Kommentar von Natalja Merten
In Südwestberlin gingen am Sonntag, den 4. Januar, die Lichter aus. Nach einem Anschlag auf das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde waren 45.000 Haushalte ohne Strom, darüber hinaus rund 2000 Betriebe. Verantwortlich für diesen „Sabotageakt“ zeichnet die linksautonome „Vulkangruppe“. Sie beansprucht laut ihrem Bekennerschreiben, dass ihre „gemeinwohlorientierte Aktion (…) gesellschaftlich sinnvoll“ sei. Es handele sich um einen radikalen Akt des Klimaschutzes, für den die Verantwortung „die Reichen“ und deren „imperiale Lebensweise“ tragen würden. Auch stelle man sich mit dem Anschlag gegen den Ausbau Berlins zur High-Tech-Metropole. Was es brauche, sei eine „Internationale der Verweigerung“: gegen die Macht der Konzerne, gegen das Versagen der Politik, gegen eine Menschheit „wischender Zombies“.
Die Vulkangruppe benennt mit dem Fortschritt des Klimawandels eine der grundsätzlichsten und gefährlichsten Krisen, vor denen die Menschheit aktuell steht – doch weiter geht ihr Verständnis leider nicht. Denn es sind nicht einfach „die Reichen“, ihre „imperiale Lebensweise“ und auch nicht die fortschreitende Produktivkraftentwicklung, die den Niedergang der Welt bestimmen. Es sind die Kapitalisten, das imperialistische Weltsystem und die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Und es sind keineswegs radikale Sabotageaktionen kleiner Gruppen, die von einem archaischen Leben träumen, die einen Beitrag zu einer Lösung leisten.
Womit die Bekenner durchaus recht haben: „Der Fortschritt der Zerstörung ist menschengemacht, durch uns kann er auch gestoppt werden.“ – Doch wie dreht man den Herrschenden den Saft ab? Und wer ist eigentlich dieses „uns“, das der weiteren Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen Einhalt gebieten kann? Man könnte hoffen, die Verantwortlichen hätten sich eingehender mit ihrem eigenen Namen auseinandergesetzt. Worauf sie hoffen, ist eine gewaltige Eruption. Eine Eruption, die die herrschenden Verhältnisse so grundlegend verändert, dass etwas Neues entstehen kann. Doch dafür braucht es nicht ein Fünkchen. Es braucht gewaltige Hitze und so massiven Druck, dass die vorhandene Energie sich entladen kann.
Vulkanismus für Anfänger in vier Schritten
- Die Entstehung von Magma: Im Kapitalismus-Imperialismus herrscht enormer Druck auf die Ausgebeuteten. Er äußert sich für die Arbeiterklasse – egal wo auf der Welt, egal ob arm oder relativ bessergestellt – tagtäglich. Sei es durch Angriffe seitens der Herrschenden auf ihre Löhne, auf ihre Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, auf die Miet- und Wohnsituation oder durch die Angst, das eigene Leben in einem großen Krieg zu verlieren. Dieser Druck entsteht an den Klassengrenzen (geologisch: Plattengrenzen).
- Die Magmakammer: Die Magmakammer der Arbeiterklasse ist der Betrieb. Es sind die Schulen und Ausbildungsstätten. Hier kommen die Ausgebeuteten zusammen und können im Alltag ihre gemeinsame Lage erkennen. Wenn das geschieht, steigt der Druck. Unter der Oberfläche des kapitalistischen Normalbetriebs kann durch organisierten Kampf das umliegende Gestein – das scheinbar ausweglose verfestigte kapitalistische System – geschwächt werden. Doch es wird nie so weit geschwächt, dass es einfach verschwindet. Dafür ist mehr nötig.
- Der Aufstieg des Magmas: Je mehr die Arbeiterklasse die Möglichkeit ihrer eigenen Macht erkennt, die Möglichkeit einer Gesellschaft, in der sie über ihre Geschicke selbst herrscht, desto mehr wird ihr Druck auf ihre Ausbeuter steigen. Es ergeben sich Risse im Gestein, die irgendwann nicht mehr zu bändigen sind. Das Gestein kann die Magmamassen nicht mehr halten.
- Die Eruption: Das Magma bahnt sich den Weg an die Oberfläche – es verwandelt sich damit in Lava. Alles Alte wird überschwemmt und Neues kann entstehen. Die Revolution – der massive kollektive Ausbruch aus dem Alten – bildet die Grundlage für alles Neue. Sie bildet die Grundlage für den Sozialismus und damit für eine Welt, in der der Mensch das Zentrum des Lebens bildet – eine Welt, in der Umweltzerstörung, Profitstreben, Kriege und Elend ihr menschengemachtes Ende finden können.
Nur ein solcher Vulkanausbruch wird bewirken können, was die zündelnden autonomen Vulkanisten mit ihrer Aktion erreichen wollten und wohl das Gegenteil bewirkt haben – nämlich eine Blaupause für den weiteren Ausbau von Repressionsmitteln der Herrschenden, die im Zweifel gegen die werdende Lava selbst eingesetzt wird.


