationale Sportevents wie die WM auch in anderen Nationalstaaten.
Die „weltoffene“ Inszenierung von USA und Trump
Die Herrschenden der USA nutzten die Weltmeisterschaft vor allem, um von ihren zahlreichen Verbrechen abzulenken, wie etwa dem anhaltenden Angriffskrieg auf den Iran, dem Angriff auf Venezuela und die Entführung des dortigen Regierungschefs und der Blockade Kubas. Innenpolitisch sorgten die brutalen Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE und die Enthüllungen der Epstein-Files für Unruhe. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Trump-Regierung steigt, und obwohl es in den USA keine große klassenkämpferische Bewegung gegen die Herrschaft der Kapitalisten gibt, stellt diese Unzufriedenheit dennoch ein Ärgernis für die Herrschenden dar.
Die Vergabe der WM-Austragung in den USA fand zwar schon 2018 statt, lange vor den Kriegshandlungen gegen andere Staaten und dem Straßenterror der ICE-Behörde; große Sportereignisse wie diese erfüllen aber immer den Zweck der internationalen Imagepflege und der Ablenkung von massiven gesellschaftlichen Problemen. Die Inszenierung einer weltoffenen Sportveranstaltung ist den USA nur bedingt gelungen, und ihre Selbstdarstellung wirkte eher absurd: Einem somalischen Schiedsrichter der FIFA wurde unter fadenscheinigen Anschuldigungen von Terrorverbindungen die Einreise verwehrt. Mehreren Zuschauern, die bereits Tickets erworben hatten, wurde ebenfalls die Einreise verweigert. Außerdem durfte die iranische Nationalmannschaft ausschließlich an ihren Spieltagen in die USA einreisen und musste ihr Teamquartier nach Mexiko verlegen. Auch die Ticketpreise für den Besuch der WM-Spiele erreichten schwindelerregende Höhen. Je nach Kategorie zahlte man mehrere Hundert bis mehrere Tausend Dollar pro Ticket. Zusätzlich wurden in manchen Städten sowohl die Parkgebühren als auch die ÖPNV-Preise mehr als verzehnfacht. Die 30-minütige Zugfahrt von New York zum Stadion in New Jersey kostete anstelle der üblichen 11 Euro knapp 130 Euro.
Die Korruption von FIFA und Fußballfunktionären
Die FIFA reagierte nicht auf diese Eklats, was zu ihrem bisherigen Kurs der Anbiederung an die USA-Regierung passt. Während der Fußballverband im Jahr 2017 noch betonte, dass allen Teams, Funktionären und Fans Zugang zum Austragungsland gewährt werden müsse, sagen Verantwortliche heute, dass es die Angelegenheit des Austragungslandes sei, wer einreisen darf und wer nicht.Außerdem erfand die FIFA vor der WM sogar einen eigenen „Friedenspreis“, um diesen dem US-Präsidenten Donald Trump verleihen zu können. Kurze Zeit darauf startete dieser „Friedenspreisträger“ einen Großangriff auf den Iran. Genauso absurd und skandalös ist, dass die FIFA die Sperre des wichtigen amerikanischen Spielers Folarin Balogun de facto für das Achtelfinalspiel aufhob, die dieser aufgrund einer roten Karte im vorherigen Spiel erhalten hatte. Die Entscheidung des Schiedsrichters, Balogun eine rote Karte zu geben, war zwar umstritten, dennoch ist es ein Novum, dass die FIFA eine solche Sperre aufhebt, erst recht auf Geheiß eines Staatspräsidenten.
Die FIFA und ihre Fußballfunktionäre sind bekanntermaßen korrupt, insbesondere was die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft angeht. Im Jahr 2020 behaupteten die US-Behörden selbst noch mit Sicherheit zu wissen, dass die Weltmeisterschaften in Südafrika (2010), Russland (2018) und Katar (2022) aufgrund der Zahlung von Bestechungsgeldern vergeben wurden. Auch die Weltmeisterschaft im Jahr 2006 soll so an Deutschland vergeben worden sein. Die Korrumpierung der FIFA begann also nicht erst durch den umstrittenen FIFA-Präsidenten Gianni Infantino und dessen Annäherung an die US-Regierung, sie bestand bereits lange zuvor und ist tief in der FIFA verwurzelt.
Weder die Fans noch der Fußball sind das Problem
Diese vielen Probleme haben keineswegs etwas mit dem Fußballspiel an sich zu tun. Vielmehr sind, wie bei vielen anderen Sportarten auch, internationale Sportverbände wie die FIFA und deren Funktionäre sowie die Staaten, die sich an deren Machenschaften beteiligen, dafür verantwortlich. Internationale Sportevents sind für Monopolkonzerne ein riesiges Geschäft: Ausrüsterverträge, Werbung in den Halbzeiten und Hydration Breaks, die Vermarktung allgemein, Sponsorenverträge, Übertragungsrechte, Austragungsorte und immense Ticketpreise garantieren riesige Profite. Der Fußball wird so zu einem globalen Milliardengeschäft, das Konzernen, Fußballverbänden und Funktionären hohe Gewinne einbringt. In dieser kapitalistischen, auf Profit und Ausbeutung beruhenden Gesellschaft wird jeder Bereich von Kultur und Sport der Gewinnmaximierung untergeordnet. Die Überwindung dieser Verhältnisse schafft letzten Endes die Grundlage, um unseren Fußball, den wir lieben, zurückzugewinnen.


