Südkorea: Historische Zugeständnisse bei Samsung

Der Samsung-Streik demonstriert die Macht der Arbeiterklasse und die Angst des Kapitals

Aktuelles von Adrian Dietrich

In den letzten Tagen und Wochen herrschte Angst bei den Kapitalisten bei Samsung, bei deren internationalen Handelspartnern sowie bei der südkoreanischen Regierung. Grund war ein angekündigter Streik bei Samsung. Das südkoreanische Konglomerat ist der weltweit größte Hersteller von Speicherchips. Ab dem 21. Mai wollten 48.000 Arbeiterinnen und Arbeiter 18 Tage lang streiken – was ein Arbeitskampf von historischer Dimension gewesen wäre. Der Streik wurde abgewendet – nachdem die Regierung rechtlich gegen ihn vorgegangen war und sich Gewerkschaft und Kapitalseite schließlich einigten.

Gewaltige Profite bei Samsung – aber für wen? 

Im Fokus des Arbeitskampfes stehen die exorbitanten Gewinne Samsungs von rund 33 Milliarden Euro in den ersten drei Monaten dieses Jahres – ungefähr das Achtfache des Vorjahreszeitraums – und die Abschaffung der Bonusobergrenze beim Halbleiterhersteller SK Hynix Ende letzten Jahres – das Konkurrenzunternehmen zahlte dadurch weitaus höhere Boni als Samsung aus. Angesichts dieser enorm hohen Gewinne forderten die Gewerkschaften eine jährliche Ausschüttung von 15 Prozent der Profite an die Belegschaft (was mehrere Zehntausend bis Hunderttausend Euro pro Person bedeuten könnte) und eine Abschaffung der Bonusobergrenzen von 50 Prozent der jährlichen Gehälter. Um den Streik abzuwenden, sah sich das Kapital schließlich gezwungen, ein verbessertes Angebot vorzulegen, das von den Beschäftigten mehrheitlich angenommen wurde. Die Einigung beinhaltet unter anderem eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 6,2 Prozent und eine Gewinnbeteiligung von 10,5 Prozent sowie zukünftige vom Profit abhängige Gewinnbeteiligungen.

Die hohen Profite sind durch die besonders hohe Nachfrage nach Speicherchips und Halbleiter im Kontext des „KI-Booms“ zu erklären – es handelt sich um Extraprofite der Tech-Monopole. Trotzdem wird hier eindrücklich sichtbar, welche enormen Summen fast ausschließlich in den Taschen einiger weniger Kapitalisten landen. Während ein paar Prozente des Gewinns für die Belegschaft lebensverändernde Summen darstellen, sind sie für die Kapitalisten nur ein kleiner Teil ihres unermesslichen Reichtums, den sie aus den Arbeiterinnen und Arbeitern herausgequetscht haben.

Die Belegschaft von Samsung sitzt am Hebel der Weltwirtschaft

Da Samsung erstens für ganze 12,5 Prozent der Wirtschaftsleistung Südkoreas verantwortlich ist und zweitens die Weltwirtschaft von dem Angebot von Halbleitern und Speicherchips abhängig ist, hat ein Streik bei Samsung auch unmittelbar politischen Charakter. So prognostizierte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap für den Streik einen Verlust von rund 20 Milliarden US-Dollar. Die US-Handelskammer warnte vor wahrscheinlichen Engpässen in den internationalen Lieferketten. Aus einigen Wirtschaftskreisen kamen sogar Prognosen von rund 66 Milliarden US-Dollar an möglichem Schaden.

Es ist also wenig verwunderlich, dass der Staat den Kapitalisten bei Samsung in Form von Regierung und Gerichtsgewalt zur Hilfe eilte. Während ein Gerichtsurteil 7.000 Arbeiterinnen und Arbeitern effektiv das Streiken verbot, drohte der Premierminister Kim Min-seok schon mit einer Notstandsschlichtung, welche Streiks für 30 Tage verbieten würde.

Folgen der Einigung

Bei der Abstimmung vom 22. bis zum 27. Mai wurde das Angebot der Kapitalseite durch mehr als 70 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder angenommen. Natürlich wird diese Einigung eine weitreichende Verbesserung der Lebensbedingungen der Samsung-Belegschaft bedeuten. Das Kapital erhofft sich aber etwas anderes davon, nämlich eine – zumindest vorübergehende – Befriedung der Kämpfe durch Bestechung der Arbeiter. Zusätzlich wird die finale Summe der Boni wahrscheinlich stark von Qualifikation, Branche und Position im Produktionsprozess abhängen und für die individuellen Arbeiterinnen und Arbeiter sehr unterschiedlich ausfallen. Die fortschreitende Verelendung großer Teile der Arbeiterklasse außerhalb dieser Kernindustrien kann dadurch sowieso nicht verhindert werden. Auch könnte diese Einigung denjenigen dienen, die noch an sozialpartnerschaftlichen Träumereien festhalten oder diese zur Täuschung der Arbeiterklasse gezielt wiederbeleben wollen. Derartige Illusionen werden auch medial befördert – so hieß es zum Beispiel im Spiegel bereits am 22. Mai: „Wenn Unternehmen florieren, dann profitiert oft auch die Belegschaft.“

Es handelt sich hierbei jedenfalls nicht um eine großzügige Schenkung der Kapitalisten an die Belegschaft – die Einigung ist ein zähneknirschendes Zugeständnis, das die Arbeiterinnen und Arbeiter den Kapitalisten durch ihren hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und ihre damit einhergehende wirtschaftliche Macht als Produzenten des Reichtums abgerungen haben.

Die nächsten Schritte: die einzelnen Arbeitskämpfe vereinen

Die Einigung zeigt uns, dass die Kapitalisten in der Speicherchip- und Halbleiterbranche dazu gezwungen sind, historisch hohe Summen an die Belegschaft zu bezahlen, um Streiks und damit noch größere Profiteinbrüche zu verhindern – so senkte Samsung allein durch die Androhung eines Streiks seine Halbleiterproduktion, um mögliche Schäden zu minimieren. Vor allem aber müssen die Arbeitskämpfe branchenweit – unternehmensübergreifend, gemeinsam mit Zuliefererbetrieben und Tochterunternehmen – geführt werden, damit die Schlagkraft der Arbeiterklasse erhöht wird und sie das Bewusstsein um diese eigene, gewaltige Macht erfährt. Aufgrund der gegenseitigen Verstrickungen, des hinter der Nachfrage zurückbleibenden Angebots und der Sensibilität der Produktion sind die Erfolgsaussichten von Arbeitskämpfen in dem Bereich der Speicherchips und Halbleiter aktuell – und nun vor aller Augen demonstriert – besonders gut. Diese Möglichkeit muss genutzt werden, um die Organisation der Arbeiterklasse und das Bewusstsein dieser als Klasse voranzubringen.

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