Aktuelles von Josefine Grabow
Das achte der zehn Prinzipien der Kriegspropaganda der belgischen Historikerin Anne Morelli besteht in der Unterstützung durch Künstler und Intellektuelle. Kulturschaffende können als Produzenten von Bildern und Geschichten das Vorgehen des eigenen Lagers legitimieren. Aktuell soll die Film- und Fernsehindustrie zunehmend zu Propagandazwecken eingespannt werden – auch vor dem Hintergrund der verbreiteten Unzufriedenheit über den Kriegskurs der bürgerlichen Regierungen. Einem Bericht des Guardian zufolge organisiert die NATO aktuell Treffen mit Drehbuchautoren, Regisseuren und Produzenten, um für eine positive Darstellung des Militärbündnisses zu sorgen. Kulturschaffende werden mobilisiert, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, nicht nur für die NATO, sondern auch für den allgemeinen Aufrüstungskurs und insbesondere, um die Hinwendung zu „rechten“ und „linken“ Parteien zu verhindern.
Instrumentalisierung der Filmindustrie
Die NATO-Veranstaltungen fanden zuletzt in Los Angeles, Brüssel und Paris statt, die nächste soll im Juni in London abgehalten werden. Dort sollen Drehbuchautoren der Schriftsteller-Gewerkschaft Writers’ Guild of Great Britain (WGGB) unter anderem mit dem NATO-Vertreter James Appathurai, dem stellvertretenden NATO-Generalsekretär für Innovation, hybride Bedrohungen und Cybersicherheit, zusammenkommen. Laut einer internen E-Mail sei Ziel des Treffens, in zukünftigen Produktionen die NATO als Vertreter von Zusammenarbeit, Kompromissbereitschaft und Freundschaft darzustellen. Es würden bereits mehrere Projekte entwickelt, die von den bisherigen Gesprächen inspiriert seien. Ein Sprecher der Gewerkschaft sah in der Einladung der NATO kein Problem und sprach von einem „offenen Dialog“, wie der Guardian weiter berichtete. Einige Drehbuchautoren äußerten Kritik und warnten vor einer Instrumentalisierung der Medienschaffenden. Der irische Drehbuchautor Alan O’Gorman bezeichnete das Treffen als „Propaganda“. In Irland werde gerade medial und politisch versucht, die NATO in ein besseres Licht zu rücken, da die Zustimmung zu einem NATO-Beitritt gering sei, und in ganz Europa würden Ängste über eine angeblich unzureichende Verteidigung geschürt.
Für Stabilität der bürgerlichen Ordnung
Dieses Vorgehen entspricht den Empfehlungen für die Verhinderung politischen Protests des Thinktanks Centre for European Reform (CER). Im März 2026 forderte er in einem Strategiepapier von Armida van Rij mit dem Titel „How to build public support for defence spending in Europe“ Regierungen dazu auf, durch Zusammenarbeit mit Kulturschaffenden Akzeptanz für höhere Rüstungsausgaben zu schaffen. Da diese mit Haushaltskürzungen und Steuererhöhungen einhergehen, fehle es an öffentlicher Unterstützung. Unter dem Stichwort „Kanonen statt Butter“ werde die Konkurrenz zwischen Sozial- und Militärausgaben diskutiert. Regierungen müssten daher aktiv einen gesellschaftlichen Konsens für die massive Aufrüstung herstellen. Dabei zeigt sich, wie Demokratie in der bürgerlichen Gesellschaft funktioniert: Infrage steht nicht, ob aufgerüstet wird, sondern wie Zustimmung organisiert und Protest verhindert werden kann.
Wirtschaftlicher Druck und politische Unzufriedenheit könnten zum Erfolg der Parteien „an beiden Rändern des politischen Spektrums“ beitragen, so van Rij. Die Desillusionierung gegenüber der etablierten Politik könne durch die infolge der Aufrüstung vorgenommenen Sozialkürzungen verstärkt werden, was „populistischen rechtsextremen und linksextremen Parteien“ nutzen würde. In einem Atemzug werden rechte und linke Parteien genannt, die angeblich den Zusammenhalt in der EU schwächen und die Erosion der Demokratie beschleunigen, indem sie die Justiz aktiv unterminierten, individuelle Freiheiten beschränkten und die freie Presse bedrohten – dabei sind es aktuell EU und Bundesregierung, die mit der Sanktionierung von Journalisten wie Hüseyin Doğru die Pressefreiheit torpedieren. Die Herausforderung für aktuelle Regierungen der bürgerlichen „Mitte“ bestehe darin, die nötigen Folgen der Aufrüstung zu managen, ohne einen politischen Backlash bei zukünftigen Wahlen auszulösen. Die etablierten Parteien fürchten also einen Hegemonieverlust und sehen sich durch andere bürgerliche Oppositionsparteien bedroht.
Kulturschaffende als Geschichtenerzähler
CER empfiehlt in dem Strategiepapier eine sorgfältig konzipierte Kommunikationskampagne, um die allgemeine Bedrohungswahrnehmung zu steigern und für Zustimmung zu den Rüstungsausgaben und den damit verbundenen Konsequenzen zu sorgen. Neben politischer Kommunikation sollen gezielt Kulturinstitutionen, Medien und prominente Persönlichkeiten eingebunden werden. Über finanzielle Förderungen und die Zusammenarbeit mit Theaterregisseuren, Drehbuchautoren, Filmproduzenten oder Influencern soll die öffentliche Debatte über Verteidigung und Sicherheit beeinflusst werden. Insbesondere jüngere Menschen sollen langfristig höhere Verteidigungsausgaben akzeptieren. Zudem seien sie es, die zukünftig im Militär, in der Rüstungsindustrie und Versorgung eingesetzt werden. Entsprechend wird vorgeschlagen, Themen wie Verteidigung und nationale Sicherheit in Lehrpläne der Grund- und weiterführenden Schulen zu integrieren. Zugleich soll die Rekrutierung für Militär und Rüstungssektor gefördert werden.
Zentrale Botschaften sollen Bedrohungsszenarien hervorheben und die Notwendigkeit von Abschreckung und Aufrüstung legitimieren, auch im Hinblick auf neue Kriegsformen wie Cyberangriffe oder Infrastrukturattacken. Der Öffentlichkeit müsse vermittelt werden, dass zukünftige Kriege nicht unbedingt wie bisher mit Jets und Panzern geführt werden, sondern auch in Form von Desinformation mit dem Ziel, Panik oder Aufstände auszulösen, stattfinden könnten.
Seitens der NATO wird schon länger eine engere Zusammenarbeit mit dem Kulturbereich gesucht. Vorreiter ist dabei die US-Armee, die beispielsweise Computerspiele zur Rekrutierung nutzt. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) lud bereits 2024 Hollywood-Drehbuchautoren in das NATO-Hauptquartier in Brüssel ein, um sich über Sicherheitspolitik zu informieren und unter anderem den damaligen NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg zu treffen. Armida van Rij von CER hob hervor, dass im Rahmen dieses Events vermittelt wurde, dass die Drehbuchautoren in ihrer kreativen Arbeit die Geschichten der NATO über Partnerschaft, Verbindung und Schutz erzählen können.
Ideologische Kämpfe
„Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken“, stellten schon Karl Marx und Friedrich Engels in der Deutschen Ideologie fest. In der aktuellen Zeit wachsender Kriegsgefahr und sozialer Unsicherheit fürchten bürgerlich-liberale Regierungen, die Zustimmung ihrer Wählerschaft zu verlieren. Im Interesse der herrschenden Klasse versuchen sie dementsprechend, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die gezielte Mobilisierung von Kulturschaffenden dient zugleich der Rechtfertigung der Aufrüstung und soll dem Widerstand gegen die arbeiterfeindliche Politik den Wind aus den Segeln nehmen.


