Der Sozialismus und seine bürgerlichen Kritiker

Herausforderungen und (Schein-)Probleme der Planwirtschaft im Lichte der Kritik von Mises, Hayek und Kornai

Thanasis Spanidis

1. Einleitende Bemerkungen

Der Sozialismus wird heute, dreieinhalb Jahrzehnte nachdem er für endgültig tot erklärt wurde, von einer wachsenden Zahl vor allem junger Menschen wiederentdeckt. Die Vorstellung, dass der Kapitalismus tatsächlich den Endpunkt gesellschaftlicher Entwicklung darstellen müsste, überzeugt hingegen immer weniger Menschen. Während jedoch Kritik am Kapitalismus seit längerem wieder als „modern“ gilt und selbst in die Mainstream-Kultur Eingang gefunden hat[1], werden Vorstellungen von einer Alternative zum Kapitalismus zumeist gar nicht formuliert, bleiben diffus oder sind Scheinalternativen, weil es sich bei genauerem Hinsehen nur um reformistisch verwaltete Variationen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung handelt.

Eine der wesentlichen Leistungen des Marxismus war es, zu zeigen, dass der Sozialismus nicht eine von besonders kreativen Denkern erdachte Utopie ist, sondern dass er sich notwendig, das heißt logisch und historisch aus der kapitalistischen Produktionsweise ergibt – wobei notwendig eben nicht bedeutet, dass der Sozialismus von selbst kommt, sondern dass es keine andere Möglichkeit gibt, die Widersprüche des Kapitalismus aufzulösen.

Heute stehen alle, die für eine sozialistische Alternative eintreten, vor der Tatsache, dass der Sozialismus schon einmal, nämlich in der Sowjetunion, den Staaten Osteuropas, in China und einer Reihe weiterer Länder existiert hat. Dass dieser enorme Schatz an Erfahrungen existiert, sollte für Marxisten eigentlich durchweg positiv sein, da er es ermöglicht, zahlreiche wertvolle Lehren für die Zukunft zu ziehen. Andrerseits beinhaltet diese historische Situation aber auch, dass die herrschende Klasse eine erfolgreiche Propagandaoffensive durchführen konnte und durchgeführt hat, nach der in den Köpfen zahlloser Menschen sozialistische Planwirtschaft mit Ineffizienz, Mangelversorgung und wirtschaftlichem Zusammenbruch in Verbindung gebracht wird. Beide Herausforderungen, die sich daraus ergeben – das Ziehen von Lehren für den zukünftigen Sozialismus und der Kampf gegen den Antikommunismus und die Ideologie der Alternativlosigkeit des Kapitalismus – erfordern einerseits, dass wir unbedingt analysieren und verstehen müssen, warum der erste große Versuch, „den Himmel zu stürmen“, nun der Vergangenheit angehört; andrerseits aber auch die Entwicklung einer Konzeption der sozialistischen Produktionsweise, die die historischen Lehren verarbeitet und gleichzeitig den Erfordernissen von Produktion, Austausch und Bedürfnisbefriedigungen auf dem heutigen Stand der Produktivkräfte gerecht werden kann. Die erste Aufgabe, die Analyse der historischen sozialistischen Gesellschaften, muss an anderer Stelle weiter bearbeitet werden. In diesem Text soll ein Beitrag zur zweiten Aufgabe geleistet werden.

Nun ist für den Erfolg eines sozialistischen Staates im internationalen Klassenkampf sicherlich mehr erforderlich als die Erfüllung wirtschaftlicher Ziele, denn der Klassenkampf mit dem Imperialismus wird zwangsläufig auf allen Ebenen und in allen Sphären der Gesellschaft stattfinden. Dennoch stellt der ökonomische Erfolg die Grundlage für alles andere dar. Ein Arbeiterstaat, der, aus welchen Gründen auch immer, bei der Entwicklung der Produktivkräfte und der Befriedigung der Bedürfnisse seiner Bevölkerung scheitert, wird nicht nur den Imperialismus nicht in die Defensive drängen können, sondern auch langfristig nicht überleben können.

Angesichts dieser Binsenweisheit könnte man erwarten, dass die Formulierung einer tragfähigen Konzeption für den Sozialismus eine der größten Prioritäten der kommunistischen Bewegung und allgemein des Marxismus seit 1989/90 wäre. Doch dies ist nicht der Fall. Es existieren vergleichsweise wenige Auseinandersetzungen mit der Politischen Ökonomie des Sozialismus und diese sind oft entweder (von revisionistischer Seite) im Kern eine Aufgabe des Anspruchs, mit der sozialistischen Planwirtschaft eine dem Kapitalismus überlegene Produktionsweise zu entwickeln, indem zentrale Bereiche der ökonomischen Steuerung doch dem Markt überlassen werden sollen. Oder aber es handelt sich um Kritiken an diesen Auffassungen, die zwar viele wichtige und richtige Argumente liefern, aber zumeist auf der allgemeinen Ebene verbleiben.

Es gibt darüber hinaus eine (ebenfalls recht überschaubare) Literatur, in der tatsächlich versucht wird, ein Konzept für sozialistische Planwirtschaft auf dem heutigen Stand der Produktivkräfte auszuarbeiten. Mit Abstand die bekannteste Konzeption stammt von Paul Cockshott und Allin Cottrell[2], mit der wir uns auch hier kurz beschäftigen und leider feststellen werden, dass auch bei ihnen viele Fragen offen bleiben. Doch abgesehen davon haben Cockshott und Cottrell seit ihrem bekannten Buch, das noch aus den 1980ern stammt, kaum etwas Neues zu dem Thema verfasst und im Wesentlichen in einer Handvoll Artikel die Thesen ihres Buchs wiederverwertet. Neuere Diskussionen[3] über Sozialismus (oder das, was die Autoren fälschlicherweise dafür halten) beschäftigen sich überwiegend eher mit Fragen der demokratischen Partizipation oder der individuellen Selbstverwirklichung, nicht aber mit den weitaus komplexeren und objektiv sicherlich dringenderen Fragen danach, wie die zentrale Planung einer ganzen Volkswirtschaft technisch umgesetzt werden kann und welche Probleme dabei zu bewältigen sein werden.

Auch der vorliegende Text wird auf diese Fragen sicherlich keine befriedigenden Antworten liefern können. Ursprünglich war sein Ziel, einem tragfähigen Modell einer sozialistischen Ökonomie näherzukommen. Dass dieses Ziel sicherlich verfehlt wurde, liegt zum einen an der außerordentlichen Komplexität des Themas, die schnelle Antworten unmöglich macht; zum anderen aber auch daran, dass der Text die klassischen und wohl auch bekanntesten bürgerlichen Kritiker der Planwirtschaft zum Ausgangspunkt nimmt, um anhand ihrer Kritikpunkte zu prüfen, welche Herausforderungen möglicherweise wirklich noch zu lösen sind. Dabei handelt es sich einerseits um die Hauptvertreter der antisozialistischen Seite der sogenannten „sozialistischen Kalkulationsdebatte“, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, und andrerseits um den ungarischen Ökonomen János Kornai, der in den 1980er Jahren seine Kritik der Planwirtschaft formulierte. An dieser Stelle soll so viel verraten werden, dass die Kritik dieser drei bürgerlichen Ökonomen sich in allen wesentlichen Punkten nicht nur als falsch erweist, sondern auch als irreführend in dem Sinne, dass sie die Probleme der Planwirtschaft an Stellen verortet haben, wo sie nicht existieren, während andere, tatsächlich schwierige Fragen von ihnen ausgespart wurden. Andere Fragen haben sich zum Teil auch neu durch die steigende Komplexität des Wirtschaftslebens ergeben und konnten noch nicht behandelt werden. Das hat zur Folge, dass ihre Kritik keinen geeigneten Ausgangspunkt bietet, um zu einer positiven Konzeption des Sozialismus zu kommen.

Im Verlauf des Schreibprozesses hat der Text deshalb seinen Charakter verändert. Er dient nun erstens der Orientierung im Thema „Die Planwirtschaft und ihre bürgerlichen Kritiker“.

Er überprüft zweitens die Stichhaltigkeit dieser Kritik und versucht sie zu widerlegen. Bedauerlicherweise stellt die Kritik Kornais an den osteuropäischen Planwirtschaften nicht nur in der bürgerlichen Ökonomie eine kaum hinterfragte Autorität dar, die vermeintlich durch die „Empirie“ (die aber faktisch oft nur das von der bürgerlichen Propaganda selbst produzierte Zerrbild dieser Planwirtschaften ist) untermauert ist. Ja mehr noch, auch Autoren mit einem vermeintlich marxistischen Hintergrund[4] berufen sich zum Teil auf Kornai, um die angebliche Ineffizienz zentraler Planwirtschaften zu belegen und ihre „marktsozialistischen“ Konzepte besser begründen zu können. Eine umfassende Kritik an Kornais Werk wird hier nicht geleistet, aber seine zentralen Konzepte, mit denen er den Sozialismus kritisiert und verwirft, werden in diesem Text vorgestellt und auf ihre Stichhaltigkeit geprüft. Ähnliches gilt sogar für die Beiträge von Hayek und Mises, obwohl diese bereits von Zeitgenossen wie Oskar Lange widerlegt worden waren. Doch die historische Niederlage des Sozialismus hat selbst in diesen Fällen dazu geführt, dass bereits tote Argumentationslinien von der politischen Reaktion wiederbelebt wurden, in der vermeintlichen Sicherheit, dass der Untergang der Sowjetunion ihre Richtigkeit ja „belege“. Somit dient der Text auch der politischen Selbstvergewisserung all derer, die heute trotz alledem für eine sozialistische Zukunft kämpfen. Denn nicht nur die großen Erfolge sozialistischer Länder in der Vergangenheit, auch die Tatsache, dass die Kritik am Sozialismus – sowohl die in der „Kalkulationsdebatte“ formulierte, als auch die spätere von Kornai – keinerlei überzeugende Argumente bietet, um am Sozialismus und seiner Überlegenheit zu zweifeln, dass also die besten Köpfe der bürgerlichen Welt in über einem Jahrhundert nicht in der Lage waren solche Argumente zu liefern, kann uns optimistisch stimmen. Es spricht nichts dafür, dass eine sozialistische Planwirtschaft zwangsläufig vor unlösbaren Problemen stehen und derentwegen gegenüber dem kapitalistischen Ausland ökonomisch ins Hintertreffen geraten müsste. Im Gegenteil spricht vieles dafür, dass dem nicht so ist und die sozialistische Planwirtschaft grundsätzlich die gegenüber dem Kapitalismus – auch unter den Gesichtspunkten der Effizienz des Ressourceneinsatzes und der Produktivitätsentwicklung – überlegene Produktionsweise ist.

Drittens schließlich hilft die Befassung mit den Argumenten der Gegner des Sozialismus doch dabei, potenzielle Herausforderungen und Probleme zu identifizieren, zu denen weitere Forschungsarbeit notwendig ist, indem sie gewissermaßen als Ausschlussverfahren bestimmte angebliche Probleme des Sozialismus als irrelevant aussortiert, sodass zukünftige Arbeiten in der sozialistischen Planungsdiskussion sich eher auf die richtigen Fragen konzentrieren können.

Der Text wird nun zuerst in Kapitel 2 die zentralen Argumente von Mises und Hayek in der Planungsdiskussion darstellen und kritisieren: Insbesondere die Argumente, dass Marktpreise für die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Güter sowie als Vehikel der Informationsübertragung in der Ökonomie unabdingbar seien. In diesem Rahmen werden auch die klassische Antwort von Oskar Lange sowie die neueren Beiträge von Cockshott und Cottrell kurz vorgestellt und kritisch überprüft.

In den Kapiteln 3 bis 6 werden die zentralen Argumente von Kornai vorgestellt und kritisch geprüft: In Kapitel 3 die Problematik der „weichen Pläne“ und der damit verbundenen Möglichkeit zur Planung von Produktivitätsfortschritten; in Kapitel 4 das Thema der „weichen Budgetbeschränkungen“ und die Frage, ob gesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln zu ineffizientem Umgang mit Ressourcen führen muss. In Kapitel 5 schließlich die Behauptung, wonach sozialistische Planwirtschaften regelmäßig nicht in der Lage seien, Güter von hoher Qualität zu produzieren und in Kapitel 6 das Konzept der „Mangelwirtschaft“, das Kornai für die sozialistischen Ökonomien im 20. Jahrhundert geprägt hat.

Dieser Text wird somit nicht auf alle der zwar zahlreichen, aber nicht immer geistreichen Argumente im Detail eingehen, die gegen den Sozialismus üblicherweise ins Feld geführt werden. Beispielhaft seien hier zwei solcher Scheinprobleme genannt: Zum einen die häufige These, dass „der Mensch“ von Natur aus zutiefst egoistisch sei und er deshalb so wenig wie nur möglich arbeiten würde, wenn nicht ständig die Entlassung in die Arbeitslosigkeit oder der Hungertod als Damokles-Schwert über seinem Kopf hinge. Das behauptet z.B. der hochverehrte Vater der bürgerlichen Soziologie Max Weber:

„Eine an Bedarfsdeckung orientierte Planwirtschaft muß – im Fall radikaler Durchführung – von diesen Motiven den Arbeitszwang durch das Unversorgtheits-Risiko mindestens abschwächen, da sie im Fall materialer Versorgungsrationalität jedenfalls die Angehörigen nicht beliebig stark unter der etwaigen Minderleistung des Arbeitenden leiden lassen könnte. (…) Sie hat also neben (eventuell) rein materiellen Sondergewinnchancen wesentlich ideale Antriebe ‚altruistischen‘ Charakters (im weitesten Sinn) zur Verfügung, um ähnliche Leistungen in der Richtung planwirtschaftliche Bedarfsdeckung zu erzielen, wie sie erfahrungsgemäß die autonome Orientierung an Erwerbschancen innerhalb der Erwerbswirtschaft in der Richtung der Beschaffung kaufkräftig begehrter Güter vollbringt.[5]

Einfacher ausgedrückt sagt Weber hier: Die Planwirtschaft ist darauf angewiesen, dass die Arbeiter hauptsächlich aus reiner Selbstlosigkeit arbeiten, weil ihnen ja nicht ständig der Verlust des Arbeitsplatzes angedroht wird. Was nicht gesagt, aber gemeint ist: Die Planwirtschaft scheitert an ihrem „unrealistischen Menschenbild“.

Die Bedeutung des Problems wird hier aber zumindest stark übertrieben. Denn zum einen kann es auch in einer sozialistischen Wirtschaft Sanktionen geben, wenn einzelne Arbeiter die Arbeit boykottieren sollten oder sichtlich unter ihren Möglichkeiten arbeiten. Nur wer im Rahmen seiner Möglichkeiten zur Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums beiträgt, kann einen Anspruch auf Teilhabe an diesem Reichtum erheben.

Zum anderen ist aber auch heute für viele Werktätige in verschiedenen Berufen die Angst vor Entlassung sicher nicht ihr primäres Motiv zu arbeiten. Vielmehr ist Arbeitsmotivation das Ergebnis einer Kombination vieler Faktoren, die sich vor allem auch je nach Tätigkeit sehr unterscheiden können: Der Identifikation mit dem Beruf und einem Berufsethos, Identifikation mit dem Arbeitgeber, der Wunsch, „etwas Gutes“ zu tun, Spaß an der Arbeit und den sozialen Kontakten, Langeweile wenn man nicht arbeitet und natürlich (nicht zuletzt) auch die Bezahlung. In einer sozialistischen Gesellschaft kommt aber zusätzlich noch das Hauptmotiv hinzu, als Teil eines gesellschaftlichen Gesamtprozesses am gemeinsamen Aufbau eines besseren Lebens beteiligt zu sein. Das ist kein Altruismus in dem Sinne wie Weber es meint, im Sinne einer Selbstaufgabe für andere. Vielmehr sind gesellschaftliche und individuelle Ziele in einer sozialistischen Gesellschaft nicht voneinander zu trennen, da sie nur gemeinsam erreicht werden können.

Ein zweites Beispiel für ein Scheinproblem, das zwar in der antikommunistischen Propaganda stets beliebt ist, wo aber wenig Anlass besteht, per se von einem Problem des Sozialismus auszugehen, ist die Behauptung, der Sozialismus sei zur Innovation nicht in der Lage[6]. Dahinter steht die falsche Vorstellung, technologische Entwicklungen würden von einzelnen genialen „Tüftlern“ und „Erfindern“ in ihren Hinterzimmern (vollgestopft mit Schriftrollen, Reagenzgläsern und Tafeln mit wirren Notizen) erfunden und der Welt einzig und allein zur Verfügung gestellt, um sich persönlich zu bereichern. Mit der Realität hat das natürlich nichts zu tun. Technologische Fortschritte entstehen in der Regel nur als Ergebnis großer Investitionen und jahre- oder jahrzehntelanger Forschungs- und Entwicklungsarbeit von Teams aus Wissenschaftlern und Ingenieuren, oft im Austausch mit der Produktion. In vielen Fällen bedarf es dafür zudem Großinvestitionen von Seiten des Staates oder starker staatlicher Begünstigung von Monopolunternehmen. Dass diese Prozesse unter kapitalistischen Bedingungen allein vom Profitmotiv getragen sind, versteht sich von selbst, bedeutet aber keineswegs, dass sie mit anderen Motiven und Triebkräften nicht ebenso effizient oder noch effizienter zu organisieren wären.

Bevor wir uns nun dem eigentlichen Gegenstand des Textes zuwenden, muss eine weitere grundsätzliche Anmerkung zur Methode vorangestellt werden, die ansonsten unkommentiert  an verschiedenen Stellen auftauchen würde: Es ist in der politischen Alltagsdiskussion, aber tatsächlich auch in Ausarbeitungen mit wissenschaftlichem Anspruch (einschließlich bei Kornai) gang und gäbe, die angebliche Unterlegenheit der Planwirtschaft durch unmittelbare Vergleiche zwischen kapitalistischen und sozialistischen Ländern zu „belegen“. Diese Vergleiche sollen zeigen, dass sozialistische Länder einen niedrigeren Lebensstandard, einen technologischen Rückstand und allgemein geringeren gesellschaftlichen Wohlstand aufwiesen als kapitalistische Länder. Regelmäßig werden dabei Länder miteinander verglichen, die sich auf völlig unterschiedlichen Stufen der Entwicklung ihrer Produktivkräfte befinden und bereits bei Beginn des sozialistischen Aufbaus befanden. Mit dieser „Methode“ kann dann triumphierend festgestellt werden, dass Bulgarien in den 1980ern ein geringeres Konsumniveau aufwies als Japan, dass Kuba ärmer ist als Schweden und auch die DDR eine niedrigere Arbeitsproduktivität hatte als die BRD. Es sollte eigentlich auf der Hand liegen, weshalb solche Vergleiche nicht nur völlig nichtssagend, sondern auch im höchsten Maße intellektuell unehrlich sind. Leider ist das Niveau solcher Diskussionen (auch im akademischen Bereich) zumeist so niedrig, dass es dennoch notwendig erscheint, etwas mehr dazu zu schreiben. Weshalb ist die Methode des direkten Vergleichs also so vollkommen nutzlos und irreführend?

Es ist eine Tatsache, dass alle sozialistischen Länder den Aufbau des Sozialismus unter Bedingungen begannen, die im Vergleich zu den genannten kapitalistischen Ländern sehr nachteilig waren. Die Bolschewiki siegten 1917 in einem unterentwickelten Agrarland, mit nur einigen industriellen Inseln in den großen Städten, mit einer völlig ungebildeten, mehrheitlich bäuerlichen Bevölkerung und einer Landwirtschaft, die sich vielerorts seit Jahrhunderten kaum technologisch weiterentwickelt hatte. Zudem war das Land ausgelaugt durch den verlorenen Ersten Weltkrieg, wurde durch den Bürgerkrieg und die ausländische imperialistische Intervention 1918-21 noch weiter verwüstet und erlebte schließlich im Zweiten Weltkrieg einen Vernichtungskrieg, der in der Menschheitsgeschichte kaum Vergleichbares findet. Somit startete die Sowjetunion 1945 als zerstörtes und erschöpftes Land, das seine Industrialisierung erst ungefähr 15 Jahre vorher begonnen hatte, bevor der Krieg sie unterbrach, in einen Kalten Krieg gegen die USA, die führende Industrie- und Finanzmacht der Welt. Da sofort nach Kriegsende die westlichen imperialistischen Zentren damit begannen, einen Angriffskrieg gegen die Sowjetunion zu planen[7], die USA das Atomwaffenmonopol innehatten und gerade in Japan zeigen konnten, dass sie keine Skrupel hatten, diese Waffen einzusetzen, war die Sowjetunion gezwungen, wiederum große Ressourcen in die Aufrüstung und ein Atomprogramm zu investieren, um eine erneute feindliche Invasion und einen Dritten, noch verheerenderen Weltkrieg zu verhindern.

Der Wirtschaftshistoriker Robert Allen weist in seiner hervorragenden und sehr faktenreichen Analyse der sowjetischen Ökonomie nach, dass in der enormen Belastung durch das Wettrüsten einer der Hauptgründe für die zunehmenden ökonomischen Probleme der Sowjetunion ab den 1970ern lag – neben anderen Faktoren wie der Erschöpfung bestimmter Rohstoffvorkommen, dem zu geringen Bevölkerungswachstum, was zu einem Mangel an Arbeitskräften führte und falschen Investitionsentscheidungen[8]. Gehen wir allein auf diesen einen Faktor beispielhaft ein: Nach Berechnungen der CIA gab die Sowjetunion 1966–70 jährlich 12% ihres BIP für Rüstung aus und 1981-85 sogar 16%[9] – zum Vergleich: Auch mit einem beispiellosen Aufrüstungsprogramm lagen die Rüstungsausgaben der Bundesrepublik 2024 „nur“ bei 2,1%[10]. Dies zog enorme Ressourcen aus der zivilen Industrie ab, die dort für Investitionen fehlten – so argumentiert Ball, dass die oft behaupteten hohen Investitionsraten in der sowjetischen Industrie in Wirklichkeit eine statistische Illusion waren, da die sowjetische Statistik zivile und militärische Investitionen nicht klar trennte und ein erheblicher Teil der vermeintlich zivilen Investitionen in Wirklichkeit unproduktive Rüstungsausgaben waren[11]. Die negativste Auswirkung war laut Allen, dass Ressourcen aus der zivilen Forschung in die militärische umgeleitet wurden: vor allem technische Angestellte, die dann dem zivilen Sektor nicht mehr zur Verfügung standen, aber auch Investitionen in Maschinerie. Selbst hoch priorisierte zivile Branchen krankten daher an veralteten Anlagen, fehlender technischer Ausrüstung und nicht ausreichend ausgebildetem Personal. Dass das Wirtschaftswachstum von den 60ern bis 1985 sank, lag laut Allen zu über der Hälfte an der Belastung durch den Militärsektor[12].

Die hohen Rüstungsausgaben führten sicherlich nicht zwangsläufig zum Scheitern des Sozialismus. Sie verringerten aber erheblich den Spielraum für die Entwicklung des Sozialismus und führten dazu, dass Fehlentscheidungen, die bei bereits bestehenden Belastungen getroffen wurden, sich langfristig verheerend auswirkten und das System unterminierten. Unter diesen enorm nachteiligen Bedingungen und ständigen Belastungen wäre es selbst ohne wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen sehr schwierig gewesen, die führenden Länder des imperialistischen Lagers ökonomisch einzuholen.

In ähnlichem Maße, zum Teil sogar noch weitaus stärker, gilt dieses Argument auch für die anderen sozialistischen Länder, selbst für diejenigen, die vor Beginn der sozialistischen Phase wirtschaftlich am weitesten entwickelt waren (DDR, CSSR[13]). Berücksichtigt man all diese Voraussetzungen, kann von einem wirtschaftlichen Scheitern der sozialistischen Länder im 20. Jahrhundert insgesamt sicherlich nicht gesprochen werden[14].

2. Kann eine Ökonomie ohne Marktpreise funktionieren?

Seit die Zielstellung einer sozialistischen Gesellschaft und Ökonomie von den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus formuliert wurde, erhoben bürgerliche Kritiker ihre Einwände gegen die Machbarkeit einer zentralen sozialistischen Wirtschaftsplanung. Auch die siegreiche Oktoberrevolution im Jahr 1917 konnte diese Stimmen vorerst nicht zum Verstummen bringen, da die zentrale Planwirtschaft in der Sowjetunion erst Ende der 1920er Jahre eingerichtet wurde. Die berühmte „sozialistische Kalkulationsdebatte“ (international als socialist calculation debate bekannt), fand daher in den 1920ern und auch noch 30ern statt, während der Sozialismus bereits in der Praxis aufgebaut wurde.

Ihr Gegenstand war die Frage: Sind in einem Wirtschaftssystem, das nicht auf der Konkurrenz zwischen Unternehmen beruht, sondern auf zentraler Planung, effiziente wirtschaftliche Entscheidungen möglich?

Die berühmtesten Teilnehmer der Debatte waren auf der Seite der Gegner des Sozialismus die beiden österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek. Mises, mit seinem berühmt gewordenen Artikel von 1920 („Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“), und später Hayek versuchten zu beweisen, dass ein sozialistisches Wirtschaftssystem nicht möglich sei beziehungsweise, in der späteren abgeschwächten Argumentation, zwangsläufig zur Ineffizienz und irrationalen Entscheidungen führe. Auf der anderen Seite der Debatte stammte der bekannteste Beitrag, der die Möglichkeit einer rationalen Wirtschaftsrechnung auf der Grundlage von kollektivem Eigentum an den Produktionsmitteln beweisen wollte, von dem polnischen Ökonomen Oskar Lange. Lange war kein Marxist, sondern Anhänger der neoklassischen Schule der Wirtschaftswissenschaften. Gleichzeitig war er aber, im direkten Gegensatz zur Intention dieser Theorie, politisch ein entschiedener Gegner des Kapitalismus und wollte die Instrumente der neoklassischen Theorie für die Konstruktion einer sozialistischen Wirtschaft nutzbar machen.

Den Verlauf der Kalkulationsdebatte werden wir hier nicht darstellen. Wir werden aber die Argumente der Debatte hier in zusammengefasster Form behandeln – einerseits, weil sie der Stand sind, auf dem ein Großteil der aktuellen Diskussionen sich bewegt; andererseits aber auch, weil die Debatte, obwohl wir sie in vielen Punkten für unzureichend oder gar irreführend halten, dennoch verschiedene reale Probleme aufwirft und eine Zusammenfassung es so möglicherweise erleichtert, sich einem Verständnis der komplexen Fragestellungen zu nähern, vor denen wir stehen.

Die zentralen Argumente bei Mises: Fehlende Vergleichsgrundlage und Rechnungsprobleme

Bevor wir uns kurz mit der Antwort Langes und dann ausführlicher mit unseren eigenen Einwänden gegen diese Argumente befassen, sollten diese vier Punkte zur besseren Verständlichkeit zunächst ausgeführt werden.

Mises argumentierte zu Beginn der Debatte, dass es in einer sozialistischen Wirtschaft mit gesellschaftlichem Eigentum an den Produktionsmitteln keinen Maßstab gebe, anhand dessen man die verschiedenen Güter miteinander vergleichen könne. Lassen wir Mises selbst zu Wort kommen, wie er über die vermeintlich unlösbaren Probleme spricht, vor denen eine sozialistische Wirtschaftsplanung stehen müsse:

„In dem rastlosen Getriebe dieses Prozesses fehlt aber der Wirtschaftsleitung jede Möglichkeit, sich zurecht zu finden. Sie kann nicht feststellen, ob das Werkstück auf dem Wege, den es zu durchlaufen hat, nicht überflüssigerweise aufgehalten wird, ob an seine Vollendung nicht Arbeit und Material verschwendet werden. Welche Möglichkeit hätte sie, zu erfahren, ob diese oder jene Erzeugungsart die vorteilhaftere ist? Sie kann bestenfalls die Güte und Menge des genußreifen Endergebnisses der Erzeugung vergleichen, aber sie wird nur in den seltensten Fällen in der Lage sein, den bei der Erzeugung gemachten Aufwand zu vergleichen. Sie weiß genau, welchen Zielen ihre Wirtschaftsführung zustreben soll oder glaubt es zu wissen, und sie soll darnach handeln, d. h., sie soll die angestrebten Ziele mit dem geringsten Aufwand erreichen. Um den billigsten Weg zu finden, muß sie rechnen. Diese Rechnung kann natürlich nur eine Wertrechnung sein; es ist ohne weiteres klar und braucht keiner näheren Begründung, daß sie nicht technisch sein, nicht auf dem objektiven Gebrauchswert (Nutzwert) der Güter und Dienstleistungen aufgebaut werden kann.[15]

Zusammengefasst: Um zwischen verschiedenen Alternativen eine sinnvolle Entscheidung treffen zu können, die auf die Ersparnis von Arbeitskraft und anderen Ressourcen abzielt, ist es nicht möglich, allein mit stofflichen Größen (z.B. 50 t Walzstahl, 3,5 km Zahnseide, 1479 Autos) zu rechnen, sondern man braucht eine Größe, die verschiedene Güter und Arbeitsprozesse miteinander vergleichbar macht. Und zweitens: Diese Größe kann nur der Wert und der Ausdruck in Preisen und Geld sein.

Die erste der beiden Feststellungen ist offensichtlich richtig: Um Effizienz überhaupt bestimmen zu können, müssen verschiedene Güter und Arbeiten bewertet werden. Ohne jeglichen allgemeinen Maßstab ist es nicht möglich zu ermitteln, welche von zwei Fabriken, die Glühbirnen herstellen, effizienter arbeitet. Stoffliche Größen, wie die Anzahl der produzierten Glühbirnen, ihre Größe oder ihr Gewicht, geben darüber keinen Aufschluss. Wenn also im Sozialismus kein Warentausch stattfindet, der über Wert und Preise, also Geldausdrücke vermittelt wird, dann muss eine andere Methode gefunden werden verschiedene Arbeiten vergleichbar zu machen. Falls es diese Methode nicht gäbe, wäre die Produktionsplanung zwangsläufig mit ungeheurer Verschwendung verbunden: Es gäbe keine Möglichkeit zu überprüfen, ob Methode A oder Methode B vorzuziehen ist, um ein Produkt herzustellen; ob Produkt A oder Ersatzprodukt B verwendet werden sollte; ob man elektrische Leitungen besser aus Kupfer oder Gold herstellen sollte.

Die zweite Behauptung von Mises, dass dies nicht möglich sei und Marktpreise daher unvermeidlich, ist diejenige, um die sich die sozialistische Kalkulationsdebatte hauptsächlich drehte. Die schon von Marx und in heutiger Zeit von Cockshott und Cottrell vorgesehene Rechnungsgrundlage der sozialistischen Wirtschaft ist die in den verschiedenen Produkten steckende durchschnittliche abstrakte (!) Arbeitszeit. Es wird also zu prüfen sein, ob es sich dabei tatsächlich um einen praxistauglichen Vorschlag handelt: Ist die Arbeitszeit, die zur Produktion einer Sache erforderlich ist, ein sinnvoller Maßstab zum Vergleich von Gütern? Sollte sie der einzige Maßstab sein, an dem die Produktionsplanung sich orientiert? Und ist es überhaupt praktisch umsetzbar, die in Millionen Gütern steckenden und sich ständig verändernden Arbeitszeiten zu ermitteln?

Mises versucht weiterhin die Unmöglichkeit einer Wirtschaftsplanung auf der Grundlage von Arbeitszeit nachzuweisen, indem er sein erstes Argument, wonach ohne kapitalistische Marktpreise Güter nicht miteinander vergleichbar seien, auf einen Sonderfall anwendet, nämlich die Arbeitskraft selbst. Sein Argument lautet: Die Arbeitszeit ist kein sinnvoller Vergleichsmaßstab für unterschiedliche Arbeitsprodukte, weil Arbeiten selbst verschieden sind: Die Arbeit eines Bauarbeiters kann man nicht gleichsetzen mit der eines Ingenieurs, weil der letztere weitaus komplexere Kenntnisse erwerben musste, bevor er diese Arbeit verrichten konnte[16]. Der Sozialismus müsse nun für die Umrechnung der verschiedenen Arbeiten und ihre Vergleichbarkeit ein willkürliches Umrechnungsverhältnis einfach festsetzen, was eine rationale Wirtschaftsrechnung unmöglich mache.

Auch diese Feststellung ist offensichtlich zutreffend – auch eine sozialistische Wirtschaft kann nicht Arbeitskräfte mit unterschiedlichen Qualifikationen in ihrer Planung gleich bewerten. Es kann zwar in einem bestimmten Rahmen politisch sinnvoll sein, dass alle Mitglieder der Gesellschaft auch manuelle Arbeiten verrichten sollen, um die Verbindung von Intelligenz und manuellen Arbeitern zu stärken. Ökonomisch gesehen ist es aber natürlich Verschwendung, wenn eine Raumfahrtingenieurin zur Erdbeerernte eingeteilt wird, was umso schwerer ins Gewicht fällt, solange gut ausgebildete Arbeitskräfte noch knapp sind. Ob dieser Umstand als Argument gegen die Machbarkeit zentraler Planwirtschaft taugt, bleibt jedoch zu überprüfen.

Das dritte Argument: Wenn Arbeitszeit der Maßstab der Effizienz ist, dann zielen alle wirtschaftspolitischen Entscheidungen nur auf die Ersparnis von Arbeitskraft ab. Die Planer würden also im Sozialismus nur danach streben, den Arbeitsaufwand im Produktionsprozess durch neue Technologien oder Mechanisierung zu reduzieren, während Ziele wie die Reduzierung des Materialverbrauchs, von umweltschädlichen Emissionen, die Verbesserung der Produktqualität usw. keine Rolle spielen – und natürlich bezweifelt Mises aus den genannten Gründen sowieso auch, dass die Planwirtschaft in der Lage wäre, selbst die Erhöhung der Arbeitsproduktivität wirksam zu verfolgen. 

Seine Schlussfolgerung: „Jede wirtschaftliche Veränderung wird so im sozialistischen Gemeinwesen zu einem Unternehmen, dessen Erfolg weder im vorhinein abgeschätzt noch auch später rückschauend festgestellt werden kann. Alles tappt hier im Dunkeln. Sozialismus ist Aufhebung der Rationalität der Wirtschaft.[17] – eine „rationale“, d.h. auf die Erzielung größtmöglichen Nutzens und die Vermeidung von Verschwendung abzielende Wirtschaft sei im Sozialismus deshalb grundsätzlich unmöglich.

Hayeks Argument: Die Preise sind notwendige Vehikel des Informationstransfers

Das vierte Argument schließlich bezieht sich auf die Funktion der Marktpreise, Informationen zu übermitteln: Knappheit und Überfluss im Angebot einer Ware, ebenso wie steigende oder sinkende Nachfrage nach ihr, drücken sich in Veränderungen der Preise aus. Dadurch können die Teilnehmer des Marktes die wesentlichen Informationen, die sie für ihr Handeln brauchen, direkt aus den Preisbewegungen ablesen, ohne dass sie im Konkreten irgendetwas über die Ursachen dieser Veränderung wissen müssen.

Während dieses Argument auch bei Mises eine Rolle spielt, war es vor allem Hayek, der diesen Aspekt im späteren Verlauf der Kalkulationsdebatte in den Mittelpunkt des Angriffs auf den Sozialismus rückte. Hayek war, anders als die meisten liberalen und antisozialistischen Ökonomen, kein Anhänger der neoklassischen Theorie. Die Neoklassik pflegte utopische Vorstellungen vom Markt als einer zuverlässig sich selbst regulierenden Institution, die automatisch zu einem Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage tendiere. Hier ist nicht der Ort, die vielen Fehlannahmen dieser Position zu kritisieren. Relevant für das Verständnis von Hayeks Argumentation ist aber seine eigene, selbst aus einer fundamental prokapitalistischen Sicht geschriebene Kritik an der Neoklassik. Hayek kritisierte die Gleichgewichtsmodelle der Neoklassik dafür, dass sie immer voraussetzen, dass alle Marktteilnehmer die notwendigen Informationen, die sie brauchen, um optimale Entscheidungen zu treffen, bereits haben. Dies ist in der Tat offensichtlich eine völlig unrealistische Annahme, die zudem den Mechanismus der kapitalistischen Konkurrenz unverständlich macht – denn die Konkurrenz der Kapitalisten beruht auch darauf, dass sie sich gegenseitig vom Wissen über die effizientesten Entscheidungen (Wissen über neu entstehende Nachfrage, über günstige Gelegenheiten für Investitionen, über verbesserte Abläufe der Produktion usw.) versuchen auszuschließen und darüber einen Konkurrenzvorteil zu erreichen. An dieser Stelle können wir deshalb darauf verweisen, dass die umfassende Kooperation und Vergesellschaftung des Wissens sogar einer der Gründe ist, weshalb die sozialistische Planwirtschaft das Potenzial hat, gegenüber der kapitalistischen Produktionsweise in der Entwicklung neuer Technologien überlegen zu sein – denn das Wissen über eine neue Technologie, ein neues Bedürfnis der Konsumenten oder eine bessere Produktionsmethode wäre im Sozialismus nicht das Geheimnis eines einzelnen Unternehmens, sondern würde schnellstmöglich allen Betrieben zur Verfügung gestellt werden, um den Fortschritt der Produktivkräfte zu beschleunigen.

Hayek sah das freilich anders: Er sieht die Frage des Wissenserwerbs als eine entscheidende Herausforderung jedes Wirtschaftssystems und den Markt als die einzig zuverlässige Methode diese zu lösen.

Das Wissen, das für das Treffen der Produktionsentscheidungen erforderlich ist (z.B. über die Verfügbarkeit von Gütern oder Bedürfnisse der Konsumenten), liegt denjenigen, die es brauchen normalerweise nicht vor, sondern ist über die ganze Gesellschaft verstreut. Der Markt vollbringt nun das Wunderwerk, die Wissensfragmente, die in unterschiedlichen Köpfen überall in der Gesellschaft existieren, zusammenzuführen. Für Hayek fungieren Märkte daher als Entdeckungsverfahren, die die in der Gesellschaft verstreuten Informationen den Marktsubjekten zutragen, damit diese rationale wirtschaftliche Entscheidungen treffen können. Dieses Ergebnis kann für Hayek nur auf diesem Weg, über den unbewussten Mechanismus der Preise, zustande kommen. Es kann nicht bewusst erzeugt werden, weil es das Wissen eines anleitenden Geistes erfordern würde, das das Wissen jeder einzelnen Person oder auch einer Planungsbehörde bei weitem übersteigen würde. Es handle sich also um ein Problem einer Komplexität, die nicht ohne den Markt zu bewältigenden sei[18]. Die Preise spielten dabei die Rolle, die separaten Handlungen der Individuen zu koordinieren, ohne dass diese Individuen dafür konkrete Informationen über die ökonomische Situation bräuchten, in der sie sich befinden. Hayek führt ein berühmt gewordenes Beispiel an: Ob irgendwo eine neue Möglichkeit für die Weiterverarbeitung eines Rohmaterials wie Zinn entsteht und die Nachfrage nach Zinn steigt oder eine der Quellen von Zinn versiegt ist, durch beides wird das Angebot an Zinn geringer und sein Preis steigt. Für das Wirtschaftssubjekt, das Zinn produziert oder verbraucht, sei es nun egal, welcher der beiden Gründe zutrifft, er müsse nur wissen, dass er an Zinn sparen muss beziehungsweise es sich lohnt, mehr davon zu produzieren. Das Preissystem ist für Hayek also ein Mechanismus zur Kommunikation von Informationen und je direkter die Preise auf Veränderungen reagieren, desto besser funktioniert es[19]. Damit seien die Marktpreise vor allem auch unverzichtbar, um auf Veränderungen reagieren zu können – die Erstellung eines Plans für eine statische Ökonomie sei, so Hayek, noch machbar, aber angesichts kurzfristigen Wandels seien die sozialistischen Planer überfordert.

Der Sozialismus scheitere nun daran, dass er den Markt, diese angebliche Zaubermaschine zur Wissensermittlung, durch eine zentrale Behörde ersetzt, die niemals fähig sein könne, die unzählbaren Fragmente von Informationen, die nur der Gesamtheit aller Individuen bekannt sind, zu kennen und zu verarbeiten. Die sozialistischen Planer stünden also vor dem Problem, begrenzte Ressourcen zur Verfügung zu haben, die sie auf verschiedene Zielsetzungen verteilen müssen, die sich gegenseitig ausschließen. Wenn die Planbehörde einen Investitionsfonds in bestimmter Höhe zur Verfügung stehen hat, woher soll sie wissen, ob sie in die Produktion von mehr Grippeimpfstoffen, in den Bau einer neuen Mikrochipfabrik, den Ausbau des gastronomischen Angebots in einer Stadt oder eine von Millionen anderen denkbaren Projekten investieren soll? Oder, falls sie in all diese Projekte investieren will, wie verteilen sich die jeweiligen Anteile? Und weiter: Wenn sie einmal weiß, was genau gebaut, ausgebaut und produziert werden soll, woher sollen die betroffenen Betriebe ihre Inputs beziehen, wenn es mehrere Alternativen gibt? Wie organisieren sie am besten ihre Produktion?

Dieses Argument wird zwar erst von Hayek in den Fokus gerückt, es war aber zu diesem Zeitpunkt nicht neu. Wahrscheinlich zum ersten Mal formuliert wurde es bereits 1854 von Hermann Heinrich Gossen, einem zentralen Vorläufer der bis heute in der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft vorherrschenden neoklassischen Grenznutzentheorie, der damit bereits 1854 der gerade erst entstehenden kommunistischen Bewegung die Unmöglichkeit ihrer Zielstellungen nachweisen wollte:

„Dazu folgt aber außerdem aus den im vorstehenden gefundenen Sätzen über das Genießen, und infolgedessen über das Steigen und Sinken des Wertes jeder Sache mit Verminderung und Vermehrung der Masse und der Art, dass nur durch Feststellung des Privateigentums der Maßstab gefunden wird zur Bestimmung der Quantität, welche den Verhältnissen angemessen am Zweckmäßigsten von jedem Gegenstand zu produzieren ist. Darum würde denn die von Kommunisten projektierte (d.h. vorgesehene) Zentralbehörde zur Verteilung der verschiedenen Arbeiten sehr bald die Erfahrung machen, dass sie sich eine Aufgabe gestellt habe, deren Lösung die Kräfte einzelner Menschen weit übersteigt.[20]

Manche Aspekte der Kritik, die in der sozialistischen Kalkulationsdebatte gegen die sozialistische Planung vorgebracht wurde, sind sicherlich ernst zu nehmen: Wenn sie beispielsweise dafür argumentieren, dass ohne Marktpreise eine rationale Wirtschaftsrechnung oder ein sparsamer Transfer der wichtigsten Informationen unmöglich wäre. Hätten Mises und Hayek damit Recht, dann würde das bedeuten, dass eine effizient  kalkulierende Planwirtschaft tatsächlich unmöglich wäre. Damit wäre auch eine Alternative zum Kapitalismus nicht möglich und der Kampf für den Sozialismus würde vergeblich einer unmöglichen Traumwelt nachjagen, ähnlich wie es die utopischen Sozialisten taten oder die Anarchisten heute noch tun.

Von Seiten des Marxismus wird oft als Gegenargument eingeworfen, dass im Inneren der großen Monopolkonzerne bereits heute eine ausdifferenzierte zentrale Wirtschaftsplanung stattfinde und damit die Kritik an der Planwirtschaft im Grunde bereits praktisch widerlegt sei[21]. Dieser Punkt ist zwar für andere Aspekte der Planungsdiskussion relevant, insbesondere wenn es um Fragen der konkreten Planung und Organisation der Produktion oder von Lieferketten geht, er hilft aber auf der grundsätzlichen Ebene, auf der sich die Planungsdebatte der 1920er und 30er bewegte, nicht weiter. Denn kapitalistische Monopole planen zwar intern bis ins Detail ihre Produktion, sie können für ihre Wirtschaftsrechnung aber auf Preise zurückgreifen, die auf dem Weltmarkt gebildet werden. Und diese Preise entstehen, auch unter den Bedingungen des heutigen Monopolkapitalismus, durch die Konkurrenz zwischen Unternehmen. Die Frage, wie Verrechnungspreise im Sozialismus gebildet werden können, erfordert also eine Antwort, denn durch Zauberhand entstehen sie nicht.

Die Probleme der Verarbeitung riesiger Datenmengen und der Konsistenz des Plans

Um die Argumente der Kritiker des Sozialismus zu entkräften, müssen also mehrere miteinander verbundene Probleme gelöst werden: Es muss ein Mechanismus benannt werden, der Waren und Arbeitsprozesse unterschiedlicher Qualität miteinander vergleichbar macht, es muss eine Methode der Umrechnung komplizierter (d.h. qualifizierter) in einfache Arbeit existieren und schließlich muss gezeigt werden, dass es möglich ist, die gewaltigen Datenmengen, die eine zentrale Planung der gesamten Wirtschaft erfordert, zu erheben und zu verarbeiten.

Der letzte Aspekt ist zwar technischer Natur, taucht aber immer wieder als zentrales Argument gegen den Sozialismus auf. So schreibt János Kornai:

„Die riesige Menge an Informationen, die für die bürokratische Koordinierung erforderlich ist, verursacht an sich schon ernste Probleme. Die Zusammenstellung und Verarbeitung dieser riesigen Informationsmenge und die darauf basierende Koordinierung ist eine zu große und schwierige Aufgabe, als dass sie durch eine zentralisierte Planung und Verwaltung effizient bewältigt werden könnte.[22].  

Das Problem sei, dass die Planer ein riesiges System nebeneinander bestehender Gleichungen lösen müssen, damit in der gesamten Ökonomie Angebot und Nachfrage nach sämtlichen Gütern miteinander in Übereinstimmung gebracht werden können. Dies wird natürlich dadurch kompliziert, dass diese Gleichungen  teilweise miteinander zusammenhängen: Der Bedarf an einem komplexen Produkt wie zum Beispiel einer Lokomotive beeinflusst direkt den Bedarf an allen Vorprodukten, die in ihre Produktion eingehen, das heißt unzähligen Maschinenteilen, Elektronik usw., die wiederum aus Vorprodukten bestehen, außerdem Stahl für die Ummantelung, Lack, Glas, Kunstleder für die Sitze usw.. In der Kalkulationsdebatte war daher oft die Rede von der Ökonomie als einem „System simultaner Gleichungen“. Das ist allerdings wiederum eine starke Übertreibung, denn in Wirklichkeit hängen die meisten Gleichungen nicht miteinander zusammen (oder so schwach, dass der Zusammenhang zu vernachlässigen ist): Für die Produktion von Fensterscheiben benötigt man beispielsweise keine Zahnpasta und auch keine Malstifte. Das ist, wie wir an späterer Stelle (bei der Vorstellung des Konzepts von Cockshott und Cottrell) sehen werden, sehr wichtig für die Kalkulierbarkeit eines volkswirtschaftlichen Plans. Wäre die Ökonomie tatsächlich ein System aus vielen Millionen untrennbar miteinander zusammenhängenden Gleichungen, wäre die Berechnung eines Plans für die gesamte Volkswirtschaft um einige Größenordnungen komplexer, als sie es in Wirklichkeit ist.

Für Kornai und viele andere Gegner des Sozialismus steht fest, dass auch ein starker Computer damit überfordert wäre, diese Ordnungen an Komplexität mit Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Millionen unterschiedlichen Waren zu lösen. Diese Planungsaufgabe, so Kornai, sei also nur theoretisch lösbar, wenn unendlich viel Zeit und Ressourcen vorhanden wären. In der Praxis ist aber der Planungszeitraum natürlich immer begrenzt und irgendwann muss der Plan in die Tat umgesetzt werden. Daher müsse der Planungsprozess in der Praxis immer an einem willkürlichen Punkt abgebrochen werden, bevor der Plan wirklich fertig und konsistent ausgearbeitet wurde. Diese Inkonsistenzen, das heißt Engpässe bei der Versorgung mit bestimmten Gütern und Überproduktion anderer Güter, kämen im Verlauf der Planumsetzung immer zum Vorschein und erforderten improvisierte ad-hoc-Lösungen. Diese Lösungen führten wiederum zu neuen Problemen, weil sie an den Proportionen der Ökonomie etwas ändern (indem z.B. ein Engpass an einem bestimmten Produkt behoben wird, dadurch, dass schnell neue Produktionskapazitäten geschaffen werden, die aber wiederum auf vorgefertigte Produkte angewiesen sind), was dafür wieder Probleme an anderen Stellen hervorruft, da alle Teile des Plans miteinander zusammenhängen[23].

Weil der Plan nur als Gesamtheit konsistent sein kann und jede Veränderung die Konsistenz infrage stellt, werde der Plan also auch unflexibel. Es sei kaum möglich, auf unvorhergesehene negative oder positive Entwicklungen (z.B. eine Naturkatastrophe, die Erfindung einer neuen Technologie oder eines neuen Produkts) zu reagieren, wenn es im ursprünglichen Plan nicht vorgesehen war.[24]

Gehen wir im Folgenden nun auf die Kritikpunkte der Reihe nach ein.

Wie können im Sozialismus verschiedene Arbeiten und Arbeitsprodukte miteinander verglichen werden?

Zuerst zum Grundsätzlichsten: Der Behauptung, dass ohne Marktpreise der Vergleich von Arbeitsprodukten gar nicht möglich wäre. Wäre dies der Fall, dann wäre eine sozialistische Ökonomie in der Tat unmöglich, da den sozialistischen Planern auch kein Kriterium der Effizienz vorliegen würde, nach dem sie ihre Planungsentscheidungen ausrichten könnten.

Glücklicherweise steht Mises‘ Argumentation aber auf äußerst schwachen Füßen. Weder ihm noch seinen Anhängern ist es jemals gelungen, nachzuweisen, was er behauptet – dass es zu den Marktpreisen keine Alternative gäbe. Mindestens in der sehr weitgehenden Form, in der Mises seine Behauptungen aufstellt, muss man seine Position als durch die Praxis eindeutig widerlegt betrachten: Wenn er behauptet, eine „rationale“ Wirtschaft sei im Sozialismus nicht möglich, dann haben die Erfolge der nur wenige Jahre später eingerichteten sowjetischen Planwirtschaft zumindest bewiesen, dass es grundsätzlich möglich ist, enorme Produktivitätssteigerungen in einer Volkswirtschaft durch zentrale Wirtschaftsplanung zu erreichen. Damit soll nicht bestritten werden, dass es auch Fehlkonstruktionen in der Planung gab, dass es zu Verschwendung, zu Engpässen oder Überproduktion kam. Trotzdem war es offensichtlich grundsätzlich möglich, anhand des Materialverbrauchs und des Produktionsausstoßes Effizienzsteigerungen zu messen und diese im Rahmen der Pläne auch als Ziel zu verfolgen.

Vor allem seit dem Ende der Sowjetunion ist zudem eine Debatte um die Arbeitszeitrechnung als Grundlage der zentralen Wirtschaftsplanung entstanden, die in den letzten Jahren auch mit deutschsprachigen Publikationen an Bedeutung gewonnen hat[25]. Auf die bedeutendsten Vertreter dieses Ansatzes, Paul Cockshott und Allin Cottrell, sowie die Probleme der bisherigen Konzeptionen, wird weiter unten in diesem Text eingegangen.

Allgemein lässt sich an dieser Stelle jedoch sagen, dass die Arbeitszeitrechnung auf grundlegender Ebene die Behauptungen von Mises und seinen Anhängern angreift: Der Grundgedanke besteht hierbei darin, dass in allen produzierten Gütern menschliche Arbeit verkörpert ist, die sich anhand der geleisteten Arbeitszeit quantifizieren lässt. In der kapitalistischen Produktionsweise ist der Austausch der Güter auf dem Markt als Waren letztlich durch das Wertgesetz bestimmt, was bedeutet, dass die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit zur Produktion einer Ware im Endeffekt das Austauschverhältnis der Ware zu anderen Waren und damit ihren Preis bestimmt. In der sozialistischen Produktionsweise findet kein Warentausch statt, aber dennoch kann die in den Gütern verkörperte Arbeitszeit als Maßstab dienen, um diese miteinander zu vergleichen, obwohl sie von ihren konkreten Eigenschaften her ansonsten nicht das Geringste miteinander zu tun haben; sie ist zudem aber auch ein direkter Maßstab der Arbeitsproduktivität, das heißt, sie zeigt unmittelbar an, in welchem Maße arbeitssparende Technologien, Techniken oder neue Formen der Arbeitsorganisation den Produktionsprozess verbessern.

Nun ist dieser grundsätzliche Vorschlag nicht neu, sondern findet sich bereits bei Marx, weshalb Mises sich bemühte, die Arbeitszeitrechnung von vornherein als Möglichkeit auszuschließen: In einer sozialistischen Ökonomie auf der Grundlage der Arbeitszeitrechnung, so Mises, seien alle Arbeitsprozesse miteinander gleichgesetzt – schließlich verwendet man ja die Arbeitszeit als einheitlichen Maßstab. Damit sei es unmöglich, zwischen einfacher, ungelernter und qualifizierter, möglicherweise hochspezialisierter Arbeit zu unterscheiden. Wenn die Arbeit eines Kassierers im Supermarkt genauso bewertet wird wie die einer Programmiererin für Künstliche Intelligenz oder eines Ingenieurs, fehle wiederum ein objektiver Maßstab für Effizienz.

Auch hierbei handelt es sich nicht um ein tragfähiges Argument. Denn die komplizierte Arbeit ist für die Gesellschaft deshalb wertvoller als die einfache, weil sie eine Ausbildung voraussetzt, also einen möglicherweise längeren Zeitraum, in dem ein Arbeiter keine oder nur wenig produktive Arbeit leistet, sondern sich stattdessen darauf konzentriert, seine Arbeitskraft zu qualifizieren. Außerdem ist in dieser Zeit die Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern, generell von Beschäftigten im Ausbildungssystem, in die Qualifizierung der Arbeitskraft geflossen. Indem die durchschnittliche Ausbildungszeit und sonstige Ausbildungskosten (Materialien, Arbeitsaufwand der Ausbilder usw.) für jeden Beruf bekannt sind und auf Grundlage eines Schätzwertes für die Zeit, die die ausgebildete Person voraussichtlich in ihrem Beruf arbeiten wird, lässt sich jede komplizierte Arbeit zumindest annäherungsweise in die einfache Arbeit der ungelernten Arbeitskraft umrechnen. Wie diese Umrechnung in der Praxis technisch durchzuführen ist, welche praktischen Probleme dabei auftreten könnten und wie genau das Ergebnis voraussichtlich sein wird – all das sind konkrete Fragen, die untersucht und beantwortet werden sollten. Doch an dieser Stelle können wir festhalten, dass Mises‘ Behauptung, eine solche Umrechnung sei prinzipiell unmöglich, jeder Grundlage entbehrt.

Ist eine moderne Ökonomie zu komplex für eine zentrale Planung?

Das Problem der Verarbeitung riesiger Datenmengen ist unzweifelhaft eine der großen Herausforderungen, die eine Planwirtschaft zu bewältigen hat. In einer Volkswirtschaft mit vielen Millionen verschiedenen Produkten, in deren Herstellung nicht nur jeweils diverse Vorprodukte eingehen, sondern die auch noch alle möglichen spezifischen Anforderungen aufweisen (z.B. weil die Produktion spezifische Ausbildungen erfordert, an bestimmte geografische Voraussetzungen gebunden ist, oder manche Güter leicht durch andere ersetzbar sind, andere wiederum nicht), ist die Bewältigung dieser Komplexität keineswegs trivial. Sie erfordert zum Beispiel geeignete Datenerhebungsverfahren, mathematische Methoden und ausreichende Rechenleistung von Computern.

In der Form, wie Kornai und andere Gegner des Sozialismus dieses Problem jedoch formuliert haben, ist es schlicht und einfach wissenschaftlich nicht verwertbar: Die Problemformulierung bleibt teils auf der Ebene einer Behauptung ohne Angabe von Gründen oder ist so ungenau, dass sie im Grunde nicht überprüfbar ist. So wird üblicherweise weder gegeneinander abgewogen, ob nicht der Fortschritt der Informations- und Kommunikationstechnologie die steigende Komplexität der Volkswirtschaft mehr als kompensiert; noch wird genauer bestimmt, an welchen Stellen mathematisch präzise Lösungen überhaupt erforderlich wären und an welchen man mit Annäherungsverfahren ebenfalls zu befriedigenden Ergebnissen käme. Aus der (richtigen) Feststellung, dass die zentrale Verwaltung einer Volkswirtschaft die Bewältigung enormer Datenmengen erfordert, folgt also noch lange nicht, dass deshalb eine Planwirtschaft nicht möglich beziehungsweise ineffizient wäre.

Bedauerlicherweise ist der Stand der Debatte zu dieser Frage nach wie vor sehr unterentwickelt, was es erschwert, ein fundiertes Urteil dazu zu formulieren. Um zu beurteilen, ob bei der Verarbeitung des für eine detaillierte Planung erforderlichen Datenvolumens Probleme auftreten könnten, wäre es zunächst erforderlich den Umfang dieser Daten zu kennen. Dies ist allerdings bisher nicht der Fall und Kornai oder seine Anhänger unternehmen nicht einmal den Versuch, dieses angeblich unmöglich zu bewältigende Problem in konkreten Zahlen zu beziffern. Um diese Aufgabe zu lösen, bräuchte man bereits das mathematische Modell, nach dem in einer Planwirtschaft die Zuweisung von Ressourcen und die Planung der Produktionsprozesse organisiert würde. Die Vorschläge, die es dafür bisher gibt, insbesondere der von Cockshott und Cottrell, sind für eine tatsächliche praktische Umsetzung allerdings nicht ausreichend, wie weiter unten gezeigt wird. Es ist daher auf dem gegenwärtigen Stand der Diskussion auch umgekehrt nicht möglich, positiv zu „beweisen“, dass die Verarbeitung der in jedem tragfähigen Modell zweifellos enormen Datenmengen bewältigt werden kann.

Aber auch wenn ein solcher Beweis aktuell nicht möglich ist, da er ein deutlich genaueres Modell der Wirtschaftsplanung voraussetzen würde, können wir dennoch begründet optimistisch sein. Denn seit den 80er und 90er Jahren ist die Rechenleistung von Computern in unglaublichem Maße gewachsen. Allein in den zwei Jahrzehnten zwischen 2001 und 2021 ist die Rechenleistung von Supercomputern um mehr als das 63.000-fache gewachsen und erreichte im November 2021 eine Leistung von 442 Billiarden (d.h. eine Million mal 442 Milliarden) Rechenoperationen pro Sekunde[26]. Auch wenn weitere Steigerungen an technische Grenzen stoßen mögen, da Mikrochips nicht in immer kleinerem Maßstab gebaut werden können, lassen diese gewaltigen Fortschritte innerhalb von nur zwei Jahrzehnten es doch immerhin unwahrscheinlich erscheinen, dass die Komplexität, die bei der zentralen Planung selbst einer komplexen und ausdifferenzierten Volkswirtschaft zu bewältigen ist, an irgendeinem Punkt ein unlösbares Problem darstellt – und dass selbst wenn bestimmte Probleme sich mathematisch nicht oder nicht in einem akzeptablen Zeitraum lösen lassen sollten, für diese Probleme auch Annäherungslösungen kein brauchbares Ergebnis bieten könnten.

Dass es möglich ist, eine industrielle Ökonomie zentral zu planen, hat die Vergangenheit bewiesen. Dass dabei Probleme aufgetreten sind, ist unbestreitbar. Dass diese Probleme aber aus der Natur der Planwirtschaft zwingend hervorgehen müssen, konnte trotz aller Versuche keiner der Kritiker der Planwirtschaft bisher beweisen und sachlich gibt es keinen Grund, davon auszugehen, dass dem so wäre.

„Arbeitszeitrechnung bedeutet verschwenderischen Umgang mit allen Ressourcen außer der Arbeitskraft

Das dritte Argument, das Mises in der Kalkulationsdebatte gegen den Sozialismus ins Feld führte, besteht darin, dass eine sozialistische Planwirtschaft, die mit Arbeitszeit als Verrechnungsgrundlage und Maßstab der Effizienz rechnet, damit einen einseitigen Fokus auf die Ersparnis von Arbeitskraft lege. Indem die Arbeitszeit als Maßstab der Effizienz fungiert, sei automatisch die Arbeitskraft als einziges knappes Gut vorausgesetzt – nur bei ihr komme es demnach auf sparsamen Umgang an, bei allen anderen Ressourcen werde durch die Konstruktion des Plans die Verschwendung schon angelegt.

Was ist zu diesem Argument zu sagen? Zunächst einmal entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Mises als glühender Verfechter des Kapitalismus diesen Vorwurf dem Sozialismus macht. Denn in der Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie ist ein Anreiz zum sparsamen Umgang mit Ressourcen nicht nur grundsätzlich keineswegs angelegt, sondern die kapitalistische Entwicklung folgt Gesetzmäßigkeiten, die einem solchen Ziel direkt zuwiderlaufen. Die bürgerliche Wirtschaftstheorie wirft als Gegenargument ein: Wenn eine Ressource knapper wird, dann steigt auch ihr Preis. Somit reguliert der Markt sich selbst dahingehend, dass knappe Güter weniger verbraucht werden. Der Sozialismus hingegen, so die bürgerliche Argumentation, legt die Preise für knappe Güter „künstlich“ fest, sodass diese Güter weiterhin zu niedrigen Preisen massenhaft verbraucht werden können bis sie aufgebraucht sind. Es liegt aus bürgerlicher Sicht nahe, die in vielen Bereichen ja tatsächlich ungelösten ökologischen Probleme in sozialistischen Ländern darauf zurückzuführen, dass die Planwirtschaft blind für die Erfordernisse des Umweltschutzes sei.[27]

Zunächst einmal impliziert die Regulierung des Ressourcenverbrauchs über Preissteigerungen natürlich, dass bestimmte Güter einfach nur noch von reichen Individuen konsumiert werden können und die Arbeiterklasse zunehmend davon ausgeschlossen wird. Darin besteht letztlich jeder politische Vorschlag, der das Problem des Ressourcenverbrauchs über Marktmechanismen lösen will: Ein Gut wird knapp, dann soll es eben nur noch den Angehörigen der herrschenden Klasse (und ihren gut bezahlten Funktionären und Unterstützern) zugänglich sein!

Doch selbst wenn man darüber hinwegsieht, widerlegt die Realität des Kapitalismus die Argumentation seiner Apologeten in Bezug auf den Ressourcenverbrauch. Denn während es allgemein richtig ist, dass Marktpreise tendenziell auf Knappheit reagieren, indem sie ansteigen, geht die Vorstellung, dabei handle es sich um einen funktionierenden Mechanismus zur Ersparnis von Ressourcen, an den Tatsachen vorbei.

Sehen wir uns das Beispiel des Ölverbrauchs an – sicherlich sollte man vorsichtig sein, von einzelnen Beispielen auf allgemeine Zusammenhänge zu schließen. Aufgrund seiner Bedeutung für die kapitalistische Wirtschaft ist das Öl hier jedoch mehr als ein bloßes Beispiel, sondern zeigt an einem wesentlichen Punkt, wie der Kapitalismus außerstande ist, riesige Umweltzerstörungen zu verhindern: Die kapitalistische Industrialisierung hatte seit dem 19. Jahrhundert einen explosiv und immer weiter anwachsenden Hunger nach Treibstoff zur Folge. Im Ergebnis ist die weltweite Ölförderung zwischen dem Jahr 1900 und 2023 um das 223-fache gewachsen[28] – eine unglaubliche Steigerung! Die Wachstumskurve zeigt dabei fast durchgehend steil nach oben, mit wenigen kurzzeitigen Ausnahmen wie dem Ölpreisschock nach 1979/80 und der Covid19-Pandemie 2020. Dass Öl ein knappes Gut ist, ist allerdings bereits seit einigen Jahrzehnten ins Bewusstsein der Menschheit und auch der bürgerlichen Ideologieproduktion gedrungen. Bereits nach dem berühmten Bericht „Grenzen des Wachstums“ der NGO Club of Rome im Jahr 1972 wurde das Problem der Begrenztheit von Ressourcen breit diskutiert. Zu einer Einschränkung des Ressourcenverbrauchs kam es bezogen auf die meisten wichtigen Ressourcen allerdings nicht – auch die Förderung von Erdöl wuchs, wie schon gezeigt, unvermindert weiter an, obwohl es sich in diesem Fall bekanntlich nicht nur um ein knappes, sondern auch um ein sehr umweltschädliches Gut handelt. Hinzu kommt: In dieser Zeit sind auch die Ölpreise gestiegen. Beispielsweise stieg der Preis der Ölsorte West Texas Intermediate zwischen 1976 und 2023 nominell auf mehr als das Sechsfache an. Unter Berücksichtigung des Verbraucherpreisindex war der Anstieg allerdings sehr viel moderater und betrug 21,6%[29]. Entscheidend ist an dieser Stelle, dass ein Anstieg der Ölpreise einem stark wachsenden Verbrauch nicht zwangsläufig widerspricht.

Was zeigt dieses Beispiel?

Erstens: Die Knappheit eines Guts führt keineswegs automatisch zu steigenden Preisen, jedenfalls nicht, wenn wir Knappheit in einem umfassenderen Sinne verstehen. Denn obwohl bereits in den 1970er Jahren ein Bewusstsein vorherrschte, dass das Öl in dem Sinne knapp war, dass die natürlichen Lagerstätten im Zeithorizont weniger Generationen aufgebraucht sein würden, hatte das absolut keine Wirkung auf den Ölpreis. Denn der Anstieg des Ölpreises war ja eben keine Folge einer Verknappung des Angebots – im Gegenteil wuchs dieses immer weiter. Er war eine Folge weiter steigender Nachfrage. Auch wenn grundsätzlich natürlich der Preismechanismus so funktioniert, dass bei sinkendem Angebot die Preise tendenziell steigen, bedeutet das noch lange nicht, dass der Markt deshalb geeignet wäre, langfristig einen sparsamen Umgang mit knappen Ressourcen zu bewirken. Denn auch wenn allgemein bekannt ist, dass ein bestimmtes Gut in 50 oder 100 Jahren zur Neige gehen wird, ändert das nichts am Preis. Der Preis wird durch das jeweils aktuelle Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage bestimmt und nicht durch eines, was in der fernen Zukunft liegt.

Zweitens: Der steigende Preis einer Ware führt keineswegs automatisch dazu, dass die Ware weniger verbraucht wird. Der Anstieg des Ölpreises dürfte das Wachstum des Ölverbrauchs zwar geringfügig gebremst haben (d.h. mit billigerem Öl wäre der Verbrauch wohl noch schneller gewachsen), er verhinderte aber keineswegs, dass Erdöl in immer größeren Mengen aus der Erde geholt und verbrannt wurde. Und der Grund dafür ist offensichtlich: Die kapitalistische Weltwirtschaft expandierte weiterhin, mit vorübergehenden Unterbrechungen durch die großen Wirtschaftskrisen. Die Ressourceneffizienz von Industrie und Verkehrswesen wurde seitdem zwar deutlich verbessert: Bei leichten Nutzfahrzeugen in den USA sank der Benzinverbrauch pro km zwischen 1975 und 2020 auf die Hälfte, man kann also mit einer gleichen Tankfüllung doppelt so weit fahren[30]. Doch weil das absolute Wachstum weitaus größer war, führte die gesteigerte Effizienz nicht zu einem sinkenden Verbrauch.

Eine kapitalistische Ökonomie kann es ohne Wirtschaftswachstum nicht geben, denn die Kapitalisten investieren ihr Kapital, um es mit Profit zurückzuerhalten und dann erneut mit dem Ziel des Profits zu investieren. Nun bedeutet eine wachsende Wirtschaft nicht zwangsläufig einen höheren Ressourcenverbrauch – eine häufige Fehlannahme bei den Anhängern utopischer Vorstellungen einer „Null-Wachstums-Ökonomie –, beispielsweise kann das Wachstum auch im Ausbau ressourcensparender Technologie bestehen. Unter kapitalistischen Bedingungen lässt sich allerdings offensichtlich nicht verhindern, dass die Expansion ökonomischer Aktivitäten mit steigendem Ressourcenverbrauch einhergeht. Der Grund dafür ist, dass der Profit letztendlich das einzige Kriterium jeder Produktionsentscheidung ist. Da der Wert der Waren nach dem kapitalistischen Wertgesetz durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird, trifft gerade für die kapitalistische Produktionsweise das zu, was Mises und Kornai dem Sozialismus anlasten wollen, nämlich dass der implizite Maßstab der Produktivität allein in der Einsparung von Arbeitskraft liegt. Ist dagegen die Produktion einer Ware billiger oder ihr Verkauf leichter möglich, wenn bei ihrer Herstellung knappe oder umweltschädliche Rohstoffe verwendet werden, dann geschieht genau das. Das kann beispielsweise der Fall sein, weil die Knappheit sich erst in einigen Jahrzehnten konkret bemerkbar machen wird; oder weil die Kosten der Umweltverschmutzung von der Gesellschaft als Ganzer getragen werden und nicht vom einzelnen Kapitalisten; oder weil die Umstellung auf umweltfreundlichere Ersatzprodukte längerfristige Investitionen erfordert, die sich vor dem kurzfristigen Horizont des Profitziels nicht lohnen.

Angesichts der immer unübersehbareren Tatsache, dass der Kapitalismus die Menschheit unbeirrbar in eine globale ökologische Katastrophe steuert, sollte die Argumentation, wonach ausgerechnet die kapitalistische Produktionsweise geeignete Lösungen für das Problem des übermäßigen Ressourcenverbrauchs zu bieten hätte, nur auf Kopfschütteln stoßen.

Doch wie sieht es damit im Sozialismus aus? Hatten Mises und später Kornai recht damit, dass auch der Sozialismus mit seinen Effizienzkriterien unfähig ist, Ressourcenersparnis zu einem wichtigen Ziel der Produktion zu machen?

Was die sozialistische Planwirtschaft grundsätzlich vom Kapitalismus unterscheidet, ist, dass die Produktion nicht von blinden Gesetzen gesteuert ist, sondern von bewusst angewandten Gesetzen. Allgemein gesprochen, besteht das den Sozialismus regierende ökonomische Gesetz darin, dass die Produktion mit dem Ziel einer immer weitgehenderen Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse geplant wird. Doch welche Bedürfnisse dabei Priorität erhalten, welche Planziele den einzelnen Betrieben und Branchen gesetzt werden, welche Mittel zu ihrer Erfüllung ergriffen werden, all das sind Fragen, die konkreter bestimmt und entschieden werden müssen.

In den historischen sozialistischen Planwirtschaften waren viele Probleme darauf zurückzuführen, dass die Betriebe durch verschiedene verfehlte Wirtschaftsreformen (in der Sowjetunion vor allem die große Kossygin-Reform von 1965) in ihrer Entscheidungsautonomie gestärkt wurden und nach Gewinnkriterien arbeiten mussten. Unter diesen Bedingungen kann tatsächlich ein Anreiz bestehen, natürliche Ressourcen übermäßig zu verbrauchen, so wie es das Profitmotiv auch im Kapitalismus bewirkt. Wenn die Preise für diese Ressourcen dann vom Staat auf niedrigem Niveau fixiert werden, wird das Problem noch verstärkt. Dies ist aber offensichtlich kein Problem des Sozialismus, sondern gerade eine der vielen negativen Folgen davon, dass in der Vergangenheit sozialistische Planwirtschaften mit Mechanismen des kapitalistischen Marktes „gemischt“ wurden.

Ein sozialistischer Betrieb in einer Planwirtschaft, die gemäß den ökonomischen Gesetzen der sozialistisch-kommunistischen Produktionsweise funktioniert, bekommt von der zentralen Planbehörde verbindliche Planziele. Und zwar bekommt er nicht einfach nur ein einziges, sondern eine ganze Reihe solcher Ziele zugewiesen, die er erfüllen muss und die jeweils noch gewichtet und priorisiert werden können. Das war auch in historischen sozialistischen Wirtschaftssystemen die Praxis. Die optimale Erfüllung dieser Ziele ist dabei nicht trivial, denn natürlich können einzelne Ziele in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen: Beispielsweise wenn ein Ziel die Erhöhung der Produktionszahlen ist und ein anderes die Verbesserung der Arbeitsqualität. 

Man könnte nun den Produktausstoß erhöhen, indem man die Arbeit verdichtet, den Druck auf die Arbeiter erhöht, Sicherheitsstandards reduziert und weiteres. Man könnte auch umgekehrt die Qualität der Arbeit in den Vordergrund stellen, dafür aber geringere Produktionsmengen in Kauf nehmen. In einer sozialistischen Wirtschaft muss ersteres aus offensichtlichen Gründen vermieden werden, gleichzeitig sind Einbußen bei der Produktivität auch nur bis zu einem gewissen Grad akzeptabel. Wenn zwei miteinander im Konflikt stehende Ziele gleichzeitig zu erfüllen sind, muss daher ein Optimum zwischen beiden ermittelt werden, sodassbeides in zufriedenstellendem Maße erfüllt wird. In der Regel sind natürlich weitaus mehr alsnur zwei Planziele miteinander zu vereinbaren. In einem solchen Fall müsste folgendermaßen vorgegangen werden: Die verschiedenen Ziele, die miteinander im Konflikt stehen, müssen so operationalisiert werden, dass sie miteinander vergleichbar sind, andernfalls gibt es keinen Maßstab, anhand dessen man ein Optimum überhaupt ermitteln könnte.

Im zweiten Schritt muss ein geeignetes mathematisches Optimierungsverfahren gefunden werden, mit dem ein solches Optimum errechnet werden kann. Allerdings funktioniert das nicht in jedem Fall, da man nicht alle Ziele in mathematischen Größen ausdrücken und miteinander vergleichen kann. Hat man beispielsweise die miteinander konkurrierenden Ziele Effizienz und Umweltschutz und von beiden Zielen müssen Abstriche gemacht werden, um das andere noch berücksichtigen zu können, könnte auf mathematischem Wege ein „Optimum“ errechnet werden, bei dem immer noch einige Menschen an vergifteter Luft sterben. Das Recht dieser Menschen am Leben zu bleiben, lässt sich nicht als Zahl gegen die anderen Ziele abwägen. Das Beispiel zeigt, dass in vielen Fällen auch politische Entscheidungen getroffen werden müssen, wo welche Einschränkungen hinnehmbar sind und welche nicht. All das ist sicherlich nicht trivial und kann möglicherweise unterschiedliche Versuche notwendig machen, bevor man ein befriedigendes Verfahren gefunden hat. Allgemein gibt es jedoch keinen Grund, davon auszugehen, dass solche Optimierungsprobleme unlösbar sind[31].

Eine zu lösende Schwierigkeit besteht außerdem darin, dass ein Maßstab für die Umrechnung von Verschmutzung in ökonomische Kosten erst noch entwickelt werden müsste, insbesondere wenn noch nicht klar ist, ob eine bestimmte Umweltzerstörung irreparable Schäden hinterlässt oder mit welcher Methode sie beseitigt werden könnte – beziehungsweise wie viel diese dann kosten würde. Im Vergleich zur kapitalistischen Produktionsweise, in der Fragen des Umweltschutzes generell keine Rolle für ökonomische Entscheidungen der Betriebe spielen – bzw. wenn, dann nur aufgrund von gesetzlichem Zwang –, wäre jedoch überhaupt der Versuch, ökologische Kosten in die Planung einzubeziehen, bereits ein Fortschritt, sogar dann, wenn die Instrumente dieser Planung noch unzureichend entwickelt sein sollten.

Damit fällt die Argumentation bei Mises und Kornai in sich zusammen: Nicht nur ist es der Kapitalismus, der letztlich objektiv und ohne dass jemand es bewusst entscheiden müsste, die Einsparung von Arbeitskraft als einziges Effizienzkriterium setzt. Ihr Argument beruht zudem auf einem Fehlschluss: Die Arbeitszeitrechnung hat in der sozialistischen Planung die Funktion, Güter miteinander vergleichbar zu machen und damit sinnvolle Entscheidungen zwischen verschiedenen Alternativen (zum Beispiel: Aus welchem der vielen über das Land verstreuten Zuliefererbetriebe sollte die Autofabrik ihre Getriebe, Autobatterien oder Kolben beziehen?) überhaupt möglich zu machen. Dem steht im Sozialismus nicht entgegen, dass in eine Entscheidung auch weitere Kriterien (zum Beispiel: Welche Option verbraucht am wenigsten Treibstoff, seltene Erden oder Trinkwasser?) einfließen können. Dass die Arbeitszeit die Verrechnungsgrundlage der Planung darstellt, bedeutet keineswegs, dass keine anderen Planziele aufgestellt werden können als die Einsparung von Arbeitskraft.

Preise als Indikator der Bedürfnisse

Etwas anspruchsvoller ist auch eine Entgegnung auf das vierte Argument: Die Argumentation, wonach der Preis in einer „Marktwirtschaft“ als Indikator der Bedürfnisse der Individuen fungiere, ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Natürlich ändern die Preise sich durch das Spiel von Angebot und Nachfrage, natürlich setzt die Nachfrage nach einer Ware voraus, dass es nach dieser Ware ein Bedürfnis gibt (auch wenn dieses Bedürfnis im Kapitalismus oft „künstlich“ von den Agenturen des Kapitals erschaffen oder gefördert wird, um Verkaufszahlen zu erhöhen). Auch ein Bedürfnis, das aufgrund fehlender Kaufkraft gar nicht erfüllt werden kann, erhöht den Nachfragedruck und drückt sich somit in den Marktpreisen aus.

Das impliziert jedoch keineswegs, dass das kapitalistische Preissystem auch dazu geeignet wäre, eine Befriedigung dieser Bedürfnisse zu garantieren. Denn dass eine Ware einen Preis hat, bedeutet eben gerade auch, dass nur diejenigen Zugriff auf sie haben, die den Preis bezahlen können. Gerade Güter, die besonders dringend gebraucht werden, nach denen also eine hohe Nachfrage besteht, werden durch den Marktmechanismus automatisch teurer. In der wirtschaftsliberalen Theorie hat der Preisanstieg zur Folge, dass die Produktion dieser Ware ausgeweitet wird, weil für die Unternehmen bessere Profitchancen bestehen. Oft genug geschieht das aber nicht, beispielsweise weil die Produktion von Monopolen kontrolliert wird (siehe unten) oder weil bestimmte Güter (zumindest vorübergehend) tatsächlich knapp sind. Ein Beispiel, das hier nicht näher analysiert werden soll, ist aktuell der Immobilienmarkt in den Großstädten – ein Gut, das jeder braucht, nämlich Wohnraum, ist so teuer, dass ein zunehmender Teil der Haushalte es sich nicht mehr leisten kann, deshalb aus den Städten wegziehen, teilweise auf andere Konsumgüter verzichten muss oder gar in die Wohnungslosigkeit geworfen wird. Der kapitalistische Markt „löst“ solche Situationen dann so, dass Personen mit viel Geld, also die Kapitalisten, ihre Funktionäre und teilweise noch besser gestellte Teile der Arbeiterklasse, die hohen Preise bezahlen können und der Großteil der Arbeiterklasse nicht – er bleibt vom Genuss dieser Güter also ausgeschlossen.

In einer sozialistischen Ökonomie kann auch der Fall auftreten, dass bestimmte Güter nicht sofort in ausreichendem Maße produziert werden können (auch im Sozialismus dauert es, bis Wohnungen gebaut werden und es muss genug Platz vorhanden sein, um sie zu bauen). Es wäre dann aber eine wirtschaftspolitische Entscheidung, wie die Verkaufspreise gestaltet werden: Bei lebenswichtigen knappen Gütern würden die Preise niedrig gehalten und damit eine Grundversorgung aller Gesellschaftsmitglieder sichergestellt werden; nur bei darüber hinausgehenden Gütern könnten die Preise höher liegen, sodass jeder Haushalt selbst entscheiden kann, ob er bereit ist, diesen hohen Preis zu zahlen oder zu verzichten. Da im Sozialismus die Einkommensverteilung kein Ausdruck der Klassenspaltung der Gesellschaft mehr ist, sondern von der Arbeitsleistung abhängt, hätten trotzdem alle grundsätzlich die gleichen oder ähnliche Voraussetzungen auch solche extravaganteren Bedürfnisse zu befriedigen. Bei großer Knappheit, wo eine Versorgung aller interessierten Individuen nicht möglich ist, wäre beispielsweise dann der Grad der Bedürftigkeit (Menschen mit Behinderungen oder mit vielen Kindern könnten bevorzugt werden oder Ähnliches) ein Kriterium dafür, wessen Bedürfnis vorgezogen wird.

Einen weiteren Grund Hayeks Behauptungen in Zweifel zu ziehen, zeigt uns der Blick auf die realen Ursachen der Preisbewegungen. Denn auch wenn es stimmt, dass im ökonomischen Alltag Preise auf eine Veränderung von Angebot und Nachfrage reagieren, zeigt sich immer wieder, dass sich gerade drastische Veränderungen der Preise oft aus anderen Gründen vollziehen. Da zentrale Rohstoffe wie zum Beispiel Getreide oder Erdöl auch ein beliebtes Spekulationsobjekt an den Rohstoffbörsen sind, wo diese in Erwartung zukünftiger Preissteigerungen oder -senkungen massenhaft gekauft oder verkauft werden können, schwankt ihr Preis oft auch aus Gründen, die mit der Entwicklung des Angebots und des Konsums dieser Waren nicht viel zu tun haben. Denn es reicht beispielsweise aus, dass Spekulanten eine zukünftige Verknappung von Getreide für wahrscheinlich halten, um dieses im großen Stil aufzukaufen und damit die Preise nach oben zu treiben. Ob die Preise auch ohne Spekulation gestiegen wären, ist dafür unerheblich.

Wir können also festhalten: Preise im Kapitalismus können zwar als Indikatoren der Bedürfnisse fungieren. Sie schwanken häufig aber auch aus ganz anderen Gründen. Und vor allem bedeutet ihre Funktion als Indikator von Bedürfnissen keineswegs, dass sie deshalb ein Mittel der Bedürfnisbefriedigung wären. Ganz im Gegenteil ist der Preis eines Gutes ja das, was der Bedürfnisbefriedigung im Weg steht, weil der Preis erst bezahlt werden muss, bevor das Gut konsumiert werden kann. Und wo der Preis nicht bezahlt werden kann, bleibt das Individuum auch von der Befriedigung seiner Bedürfnisse ausgeschlossen.

Im Sozialismus hingegen sind die „Preise“ der Konsumgüter nicht durch einen Markt gesteuert, sondern werden zentral für die gesamte Volkswirtschaft festgelegt. Die Konsumenten müssen zwar auch dann den Preis bezahlen, um an die Konsumgüter zu gelangen, die sie brauchen, aber durch die zentrale und politische Gestaltung der Preise haben sie einen ganz anderen Charakter: Sie bewirken nicht den Ausschluss einer ganzen Klasse der Gesellschaft vom Konsum, sondern dienen der Verteilung der Produkte auf die Individuen. Dies ist angesichts der Tatsache notwendig, dass auch dann kein unendlicher Überfluss herrschen und bei manchen Gütern eine Begrenzung des Konsums pro Person notwendig sein wird.

An dieser Stelle ist eine wichtige Unterscheidung zu machen: Dass im Sozialismus die Preise nicht durch einen Markt produziert werden, schließt nicht aus, dass die Planwirtschaft dennoch den Marktmechanismus simulieren kann, um die Preise dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage anzupassen: Wenn die Nachfrage über das Angebot steigt, kann es sinnvoll sein, die Preise nicht-essenzieller Güter anzuheben, damit einige Konsumenten ihr Konsumbedürfnis auf ein anderes Gut umorientieren. Bei einem Überangebot können wiederum die Preise gesenkt werden, um sicherzustellen, dass die produzierten Güter bei den Konsumenten ankommen, anstatt in Lagerhallen zu verrotten.

Es ist natürlich gleichzeitig ebenso möglich und notwendig, die Preise von Gütern des Grundbedarfs auf einem niedrigen Niveau festzusetzen, wie es in historischen sozialistischen Ländern auch regelmäßig praktiziert wurde. Da die sozialistische Produktion keinem Profitziel folgt und die Betriebe keine eigenständig wirtschaftenden Einheiten sind, gefährden niedrige Preise oder selbst kostenlos verteilte Güter auch niemandes Rentabilität. Es handelt sich vielmehr einfach um Kosten, die die Gesellschaft als Ganzes trägt, um die Befriedigung der wichtigsten Bedürfnisse für alle Gesellschaftsmitglieder sicherzustellen.

Da Veränderungen der Preisrelationen jedoch immer Auswirkungen auf die Ökonomie in ihrer Gesamtheit haben, müssten die Grenzen und Auswirkungen einer solchen Preispolitik noch genauer untersucht werden – beziehungsweise wäre dies eine wichtige Aufgabe der Wirtschaftsforschung in einer sozialistischen Volkswirtschaft.

Weiterhin: Die Preisbildung über den Markt funktioniert im Kapitalismus überhaupt nicht so wie in der liberalen Utopie, in welcher es ein freies Spiel von Angebot und Nachfrage gibt und der Preis als dessen Resultat zustande kommt. Faktisch sind alle Ressourcen, selbst die am freiesten verfügbaren wie Trinkwasser, weitgehend unter der Kontrolle von Monopolunternehmen, die die Preisbildung massiv bestimmen. Die Monopolisierung ist auch keine Abweichung von einem „eigentlichen“, „echten“ Kapitalismus, sondern sie ist das zwangsläufige Ziel, auf das die gesetzmäßige Entwicklung jeder kapitalistischen Gesellschaft hinausläuft: Indem kapitalistische Unternehmen investieren und damit Kapital akkumulieren, stellen sie eine ständig wachsende Kapitalmenge dar (Marx spricht von Konzentration des Kapitals). Indem infolge der Konkurrenz ein Teil der Unternehmen vom Markt verschwindet oder durch Fusion oder Übernahme zum Teil eines anderen Unternehmens wird, konzentrieren sich immer mehr Kapital und Marktanteile in weniger Unternehmen und in den Händen einer geringeren Zahl von Eigentümern (Marx spricht von Zentralisation des Kapitals). Beide Prozesse, die notwendige Folge der kapitalistischen Konkurrenz sind und zwangsläufig eintreten, führen zusammengenommen dazu, dass die Unternehmen absolut immer größer werden und auch relativ ihr Gewicht zunimmt. 

Indem bei vielen Waren Konkurrenz nur noch zwischen einer geringen Zahl von Firmen stattfindet oder im Falle bestimmter spezialisierter Produkte auch oft nur ein Anbieter existiert, wächst die Macht der Verkäufer, die Preise zu beeinflussen. Preise können höher gehalten werden als es bei stärkerer Konkurrenz der Fall wäre und damit die Profite dieser Großunternehmen, die wir als Monopole bezeichnen, gesteigert werden. Je stärker die Monopolisierung fortschreitet – und ihr zunehmendes Fortschreiten ist im Kapitalismus eine Gesetzmäßigkeit – desto weiter entfernen sich die realen Marktpreise davon, als Indikator für die Bedürfnisse der Konsumenten zu fungieren.

Das erdrückende Gewicht der Tatsachen bezüglich des realen Ausmaßes der Monopolisierung macht es selbst vielen bürgerlichen Wirtschaftswissenschaftlern heute unmöglich, dieses Phänomen zu leugnen oder zu ignorieren, auch wenn nach der „reinen“ neoklassischen Theorie die Monopole tendenziell immer wieder durch den Wettbewerb verschwinden müssten. In Wirklichkeit zeigen sich aber die gesetzmäßige Konzentration und Zentralisation des Kapitals so eindeutig und wie von Marx analysiert, dass jeder Versuch, den Charakter des heutigen Kapitalismus als Monopolkapitalismus in Zweifel zu ziehen, sich selbst diskreditiert. Das Phänomen des Monopols kann hier nicht analysiert werden, doch ein paar Daten sollen das Ausmaß und seine Bedeutung für die realen Preisbewegungen im heutigen Kapitalismus illustrieren:

In den 1930er Jahren kontrollierten die größten 0,1% der Firmen in den USA bereits etwa 50% der US-amerikanischen Ökonomie. Heute liegt ihr Anteil bei fast 90%[32]. In der kapitalistisch organisierten Landwirtschaft beispielsweise kontrollieren zwei Firmen 40% des globalen Saatgutmarktes, vier Firmen über 60% des agrochemischen Marktes und sechs Firmen 50% des Marktes für landwirtschaftliche Maschinen[33]. Diese enorme Marktmacht ermöglicht den Monopolen ebenso enorme Extraprofite durch Preiserhöhungen. Eine Studie aller in den USA börsennotierten Firmen belegt beispielsweise, dass 1980 die Preise durchschnittlich 21% über den Produktionskosten lagen, seitdem fast kontinuierlich gestiegen sind und 2014 zu 61% über diesen lagen. Diese Preisaufschläge wurden, wenig überraschend, vor allem von den größten Monopolen kassiert, die damit ihre Profitraten entsprechend in die Höhe treiben konnten[34]. Diese monopolistische Preispolitik ist ein Hauptfaktor, der die Inflation antreibt. Beispielsweise sind unterschiedliche Studien zu dem Ergebnis gekommen, dass die hohen Inflationsraten der letzten Jahre seit etwa 2021 in Europa, den USA und Australien zu etwa der Hälfte direkt auf Preiserhöhungen der Monopole zurückzuführen waren[35]. In zunehmendem Maße weichen damit die realen Marktpreise nicht nur von den Werten, sondern auch den Produktionspreisen ab, wodurch die liberale Vorstellung, Preise dienten als Indikator der Konsumentenbedürfnisse, sich noch mehr als Illusion entlarvt.

In einer sozialistischen Planwirtschaft haben die Preise, wie schon oben ausgeführt, einen grundsätzlich anderen Charakter als die Marktpreise im Kapitalismus. Es handelt sich je nach Gütergruppe entweder um Rechnungspreise, die für die Kalkulationen der Planungsbehörden die verschiedenen Güter und Arbeitsprozesse miteinander vergleichbar machen, oder um Verteilungspreise, die der Verteilung von Konsumgütern in der Bevölkerung dienen. Die Preise dienen nicht der Realisierung irgendwelcher Profite. Dieser grundlegende Unterschied zum Kapitalismus drückt sich darin aus, dass in einer kapitalistischen Ökonomie die Preise vieler Waren weitgehend losgelöst von den tatsächlichen Warenwerten sein können, weil die Monopolmacht der Kapitalisten ihnen das erlaubt – während in einer sozialistischen Ökonomie die Preise grundsätzlich auf der objektiven Grundlage der Arbeitszeitmengen festgesetzt werden. Wenn nun im Sozialismus trotzdem in der oben geschilderten Art und Weise die Preise bestimmter Konsumgüter dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage angepasst werden, dann drücken diese Preise sogar viel eher die tatsächlichen Bedürfnisse der Konsumenten aus, als sie es auf dem kapitalistischen Markt tun: Wenn in einer sozialistischen Ökonomie der Preis von Mandarinen steigt, dann können wir davon ausgehen, dass der Grund dafür eine schlechte Ernte oder eine besonders hohe Nachfrage ist und nicht die Marktmacht der Obstkonzerne oder Einzelhandelsketten.

Somit ist auch das vierte ökonomische Argument, das Ludwig von Mises gegen den Sozialismus anführte, nicht haltbar.

Zu Hayeks Argument: Sind Marktpreise unverzichtbar als Vehikel von Informationen?

Man kann zugunsten Hayeks einwenden, dass als er 1945 seinen Essay zur Grundsatzkritik der Planwirtschaft schrieb, er teilweise reale Probleme beschrieb. Die Frage der Informationsgewinnung und -verarbeitung ist in der Tat von entscheidender Bedeutung für eine zentrale Wirtschaftsplanung. Die Planbehörden mussten an Wissen darüber kommen, welche Güter von den Konsumenten gewünscht werden, ohne dass die Veränderungen der Nachfrage durch Schwankungen der Marktpreise angezeigt würden wie in einer kapitalistischen Wirtschaft. Sie mussten Informationen über Engpässe und Überschüsse auf anderem Weg als über die Preise erlangen, weil die „Preise“ im Sozialismus keine „echten“ Preise waren, sondern Verrechnungsgrößen der Planung. In diesen Preisen drückten sich Knappheiten und Überschüsse nicht schon von vornherein und per se aus, sondern nur insofern sie unter Berücksichtigung dieser Faktoren festgesetzt wurden. Die historische Entwicklung zeigte allerdings, dass diese Herausforderung eine erfolgreiche sozialistische Wirtschaftsentwicklung keineswegs unmöglich machte. Im Gegenteil bot die Planwirtschaft alle Voraussetzungen, um nicht nur die Kriegswirtschaft, sondern auch den Wiederaufbau der Nachkriegszeit mit hoher Effektivität zu organisieren und voranzutreiben. Grund dafür war, dass die zu lösenden Aufgaben unter den Bedingungen der Kriegs- beziehungsweise Nachkriegswirtschaft in erster Linie erforderten, die verfügbaren Ressourcen der Gesellschaft auf die Maximierung des Produktionsoutputs in wenigen Branchen zu fokussieren: Beispielsweise die Produktion von Stahl und Eisen, von Getreide oder Baumaterialien. Für die Lösung komplexerer Planungsaufgaben mit weitaus mehr zu erreichenden Zielgrößen wird das Informationsproblem jedoch zwangsläufig relevanter.

Offensichtlich ist die Komplexität der zu verarbeitenden Informationen in einer entwickelten Volkswirtschaft auf dem heutigen Stand der Produktivkräfte unvergleichlich viel höher. Gleichzeitig sind, wie bereits besprochen wurde, auch die Möglichkeiten zur Sammlung, Speicherung und Verarbeitung dieser Informationen in gewaltigem Ausmaß gewachsen.

Hayeks Argumentation ist aus verschiedenen Gründen falsch. Beginnen wir damit, dass Hayek bei seinem Beispiel der schwankenden Zinnpreise unzulässig und massiv den Informationsgehalt dieser Preisschwankungen übertreibt. Denn in Wahrheit reicht es natürlich keineswegs aus zu wissen, dass der Preis gestiegen oder gesunken ist, um als Konsument oder Produzent von Zinn fundierte Entscheidungen treffen zu können. Mindestens muss man wissen, ob eine Preissteigerung voraussichtlich permanent oder vorübergehend ist. Und dafür muss man schließlich doch wissen, was ihre Ursache ist, ob zum Beispiel die Zinnminen versiegt sind, oder ob es nur einen vorübergehenden Streik oder Lieferengpass gibt. Dieses Beispiel zeigt also nicht das was Hayek behauptet, nämlich dass Preissignale alle Informationen beinhalten, die für das Funktionieren der Wirtschaft erforderlich sind, sondern das Gegenteil: Um die Profitabilität der eigenen Produktion berechnen zu können, brauchen auch die kapitalistischen Betriebe umfassendere Informationen über die wirtschaftliche Gesamtlage. Im Kapitalismus liegen diese Informationen aber nicht allesamt auf einer zentralen Datenbank zum Zugriff bereit (auch wenn es natürlich Statistik- und Marktforschungsinstitute gibt), sondern viele Informationen müssen von den Unternehmen individuell herausgefunden werden. Das lässt sich unter kapitalistischen Bedingungen auch nicht ändern, weil der gegenseitige Ausschluss von wichtigen Informationen ein wichtiger Aspekt der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten ist. Der Sozialismus pflegt dagegen offensichtlich einen rationaleren und reibungsfreieren Umgang mit den erforderlichen Informationen; beispielsweise wäre es im Sozialismus sinnvoll und notwendig, eine solche zentrale Datenbank anzulegen, auf die sämtliche Produktionseinheiten zugreifen können.

Das Problem liegt bei Hayek bereits auf sehr grundsätzlicher Ebene. Sein Verständnis von Information ist nicht nur anachronistisch, sondern entsprach noch nie der Realität: Für Hayek ist der individuelle Unternehmer das zentrale Wirtschaftssubjekt, während in Wirklichkeit die vorherrschende Unternehmensform sowohl im Kapitalismus als auch im Sozialismus eine Organisation ist, die die Arbeit und das Denken vieler Individuen zusammenbringt. Die Informationen, auf deren Grundlage ein Betrieb agiert, sind also nicht einfach subjektiv im Kopf von Individuen abgespeichert, sondern ihre Speicherung und Verarbeitung ist abhängig von Technologie[36]. Bereits aus der Bronzezeit sind Tontafeln als Speichermedien für Informationen überliefert; heute ist die Maschinerie der Informationsverarbeitung automatisiert und elektronisch und ihr Potenzial gewaltig gesteigert.

Das Problem, die Produktion mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, also möglichst genau das zu produzieren, was gesellschaftlich gebraucht wird, erfordert heute weder grobe Abschätzungen noch telepathische Fähigkeiten. Ein elektronisches System zur Datensammlung, das feststellt, wie viel von welchem Konsumgut verkauft wird, Methoden zur Vorhersage von Trends und die Berechnung der Produktionskosten in Arbeitszeit machen es möglich, ein Outputziel zu formulieren, das den Bedürfnissen entspricht. Die Ermittlung der Bedürfnisse der Konsumenten würde heutzutage in einer Planwirtschaft wahrscheinlich überhaupt keine große Herausforderung mehr darstellen – ganz im Gegenteil zur Erstellung eines Plans, der diese Bedürfnisse erfüllen kann, was nach wie vor ein äußerst komplexes Vorhaben wäre.

Hayek zufolge scheitert der Sozialismus daran, dass die Vielzahl der erforderlichen Informationen über die Gesellschaft verstreut ist und nicht in einem einzigen planenden Geist konzentriert werden kann. Hier hat Hayek einen reinen Strohmann geschaffen: Bestünde das Konzept des Sozialismus darin, dass eine Person auf sich alleine gestellt alle Daten sammeln, sich merken und einen Plan erstellen müsste, dann wäre zentrale Wirtschaftsplanung offensichtlich ein unmögliches und verrücktes Unterfangen. In Wirklichkeit ist die Planung aber Aufgabe einer umfassenden Planungsorganisation, in der viele Individuen zusammenarbeiten, Informationen teilen, Rechenschritte untereinander aufteilen können und vor allem heutzutage durchaus in der Lage sind, alle erforderlichen Informationen auf Computern zu zentralisieren und zu verarbeiten[37].

Für Hayek liegt es an der Art des Wissens, um das es in der Ökonomie seiner Ansicht nach vor allem gehe, nämlich konkretes, subjektives und lokal spezifisches Wissen über Daten zu bestimmten Zeitpunkten und an bestimmten Orten, dass dieses Wissen nicht zentralisierbar sei. Hierzu ist erstens zu sagen, dass Hayek andere Formen des Wissens, die für eine Ökonomie auch relevant sind – vor allem das Wissen über Technologien und ihre Anwendung – dabei ausblendet. Damit unterschlägt er ein wichtiges Gegenargument, denn gerade diese Art von Wissen ist nicht nur sehr gut zentralisierbar, sondern seine Zentralisierung ist ökonomisch offensichtlich vorteilhaft – wenn alle Betriebe Zugriff auf die neuesten Technologien und Produktionsmethoden haben, steigt die Produktivität insgesamt weitaus schneller als wenn nur einzelne Unternehmen diesen Zugriff haben und ihre Konkurrenten davon ausschließen. Zudem liegt Hayek aber auch falsch darin, dass das von ihm so stark betonte Wissen über Daten an bestimmten Orten und Zeitpunkten (zum Beispiel die versiegende Zinnquelle) sich der Zentralisierung entziehe. Jedes Buchungssystem für Reisen und jeder Onlineversand funktioniert heute so, dass man Stichworte in eine Suchmaske eingeben kann und dann Flüge von beliebigen Anfangs- zu beliebigen Zielpunkten erhält, die mithilfe des Zugriffs der Website auf alle Fluggesellschaften ermittelt werden[38].

Schließlich ignoriert Hayek auch die Möglichkeit, dass bestimmtes Wissen weiterhin lokal verbleiben kann. Für die Aufstellung eines zentralen Plans ist es nicht erforderlich, jede ökonomisch relevante Information zu zentralisieren. Fragen wie die, welcher Angestellte für eine bestimmte Aufgabe am besten geeignet ist oder welche Produktionstechnik für einen bestimmten Kontext am besten passt, können und sollten sinnvollerweise weiterhin auf Betriebsebene oder im Rahmen von untergeordneten Plänen entschieden werden[39]. Trotzdem lässt sich auch ohne diese unzähligen verstreuten Informationen ein konsistenter zentraler Wirtschaftsplan aufstellen.

Und schließlich ist auch das Argument Hayeks sehr fragwürdig, wonach der Markt sich durch einen besonders sparsamen Umgang mit den Informationen auszeichne und über die Preise nur diejenigen Informationen übermittelt würden, die die Marktteilnehmer bräuchten, um rationale Entscheidungen treffen zu können. Die ganze Geschichte des Kapitalismus zeigt, dass der Markt eben nicht alle Informationen übermittelt, die die Wirtschaftssubjekte brauchen: Der Kapitalismus ist eine instabile Produktionsweise, die aus ihrer eigenen Dynamik heraus zu ständigen Schwankungen führt, womit ein gegebener Informationsstand schneller veraltet sein kann (wenn die Nachfrage nach einem bestimmten Gut im Zuge einer hereinbrechenden Krise schlagartig einbricht); über solche und andere Entwicklungen werden die Marktteilnehmer erst dann informiert, wenn sie sich im Preissystem niederschlagen. Der „sparsame“ Informationstransfer bedeutet also in vielen Fällen gerade einen Informationsmangel, der zwangsläufig mit der kapitalistischen Wirtschaftsorganisation einhergeht.

Zusammenfassend können wir festhalten, dass die Vernetzung aller Produktionseinheiten miteinander es heute erleichtert, dass alle relevanten Informationen wie zum Beispiel Güterknappheiten sofort an die Zentrale und alle betroffenen Betriebe kommuniziert werden. Tatsächlich ist ein solcher direkter Informationstransfer von Natur aus „informationsreicher“ als die Preissignale im Kapitalismus und ermöglicht daher sinnvollere ökonomische Entscheidungen. Beispielsweise kann eine Information auch beinhalten, dass ein bestimmtes Gut nach neuen Erkenntnissen umwelt- oder gesundheitsschädlich ist. Unter kapitalistischen Bedingungen würde sich daraus kein verändertes Verhalten der Produzenten ergeben, solange sich die Nachfrage und damit der Preis des Produkts nicht verändern. Im Sozialismus könnte hingegen eine bewusste Entscheidung getroffen werden, auf Grundlage dieser Informationen die Produktion umzustellen.

All das klingt nun allerdings auch für den Sozialismus einfacher, als es vermutlich ist. Hier sollte kein falscher Eindruck erzeugt werden: Dass die Argumentation von Mises und Hayek so schwach ist, ist nämlich in gewisser Weise gerade deshalb bedauerlich, weil sie den Fokus dabei regelmäßig auf weniger relevante Probleme legt und die wirklichen zu lösenden Herausforderungen im Sozialismus gar nicht erkennt. Denn der wahre Kern ihres Arguments besteht darin, dass die Preise im Kapitalismus ja durchaus Informationen übermitteln, die erforderlich sind, um sinnvolle wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Das wirkliche Problem liegt bei nötigen Planänderungen nicht nur darin, die Konsumenten dazu zu bewegen, mehr oder weniger von einem bestimmten Gut zu konsumieren. Mindestens genauso wichtig ist, dass die zentralen Planer rechtzeitig erfahren müssen, wenn die Voraussetzungen ihrer Produktion sich verändern, zum Beispiel durch schlecht ausgefallene Ernten, durch veränderte Bedürfnisse oder eine neue Technologie. Diese Informationen müssen dann nicht nur rechtzeitig an die Zentrale übermittelt werden, sondern auch rechtzeitig verarbeitet werden, sodass der Plan angepasst wird – und da Veränderungen bei einem Produkt immer auch Auswirkungen auf weitere Produkte und Betriebe haben, muss dann jeweils der gesamte Plan (oder mindestens die Pläne der Bereiche, die in relevantem Ausmaß betroffen sind) überarbeitet werden. Wenn es Hunderttausende oder Millionen relevanter Güter gibt, wird es wichtig sein, solche Anpassungen in einem gewissen Maße zu automatisieren und die Ergebnisse der Berechnungen trotzdem durch menschliche Planer überprüfbar zu machen, wenn die Planungsstäbe nicht von der Masse an Daten, die ihnen zugesandt werden, hoffnungslos überfordert sein sollen. Dies wiederum setzt auch voraus, dass die relevanten Informationen bereits in einer quantifizierten Form in den Computer eingegeben werden, die eine Verarbeitung möglich macht: Die Information „Missernte infolge von Schädlingsbefall“ hilft dem Planungssystem beispielsweise nicht weiter, die Information: „Weizenernte im kommenden Quartal voraussichtlich um 21% unter dem Planziel“ hingegen schon.

Wären Mises und Hayek bei ihren Überlegungen zur Informationsfunktion der Preise darauf eingegangen, wie anspruchsvoll es in der Planwirtschaft sein kann, diese Informationsfunktion ohne einen Markt zu organisieren, dann hätten sie einen wichtigeren Punkt getroffen als sie es tatsächlich getan haben – und damit aber auch direkt die Aufmerksamkeit ihrer Gegner, der Kommunisten, auf die Probleme gelenkt, die wirklich bearbeitet werden müssen.

3. Antworten auf die Kritik von Mises und Hayek

Der Vollständigkeit halber werden wir uns an dieser Stelle kurz mit zwei bekannten Entgegnungen auf die Kritik von Mises und Hayek beschäftigen: Dem Modell von Oskar Lange aus den 1930ern und dem von Allin Cottrell und Paul Cockshott in den 1980ern entwickelten und von ihnen seitdem weiter ausgearbeiteten und vertretenen Modell einer Planwirtschaft. Beide Modelle sind aus Sicht des Autors wenig relevant für die Lösung der realen Herausforderungen der Planwirtschaft. Doch um dies verständlich zu machen und es nicht nur zu behaupten, müssen wir sie zunächst kurz darstellen und auf ihre Probleme hinweisen

Die Antwort von Oskar Lange

Von Seiten derer, die die Möglichkeit einer sozialistischen Wirtschaft grundsätzlich verteidigten, stammt der wohl bekannteste Beitrag zur historischen Kalkulationsdebatte (der 1920er und 30er Jahre) von dem polnischen Ökonomen Oskar Lange. Ähnliche Argumente wurden auch von den Ökonomen Fred M. Taylor, H.D. Dickinson und Abba P. Lerner vorgebracht, die hier jedoch unberücksichtigt bleiben sollen. Lange und seine Mitstreiter waren in ihrer Methodik keine Marxisten, sondern teilten im Gegenteil die wesentlichen Grundannahmen der Neoklassik – also der Wirtschaftstheorie, die seit dem 19. Jahrhundert explizit als Gegenprogramm zur Arbeitswerttheorie der Klassiker und des Marxismus aufgestellt wurde und vor allem in den vergangenen Jahrzehnten die akademische Wirtschaftslehre weitestgehend dominiert hat. Zentral ist dabei vor allem die Annahme, dass auf einem Markt die Wirtschaftssubjekte rational handeln und danach streben, ihren Grenznutzen[40] zu maximieren und dass durch die Zusammenwirkung aller Marktsubjekte tendenziell Gleichgewichtspreise entstehen würden, das heißt Preise, bei denen Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zueinander stehen. Dies seien dann die Preise, die eine maximal effiziente Verteilung der Ressourcen auf die Gesellschaft sicherstellen und Disproportionen, also Wirtschaftskrisen verhindern würden. Diese These, die üblicherweise zur Rechtfertigung des Kapitalismus dient, akzeptierte Lange zwar, aber er wollte nun beweisen, dass unter Bedingungen des gesellschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln ein gleichwertiges oder höheres Niveau an Effizienz erreicht werden könnte.

Wie Vilfredo Pareto, einer der Begründer der neoklassischen Ökonomie, sah Lange Preise als eine Art Recheninstrument für die effiziente Verteilung von Gütern. Das sei möglich, wenn man in einer sozialistischen Ökonomie den zentralen Planern die Aufgabe gäbe, die Preise so festzusetzen, dass sie für jedes Gut dem Gleichgewichtspreis entsprechen, der sich auf dem Markt durch das Spiel von Angebot und Nachfrage herausbilden würde. Dies sei möglich, indem die Planer der Regierung sich experimentell an den Gleichgewichtspreis herantasten – das entspricht genau dem Verfahren zur Preisfindung, das der neoklassische Ökonom Léon Walras mit dem Begriff „tâtonnement („Herantasten“) für den kapitalistischen Markt behauptet hatte: Walras stellte sich den Markt als Versteigerung vor, wobei der Auktionator zu Beginn beliebige Preise für alle Waren angeben kann, aber diese dann je nach Angebot und Nachfrage so oft anpasst, bis der Gleichgewichtspreis erreicht ist.

Lange fragte nun zurecht, weshalb nur private Marktsubjekte solche Preise festlegen könnten und nicht der Staat. In seinem Modell sollten die Manager der staatlichen Betriebe in der Konsumgüterindustrie nach zwei Regeln handeln: Erstens die „Produktionsfaktoren“ (Arbeitskraft, Kapital und Boden) so kombinieren, dass die Grenzproduktivität[41] jedes Produktionsfaktors überall gleich ist (d.h. dass eine investierte Geldeinheit in jedem Unternehmen die gleiche Produktivität hervorbringt, unabhängig davon, in welchen Faktor sie investiert wurde). Und zweitens, dass der Output des Betriebs so geplant wird, dass seine Kosten dem Preis des Produkts entsprechen[42]. In der Produktionsmittelindustrie sollten die Preise von einer zentralen Planbehörde festgesetzt werden. Auch diese Preise seien dann aber nicht willkürlich: Indem sie direkt Angebot und Nachfrage nach den Produktionsmitteln beeinflussten, würde schnell sichtbar, an welcher Stelle Knappheiten und Überschüsse herrschen, sodass auch dort die Preise von der Zentrale korrigiert würden, bis sie den Gleichgewichtspreisen entsprächen[43]. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Lange in seinem Modell versuchte, den theoretischen idealen Wettbewerb aus den neoklassischen Modellen unter Bedingungen des umfassenden Staatseigentums zu simulieren und damit effizienter zu machen, als es der Markt selbst, vor allem unter den Bedingungen des Monopolkapitalismus, je sein könnte. Auch der Überblick der zentralen Planbehörde über die Gesamtwirtschaft sei dabei ein großer Vorteil gegenüber dem tatsächlichen Markt[44]. Den Vorteil seiner Vorstellung von Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus sah Lange darin, dass im Sozialismus die Einkommensverteilung gleicher sei und damit die Wohlfahrt insgesamt maximiert werde und es außerdem nicht zu Krisen kommen würde[45].

Zur Tragfähigkeit von Langes Modell

Ein zentraler Gedanke in Langes Modell bleibt dabei sicherlich bestehen: Auch in einer Planwirtschaft müssen Preise im Allgemeinen erstens die Produktionskosten reflektieren und zweitens auf Knappheiten und Überschüsse reagieren können. Zudem, wie Lange gezeigt hat, bedarf es dazu keines Marktes aus Privatsubjekten, sondern die Preise können als Planungspreise auch nach der Abschaffung des Marktes ein Instrument der sozialistischen Planung sein.

Dennoch ist Langes Modell für eine sozialistische Ökonomie letztlich unbrauchbar.

Denn in Langes Konzept werden Produktionsentscheidungen nicht von der zentralen Planbehörde, sondern von den Betrieben getroffen, die sich wiederum an den Marktpreisen orientieren. Damit gehen einerseits die enormen Effizienzvorteile zentraler Planung verloren, die ansonsten insbesondere in der langfristigen Planung zum Tragen kommen würden. Durch das Trial-and-Error-Verfahren kommt es zwangsläufig zu Engpässen und Überschussproduktion, also Ungleichgewichten, die durch zentrale Planung im Voraus vermieden werden könnten. Die Betriebe bleiben auf Kosteneffizienz ausgerichtet, was einer Orientierung auf gesellschaftliche Bedürfnisse direkt widerspricht: Was für den einzelnen Betrieb kosteneffizient ist, kann für die Volkswirtschaft ineffizient sein und umgekehrt. Die Priorisierung bestimmter Branchen auf Kosten anderer, sicherlich eine der großen Stärken der historischen sozialistischen Länder, ist nicht vorgesehen. Und die historische Erfahrung hat gezeigt, wie Konkurrenz zwischen Betrieben im Sozialismus tendenziell ein antisozialistisches Bewusstsein der Betriebsdirektoren fördern kann. Schließlich hätten in diesem Modell die Betriebe ihre eigenen Budgets und würden auch insolvent gehen, wenn ihre Operationen scheitern: Es gäbe also Arbeitslosigkeit und vermeidbare Verschwendung von Produktivkräften durch Unternehmenspleiten.

Lange selbst passte Jahrzehnte später, in einem kurzen Aufsatz von 1979, seine Position an die technische Entwicklung an. Mit der Entwicklung des Computers sei das Trial-and-error-Verfahren von Walras gar nicht mehr notwendig. Man könne den Markt als eine Art Computer der präelektronischen Zeit zur Lösung von Gleichungen verstehen, der mit der Entwicklung des elektronischen Computers nun endgültig überholt sei: „Der Marktprozess mit seinen schwerfälligen tâtonnements erscheint altmodisch. In der Tat kann man ihn als Rechenmaschine des präelektronischen Zeitalters verstehen[46]. Doch auch dann bliebe das grundsätzliche Problem Langes bestehen: Anstelle einer zentral geplanten Wirtschaft, die die verfügbaren Ressourcen gezielt da einsetzt, wo sie den größten gesellschaftlichen Nutzen erbringen, ist Langes Modell nach wie vor nur ein Instrument zur Berechnung von Gleichgewichtspreisen in einer Wirtschaft ohne Privateigentum an Produktionsmitteln.

Zweitens beinhaltet Langes Modell aber auch auf zahlreiche reale Probleme wie zum Beispiel die Frage der Planung von Produktions- und Produktivitätssteigerungen, Fragen nach der sinnvollen Desaggregation[47] von Plänen auf Betriebsebene und der Übermittlung von Planzielen als verbindliche Weisungen an die Betriebe oder die Planung komplexer Systeme, wie beispielsweise tiefe Lieferketten, keine Antworten. Die Scheuklappen der neoklassischen Theorie und ihr borniertes Einschießen auf die Frage des Gleichgewichtspreises führen zu einem Modell, das einerseits realitätsfern ist, weil es an fast allen wirklich komplizierten Fragen der Planwirtschaft vorbeigeht. Die Tatsache, dass die moderne Produktionswirtschaft und Logistik in unserer Zeit zu großen Teilen innerhalb der Monopolkonzerne weitestgehend und im Detail geplant werden, zeigt, dass der Fokus auf die Mechanismen der Preisbildung nur einen kleinen Bereich der relevanten ökonomischen Prozesse erfasst. Andrerseits und vor allem setzt es aber Betriebe als autonom agierende wirtschaftliche Einheiten voraus und ist deshalb auf eine Planwirtschaft, die gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass die wesentlichen Entscheidungen nicht von den Betrieben autonom getroffen werden, gar nicht anwendbar. Einen Beitrag zur Lösung der Probleme eines zukünftigen sozialistischen Aufbaus leistet Langes Konzeption daher leider nicht.

Das Konzept von Paul Cockshott und Allin Cottrell

Cockshott und Cottrell entwarfen ihr Modell einer Planwirtschaft als Antwort auf den sich abzeichnenden Untergang der Sowjetunion und die zunehmend offene Orientierung sowjetischer Politiker und Ökonomen an bürgerlichen, insbesondere liberalen wirtschaftspolitischen Positionen. Cockshott und Cottrell wollten in diesem politischen Klima, in dem die bürgerlichen Behauptungen von der zwangsläufigen Ineffizienz der Planwirtschaft nahezu überall akzeptiert wurden, eine Gegenposition aufstellen und die  Möglichkeit und sogar Überlegenheit einer effizienten zentralen Wirtschaftsplanung gegenüber dem Kapitalismus verteidigen.

Ihre Konzeption des Sozialismus fußt nach eigener Aussage auf drei Säulen: Der Arbeitswerttheorie, direkter Demokratie und dem, was sie „kybernetische Regulierung“ der Wirtschaft nennen. Hier sei nur angemerkt, dass der erste Punkt auf einem falschen Verständnis der beiden Autoren darüber beruht, was die Arbeitswerttheorie bei Marx ist und was sie nicht ist – sie ist ein theoretisches Konzept, um die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise aufzudecken und nicht, wie Cockshott und Cottrell zu glauben scheinen, ein epochenübergreifender Maßstab, um jegliche Art von Wirtschaftsrechnung zu betreiben; der zweite Punkt ist aus anderen Gründen ebenfalls problematisch, was hier jedoch nicht Gegenstand ist[48]. Relevant für diesen Text ist allein ihr Konzept für eine sozialistische Ökonomie.

Dieses beruht auf einer Kombination aus: 1) Arbeitszeitrechnung, 2) Input-Output-Tabellen und 3) der Nutzung moderner Informationstechnologie und mathematischer Methoden zur Lösung der anfallenden mathematischen Probleme.

Zu 1): Wie bereits in der Kalkulationsdebatte festgestellt worden war, fehlen in einer Planwirtschaft die Marktpreise als Maßstab, um verschiedene Güter miteinander vergleichbar zu machen. Cockshott und Cottrell schließen hier an die Position von Marx an, der bereits die Arbeitszeit als Recheneinheit und Vergleichsmaßstab der sozialistischen Wirtschaftsrechnung benannt hatte, sie verwechseln diesen allerdings mit der Arbeitswerttheorie von Marx.

Zu 2): Sie nutzen die Idee der Input-Output-Tabelle des russischen, aber in den Westen emigrierten bürgerlichen Ökonomen Wassili Leontief (für die dieser 1973 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten hatte). Diese war von ihm eigentlich als Instrument zur Analyse einer kapitalistischen Volkswirtschaft entwickelt worden: Eine Tabelle, in der alle Inputs und Outputs der Produktion gelistet werden und damit die Materialflüsse zwischen verschiedenen Branchen abgebildet werden können. Cockshott und Cottrell funktionierten diese Leontief-Tabelle nun zum Mittel der Wirtschaftsplanung im Sozialismus um: Für jedes einzelne Gut gibt es in dieser Tabelle eine Zeile und eine Spalte; die Tabelle zeigt, wie die Outputs des einen Industriezweigs als Input anderer Industriezweige genutzt werden[49].

Zu 3): Mithilfe der Input-Output-Tabelle soll es nun möglich sein, für alle Produkte die Arbeitswerte zu errechnen. Angesichts der Komplexität einer solchen Tabelle mit Millionen von unterschiedlichen Gütern, was auch Millionen von simultanen Gleichungen bedeutet, die gelöst werden müssten, war die erforderliche Rechenzeit mit konventionellen mathematischen Verfahren zur damaligen Zeit viel zu hoch, um noch für eine praktische Anwendung zu taugen. Da aber die Tabelle in der Praxis überwiegend leere Stellen hat (weil in jedes Produkt in der Regel zwischen zehn oder ein paar hundert Komponenten eingehen, aber nicht Millionen; denn zur Herstellung eines Rasierapparats braucht man weder Weizen noch Polsterbezüge), erhalten wir ein schwach besetztes Gleichungssystem, das in der Praxis sehr viel leichter, mit drastisch reduzierter Rechenzeit lösbar ist. Für die Errechnung der Arbeitszeiten jedes einzelnen Produkts, die vor allem dadurch kompliziert wird, dass ja nicht nur die direkt verausgabte Arbeit eingerechnet werden muss, sondern auch die, die in den Inputs bereits vergegenständlicht ist, schlagen Cockshott und Cottrell ein „iteratives Approximationsverfahren“, also ein mathematisches Verfahren, vor, das sich schrittweise dem Wert annähert. Im Ergebnis, so behaupten sie, sei der Plan für die gesamte Volkswirtschaft mithilfe damaliger (Stand: Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre) Computer in wenigen Minuten auszurechnen[50]. Mit der gleichen Methode könnten außerdem ausgehend von der langen Liste mit Endprodukten, die im Ergebnis der Planerfüllung produziert werden sollen, alle dafür erforderlichen Inputs (Rohstoffe und verarbeitete Zwischenprodukte) errechnet werden[51].

Um zu verhindern, dass Mangel und Überschüsse an Konsumgütern entstehen, schlagen Cockshott und Cottrell (ähnlich wie Lange) ein Verfahren vor, nach dem die Preise für Konsumgüter an Angebot und Nachfrage angepasst werden. Der Gleichgewichtspreis der Konsumgüter würde (anders als bei Lange) nicht durch ein Trial-and-Error-Verfahren ermittelt, sondern ergäbe sich aus der durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit, die in den Gütern vergegenständlicht ist. Dieser Preis würde zudem (anders als bei Lange) auch nicht von jedem Betrieb einzeln, sondern von einer zentralen Planungsbehörde festgelegt. Steigt das Angebot für dieses Gut über die Nachfrage, würde der Preis unter den Arbeitswert gesenkt, bei Knappheit wäre es umgekehrt[52]. Diese Preisanpassungen sind bei Cockshott und Cottrell aber nur kurzfristige Korrekturen, um Schwankungen auszugleichen, während die Arbeitswerte langfristig die Grundlage der Preise bilden sollen.

Zur Tragfähigkeit des Konzepts von Cockshott und Cottrell

Das Konzept von Cockshott und Cottrell vermeidet die grundlegenden Widersprüche, die sich beispielsweise aus dem Konzept von Lange (und noch mehr bei anderen, dezidiert „marktsozialistischen“ Modellen) ergeben, in denen regelmäßig die Autonomie der Betriebe und ihre Ausrichtung am Markt bzw. Profitzielen in Konflikt mit dem gesellschaftlichen Eigentum und der sich aus diesem notwendig ergebenden zentralen Planung geraten. Auch der von ihnen vorgeschlagene Konsumgüter-„Markt“ ist in Wirklichkeit kein Markt, sondern lediglich eine Simulation von Marktpreisen, die von der zentralen Planung als Instrument der Ressourcenverteilung eingesetzt werden.

Das grundlegende Problem ihres Konzepts liegt hingegen einfach darin, dass es extrem unterkomplex ist und die Herausforderungen heutiger Produktionswirtschaft völlig ignoriert. Die Input-Output-Tabelle ist für Cockshott und Cottrell ein zentrales Instrument der Wirtschaftsplanung. Sie rechnen vor, wie man mit damaliger Computertechnologie mithilfe einer solchen Tabelle die Arbeitswerte aller Güter sowie den Bruttooutput (also alle Outputs von Rohstoffen, Zwischen- und Endprodukten) zur Erfüllung des Plans in wenigen Minuten errechnen kann – mit heutiger Computertechnologie also in winzigen Sekundenbruchteilen. Dabei ignorieren sie allerdings verschiedene Probleme, die eine solche Berechnung erheblich schwieriger machen.

Erstens setzt die Anwendung der Input-Output-Rechnung in dieser Weise voraus, dass die Beziehungen zwischen verschiedenen Gütern sich linear entwickeln. Zum Beispiel: Wenn 10 Einheiten Energie und 10 Stunden Arbeit zur Produktion eines Produkts X benötigt werden, dann erfordert die Herstellung von 5 mal X das Fünffache, also 50 Energieeinheiten und 50 Arbeitsstunden. Genau das ist aber alles andere als realistisch. Denn der Vorteil der Massenproduktion besteht in vielen Fällen ja genau darin, dass ein Hochskalieren (Verfielfachen) der Produktionsmenge relativ gesehen Einsparungen ermöglicht, z.B. könnten 5 mal X in Wirklichkeit nur 30 Arbeitsstunden und 35 Energieeinheiten kosten. Und wenn wir die Produktionsmenge weiter erhöhen, könnte es weitere Einsparungen geben – oder es könnte an irgendeinem Punkt ein Plateau geben, wo eine erneute Ausweitung der Produktion keine oder nur noch geringe Effizienzgewinne erbringt. Wenn nun zwischen fast allen Gütern solche komplexen, nicht-linearen und nur empirisch zu ermittelnden Beziehungen bestehen, ist der Nutzen einer Input-Output-Tabelle aber infrage gestellt. Denn dann stellt sich bei jeder Verschiebung von Materialflüssen, z.B. aufgrund einer Aktualisierung des Plans, erneut die Frage, in welchem Mengenverhältnis welches Gut gebraucht wird, um den Plan noch optimal erfüllen zu können.

Zweitens werden Güter nicht nur produziert, sondern auch gelagert und transportiert. Dies erhöht die Komplexität der Planung noch weiter. Denn nicht alle Güter können unter gleichen Bedingungen transportiert und gelagert werden: Während es kein Problem ist, eine Ladung Stahlbleche 10 Tage bei 30°C zu lagern, kann man das Gleiche kaum mit einer Ladung Erdbeeren tun, sofern diese danach noch essbar sein sollen. Transport und Lagerung (und dabei auch Einschränkungen dafür, wie lange ein Produkt überhaupt gelagert werden kann) sind also ein essenzieller Bestandteil der Ökonomie und verbrauchen ebenfalls Ressourcen, müssen also in den Plan mit aufgenommen werden. Es ist schwer vorstellbar, wie diese Aspekte, die sich aus der konkreten Stofflichkeit der Produktion ergeben und in einer abstrakten Betrachtung verschwinden, in einer Input-Output-Tabelle überhaupt erfasst werden könnten. Hier wären also zusätzlich Instrumente der Planung unbedingt erforderlich.

Eine dritte Komplikation ergibt sich daraus, dass in der realen Produktionswirtschaft häufig Güter einander ersetzen können. Wenn beispielsweise ein bestimmter Kunststoff zu teuer wird oder seine Produktion besonders umweltschädlich ist, kann es verschiedene Optionen für andere Stoffe mit vergleichbaren Materialeigenschaften geben, deren Verwendung günstiger wäre. Anders gesagt: Es ist nicht immer eindeutig festgelegt, welche Inputs zur Produktion eines bestimmten Guts erforderlich sind, sondern diese Inputs können variieren. Der gewissermaßen umgekehrte Fall ist die sogenannte Kuppelproduktion[53]. Damit ist die gleichzeitige Herstellung mehrerer Produkte in einem Produktionsprozess gemeint, bei dem mindestens ein Nebenprodukt zwangsläufig anfällt. Beispielsweise entsteht bei der Produktion von Butter Buttermilch als Kuppelprodukt oder bei der Raffinierung von Rohöl zu Benzin entstehen unter anderem Diesel, Schmieröle und Flüssiggase. Beide, Kuppelproduktion und Substituierbarkeit von Inputs, bedeuten, dass oftmals keine eindeutige, lineare Beziehung zwischen bestimmten Inputs und bestimmten Outputs besteht, sondern verschiedene Inputs den gleichen Output hervorbringen können, ebenso wie ein Produktionsprozess verschiedene Outputs herstellen kann. Auch das macht die Darstellung in Input-Output-Tabellen komplizierter, denn wir können nicht mehr einfach für jedes individuelle Output-Produkt einfach eine Spalte anlegen, in der alle Inputs aus anderen Industrien aufgelistet sind, da diese Inputs ja nicht nur einen Output hervorbringen (Kuppelproduktion). Ebenso gibt es möglicherweise verschiedene Variationen, mit denen ein Output hergestellt werden kann; im Vorfeld der Planerstellung müsste also entschieden werden, für welche Variation man sich entscheidet beziehungsweise welchen Input man zwischen verschiedenen möglichen Substituten auswählt. Das setzt aber wiederum voraus, dass man bereits weiß, welche Entscheidung die ökonomisch sinnvollste ist. Dies zu wissen, erfordert allerdings eigentlich bereits einen Überblick über alle Inputs in der gesamten Ökonomie. Auch hier wird man also weitere Verfahren anwenden müssen oder gegebenenfalls damit umgehen müssen, dass es punktuell zu Versorgungsproblemen kommen kann.

Abschließend können wir festhalten, dass Cockshott und Cottrell das Verdienst zukommt, nach dem Sieg der kapitalistischen Konterrevolution, in einem Klima, in welchem von der politischen Reaktion der endgültige Tod des Sozialismus verkündet wurde und große Teile der „Linken“ ihr darin zustimmten, die Diskussion um die Planwirtschaft wiederzubeleben und die Aufmerksamkeit auf die enormen Potenziale moderner Computertechnologie zu lenken. Dennoch bleibt ihr Modell übervereinfacht und seine Anwendbarkeit begrenzt. Ihr Beitrag hätte die Diskussion wieder eröffnen sollen, stattdessen wurden aber in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten kaum relevante neue Beiträge zu dem Thema erbracht, weder von Cockshott & Cottrell selbst noch von anderen Autoren.

4. Die Planung von Produktivitätsfortschritten, und damit verbunden: Wie kann man „harte Planvorgaben“ durchsetzen und das „Feilschen“ um Planziele vermeiden?

Einige Jahrzehnte nach den Kritiken von Mises und Hayek hat János Kornai die Argumentation der antisozialistischen Ökonomen auf eine andere Ebene verschoben. Die Rolle von Preisen, ihres Informationsgehalts und „rationaler“ Wirtschaftsrechnung spielt bei ihm auch eine wichtige Rolle, aber darüber hinaus hat er eine Reihe weiterer Argumente formuliert, die sich eher auf das Verhalten der verschiedenen wirtschaftlichen Akteure in der Planwirtschaft beziehen, insbesondere auf das der Entscheidungsträger, also der Betriebsleitungen und der Planer. Kornai gesteht der Planwirtschaft zwar zu, dass sie ein „funktionierendes“ System ist, in dem Sinne, dass die primären Ziele in der Regel erfüllt werden können. Er fährt aber fort:

„Man muss jedoch hinzufügen, dass eine direkte bürokratische Kontrolle in vielerlei Hinsicht ineffizient ist. Sie ist extrem starr; es kommt zu langen Verzögerungen und schwerwiegenden Verlusten, bevor sie sich an Veränderungen der Bedürfnisse, der Technologie, der innenpolitischen Situation oder der Außenwelt anpasst. Sie bietet keine Anreize für Eigeninitiative, Unternehmergeist oder Innovation.[54].

„Der Mechanismus der direkten bürokratischen Kontrolle würde gut funktionieren, wenn perfekte Informationen über die Vergangenheit verfügbar wären, wenn die Vorhersage der Zukunft präzise wäre und wenn jeder Befehl fehlerfrei und mit makelloser Genauigkeit ausgeführt würde. Im wirklichen Leben sind die Informationen unvollständig und ungenau, und es gibt viele Unsicherheiten bei der Vorhersage der Zukunft. Darüber hinaus sind sowohl die Befehlshaber als auch diejenigen, die den Befehlen gehorchen, lebendige, fehlbare Menschen und keine Teile einer Uhrwerkmaschine. Die Probleme […] ergeben sich hauptsächlich aus den Motivationen und Konflikten der Beteiligten und aus den Verzerrungen im Prozess der Informationsbeschaffung und -nutzung[55].

Das Problem besteht laut Kornai darin, dass letzten Endes nur Privateigentum an den Produktionsmitteln dazu führe, dass die Leiter eines Betriebs eine echte Motivation entwickeln würden, die Effizienz zu steigern und Kosten zu senken. Durch die Konkurrenz sind die Kapitalisten dazu gezwungen, nach Effizienz zu streben und Risiken einzugehen, um sich auf dem Markt durchzusetzen – im Sozialismus hingegen strebten die Betriebsleitungen vor allem danach, keinen Ärger zu bekommen und ein ruhiges Leben zu führen, weshalb es unklug sei, Kritik zu üben, mit ungewöhnlichen Ideen aufzutreten oder überhaupt Initiative zu ergreifen. Die Motivation, „in Ruhe gelassen“ zu werden gerate dann in Konflikt mit dem Berufsethos und der Loyalität zum Sozialismus, sodass die Betriebsleitungen ständig entscheiden müssten, ob sie potenzielle Schwierigkeiten auf sich nehmen, um Probleme im Betrieb zu korrigieren oder nicht[56].

Insbesondere ergebe sich daraus ein Streben der Betriebsleitungen nach „weichen Planvorgaben“, also solchen Vorgaben, die leicht erfüllbar sind, indem möglichst viele Ressourcen als Input zur Verfügung stehen und die Outputziele niedrig gehalten bleiben:

„Der Firmenchef hat ein Interesse daran, einen möglichst einfachen Produktionsauftrag und eine möglichst große Menge an Materialien und Arbeitskräften für dessen Ausführung zu erhalten. Dies führt zu den geringsten Konflikten und minimiert das Risiko, seinen Bonus zu verlieren oder sogar bestraft zu werden, wenn der Plan nicht eingehalten wird. Diese Interessen ermutigen dazu, die Informationen zu verfälschen, indem eine geringere Kapazität und ein größerer Inputbedarf gemeldet werden, als im Plan vorgesehen. Wenn man den ersten Entwurf des Plans sieht, tut man gut daran, zu verhandeln; indem man sich beschwert und vielleicht die Parteiorganisationen und die höheren Behörden um Vermittlung bittet, versucht man, einen weniger strengen Plan zu erhalten, d. h. eine relativ kleinere Output-Zuweisung und eine relativ größere Input-Zulage. […] Die erfahrenen Planersteller des Direktoriums sind sich dieser Tendenz jedoch bewusst. In der Anfangsphase der Planung schreiben sie einen Plan vor, der 10 oder 20 Prozent strenger ist, als sie selbst für realistisch halten, und rechnen damit, dass das Unternehmen sie unterbieten will.[57].

Daraus entstehe ein ständiges Zerren zwischen den verschiedenen Entscheidungsebenen der Planwirtschaft, da die zentralen Planersteller versuchten, einen möglichst „straffen“ Plan durchzusetzen und in Voraussicht der erwartbaren Versuche der Betriebsmanager, einfachere Planziele auszuhandeln, diese präventiv bereits höher setzen.

Eine weitere Methode der übergeordneten Ebenen, um realistische beziehungsweise hohe Planziele durchzusetzen bestehe darin, bei den Planzielen jeweils vom Produktionsniveau des vorherigen Jahres auszugehen und dieses als Basisniveau zu nehmen, auf das ein gewisses Plus aufgeschlagen wird. Das wiederum führe dann aber dazu, dass die Betriebe ihre Leistung bewusst zurückhalten, um nicht im nächsten Jahr einen schwerer erfüllbaren Plan vorgeschrieben zu bekommen. Man versuche also, den vorgegebenen Plan gerade so um 100% zu erfüllen oder minimal überzuerfüllen, um die Prämien für die Planerfüllung zu erhalten, aber eine zu starke Übererfüllung werde gezielt vermieden. Aus dem gleichen Grund werde auch der Informationsfluss zwischen den verschiedenen Ebenen der Planwirtschaft – zentrale Planungsbehörde, Branchenministerien, regionale Behörden, Betriebe – systematisch verzerrt: „Der Prozess führt letztlich zu einer methodischen Verzerrung des Informationsflusses nach oben, was zu einer Unterschätzung der Fähigkeiten und zur Vorenthaltung von Leistungen führt[58].

Auch hier gilt: Kornais Argumentation sollte grundsätzlich ernst genommen werden. Hätte sozialistische Wirtschaftsplanung grundsätzlich mit dem Problem zu kämpfen, dass anspruchsvolle Planvorgaben von der Zentrale gegenüber den unteren Ebenen und insbesondere den Produktionseinheiten nicht durchsetzbar wären, dann wäre dies in der Tat ein Nachteil, der zumindest durch andere Vorteile der Planwirtschaft ausgeglichen werden müsste, um bei der Arbeitsproduktivität nicht gegenüber dem Klassenfeind in Gestalt der kapitalistischen Staaten ins Hintertreffen zu geraten.

Kornai stößt uns hier indirekt auf ein ganz anderes Problem, nämlich die Frage, auf welcher Grundlage man eigentlich Veränderungen in der Produktion im Plan berücksichtigen kann. In einer statischen Wirtschaft, oder einer Wirtschaft, in der nur die bestehende Produktion hochskaliert wird (beispielsweise statt 100 Nähmaschinen, um 1000 Hosen zu nähen, 150 Nähmaschinen, um 1500 Hosen zu nähen) besteht dieses Problem nicht. Anders ist es, wenn neue Technologien, Maschinen oder Methoden zum Einsatz kommen, die die Kombination von Arbeitskraft und Produktionsmitteln modifizieren, effizienter sein sollen und damit nur zu einem gewissen Grad im Voraus berechenbar sind – was zwangsläufige Folge davon ist, dass sie neu sind. Dies ist zum einen deshalb wichtig, weil ohne diese Faktoren kein konsistenter Plan aufgestellt werden kann: Wenn sich durch eine neue Maschine beispielsweise der Verbrauch eines bestimmten Rohstoffs verringert, dafür aber ein zusätzlicher weiterer Rohstoff benötigt wird und der Ausstoß des Endprodukts erhöht wird, dann verändern sich die Lieferbeziehungen zu vielen anderen Betrieben. Wird dies nicht eingeplant, kommt es zu Engpässen und dementsprechender Verschwendung, zu Produktion über den Bedarf hinaus usw. Solche Probleme lassen sich durch vorherige Tests und Simulationen nur teilweise vermeiden, da die Effektivität und Effizienz neuer Technologien letztlich das Ergebnis einer Gesamtheit von Faktoren sind, die man auf diese Weise nicht erschöpfend überprüfen kann.

Was hat dies nun mit dem von Kornai aufgeworfenen Problem zu tun? Dieses Problem der ständigen Aushandlungen zwischen den Planungsebenen setzt voraus, dass ein objektiver Maßstab für die Leistung und erwartbare Leistungssteigerung eines Betriebs in der kommenden Planperiode nicht existiert und man deshalb auf mehr oder weniger willkürliche Kalkulationen der Zentrale sowie die Einschätzungen der Betriebe selbst angewiesen ist. Das „Gezerre“ in Form der Verhandlungsprozesse entsteht dann, wenn ein objektiver Maßstab für die realistisch erwartbare Produktionsleistung des Betriebes fehlt. Unter diesen Bedingungen ist es tatsächlich plausibel, von partiell widersprechenden Interessen auszugehen (der Betriebsleiter will den Plan erfüllen, da davon unter anderem Boni abhängen und er im Fall des Scheiterns zum Beispiel abgesetzt werden kann). Innerhalb des beschränkten weltanschaulichen Denkhorizonts von Kornai besteht die einzig mögliche Lösung darin, die Betriebe zu privatisieren und der Disziplinierung durch den Markt auszusetzen. Die Frage, ob solche Probleme auch im Sozialismus gelöst werden können, stellt er sich nicht ernsthaft.

Eine Lösung unter sozialistischen Bedingungen würde nun also voraussetzen, objektive Maßstäbe zu finden, um der Willkür solcher Verhandlungen, die durch individuelle oder Gruppeninteressen verzerrt sind, zu entkommen und allgemein das Ausmaß an Verhandlungen zwischen den verschiedenen Ebenen abzubauen.

Nun ist ohnehin eine detaillierte zentrale Planung der ganzen Volkswirtschaft wohl nur auf Grundlage ausgearbeiteter Produktionsfunktionen der einzelnen Betriebe möglich: Eine Funktion, die bei bekannten Inputs die Berechnung der Outputs ermöglicht und auch Veränderungen von Produktionsausstoß und Produktivität möglichst objektiv und realistisch vorhersagen könnte. Eine Produktionsfunktion ist also ein mathematisches Modell einer Produktionseinheit und beschreibt den Zusammenhang zwischen Inputs (z.B. Rohstoffe, Vorprodukte, Energie, Arbeitskraft) und dem dazugehörigen Output (Endprodukte, Abfallprodukte, Abwärme).

Die innerbetriebliche Planung erfordert auch im Kapitalismus, dass Daten darüber vorliegen, wie schnell an den einzelnen Stationen, z.B. einem Förderband, gearbeitet werden kann; wie produktiv die Logistik ist, wie effizient die Lagerhaltung usw. Diese Daten lassen sich in vielen Fällen nicht allgemein ermitteln, sondern unterscheiden sich von Betrieb zu Betrieb (z.B. da Transportwege innerhalb des Betriebs unterschiedlich lang sind) und müssen daher in jedem Betrieb einzeln ermittelt werden. Durch Normierung der Produkte und Produktion, ein allgemein besseres Verständnis technischer Prozesse und Datenerhebung, die alle bereits heute in kapitalistischen Industriebetrieben stattfinden, würde den Planbehörden im Wesentlichen eine realitätsnahe objektive Grundlage vorliegen, um zu beurteilen was ein Betrieb leisten kann und was nicht.

Auf der Grundlage dieser Daten könnte dann eine Produktionsfunktion sowohl für besonders wichtige Maschinen und Anlagen als auch für den Betrieb als Ganzes aufgestellt werden.

Auch in der bürgerlichen Produktionswirtschaftslehre werden seit langem Produktionsfunktionen verwendet, in der betrieblichen Planung insbesondere die Leontief-Produktionsfunktion.

Eine Produktionsfunktion, die als Planungsinstrument verwendet wird, muss in der Lage sein, nicht nur vorherzusagen, welche Outputs bei gegebenen Inputs zu erwarten sind, sondern auch, welche Kombination von Inputs und konkreten Arbeitsprozessen die gesteckten Ziele möglichst effizient erreichen können. Da in einer sozialistischen Ökonomie ein höheres Maß an Planung notwendig sein wird, um für jeden Einzelbetrieb Pläne zu haben, die in den gesamtwirtschaftlichen Plan integriert werden können, wird im Vergleich zum Kapitalismus auch in zusätzlichen Fällen die Aufstellung von Produktionsfunktionen erforderlich sein.

Aufgrund der stofflichen Grundlage unterscheidet sich die Produktion in jedem Industriezweig von der in anderen, teilweise sogar erheblich. So wird im Maschinenbau beispielsweise für eine bestimmte Maschine in der Regel ein bestimmtes passgenaues Teil gebraucht, während in der Chemieindustrie oft bestimmte Stoffe durch andere ersetzt werden können. Daher ist für jede Produktionseinheit eine eigene mathematische Modellierung erforderlich. Je genauer diese sein soll, desto aufwändiger ist die Berechnung (sowie die dafür erforderliche Datensammlung). Oft wird man daher im konkreten Fall zwischen möglichst genauer Modellierung der einzelnen Produktionseinheiten und der praktischen Realisierbarkeit einer solchen Berechnung mit vertretbarem Aufwand abwägen müssen.

Die Aufstellung solcher Modelle ist zwangsläufig eine Aufgabe der Zukunft, in einer zukünftigen sozialistischen Ökonomie. Sie besteht in der Anwendung mathematischer Methoden auf verfügbare Daten über die Produktion – diese Funktionen müssen also immer wieder neu aufgestellt werden und ergeben nur auf der Grundlage aktueller Daten Sinn. Es ist also nicht möglich, heute und jetzt ein in diesem Sinne genaues Modell einer sozialistischen Wirtschaft zu entwerfen, das in der Zukunft noch irgendeine Relevanz hätte. 

Zudem wird eine ständige Überprüfung und Überarbeitung der Modelle notwendig sein, was keine rein theoretische, sondern eine praktische Aufgabe ist. Es wird notwendig sein, herauszufinden, welcher Grad an Ungenauigkeit in der betrieblichen Planung mittels solcher Funktionen akzeptabel ist, was überhaupt einigermaßen verlässlich vorhersagbar ist und an welchen Stellen Annäherungsverfahren angewandt werden müssen. Dies lässt sich nicht allein durch die Theorie vorhersagen, da es z.B. eine Frage der Empirie ist, wie sich Ungenauigkeiten, die im Einzelfall vernachlässigbar erscheinen, auf der Ebene der Gesamtvolkswirtschaft fortpflanzen und dann exponentiell zunehmen können. Der Planungsprozess wird also ein über einige Jahre immer wieder zu optimierendes Verfahren sein, das etabliert und aufgebaut und immer wieder korrigiert werden muss, um ein Maximum an Effizienz zu erreichen. Und schließlich kann die Entwicklung der Produktion, wenn sich Bedingungen ändern (z.B. größere Inputs, neue Technologien), oft nur vermutet und nicht exakt vorhergesagt werden. Hier besteht dann die Aufgabe darin, zu einer möglichst genauen und fundierten Schätzung zu kommen.

Wir können an dieser Stelle dennoch grundsätzlich festhalten, dass erstens die Entwicklung von Funktionen zur betrieblichen Planung in der bürgerlichen Betriebswirtschaftslehre seit langem stattfindet und damit grundsätzlich auch die Planbarkeit wirtschaftlicher Prozesse im Sozialismus verbessert; dass diese aber zweitens für die Anwendung in der Planung noch nicht ausreichend sind und dieses Problem nur durch die ständige Überprüfung der Theorie an der Praxis gelöst werden kann; dass drittens aber die Aufstellung von genaueren Produktionsfunktionen für einzelne Betriebe in einer sozialistischen Ökonomie voraussichtlich einfacher sein wird als in der kapitalistischen, da erschwerende Faktoren wie das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit oder konjunkturelle Schwankungen wegfallen.

Diese Aufgabe müsste in einer Planwirtschaft ohnehin, aus rein technischen Gründen, durch eine längerfristige Zusammenarbeit von Ingenieuren, Betriebsleitung und Funktionären der Planbehörde erfüllt werden, da dazu Daten und Erfahrungen sowohl der betrieblichen Ebene als auch aus der gesamten Volkswirtschaft erforderlich sind.

Bestehen solche Funktionen jedoch einmal und dienen als Grundlage des Plans, dann wäre der Verhandlungsspielraum relativ gering, weil die Produktionskapazität in hohem Maße durch die technischen Voraussetzungen bestimmt ist und auch Produktionssteigerungen sich auf der Grundlage der Erfahrung abschätzen lassen. Der reale Prozess hätte vielmehr den Charakter einer gemeinsamen Erhebung von Planungsbehörde und Betriebsleitung über die Fähigkeiten des Betriebs als eine Verhandlung über eine bestimmte Liste von Aufträgen. Kornais Vorstellung, dass die Planbehörden von den Betriebsleitungen in ständigen Verhandlungen belogen und betrogen werden, ist völlig unrealistisch, sofern in der Planbehörde auch nur halbwegs kompetente Experten mit technischer Ausbildung und Erfahrung in der Industrie arbeiten würden.

Was, wenn nun, was sehr oft passieren wird, der betriebliche Produktionsplan angepasst werden muss? Solche Anpassungen können relativ unproblematisch sein – wenn beispielsweise mehr Schrauben und weniger Muttern benötigt werden, dann ist es in der Regel kein Problem, in Echtzeit die Planziele und die Produktion entsprechend anzupassen. Komplexere Probleme entstehen, wenn neue Maschinen, Technologien oder Produktionstechniken zum Einsatz kommen, die die Produktivität steigern sollen. Die Schwierigkeit liegt dann darin, dass die Planbehörde eine Prognose aufstellen muss, welche Auswirkungen die Neuerung auf die Produktivität und damit auch die Produktion hat. In vielen Fällen kann es ausreichen, in der betrieblichen Produktionsfunktion eine Variable, die die Produktivität einer alten Maschine ausdrückte, durch eine andere (die Produktivität der neuen Maschine) zu ersetzen. Oftmals dürfte aber eine genaue Prognose auf dem aktuellen Stand der Forschung nicht möglich sein: Es ist nicht immer vorhersehbar, wie sich die Produktivität genau entwickelt, weil diese von vielen Faktoren abhängt, die wiederum miteinander interagieren können; aber auch, weil es sehr viele Möglichkeiten gibt, sie zu erhöhen, weil man nicht im Voraus weiß, welche davon funktionieren.

Es ist gut vorstellbar, dass in Zukunft genauere Prognosen durch KI-Modelle erstellt werden könnten, die auf Grundlage vorliegender Daten durch Maschinenlernen zu fundierteren Schätzungen kommen. Hierbei ist jedoch Vorsicht geboten, da KI auf dem heutigen Stand nach wie vor relativ unberechenbar auch falsche Ergebnisse produziert – zumindest wäre man hier also gut beraten, mehrere Modelle parallel mit Daten zu trainieren und ihre Ergebnisse miteinander abzugleichen.

So oder so gibt es trotz der großen technischen Herausforderung, die Entwicklung der Produktion und Produktivität zu prognostizieren, wenige Gründe davon auszugehen, dass das von Kornai beschriebene Problem unlösbar wäre[59]. Denn kapitalistische Unternehmen sind in kaum geringerem Maße darauf angewiesen, möglichst akkurate Einschätzungen von der Auswirkung technischer Neuerungen zu gewinnen. Auch in einem kapitalistischen Industriebetrieb wird vor der Anschaffung einer wichtigen neuen Maschine erst einmal genau durchgerechnet, welche Auswirkungen diese auf den gesamten Produktionsablauf hat, denn ansonsten wären potenziell enorme Reibungsverluste durch beispielsweise Stockungen oder Lieferengpässe die Folge, die unmittelbar die Profitrate belasten würden.

Auf dem jetzigen Stand können wir also festhalten: Die Schätzung von Produktions- und Produktivitätssteigerungen kann bis zu einem gewissen Grad auf der Basis von Erfahrungswerten oder Tests objektiv geschehen. Diese Prognosen weiter zu verfeinern (und die Anwendbarkeit neuer Technologien wie der KI dafür zu prüfen), wäre in einer Planwirtschaft ein wichtiger Forschungsbereich, weil davon die Konsistenz und Realitätsnähe der Pläne abhängt. Ungenauigkeiten können bei den Prognosen sicherlich auftreten und in diesem Fall sollte die Planerstellung im Regelfall die Extreme vermeiden: Wird eine Produktivitätssteigerung zu optimistisch eingeschätzt und in unverhältnismäßig hohe Planziele übersetzt, ist der Plan unerfüllbar und es kommt zu Disproportionen in den Lieferbeziehungen zwischen den Betrieben; ist die Schätzung hingegen sehr konservativ und das Planziel entsprechend niedrig, wird das wirtschaftliche Wachstum ausgebremst. Für die Annahme, es handle sich um ein im Sozialismus unlösbares Problem oder um ein Problem, das notwendigerweise die Effizienz des Wirtschaftssystems stark untergraben muss, spricht jedoch nichts.

Kornais Problem der Durchsetzung „harter Planvorgaben“ kann aber auch noch auf andere Weise angegangen werden, nämlich indem mögliche Motive der Betriebe, zu niedrige Outputziele und zu hohe Inputziele zu verlangen, bekämpft werden. Die Belegschaften und Betriebsleitungen sind ja gleichzeitig auch Mitglieder der Gesellschaft, die als kollektive Eigentümer der Produktionsmittel (nicht des einzelnen Betriebs, sondern aller Betriebe) ein Interesse an einer positiven Entwicklung der Volkswirtschaft haben. Dieses Interesse muss immer wieder erklärt und konkret verdeutlicht werden. Die sozialistische Wirtschaft ermöglicht aber auch real eine ständige gegenseitige Kontrolle und Rechenschaft in den Produktionsstätten und insbesondere auch die Kontrolle der Betriebsleitungen durch die Belegschaften. Die innerbetriebliche Demokratie kann somit auch dabei helfen, gesellschaftlich schädliches Verhalten der Betriebsleitung zu bekämpfen.

In historischen sozialistischen Staaten wurden außerdem auch Aktivistenbewegungen eingesetzt, um die Produktion zu erhöhen, am bekanntesten in Form der Stachanow-Bewegung in der Sowjetunion, wo Aktivistenbrigaden im Betrieb nach dem Vorbild des Bergarbeiters Stachanow, der ein Vielfaches seines Tagessolls erfüllte, Möglichkeiten von Produktionssteigerungen ausloteten und dafür belohnt werden konnten.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Betriebe (Belegschaften und Betriebsleitungen) Gegenpläne zu den vorgegebenen Plänen ausarbeiten zu lassen, wobei es einen Bonus geben könnte, wenn freiwillig höhere Produktionsziele angegeben werden und einen weiteren, wenn diese dann auch erfüllt werden. Somit würde dem Anreiz, die Produktionsziele künstlich niedrig anzugeben, um „weiche Planvorgaben“ zu erhalten, entgegengewirkt. Bei solchen Boni sollte darauf geachtet werden, dass daraus keine dauerhaften sozialen Ungleichheiten innerhalb der Arbeiterklasse entstehen können (was zum Beispiel nicht der Fall wäre, wenn ein erfolgreicher Betrieb zusätzliche Urlaubstage oder freie Kino- oder Konzertbesuche für ein Jahr bekäme). Die Gegenplanbewegung war ein häufig genutztes Instrument in der Sowjetunion, der DDR und anderen sozialistischen Ländern und es sollte genauer ausgewertet werden, welche Erfolge, aber auch welche Misserfolge und unbeabsichtigten Folgen sie zeitigte. Die Methode erscheint grundsätzlich jedenfalls sinnvoll, um Anreize zur Erhöhung der Produktivität und Produktion zu schaffen, wo diese trotz aller Normierung und objektiv-wissenschaftlichen Planung dennoch benötigt werden sollten. In Zukunft müsste dabei darauf geachtet werden, nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Kriterien für Verbesserungen der Betriebsleistung zu berücksichtigen und natürlich auch darauf, dass die Erhöhung der Produktion im Rahmen des gegebenen Plans sinnvoll ist – also nicht überschüssige Güter produziert oder Inputs verbraucht werden, die an anderer Stelle benötigt würden. Wahrscheinlich wären solche Methoden zur Erhöhung der Produktion heutzutage in vielen Bereichen aber auch unnötig beziehungsweise kontraproduktiv, da die Produktion bereits in einem Maße durchgeplant ist, dass jede Abweichung vom Plan (auch Abweichungen nach oben) hauptsächlich Probleme verursachen würde.

Somit können wir zusammenfassen, dass Kornais Argument spätestens angesichts der heutigen Produktionswirtschaft mit ihren Anforderungen an betriebliche Planung unhaltbar geworden ist.

5. Führt die Abschaffung des Privateigentums zwangsläufig zu Verschwendung und Ineffizienz? Das angebliche Problem der „weichen Budgetbeschränkungen

Betriebe in einer sozialistischen Planwirtschaft befinden sich in gesellschaftlichem Eigentum, sie produzieren nicht für den Markt und sind nicht darauf ausgerichtet – ihr Auftrag besteht darin, Planziele zu erfüllen, die sich wiederum an den ermittelten gesellschaftlichen Bedürfnissen orientieren. Die Implikationen der Tatsache, dass ein Betrieb der Gesellschaft gehört, sind extrem weitreichend. Ein kapitalistisches Privatunternehmen wirtschaftet auf eigene Rechnung, bei Gewinnen expandiert es und bei Verlusten geht es an einem gewissen Punkt insolvent. Ein sozialistisches Unternehmen hingegen ist keine eigenständige Einheit, sondern Teil des gesamtwirtschaftlichen Organismus. Da es der Gesellschaft gehört, kann auch niemand anderes als die gesamte Gesellschaft die Verluste tragen, die im Fall von Fehlentscheidungen und ineffizienter Produktion zustande kommen. Diese Verluste dem Betrieb selbst aufzubürden ist nicht nur widersinnig, sondern unmöglich, wenn der Betrieb gar kein eigenständiges Subjekt ist.

Natürlich kann auch in einer Planwirtschaft die Entscheidung getroffen werden, einen bestimmten Betrieb abzuwickeln. Es handelt sich aber dann um einen ganz anderen Vorgang, als wenn in einer kapitalistischen Ökonomie ein Insolvenzverfahren eingeleitet wird. Denn das Insolvenzverfahren ist von den kapitalistischen Gesetzen diktiert – ein Betrieb, der Verluste macht und seine Rechnungen nicht mehr zahlen kann, hat irgendwann keine Wahl mehr, als seinen Bankrott zu erklären. Sofern er nicht vom bürgerlichen Staat mit Steuergeldern „gerettet“ wird, was vor allem bei großen Unternehmen und Finanzinstituten vorkommt, hört er auf zu existieren und macht der Konkurrenz damit Platz. Die Abwicklung eines sozialistischen Betriebs folgt hingegen keiner zwingenden Notwendigkeit. Sie ist eine Entscheidung der Planungsautoritäten, die getroffen oder auch verworfen werden kann. Treffen die Planer beispielsweise die Einschätzung, dass in einem Betrieb zwar Probleme bestehen, dass aber die Schließung des Betriebs der Volkswirtschaft größere Kosten verursachen würde als zu versuchen, ihn zu sanieren, dann würde wahrscheinlich die Abwicklung des Betriebs verworfen werden.

Dass diese Möglichkeit besteht und somit unnötige Verluste vermieden werden können, ist an sich eindeutig eine Stärke der zentralen Planung gegenüber der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Und trotzdem setzt hier eine der schärfsten Kritiken, die von bürgerlicher Seite gegen den Sozialismus formuliert worden ist, an: János Kornai hat dazu das Konzept  der „weichen Budgetbeschränkungen“ entwickelt. Damit ist einfach die Tatsache gemeint, dass ein sozialistischer Betrieb Möglichkeiten hat, sein Budget zu überziehen. In kapitalistischen Betrieben hingegen unterliegt das Budget härteren Beschränkungen, da in der Regel ein Betrieb bei Verlusten nicht vom Staat finanziell aufgefangen wird.

Kornai beschreibt, wie in allen sozialistischen Staaten die Betriebe, sofern sie Verluste verzeichneten, zuverlässig durch Kredite der staatlichen Banken oder Subventionen oder auf andere Weise aufgefangen wurden. Diese „weichen Budgetbeschränkungen“ traten laut Kornai in verschiedenen Varianten auf: Als „weiche“ Subventionen, bei denen ein Betrieb aushandeln konnte, dass er mehr Ausgaben tätigen durfte als sein Budget es eigentlich erlauben würde; als „weiche“ Besteuerung, das heißt eine Besteuerung, bei der die Höhe der Steuern verhandelbar ist; als „weicher“ Kredit, wobei für die Kreditvergabe keine allgemeinen einheitlichen Prinzipien wie im Kapitalismus bestehen, die es beispielsweise Betrieben in finanziellen Schwierigkeiten erschweren, an günstige Kredite zu kommen, sondern ganz im Gegenteil ein Betrieb mit finanziellen Problemen leichter einen günstigen Kredit aushandeln kann, selbst wenn offensichtlich ist, dass der Kredit nicht zurückgezahlt werden wird und es sich damit faktisch um eine Schenkung handelt. Und schließlich auch als „weiche“ Preissetzung: Die Preise im Sozialismus werden zwar administrativ und zentral festgelegt, aber auch sie konnten in der Praxis verhandelbar sein[60].

Die „weichen Budgetbeschränkungen“, so Kornai, hatten als Konsequenz, dass den Betrieben zwar die Reduzierung von Kosten und die Steigerung von Gewinnen im Plan vorgegeben sein konnte, aber kein Mittel bestand, dies auch zu erzwingen. Weil es immer möglich war, auch bei hohen Kosten die Lücke zu schließen, war es auch weder sonderlich riskant, Verluste zu machen, noch besonders vorteilhaft, Gewinne zu erzielen. Der Gewinn des Unternehmens gehörte nicht ihm, sondern floss in den Staatshaushalt, weshalb das Interesse der Betriebsleitungen an gewinnbringendem Wirtschaften nicht sehr groß sei[61].

Bei Preisveränderungen hätten die Betriebsleitungen deshalb ihr Verhalten nur wenig angepasst. Kornai führt das Beispiel an, dass für einen bestimmten Input, der für die Produktion eines Betriebs benötigt wird, ein günstigerer Ersatz entwickelt wird. Im Kapitalismus würden die Betriebe ständig nach Möglichkeiten suchen, ihre Produktion zu verbilligen. Im Sozialismus hingegen, wo die Unterstützung durch den Staat immer als gesichert gelten konnte, gebe es auch keinen starken Anreiz, sich nach billigeren Alternativen zu erkundigen oder diese einzuführen[62].

Die „weichen Budgetbeschränkungen“ hätten, so Kornai, außerdem zu einem ständigen „Hunger nach Investitionen“ geführt. Während im Kapitalismus der Drang nach Investitionen dadurch gebremst sei, dass man fürchten muss, im Fall des Scheiterns die Verluste zu tragen (und deshalb die keynesianische Schule der bürgerlichen Wirtschaftstheorie nach Methoden sucht, die Kapitalisten trotzdem zum Investieren zu bewegen), fehle eine solche Bremse im Sozialismus. Da Investitionen risikolos seien, sei der Drang zu investieren unersättlich, zumal gleichzeitig die Betriebe ja Planziele zu erfüllen haben, die mit umfangreicheren Investitionen leichter erfüllbar sind[63]. Die Investitionsfonds werden im Sozialismus durch die Planungsbehörden zugeteilt, anstelle einer Konkurrenz um Kapital auf dem kapitalistischen Kapitalmarkt. Da eine Einschätzung der Rentabilität dieser Investitionen auf Grundlage der administrativ festgesetzten Preise gar nicht möglich sei, seien Investitionsentscheidungen letztendlich immer willkürlich und ohne objektive Grundlage. Dies erkläre, weshalb in sozialistischen Ländern die Investitionsquote[64] typischerweise sehr hoch sei, aber die Effizienz dieser Investitionen niedrig[65].  

Aus Platzgründen wollen wir hier nicht ausführlich darauf eingehen, dass Kornais Aussagen über Investitionsverhalten im Kapitalismus ausgesprochen fragwürdig sind und von der ökonomischen Realität, wo riesige Kapitalsummen sich ständig auf der Suche nach profitabler – und oft auch sehr riskanter – Anlage befinden, weit entfernt. Prüfen wir stattdessen, wie stichhaltig seine Aussagen über die Planwirtschaft sind.

Kornais Argumentation ist ein Frontalangriff auf den Sozialismus. Denn „weiche Budgetbeschränkungen“ gibt es, wie zu Beginn des Unterkapitels bereits dargelegt, zwingend in einer sozialistischen Planwirtschaft. Andersherum formuliert: Es ist nicht möglich, in einer sozialistischen Planwirtschaft „harte Budgetbeschränkungen“ einzuführen. Denn diese setzen voraus, dass die Betriebe eigenständige Einheiten sind, die auf eigene Rechnung wirtschaften, Gewinne und Verluste machen und bei Verlusten auch bankrott gehen. Wenn das der Fall ist, handelt es sich offenbar aber nicht um Betriebe in gesellschaftlichem Eigentum, sondern in Privateigentum. Es handelt sich nicht um eine zentral geplante Wirtschaft, sondern die Produktions- und Investitionsentscheidungen werden von den Betrieben selbst getroffen.

Wenn also die „weichen Budgetbeschränkungen“, wie Kornai es behauptet, rationale Investitionsentscheidungen tatsächlich unmöglich machen würden, dann gäbe es in der Tat Gründe für die Annahme, dass eine kapitalistische Ökonomie der sozialistischen per se überlegen sein muss. Überprüfen wir also die Stichhaltigkeit von Kornais Argumentation. Das Fehlen „harter Budgetbeschränkungen“ kann in seinen Auswirkungen sowohl auf die Betriebsleitungen als auch auf die Belegschaften untersucht werden.

Stimmt es also, dass ohne Privateigentum an den Produktionsmitteln kein wirksamer Anreiz für die Betriebsleitungen bestehen kann, die Effizienz zu steigern und Kosten zu senken?

Erst einmal ist es natürlich richtig, dass die effiziente Arbeitsweise eines Betriebs im Sozialismus nicht per se sichergestellt ist und dass es Mechanismen geben muss, die das Management jedes Betriebs zum effizienten Arbeiten anhalten. Die „harten Budgetbeschränkungen“ des Kapitalismus stehen als Disziplinierungsmethode im Sozialismus nicht zur Verfügung – zwar ist es möglich, ineffiziente Betriebe abzuwickeln und zu schließen, aber das Management verliert dadurch nicht besonders viel, da die Betriebe ja gesellschaftliches Eigentum sind.

Es gibt allerdings keinen plausiblen Grund, weshalb eine Betriebsleitung allein durch die Drohung, ihr eingesetztes privates Kapital zu verlieren, dazu motiviert werden könnte, sparsam mit den Produktionsmitteln umzugehen. Aus dem Umstand, dass die Betriebe nicht bankrott gehen können, folgt keineswegs automatisch, dass es unvermeidlich wäre, dass die Betriebsleitungen Materialien verschwenden und sich um Innovationen herumdrücken. Kornai müsste also erklären, warum es nicht möglich sein sollte, den Betrieben die Senkung von Kosten oder Steigerung der Effizienz als Planziele vorzugeben und sicherzustellen, dass diese Ziele auch erfüllt werden. Man könnte an dieser Stelle die Befassung mit seiner Kritik beenden.

Denn grundsätzlich gibt es keinen Grund, davon auszugehen, dass ein Manager eines Betriebs im Sozialismus wissentlich seine Aufgaben vernachlässigen würde. Im Gegenteil kann man davon ausgehen, dass er (oder sie) seinen Job „gut machen“ und die Planvorgaben erfüllen will. Auch Kornai gesteht zu, dass auch in einer Planwirtschaft verschiedene Motive das Management dazu antreiben können, ihre Aufgaben gut zu erledigen, zum Beispiel politische Überzeugungen, materielle Boni, ihr Berufsethos, Angst vor Strafe oder der Wunsch nach Vermeidung lästiger Konflikte mit Vorgesetzten[66].

Tatsächlich spricht selbst die Erfahrung im Kapitalismus dafür: Der ehrenamtliche Vorsitzende eines Vereins macht diese Arbeit ohne Entlohnung, er will einfach, dass der Verein sich weiterentwickelt. Der Direktor einer Schule will, dass die Schule möglichst guten Unterricht anbieten kann – er kann zum Beispiel in Deutschland als Beamter nicht gekündigt werden, aber das führt nicht dazu, dass er den ganzen Tag die Beine hochlegt und schläft. Ein Betriebsleiter eines sozialistischen Betriebs hingegen würde neben seiner fachlichen Kompetenz auch nach Maßgabe seiner politischen Überzeugung ernannt werden. Die Leitung eines Betriebs ist eine wichtige Verantwortung in einer sozialistischen Gesellschaft und muss zumindest langfristig von Personen übernommen werden, die auch mit der politischen Zielsetzung der sozialistischen Gesellschaft übereinstimmen.

Im Gegensatz dazu wäre ein Betriebsleiter im Sozialismus selbstverständlich nicht unkündbar. Bei wiederholtem Versagen würde er ausgetauscht und in eine andere Beschäftigung verschoben werden. Anders als im Kapitalismus stünde mit dem Verlust des Jobs nicht die Existenz der Person auf dem Spiel. Es würde aber verhindern, dass unfähige Wirtschaftsfunktionäre dauerhaft Schaden anrichten können. Ein anderer Fall wäre natürlich Korruption, die mit den Mitteln des Strafrechts geahndet werden würde.

Somit ist es zwar unbestritten, dass es auch im Sozialismus Möglichkeiten geben muss, schlechte Arbeit des leitenden Personals zu sanktionieren beziehungsweise zu verhindern. Man muss aber nicht davon ausgehen, dass hier per se eine Quelle großer Probleme vorliegt. Tatsächlich legt auch die sowjetische Erfahrung nicht nahe, dass ein Hauptproblem darin lag, dass Pläne nicht umgesetzt wurden. Die Planziele wurden meistens durchaus erreicht – das Problem war vielmehr, dass die Planziele selbst zum Teil das Ergebnis falscher wirtschaftspolitischer Entscheidungen waren – wie der bereits erwähnte Wirtschaftshistoriker Robert Allen der von Kornai inspirierten landläufigen Sichtweise entgegenhält: „Im Gegenteil, die Pläne wurden umgesetzt; das Problem war nur, dass sie keinen Sinn ergaben. Die Stärke des sowjetischen Sozialismus lag darin, dass durch Anweisungen von oben große Veränderungen herbeigeführt werden konnten.“[67] Das Problem waren (neben anderen Faktoren wie dem Rüstungswettlauf und der Erschöpfung natürlicher Ressourcen) nicht systemimmanente Probleme des Sozialismus, sondern wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen, die Investitionen in die falschen Sektoren lenkten und damit das Wachstum verlangsamten.

Daraus folgt: Wenn man davon ausgeht, dass die Manager ihre Arbeit „gut machen“ wollen, brauchen sie vor allem die richtigen Rahmenbedingungen, um dies tun zu können. Ein falsches Anreizsystem kann auch dann noch dazu führen, dass gesamtgesellschaftlich schädliche Entscheidungen rational erscheinen, um beispielsweise Planvorgaben optimal zu erfüllen. Ein bekanntes Beispiel: Wenn eine Möbelfabrik die Vorgabe erhält, in der folgenden Planperiode die Produktion von Möbeln um 10% von 10.000 t auf 11.000 t zu steigern, dann lässt sich diese Planvorgabe damit erfüllen, dass man einfach schwerere Möbel produziert. Die Betriebsleitung hat in diesem Fall die Planvorgaben erfüllt und dennoch eine Entscheidung getroffen, die offensichtlich aus gesellschaftlicher Sicht unsinnig ist. Die Gesellschaft wollte nicht schwerere Möbel, sondern eine Steigerung der Stückzahl erreichen. Wenn man nun das Planziel in Stückzahl statt in Gewicht angeben würde, wäre das vermutlich bereits sinnvoller als zuvor, aber es könnte dann immer noch dazu kommen, dass die Produktionsmenge ausgeweitet wird, indem die Qualität der Produkte gesenkt wird.

Dieses Beispiel illustriert also den allgemeinen Punkt, dass die Bestimmung der Planziele selbst – und die Entwicklung von Maßstäben, anhand derer ihre Umsetzung überprüft werden kann, von entscheidender Wichtigkeit ist. Während es in der frühen Phase der sowjetischen Industrialisierung berechtigt war, den Fokus auf die Steigerung der Produktionsmengen der zentralen Güter (zum Beispiel Stahl, Kohle, Öl, Getreide) zu legen, erfordert die Planung einer entwickelten und ausdifferenzierten Wirtschaft mit Millionen unterschiedlicher Produkte und einem komplexen Netz aus Lieferabhängigkeiten zwischen Tausenden verschiedenen Produktionsstätten ganz andere Vorgaben. So können und müssen auch Planziele für die Verbesserung der Qualität, die Entwicklung neuer Produkte und die Senkung von Kosten operationalisierbar gemacht und aufgestellt werden. Um einem risikoscheuen Verhalten der Betriebsleitungen (zum Beispiel bei der Einführung neuer Technologien, aber auch Innovationen bei der Arbeitsorganisation oder der Produktdifferenzierung) entgegenzuwirken, könnte ein System eingeführt werden, das innovativen Projekten, sofern sie genehmigt werden, einen größeren Spielraum gewährt, indem man die Erfüllung von Planzielen weniger strikt abrechnet als sonst. Für sinnvolle Vorschläge, die zu mehr Effizienz oder zur Einführung neuer Produkte führen, können auch hier Boni vergeben werden.

Auch für die Belegschaften der Betriebe sollte es Mechanismen geben, die einem Verfall der Arbeitsmotivation entgegenwirken können. Zwar gilt auch hier, dass es grundsätzlich keinen vernünftigen Grund für die Annahme eines per se bestehenden Motivationsproblems im Sozialismus gibt. Schließlich sind die Arbeiter Eigentümer der Produktionsmittel und profitieren direkt von Produktionssteigerungen und der Entwicklung der Produktivkräfte. Mit der Etablierung der sozialistisch-kommunistischen Produktionsbeziehungen geht im Verlauf der Zeit auch die Entwicklung eines neuen Bewusstseins hervor, wobei Konkurrenz und das Streben nach dem individuellen Vorteil verdrängt werden durch die Einsicht, dass es dem Einzelnen nur dann besser gehen kann, wenn alle gemeinsam dafür arbeiten. Das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln ist kein abstraktes Prinzip. Es ist für die Arbeiter direkt dadurch erfahrbar, dass einerseits die Entwicklung der Produktivkräfte zu unmittelbar spürbaren Verbesserungen der Lebensrealität führt, andrerseits aber auch die Organisation der Arbeit gemeinsam von den Belegschaften und Leitungen angegangen wird. Auch im Betrieb muss, wie in der Gesellschaft insgesamt, eine Kultur der ständigen Diskussion, der Kritik und Selbstkritik, der gemeinsamen Erarbeitung und Überarbeitung der Pläne etabliert werden, in die alle am Betrieb beteiligten Personen einbezogen sind. Damit wird auch das Bewusstsein der Arbeiter, Eigentümer der vergesellschafteten Produktionsmittel zu sein, gestärkt und niedriger Arbeitsmotivation, Nachlässigkeit oder Verschwendung entgegengewirkt.

Dennoch können wir nicht ausschließen, dass Verhaltensweisen, die aus dem Kapitalismus überliefert sind, für einen längeren Zeitraum erhalten bleiben werden und sich sogar auch nach einem Rückgang wieder verstärken können, etwa bei lang anhaltenden Problemen des sozialistischen Aufbaus. So könnte es Trittbrettfahrereffekte geben, bei denen Einzelne sich darauf verlassen, dass die meisten anderen weiterhin fleißig sein werden und es nicht ins Gewicht fällt, wenn man selbst harte Arbeit meidet. Und ein Verfall der Arbeitsmoral bei Einzelnen könnte eventuell einen solchen allgemeinen Verfall auslösen, der weitere Arbeiter betrifft und damit zu einem größeren Problem würde. Ähnliche Phänomene sind auch aus Armeen bekannt, wo die Offiziere stets darauf achten, die Disziplin ihrer Soldaten aufrecht zu erhalten und bereits gegen kleine Disziplinlosigkeiten, die für sich genommen keine Auswirkungen auf die Kampfkraft der Truppe haben, bekämpfen, um ein weiteres „Abrutschen“ der Disziplin zu verhindern.

Ob und inwieweit dies auch für Arbeitsmoral gilt, wäre allerdings noch empirisch zu untersuchen. Bisher liegen weder für die These, dass ein solches Problem im Sozialismus überhaupt mit hoher Wahrscheinlichkeit auftreten würde, noch dafür, dass solche Probleme überhaupt gravierend ins Gewicht fallen würden, überzeugende Belege vor (und auch Kornai liefert diese nicht) – so könnten auch die realen Probleme der Arbeitsmoral in den historischen sozialistischen Ländern, gerade in ihrer späten Phase, genauso gut auf andere Gründe zurückzuführen sein (zum Beispiel auf Engpässe beim Konsumgüterangebot). Und in anderen Phasen des sozialistischen Aufbaus gab es schließlich auch zahllose Beispiele von massenhaftem heroischem Einsatz für den Wirtschaftsaufbau, obwohl auch hier die Betriebe in gesellschaftlichem Eigentum waren.

In jedem Fall bedarf es keiner „harten Budgetbeschränkungen“, um Maßnahmen zur Stärkung der Arbeitsmoral zu ergreifen. Auch im Sozialismus sind Einkommen an Arbeit geknüpft, sofern man arbeitsfähig ist und nicht in Schule, Ausbildung, Studium oder Ruhestand. Die aktive Weigerung zu arbeiten, beispielsweise von ehemaligen Kapitalisten, die sich mit ihrer neuen Rolle nicht abfinden wollen, müsste als Sabotage und damit als Straftatbestand gewertet werden. Bei anhaltend schlechter Arbeit oder Faulheit könnten moderatere Maßnahmen greifen. Jedenfalls ist die Annahme, dass nur die Drohung der Arbeitslosigkeit die Arbeiterklasse überhaupt zur Arbeit bewegen könnte, nicht nur unbelegt sondern auch absurd.

Fazit:

Die Behauptung, dass eine Planwirtschaft aufgrund der „weichen Budgetbeschränkungen“ grundsätzlich mehr zu Verschwendung und Ineffizienz neigen würde als eine kapitalistische Wirtschaft, stützt sich also nur auf sehr schwache Argumente. Kornai schafft es zudem auch hier nicht, diese Behauptungen empirisch anhand der Erfahrungen der sozialistischen Länder hinreichend zu belegen. Tatsächlich ist es sogar umgekehrt: „Harte Budgetbeschränkungen“ gibt es nur unter Bedingungen der Konkurrenz und Konkurrenz wiederum setzt ein Betriebsgeheimnis voraus, also den Ausschluss aller anderen Unternehmen von dem Wissen, das in einem Unternehmen angesammelt wurde. Dieses Betriebsgeheimnis ist im Kapitalismus zwingend erforderlich, denn wenn alle Kapitalisten gezwungen wären, alle Informationen offenzulegen, wenn also alle Konkurrenten die gleichen Informationen hätten, wäre es kaum möglich, sich einen Vorsprung in der Konkurrenz zu erarbeiten. Das Betriebsgeheimnis im Kapitalismus, also die Zersplitterung der Gesamtwirtschaft in autonome Einheiten, bedeutet in Wirklichkeit aber Verschwendung von ökonomischen Potenzialen in kolossalem Ausmaß. Es bedeutet, dass viele Weiterentwicklungen an verschiedenen Punkten unabhängig voneinander gemacht werden müssen, anstatt sie unter Bündelung der gesellschaftlich verfügbaren geistigen Ressourcen zentral geplant zu organisieren. Die Frage, ob „harte Budgetbeschränkungen“ den „weichen“ überlegen sind, ist damit letztlich nur eine seltsame Umformulierung der eigentlichen Frage, mit der sich die ganze Debatte befasst, nämlich ob eine sozialistische Planwirtschaft dem Kapitalismus an Effizienz überlegen ist oder umgekehrt. Diese Frage ist aber nur ganzheitlich zu beantworten – Kornais Argument der „harten Budgetbeschränkungen“ im Kapitalismus ist dabei nicht geeignet, eine Überlegenheit der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu belegen.

6. Das Problem der Qualität: Die Frage der Planbarkeit von Qualitätssteigerungen und der „Verkäufermarkt“

6.1 Kornais Kritik des Qualitätsproblems im Sozialismus

Die „Tonnenideologie“ – produziert die Planwirtschaft nur „Masse statt Klasse“?

Ein weiteres Problem in den historischen sozialistischen Ländern ist unter dem Begriff „Tonnenideologie“ bekannt geworden. Gemeint ist eine Orientierung der Planung an überwiegend quantitativen Planzielen auf Kosten der Qualität und Produktdifferenzierung. Die Produktion einer bestimmten Produktmenge, gemessen in beispielsweise Tonnen, Kilometern oder Stückzahl, ist der Maßstab für die Planerfüllung. Es liegt auf der Hand, dass die Formulierung solcher Planziele ungeeignet ist, um die Entwicklung innovativer neuer Produkte und die Verbesserung ihrer Qualität zu sichern.

Kornai behauptet nun auch hier, dass diese Probleme sich zwangsläufig aus der Logik einer Planwirtschaft ergeben würden. Den Grund dafür sieht Kornai in der Aggregation[68] von Planzielen. Angesichts der enormen Fülle von ökonomischen Daten, die von den Planungsinstitutionen zu verarbeiten sind und der Unmöglichkeit, jedes Detail des Produktionsprozesses im Detail zu planen und vorzugeben, müssten die verschiedenen Ebenen des Planungssystems mit höher aggregierten Daten planen: Das landesweite Branchenministerium arbeitet mit stärker aggregierten Daten als die regionale Planungsinstanz der Branche, diese wiederum mit stärker aggregierten Daten als das Kombinat und so weiter. Das führe zwangsläufig dazu, dass qualitative Kriterien bei der Planung eine geringere Rolle spielten: Während also schon die Leitung der sozialistischen Kleidungsfabrik sich nicht mit dem Design oder auch nur den Farben der Kleidung befassen müsse, sondern nur mit den produzierten Stückzahlen, würde das zuständige Ministerium sogar mit noch stärker aggregierten Indikatoren rechnen (zum Beispiel keine Unterscheidung mehr zwischen Hosen und Röcken treffen, sondern als Indikator die Produktion der Kleidungsindustrie insgesamt heranziehen). Natürlich lässt sich schwer bestreiten, dass eine Planung mit solch groben Planzielen in der Tat wenig geeignet wäre, den Bürgern eines sozialistischen Landes die Produkte bereitzustellen, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Ein Beispiel: Wenn der Plan als erfüllt gilt, weil beispielsweise 100 Millionen Kleidungsstücke produziert wurden, aber diese Kleidung nicht nur hässlich, unbequem und von schlechter Stoffqualität ist, sondern auch nur Jacken für den Frühling und Herbst produziert wurden, aber keine Winterjacken, dann entspricht die Produktion offensichtlich nicht den Bedürfnissen der Produzenten, obwohl formal gesehen der Plan erfolgreich war.

Neben der hohen Aggregation der Planziele führt Kornai weitere Gründe an, weshalb der Sozialismus grundsätzlich Quantität über Qualität priorisiere: Die Preise, die keine Marktpreise sind, sondern bürokratisch festgelegt werden, würden Qualitätsunterschiede nicht ausreichend ausdrücken, da sie nicht die wirkliche Nachfrage nach den Gütern reflektieren. Und aufgrund der fehlenden Konkurrenz zwischen den Betrieben würden auch minderwertige Güter noch verkauft, da es nur geringe Anreize zur Qualitätssicherung gebe[69].

Kornai behauptet nun, dass es prinzipiell nicht möglich sei, die Produktion genau nach einzelnen Produkten aufzuschlüsseln. Denn in diese Produkte gehen wiederum zahllose Inputs ein, sodass man insgesamt eine riesige Menge von Rohstoffen, halbfertigen und fertigen Produkten hat, für die man Qualitätsspezifikationen aufstellen muss, was für eine zentrale Verwaltung nicht mehr möglich sei[70].

Im Kapitalismus – hier stützt sich Kornai auf Schumpeters Theorie des innovativen Unternehmers – funktionierten Verbesserungen der Produktqualität auf der Mikroebene im Betrieb selbst und angetrieben durch die Konkurrenz. Zentrale Anordnungen seien dazu nicht in der Lage und da solche inneren Antriebskräfte im sozialistischen Betrieb nicht vorhanden seien und der Plan physische Größen (zum Beispiel Gewicht, Stückzahl) als Indikatoren verwende, fehle in der Planwirtschaft ein Mechanismus, der zu Qualitätsverbesserungen anregt[71].

Der „Verkäufermarkt– die angeblich fehlende Orientierung der Produzenten an den Bedürfnissen der Konsumenten

Kornai unterscheidet weiterhin zwischen zwei Arten von Märkten, die sich nach der Beziehung zwischen Verkäufern und Käufern differenzieren lassen. In einem „Käufermarkt“ stehen die Käufer im Mittelpunkt, da die Verkäufer um ihre Gunst konkurrieren müssen. Die Verkäufer passen deshalb ihr Angebot immer wieder den Bedürfnissen der Käufer an. Daher müssen auch die Verkäufer die Informationen bereitstellen, damit der Kauf zustande kommt, zum Beispiel indem sie ihre Produkte bewerben und sicherstellen, dass sie leicht zu finden sind und der Kauf einfach ist. Kapitalistische Märkte werden im Allgemeinen als „Käufermärkte“ bezeichnet.

In sozialistischen Planwirtschaften werden Konsumgüter dagegen über einen „Verkäufermarkt“ verteilt. Ein „Verkäufermarkt“ hat genau entgegengesetzte Eigenschaften: Die Verkäufer sind nicht darauf angewiesen, ihre Produkte zu verkaufen, daher müssen die Käufer sich selbst informieren, wo man das Produkt findet. Da die Güter knapp sind, konkurrieren die Käufer miteinander um die Gunst des Verkäufers, ihnen diese Güter zu verkaufen. Nicht die Verkäufer passen sich den Bedürfnissen der Käufer an, sondern die Käufer sind gezwungen, ihre Bedürfnisse den Verkäufern anzupassen, zum Beispiel indem man auf ein besonders knappes Gut verzichtet oder nach einem Ersatz sucht. Da die Käufer um die Gunst der Verkäufer werben, sind die Verkäufer tendenziell unfreundlich und wenig hilfsbereit[72].

Insgesamt, so Kornai, hat im Sozialismus der Verkäufer Macht über den Käufer, im Kapitalismus ist es umgekehrt[73].

Zusammenfassend ist Kornais These, dass nur ein Wirtschaftssystem, das auf der Konkurrenz zwischen Privatunternehmen beruht, in der Lage ist, den Bedürfnissen der Konsumenten zu entsprechen und die Qualität von Dienstleistungen und Produkten optimal zu entwickeln.

Ist es unmöglich, Qualitätssteigerungen im Sozialismus wirksam zu planen?

Kornais Argumentation lässt sich auf verschiedenen Ebenen kritisieren. Beginnen wir mit der für Marxisten offensichtlichsten Schwäche, nämlich Kornais realitätsferne Verklärung der Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie. Kornais Analyse verbleibt auf der mikroökonomischen Ebene, das heißt er betrachtet nur die Motivation der Betriebsleitungen und einzelnen Konsumenten, während der gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhang unterschlagen wird. Für ihn ist die kapitalistische Gesellschaft ein Miteinander von Verkäufern und Käufern, von Produzenten und Konsumenten, nicht aber eine Klassengesellschaft, in der es eine herrschende Ausbeuterklasse und eine ausgebeutete Klasse gibt. Kornai produziert hingegen das Zerrbild, dass im Kapitalismus nicht die Kapitalisten, sondern die Konsumenten die wahre Macht ausüben würden – daraus ergeben sich politische Irreführungen und Illusionen wie die der „Konsumentenmacht“, wobei angeblich die Konsumenten durch ihre Kaufentscheidungen die Kapitalisten zu moralisch besserem Handeln antreiben könnten.

Die Wirklichkeit sieht sehr anders aus: Es gibt nicht abstrakte „Konsumenten“ oder „Marktteilnehmer“, sondern die Individuen auf dem Markt gehören ausnahmslos gesellschaftlichen Klassen an. Nicht die Eigenschaft als Konsument oder Verkäufer, sondern die Klassenzugehörigkeit einer Person bestimmt, ob diese Person an der Herrschaft beteiligt ist und in relevantem Maße Macht ausüben kann oder nicht. Der Einfluss eines Konsumenten auf die Produktionsentscheidungen der Unternehmen, deren Produkte er kauft, ist im Allgemeinen ausgesprochen gering. Natürlich stimmt es zwar, dass ein kapitalistisches Unternehmen zu vermeiden versucht, Waren zu produzieren, die dann nicht verkäuflich sind. Doch sind erstens die Bedürfnisse der Individuen an sich nicht ausschlaggebend dafür, sondern nur die zahlungskräftige Nachfrage – wer sich kein Elektroauto leisten kann, hat mit seinen Kaufentscheidungen sowieso keinerlei Einfluss darauf, wie das Design dieser Autos gestaltet wird.

Zweitens: Die neoklassische Ökonomik nimmt die Bedürfnisse von „rational handelnden“ Individuen als Ausgangspunkt der Wirtschaft. Die Bedürfnisse werden dabei einfach als gegeben vorausgesetzt und die Frage, wie sie überhaupt zustande kommen, wird gar nicht gestellt. Damit basiert diese vorherrschende Strömung der bürgerlichen Ökonomie auf einer idealistischen Konzeption von Willensfreiheit, die den Willen allein als Schöpfung des Individuums versteht, unabhängig von den gesellschaftlichen Beziehungen, in denen es sich befindet. Dieser Herangehensweise folgt auch Kornai. In Wirklichkeit sind aber Bedürfnisse nichts außergesellschaftliches, sondern ohne Zweifel ein Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Und bekanntlich werden sie auch gezielt beeinflusst und neu geschaffen. Werbung ist im Kapitalismus allgegenwärtig und verfolgt nicht nur den Zweck, die Kaufentscheidung der Konsumenten zwischen verschiedenen konkurrierenden Anbietern zu steuern. Sie erzeugt auch neue „Bedürfnisse“ und schafft in den Köpfen der Konsumenten Maßstäbe dafür, was als schön, lecker, gesund, modern oder als angemessenes Statussymbol gilt. Dadurch hat das Kapital nicht nur die Macht über den Arbeiter durch das Ausbeutungsverhältnis und die politische Machtausübung im Staat, es bestimmt auch zu einem hohen Grad die Konsumentscheidungen.

Drittens: Kornai argumentiert, dass die Preise im Sozialismus, da sie keine Marktpreise sind, Qualitätsunterschiede nicht ausreichend ausdrücken würden. Wenn dies so wäre, würde es sicherlich dazu führen, dass qualitativ hochwertige Güter mehr gekauft würden und die Güter geringerer Qualität (was ja nicht bedeuten muss, dass sie „schlecht“ sind, sondern auch heißen kann, dass es sich um einfachere, weniger komplexe Produkte oder um Produkte mit geringeren Anforderungen handelt) im Laden liegen bleiben würden. Das wäre selbstverständlich eine unerwünschte Folge, weil es Verschwendung von Ressourcen bedeutet, Güter zu produzieren, die dann nicht verwendet werden.

Kornais Argumentation ist allerdings hier wenig überzeugend. Denn dass die Preise administrativ festgelegt werden, bedeutet natürlich auch, dass es eine Frage der bewussten Preispolitik ist, wie stark Qualitätsveränderungen in den festgesetzten Preisen berücksichtigt werden. Auch in der Sowjetunion war es beispielsweise so, dass Produkte, die ein Qualitätszertifikat bekamen, auch mit einem höheren Preis versehen wurden (s.u.). Es gibt also keinen der Planwirtschaft innewohnenden und unveränderlichen Grund, der die Planer daran hindert, Produkte von hoher Qualität höher zu bewerten als solche mit niedriger Qualität.

Viertens ist selbst die Argumentation, wonach die Firmen durch die kapitalistische Konkurrenz zur ständigen Verbesserung der Qualität angetrieben werden, überaus zweifelhaft. Es sind im heutigen Kapitalismus in den allermeisten Wirtschaftszweigen, vor allem aber in den strukturbestimmenden Branchen, keineswegs viele kleine Unternehmen, die miteinander konkurrieren und versuchen, sich gegenseitig durch das beste und billigste Produkt die Kunden abzuwerben. Vielmehr wird die kapitalistische Wirtschaft heute, und zwar überall auf der Welt, durch große Monopole dominiert, zwischen denen zwar immer noch Konkurrenzbeziehungen bestehen, die allerdings ihre Konkurrenz im hohen Maße über andere Methoden wie Werbung und Markenimage sowie hohe Spezialisierung austragen. Dass im heutigen Kapitalismus Obsoleszenz regelmäßig eingeplant wird, das heißt dass Produkte so gebaut werden, dass sie schneller kaputt gehen und neu gekauft werden müssen, ist ein bekanntes Phänomen: Drucker, die nach einer bestimmten Seitenzahl einen Defekt anzeigen, Glühbirnen mit künstlich verkürzter Lebensdauer oder Geräte, die so konstruiert sind, dass eine Reparatur nur schwer möglich ist. Doch selbst wo der vorzeitige Defekt nicht extra eingeplant ist, besteht zumindest umgekehrt kein Anreiz dazu, möglichst lange haltbare Produkte zu schaffen. Wenn wir also zum Beispiel Haltbarkeit als ein wichtiges Kriterium von Qualität verstehen, dann steht Kornais Argumentation für den Kapitalismus auf überaus wackeligen Beinen: Die vielen Beispiele von Elektrogeräten aus sozialistischen Ländern, die nach 50 Jahren noch funktionieren, oder von unzerstörbarem Glas der Marke „Superfest“ aus der DDR dürften bekannt sein. Die höhere Haltbarkeit war natürlich kein Zufall, sondern wurde im Sozialismus ebenso geplant, wie die Obsoleszenz im kapitalistischen Unternehmen geplant wird. In der DDR beispielsweise produzierten die Betriebe nach einem Vorschriftenkatalog namens „Technische Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen“ (TGL). Diese beinhalteten auch technische Spezifikationen zur Mindesthaltbarkeit, die bei den Produkten nachgewiesen werden musste: Bei Haushaltskühlgeräten und Kompressoren beispielsweise mindestens zehn Jahre, später erhöht auf zwölf. Die Ausfallquote durfte 1% nicht übersteigen. Zur Erfüllung dieser Vorgaben waren die Betriebe verpflichtet, da die TGL – anders als die DIN-Normen in der BRD – Gesetzeskraft hatten[74]. All das sind Beispiele von Produkten, die der kapitalistischen Rationalität widersprechen und deshalb nur unter sozialistischen Bedingungen produziert werden konnten. Der Gegensatz zwischen beiden Produktionsweisen zeigte sich dann auch beim Export von DDR-Waren in den Westen. Einige Haushaltsgeräte aus der DDR waren von hoher Qualität und wurden kurzzeitig auch in der BRD über den Quelle-Katalog vertrieben. Als Quelle jedoch zu dem Schluss kam, dass die lange Haltbarkeit dieser Produkte schlecht für das Geschäft war, wurde der Vertrag mit der DDR nach kurzer Zeit wieder gekündigt[75].

Fünftens zur Aggregation der Planziele: Für Kornai steht bereits fest, dass es nicht möglich ist, die Produktion im Detail zu planen, weshalb jede sozialistische Ökonomie mit dem Problem zu kämpfen hätte, nur grobe Planziele vorgeben zu können, die den Bedürfnissen der Konsumenten nicht entsprechen könnten. Diese Behauptung sollte allerdings stutzig machen: Beruht nicht auch ein kapitalistisches Modeunternehmen darauf, dass intern eine detaillierte Planung stattfindet, nicht nur wie viele Hosen, Hemden und Jacken zu produzieren sind, sondern in welcher Stückzahl die Tausenden verschiedenen Designs bereitzustellen sind und in welchen Größen? Es ist offensichtlich nicht der Fall, dass in den unternehmensinternen Plänen von Modekonzernen wie H&M oder Adidas nur vorgegeben wird, dass z.B. 1 Mio. Jeans und Paar Sportschuhe gebraucht werden. Ein solches Unternehmen kann vielmehr nur funktionieren, wenn die Produktion tatsächlich bis ins Detail geplant wird. Für die Unterstellung, dass Prozesse, die im Rahmen der zentralen Wirtschaftsplanung innerhalb kapitalistischer Industriemonopole jeden Tag vonstatten gehen, nicht mehr funktionieren sollen, sobald es um gesamtwirtschaftliche Planung geht, wird kein Argument angeführt. Letztlich ist das Argument der zu hohen Aggregation einfach eine andere Formulierung der Behauptung, dass die Datenmenge in einer Planwirtschaft zu hoch ist, um noch verarbeitet werden zu können – eine Behauptung, auf die weiter oben bereits eingegangen wurde.

Doch um zu beurteilen, ob und inwiefern eine sozialistische Planwirtschaft überhaupt Schwierigkeiten damit haben könnte, Güter von hoher Qualität zu produzieren, ist nun auch ein Blick auf die historischen Erfahrungen des Sozialismus notwendig.

6.2 Wie war die Qualität der Produkte aus sozialistischen Ländern? Das Beispiel der Sowjetunion

Wenn sich feststellen ließe, dass sozialistische Planwirtschaften im Allgemeinen nur Produkte von minderwertiger Qualität herstellten und dieses Phänomen sich nicht hinreichend durch Faktoren erklären ließe, die unabhängig vom Wirtschaftssystem sind, dann wäre dies zumindest ein Hinweis darauf, dass die sozialistische Produktionsweise entweder grundsätzlich weniger leistungsfähig in Bezug auf Qualitätssteigerungen sein könnte, oder zumindest in Zukunft ganz andere Methoden zur Behebung dieses Problems auszutesten wären. Es wäre dann schwierig vorherzusagen, welche Methoden sich in der Praxis bewähren werden und ob es in einem zukünftigen Sozialismus gelingen würde, zufriedenstellende Ergebnisse auf diesem Gebiet zu erzielen.

Um ein umfassenderes und repräsentativeres Bild bezüglich der Qualität sozialistischer Industrieprodukte zu erhalten, werden wir uns die Produktqualität der sowjetischen Industrie in der späten Sowjetunion ansehen. Die Sowjetunion erscheint als sinnvolles Fallbeispiel, weil sie der größte und am längsten bestehende sozialistische Staat war, der ein breites Spektrum an industriellen Gütern produzierte und auch exportierte, und aufgrund seines langen Bestehens die meiste Zeit hatte, Methoden zur Verbesserung der Qualität zu entwickeln.

Produzierte die Sowjetunion nur Schrott?

In bürgerlichen Erzählungen in Medien, Schulbüchern, aber auch akademischen Veröffentlichungen begegnet uns in aller Regel folgendes Bild: Die Sowjetunion produzierte außer Erdöl, Erdgas und Waffen kaum etwas Brauchbares und schon gar nichts, was mit der unvergleichlichen Qualität westlicher Waren mithalten konnte; ihre Produktion war deshalb nicht wettbewerbsfähig auf dem Weltmarkt und konnte nur überleben, weil sie in einer Planwirtschaft nicht dem Druck der Konkurrenz ausgesetzt war. Belegt werden diese Behauptungen oftmals nicht[76] oder sie stützen sich stark auf die kritische Diskussion über Produktqualität in sowjetischen Fachzeitschriften. Diese tendierten allerdings vermutlich dazu, Kritik stärker zu betonen, als man es bei einer repräsentativen allgemeinen Studie zur Produktqualität getan hätte, weil der Fokus der Debatten darauf lag, Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität einzufordern und Mängel zu identifizieren[77]

Einen anderen Weg geht eine vergleichende Studie zu den Konsumpräferenzen finnischer Konsumenten zwischen 1975 und 1990. Sie zeigt, dass diese generell die Produkte aus dem Westen bevorzugten und diese Präferenz mit der Zeit zunahm[78]. Dieses Ergebnis ist insofern signifikant, als Finnland im westeuropäischen Block eine Sonderstellung einnahm, da es recht umfangreichen Handel mit der Sowjetunion betrieb und die Bevölkerung daher stärker als in anderen westeuropäischen Ländern eine Wahl zwischen Konsumgütern aus kapitalistischen und sozialistischen Länder treffen konnte. Die Studie räumt zwar ein, dass „entgegen der landläufigen Meinung in vielen der neuen Republiken (das heißt den ehemaligen Sowjetrepubliken, Anm. d. Autors) weit fortgeschrittene Technologie existiert und ‚eine bemerkenswerte Anzahl von (ehemals) sowjetischen Unternehmen brauchbare, hochentwickelte Produkte produziert‘, die für den Export geeignet sind[79]. Allerdings kommt sie selbst in Bezug auf die Exporte sowjetischer Konsumgüter zu folgendem Ergebnis: „In Bezug auf Marketingaktivitäten, die zur Unzufriedenheit der Verbraucher führen (zum Beispiel schlechte Werbung und Verkaufsförderung, unzureichende Garantien und Gewährleistungen), besteht ein erheblicher Wettbewerbsunterschied zwischen der UdSSR und den untersuchten westlichen Ländern[80]. Offenbar beruht also das negative Urteil der Studie über die Qualität sowjetischer Konsumgüter weniger auf den technischen Eigenschaften der Produkte, sondern einerseits auf der Wahrnehmung, dass Werbung und Marketing bei sowjetischen Produkten schlechter waren und andererseits auf schlechteren Dienstleistungen für Instandhaltung und Reparaturen. Der Umstand, dass Werbung und Marketing von Konsumenten als Bestandteil von Produktqualität gesehen werden, verweist darauf, dass im Westen verwendete Maßstäbe für Qualität selbst problematisch sind; dies wird weiter unten thematisiert werden. Dass die Sowjetunion als sozialistisches Land wenig Erfahrung mit Marketing und Werbung auf einem kapitalistischen Markt hatte, dürfte außerdem wenig verwundern. In einer sozialistischen Planwirtschaft konkurrieren die Betriebe nicht auf einem Markt gegeneinander und deshalb werden auch, anders als im Kapitalismus, nicht riesige gesellschaftliche Ressourcen für Werbung und Verkaufsförderung verschwendet. Dass dieser Aspekt offenbar für die geringeren Erfolge sowjetischer Produkte auf dem finnischen Markt maßgeblich mitverantwortlich war, untergräbt also die Vermutung, wonach eine mangelnde Qualität der Produkte dafür verantwortlich gewesen sein könnte.

Was ist Produktqualität?

Um die Frage nach der Qualität sowjetischer Produkte beantworten zu können, sollte als nächstes geklärt werden, was Produktqualität überhaupt ist. In der Literatur werden verschiedene Konzepte der Definition von Qualität unterschieden. Relevant ist hier vor allem die Unterscheidung zwischen:

a) produkt- und produktionsbasierten Ansätzen, die davon ausgehen, dass Qualität präzise durch die gewünschten Attribute des Produkts definiert werden kann und das Maß der Erfüllung bestimmter Designvorgaben in einem gegebenen Gut gemessen und dementsprechend Qualität bewertet werden kann. Qualität ist demnach die Übereinstimmung mit vorgegebenen technischen Spezifikationen innerhalb bestimmter Toleranzbereiche.

b) benutzerbasierten Ansätzen, die die individuellen Präferenzen der Käufer als maßgeblich betrachten und daher ein Gut hoher Qualität so definieren, dass es am besten die Konsumentenwünsche und Bedürfnisse erfüllt.

c) wertbasierte Ansätze, die nicht nur die Erfüllung technischer Spezifikationen als Voraussetzung von Qualität betrachten, sondern auch in die Definition aufnehmen, dass dies zu akzeptablen Produktionskosten geschehen muss[81].

Manche westlichen bürgerlichen Autoren tendieren oft dazu, den benutzerbasierten Ansatz zu bevorzugen, weil nur so sichergestellt sei, dass die Produktion sich tatsächlich an dem orientiert, was die Konsumenten brauchen. Industrieunternehmen folgen hingegen in der Regel den ISO 9001-Qualitätsnormen und legen damit implizit auch einen präzisen technischen Standard zugrunde, der einem produktbasierten Ansatz entspricht. Auch in der Sowjetunion wurde ein ähnliches produktbasiertes Konzept von Qualität zugrunde gelegt. So definierte das Regelwerk der staatlich vorgegebenen Produktstandards in der Sowjetunion Qualität als „die Gesamtheit der Eigenschaften eines Produkts, die seine Eignung zur Erfüllung von Sicherheitsanforderungen entsprechend seinem Zweck bestimmen[82]. Diese Herangehensweise wird wiederum von westlichen bürgerlichen Autoren dahingehend kritisiert, dass man Qualität nicht einfach durch die Addition von Produkteigenschaften definieren könne; ein Produkt könne durchaus solchen Anforderungen entsprechen, aber gleichzeitig ungeeignet sein die Bedürfnisse der Konsumenten zu erfüllen oder aufgrund hoher Produktionskosten inakzeptabel teuer sein[83].

Diese Auffassung ist aus sozialistischer Sicht allerdings nicht überzeugend. Sie unterschlägt, dass die Präferenzen von Konsumenten selbst geformt werden durch die vielfältigen Bestrebungen des Kapitals die Konsumenten zum Kauf ihrer Waren zu bewegen, wie durch Werbung und Marketing, aber auch die Schaffung gesellschaftlicher Konsumnormen. Dies kann, wie oben gezeigt, dazu führen, dass das Fehlen von erfolgreichen Werbeanstrengungen des Unternehmens sogar als Mangel des Produkts wahrgenommen wird. Präferenzen, die auf diese Weise geprägt sind, müssen als verzerrt betrachtet werden, insofern als sie nur noch bedingt von sinnvoll bestimmbaren und wünschenswerten Qualitätskriterien wie Haltbarkeit, Sparsamkeit, Benutzerfreundlichkeit, oder Präzision abhängen. Das subjektivistische Verständnis von Qualität, das das entfremdete Bewusstsein des bürgerlichen Individuums zum Ausgangspunkt nimmt, ist idealistisch, indem es letztlich leugnet oder relativiert, dass die objektiven materiellen Eigenschaften der Produkte Grundlage der Bedürfnisbefriedigung sind.

Eine für eine sozialistische Planwirtschaft sinnvoll anwendbare Qualitätsdefinition muss hingegen durchaus, wie es in den vergangenen sozialistischen Ländern (aber nicht nur dort) der Fall war, von objektiven Produkteigenschaften ausgehen, um Qualität zu bestimmen. Dabei greift es selbstverständlich zu kurz, lediglich mithilfe vorgegebener Standards die physischen Eigenschaften der Produkte zu überprüfen, sondern auch die Wechselwirkung von Komponenten miteinander, ihr Verhalten unter Umwelteinflüssen oder die Bewährung von Maschinerie unter Bedingungen besonders intensiver Produktion müssen dabei getestet werden. Dies ist in heutigen industriellen Qualitätsstandards aber längst der Fall.

Produktqualität in der Sowjetunion

Die umfangreichsten und fundiertesten Untersuchungen zur Produktqualität in der Sowjetunion, die zu finden waren, wurden von Malcolm Hill und Richard McKay in den 1980er Jahren ausgearbeitet. In diesen Untersuchungen wurden Werkzeugmaschinen verschiedener Art, Elektromotoren, Kraftfahrzeuge, Haushaltskühlschränke und Kameras als repräsentative Produkte ausgewählt und anhand der verbindlichen Industriestandards sowie anderer Indikatoren (zum Beispiel Interviews mit westlichen Käufern) mit westlichen Gütern verglichen.

Das sowjetische System der Qualitätssicherung beruhte hauptsächlich auf standardisierten technischen Spezifikationen der Betriebe, Branchenministerien und des zentralen Komitees für staatliche Standards. Die Standards des letzteren, abgekürzt GOST, hatten besondere Bedeutung, da sie Gesetzeskraft hatten und ihre Verletzung Sanktionen nach sich ziehen konnte. Standards der Betriebe und Ministerien mussten im Einklang mit den GOST sein. Die Einhaltung der Standards wurde laufend kontrolliert und Produkte, die unterhalb der vorgegebenen Toleranzschwelle fielen, aus dem Sortiment genommen. Um zu vermeiden, dass die Betriebe lediglich knapp oberhalb der Mindeststandards produzierten und einen Anreiz für Produktion von hoher Qualität zu schaffen, gab es zweitens ein System von Qualitätszertifikaten. Erreichte ein Produkt hohe Leistungen in einer Reihe von Kriterien, erhielt es ein Qualitätszertifikat, sein Preis wurde erhöht und dementsprechend stieg das verfügbare Einkommen des Betriebs, was es ihm erleichterte, in Zukunft die Planziele zu erreichen[84].

Wie war nun in der Praxis die Qualität sowjetischer Produkte im Vergleich zu ihren westlichen Pendants?

Im Bereich Werkzeugmaschinen wurden überwiegend Bohr-, Schleif- und Fräsmaschinen untersucht, die für ein breites Spektrum an Anwendungen im Produktionsprozess konstruiert wurden. Werkzeugmaschinen sind allgemein die Maschinen, mit denen der Arbeitsgegenstand physisch bearbeitet wird. Es liegt auf der Hand, dass Qualitätsprobleme bei dieser Sorte Produktionsmitteln, insbesondere mangelnde Präzision, zwangsläufig zu Verarbeitungsfehlern und somit zu Ausschussproduktion beziehungsweise mangelhafter Qualität in einem breiten Spektrum weiterer Güterklassen führen müssen. Die Sicherstellung guter Qualität bei Werkzeugmaschinen ist daher von herausgehobener Bedeutung.

Hill (1985) kommt zu folgenden Schlüssen:

Es gibt starke Evidenz dafür, dass die Qualität der in der Sowjetunion hergestellten Universalmaschinen mit der Qualität der in Großbritannien hergestellten Maschinen vergleichbar ist. Da viele der Anforderungen der britischen Normen auf den Empfehlungen der International Standards Organisation beruhen und die britische Werkzeugmaschinenindustrie seit langem internationale Märkte beliefert, kann die UdSSR jetzt als potenzieller internationaler Lieferant von Werkzeugmaschinen für allgemeine Zwecke mit angemessener Qualität angesehen werden.“[85]

Eine Interviewreihe mit britischen Geschäftsleuten aus den späten 70er Jahren bestätigt, dass diese die Präzision sowjetischer Werkzeugmaschinen für allgemeine Verwendungen akzeptabel und den vorgegebenen Standards entsprechend fanden[86]. Von besonders hoher Qualität waren Schleifmaschinen zur Fertigung flacher und zylindrischer Oberflächen sowie Zahnradschneidemaschinen. Dies belegt eine hohe technologische Fähigkeit der Sowjetunion in diesem Gebiet, da solche Maschinen komplexe Mechanismen und hohe Präzision in der Herstellung erfordern[87]. Hills vorsichtig formuliertes Fazit: „In Anbetracht dieser Ergebnisse scheint es daher angebracht, einige der im Westen allgemein verbreiteten Ansichten über die Qualität sowjetischer Produkte zu überdenken, da einige der Kritikpunkte möglicherweise übertrieben sind[88].

Zu Elektromotoren ergab die Untersuchung: Es lässt sich kein einheitliches Muster erkennen, das darauf hindeutet, dass Maschinen aus westlicher oder sowjetischer Produktion technologisch besser sind.[89]

In der Autoindustrie waren die Standards für Komponenten in der Herstellung ebenfalls vergleichbar denen in Großbritannien, allerdings fehlte in der Sowjetunion eine Produktion von Passagierautos von hoher Qualität. Kein PKW erhielt ein Qualitätszertifikat. Als Gründe hierfür vermuten Hill und McKay neben der geringeren Priorisierung dieser Branche auch, dass in den entwickelten kapitalistischen Ländern eine längere und umfangreichere Tradition von industrieller Serienproduktion solcher Autos bestand, dass private PKWs als Symbol westlicher Konsumkultur eine herausgehobene Rolle spielten und dass im Westen viele Impulse zur Qualitätsverbesserung vom Motorsport ausgingen, der in der Sowjetunion kaum praktiziert wurde. Besser sah die Qualität bei Lastwagen aus, die (sicher aufgrund ihrer allgemeinen volkswirtschaftlichen und militärischen Bedeutung) auch von der Planung immer höher priorisiert wurden als Passagierautos. So wurden einige fortschrittliche LKW-Modelle in Serie produziert, die auch mit Qualitätszertifikat ausgezeichnet wurden[90].

Der Vergleich sowjetischer Haushaltskühlschränke ergab, dass diese im Wesentlichen mit den westlichen Modellen mithalten konnten. Die sowjetischen Modelle hatten kleinere Mängel, oft weniger Regale usw., waren aber billig, robust und zuverlässig, hatten einen guten Ruf auf ausländischen Märkten und konnten im niedrigeren Preissegment durchaus mit den westlichen Kühlschränken konkurrieren[91].

Kameras aus der Sowjetunion wurden ebenfalls als insgesamt zufriedenstellend bewertet. Nachteile waren, dass sie schwer und klobig waren und durch das weitgehende Fehlen elektronischer Komponenten in der Automatisierung hinter westlichen Modellen zurückblieben. Dafür waren sie einfach und funktional konstruiert, gut bedienbar und hatten gute Linsen für Fotos mit hoher Auflösung[92]. Zusammenfassend halten die Autoren fest, dass die Standardisierung in Kombination mit dem System der Qualitätszertifikate im Gegensatz zu häufigen westlichen Vorurteilen und Behauptungen durchaus effektive Mittel waren, um eine befriedigende oder gute Qualität der meisten sowjetischen Produkte, auch im Bereich der Konsumgüter, sicherzustellen. Diese Instrumente waren erfolgreich dabei, Qualitätsprobleme, die in den früheren Phasen der sowjetischen Industrialisierung aufgetreten waren, als der Fokus auf der Ausweitung der Produktionsmenge und weniger auf der Qualität lag, zu beheben. Dieses System sei insbesondere für eine Planwirtschaft geeignet:

Es scheint auch, dass sich die Methodik der Standardisierung gut für die Bedingungen der ‚Planerfüllung‘ in einer Planwirtschaft eignet, da die Standardisierung die wichtigsten Parameter und Toleranzen eines Produkts als Bewertungsgrundlage quantifiziert. Mit anderen Worten: Die Entscheidung über die Produktqualität und die damit verbundenen Konsequenzen für die Planerfüllung und die Einnahmen der Fabrik kann auf objektiven Tests und quantifizierbaren Daten für bestimmte Parameter beruhen. Ein solcher Ansatz war für politische Entscheidungsträger, Planer und Verwaltungsbeamte in der sowjetischen Wirtschaft, in der der Erfolg von Fabriken in der Regel anhand einer Reihe quantifizierbarer Indikatoren beurteilt wird, wahrscheinlich von vornherein sehr attraktiv[93].

Expertenüberprüfungen sowjetischer Produkte kamen allgemein zu dem Schluss, dass diese Produkte in ihrer Qualität zufriedenstellende Ergebnisse erzielten:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten westlichen Bewerter die sowjetischen Verbraucherprodukte als mechanisch angemessen, einfach im Aufbau und in der Wartung und robust, aber schwer, manchmal unzuverlässig und unbequem in der Handhabung, ohne zeitgemäße Steuergeräte und im Allgemeinen veraltet und unmodern in Design und Aussehen betrachteten. Bei den Preisen, zu denen diese Produkte auf den westlichen Märkten verkauft wurden, führte die Abwägung ihrer Vor- und Nachteile jedoch zu dem Schluss, dass sie in der Regel ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis aufwiesen.“ [94]

Dass die Produkte über verschiedene Branchen hinweg bestimmte Mängel aufwiesen, führen die Autoren allerdings nicht nur, wie bei den meisten bürgerlichen Autoren üblich, auf den „Verkäufermarkt“ in der Planwirtschaft zurück, der den Betrieben die Anreize nehme, Qualitätssteigerungen vorzunehmen. Vielmehr sei auch die Konsumstruktur der sowjetischen Gesellschaft zu berücksichtigen: Es handele sich insgesamt immer noch um eine viel ärmere Gesellschaft als die fortgeschrittenen Industriegesellschaften im Westen, wo die Kaufkraft pro Kopf entsprechend geringer war. Dies habe begünstigt, dass die sowjetische Industrie sich auf eine geringere Auswahl an Konsumprodukten konzentrierte, die weniger ausgefeilt, aber dafür robust sind, mit denen man breite Bevölkerungsschichten versorgen konnte und die auch den rauen Wetterbedingungen in weiten Teilen der Sowjetunion standhalten konnten. Für die Bedürfnisse der Konsumenten in der Sowjetunion und anderen RGW-Staaten sowie die gegebenen Möglichkeiten seien die sowjetischen Produkte daher möglicherweise sogar besser angepasst gewesen als westliche Produkte[95]. Es fehlte in der Sowjetunion außerdem ein entwickelter Sektor für die Produktion konsumorientierter Elektronik, was die Möglichkeiten zur Diversifizierung der Konsumgüterindustrie beschränkte.

Zur Einschätzung der Ergebnisse: Beweisen die Daten ein „Qualitätsproblem“ der Planwirtschaft?

Sowjetische Produkte in der Produktionsmittelindustrie waren qualitativ also in etwa gleichwertig zu denen aus westlichen Ländern wie Großbritannien. Sowjetische Konsumgüter hatten gegenüber den westlichen einige Nachteile, wiesen insgesamt aber ebenfalls eine zufriedenstellende Qualität auf. Von einer erheblichen Qualitätslücke zwischen westlichen und sowjetischen Industrieprodukten kann auf Grundlage der vorliegenden Daten keine Rede sein.

Gleichzeitig zeigte der sowjetische Rüstungssektor, zu welchen Innovationen und fortgeschrittenen Gütern die Planwirtschaft dort in der Lage war, wo durch die Priorisierung ausreichende Ressourcen zur Verfügung standen. Trotz des im Allgemeinen immer noch deutlichen Rückstands der Produktivkraftentwicklung in der Sowjetunion im Vergleich zu den führenden kapitalistischen Ländern produzierte die sowjetische Waffenindustrie Waffensysteme von höchster Qualität. Nach tiefgreifenden Analysen des US-Verteidigungsministeriums waren sowjetische Kampfpanzer und Artillerie den westlichen mehr oder weniger ebenbürtig und der sowjetische Schützenpanzer BMP-2 „einer der besten der Welt[96]. Ein weiteres bekanntes Beispiel für überlegene sowjetische Hochtechnologie ist natürlich auch die Raumfahrt, die sich darin zeigte, dass die Sowjetunion sowohl den ersten künstlichen Satelliten (Sputnik-1) als auch den ersten Menschen (Juri Gagarin) ins Weltall schickte. All dies sind starke Hinweise darauf, dass die Frage der Qualität vor allem eine Frage der Priorisierung und Ressourcenausstattung ist.

Die ständige Fokussierung der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten sozialistischen Staaten auf den militärischen Wirtschaftssektor war allerdings keine aus heiterem Himmel getroffene Entscheidung und schon gar keine Eigenschaft, die sich aus der Planwirtschaft selbst ergibt, sondern von außen erzwungen durch eine feindliche außenpolitische Umwelt. Es soll nicht bestritten werden, dass es durchaus Fehlstellungen in der sowjetischen Planwirtschaft gab, die bessere Produktionsergebnisse verhinderten (dazu mehr weiter unten). Doch auch trotz dieser Probleme erweist sich die allgemeine Behauptung, wonach die sowjetische Industrie unter chronischen und gravierenden Qualitätsmängeln litt, im Lichte der Fakten als Vorurteil. Umgekehrt sollte stark bezweifelt werden, ob die Sowjetunion selbst ohne diese Probleme angesichts ihrer ungünstigen Ausgangslage und der ungleichen Entwicklungsbedingungen in der Lage gewesen wäre, auf allen Gebieten den fortgeschrittensten kapitalistischen Ländern, etwa in der Produktion hochkomplexer Konsumgüter den Rang abzulaufen.

Insgesamt ist also die Faktenlage, die die Behauptung von der geringeren Leistungsfähigkeit sozialistischer Planwirtschaften in Bezug auf Produktqualität belegen soll, mehr als dürftig. Das hat weder Kornai noch die zahllosen Akademiker, die sich seitdem auf seine Schriften stützen, daran gehindert, trotzdem so zu argumentieren, als handle es sich dabei um eine unerschütterliche Tatsache – woran sich wohl auch weiterhin nichts ändern wird. Für uns bedeutet es zum einen, dass wir auch dieses antikommunistische Argument in der politischen Auseinandersetzung zurückweisen sollten; zum anderen weist es darauf hin, dass aller Wahrscheinlichkeit nach auch in zukünftigen sozialistischen Volkswirtschaften die Frage der Produktqualität kein herausgehobenes Problem darstellen wird. Sicherlich ergibt es trotzdem Sinn, über weitere Möglichkeiten nachzudenken, wie Produkte auf ihre Eignung zur Bedürfnisbefriedigung getestet und die Erkenntnisse daraus in die Planung einbezogen werden können.

Lehrreich ist dazu auch eine 1987 unter der Führung Michail Gorbatschows gestartete Reform, die die Verbesserung der Qualität zum Ziel hatte. Diese Reform war so schlecht konzipiert und der daraus folgende ökonomische Schaden so absehbar, dass man ihn objektiv als Sabotageakt an der sowjetischen Ökonomie werten kann. In etwa 1500 zentralen Betrieben, die etwa 20% der Industrieproduktion des Landes leisteten und überwiegend in der Maschinenbaubranche arbeiteten, wurden Anfang 1987 die Qualitätsstandards massiv nach oben angehoben. Die Inspektoren von Gosstandart, der Kommission für staatliche Standards, waren nun so streng, dass sie im Frühling 1987 etwa 30% des industriellen Outputs als inakzeptabel aussortierten. Damit waren die Betriebe gezwungen, bereits eingeplante Ressourcen zu verwenden, um ihre abgelehnten Produkte neu zu bearbeiten und zu verfeinern. Arbeiter mussten unbezahlte Extraarbeit leisten, um Mängel zu korrigieren, was zu enormer Frustration und auch einem Streik führte. Die Planziele wurden entsprechend verfehlt, weil Ressourcen nun für die Ausbesserung abgezweigt wurden, die für andere Zwecke eingeplant waren und weil vom erreichten Produktionsoutput ein Teil als Ausschuss definiert wurde[97].

Diese Erfahrung zeigt erneut, dass es kein Problem damit gibt, zentral vorgegebene Qualitätsziele gegenüber den Betrieben zu erzwingen. Die Inspektoren in der späten Sowjetunion konnten die Qualität wirksam überprüfen und Konsequenzen daraus ziehen, auch wenn diese in diesem Fall negativ waren. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass Qualitätsverbesserungen nur als Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren zustande kommen, die in den Produktionsabläufen selbst begründet liegen. Fehlen entsprechende Ressourcen, moderne Maschinen, entsprechende Expertise und Erfahrung der Arbeiter sowie Testinstrumente zur Qualitätskontrolle, dann sind strengere Standards nutzlos oder, wenn sie überzogen sind, sogar schädlich. Solche materiellen Voraussetzungen für Qualitätssteigerungen zu schaffen ist aber unabhängig vom Gesellschaftssystem eine komplexe Aufgabe und kann tendenziell in einer sozialistischen Ökonomie, in der ein gesamtwirtschaftlicher Plan erstellt wird, der all diese Erfordernisse und ihre Wechselwirkung berücksichtigen kann, besser bewältigt werden als in einer kapitalistischen Wirtschaft, wo Planung vorwiegend innerbetrieblich stattfindet.

Reale Qualitätsprobleme und Schlussfolgerungen daraus

All dies soll nun nicht bedeuten, dass Qualitätsprobleme in den sozialistischen Planwirtschaften ein vernachlässigbares Problem gewesen wären. Weiter oben wurde auf einige der aufgetretenen Probleme in der Sowjetunion eingegangen: Hohes Gewicht und sperrige Formen, wenig ansprechende Designs und im Allgemeinen wenig Produkte von sehr gehobener Qualität. Natürlich gab es Ausnahmen und einige hochwertige sowjetische Konsumartikel waren so beliebt, dass sie den Untergang der Sowjetunion überlebt haben und bis heute mehr oder weniger unverändert produziert und zu teils hohen Preisen verkauft werden: Beispielsweise das Motorrad IMZ-Ural, wovon in der Fabrik in Irbit 130.000 pro Jahr produziert wurden und das heute wieder gerne gekauft wird; die hochwertigen Zenit-Kameras; die beliebten Dva Mjatscha Sportschuhe, die wegen ihres Designs als die „sowjetischen Converse“ bezeichnet wurden; das Krasnaja Moskwa Parfum oder Herrenanzüge der Marke Bolschewitschka[98]. Das zeigt, dass der sowjetische Konsumgütersektor auch zum Design und zur Produktion sehr hochwertiger Güter in der Lage war, allerdings wäre hier zu untersuchen, ob die Produktion dieser Luxusartikel auch zu vertretbaren Kosten geschah. So oder so stellen viele dieser Produkte eher Ausnahmen dar und wurden nicht von der breiten Masse der Bevölkerung konsumiert.

Woher die beschriebenen Schwächen sowjetischer Massenkonsumgüter stammten, wäre ebenfalls genauer zu untersuchen, was hier jedoch nicht geleistet werden kann. Wahrscheinlich ist, dass verschiedene Mängel auch sehr verschiedene Ursachen hatten: So dürfte etwa das hohe Gewicht eine Folge davon gewesen sein, dass der Gewichtsreduktion in der Konstruktion keine besondere Priorität eingeräumt wurde, weil Qualitätsverbesserungen auf anderen Gebieten als dringlicher eingeschätzt wurden. Es handelt sich dabei um eine technische Aufgabe und es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass Ingenieure in einer Planwirtschaft hierzu weniger in der Lage sein sollten als im Kapitalismus. Die oft angeführten ästhetischen Mängel des Designs hingegen könnten durchaus darauf verweisen, dass das System der Qualitätskontrolle durch staatliche Standards, obwohl grundsätzlich sinnvoll und effektiv, einen blinden Fleck darin hatte, Faktoren wie Ästhetik, die sich schwierig oder gar nicht objektiv bestimmen und messen lassen, in die Planung mit einzubeziehen. Auch hier wäre es dennoch unsinnig zu behaupten, dass eine sozialistische Ökonomie dieses Problem nicht beheben könnte: Mittels Konsumentenerhebungen und anhand der realisierten Verkaufszahlen (sofern es ein ausreichend breites Angebot und damit ausreichende Wahlmöglichkeiten gibt) ist es natürlich möglich, die ästhetischen Anforderungen der Bevölkerung an bestimmte Güter zu überprüfen. Mithilfe von Wettbewerben, Auszeichnungen und enger Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und Künstlern ist es auch möglich, kreative und ansprechende Ideen zu fördern und umzusetzen. Allerdings werden zukünftige sozialistische Planer dieses Problem im Blick haben und aus den Problemen der untergegangenen sozialistischen Länder lernen sowie gegebenenfalls neue Methoden ausprobieren müssen.

Außerdem werden sich die in der Sowjetunion bewährten Methoden nicht alle ohne Einschränkung auf zukünftige sozialistische Planwirtschaften übertragen lassen. Insbesondere das System der Qualitätszertifikate, das in der Sowjetunion auf der mikroökonomischen Ebene durchaus gute Dienste dabei leistete, die Qualität von Produkten zu verbessern und Lücken im System der staatlichen Standards zu schließen, muss insgesamt kritisiert werden. Nach dem System der Qualitätszertifikate bekamen Betriebe, die Güter höchster Qualität herstellten, zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Möglich ist ein solches Anreizsystem offensichtlich nur da, wo die Betriebe ein eigenes Budget haben und selbst ihre Mittel erwirtschaften. Diese Konzeption untergräbt aber die Planwirtschaft zum einen ökonomisch, weil es eine höhere Eigenständigkeit der Betriebe dabei bedeutet, zu entscheiden, was und wie viel davon sie produzieren wollen. Wenn Betriebe auf „Gewinn“ ausgerichtet sind, werden sie, zumindest innerhalb des Spielraums, den ihnen der Plan dafür lässt, eher Dinge produzieren, die mehr Gewinn einbringen und nicht diejenigen, die gesamtgesellschaftlich am dringendsten gebraucht werden. Da alle anderen Betriebe aber von der möglichst detailgenau abgestimmten Planung der Produktion von Inputs abhängen, kann diese historisch in den meisten sozialistischen Ländern eingeführte Variante der Planwirtschaft mit begrenzten Marktelementen nicht konsistent sein und muss zu Versorgungsengpässen einerseits und Überproduktion andrerseits führen[99]. Zum anderen führten materielle Boni an erfolgreiche Betriebe dazu, dass die Kluft zwischen den so ausgezeichneten Betrieben und allen anderen weiter wuchs, sodass, möglicherweise aufgrund von Zufällen, die einen die Planziele immer besser erfüllen konnten, während den anderen chronisch die Mittel dafür fehlten. Politisch untergrub dieses System den Sozialismus außerdem dadurch, dass die Gewinnorientierung der Betriebe im Bewusstsein der Betriebsdirektoren den Plan, der ja die Gewinnmöglichkeiten des Betriebs und überhaupt sein eigenständiges wirtschaftliches Agieren auf alle möglichen Arten und Weisen einschränkte, als Hindernis erscheinen ließ. Das verstärkte bei ihnen das Motiv, die Gewinne der Betriebe zu ihren eigenen machen, also die zentrale Planung zurückdrängen oder ganz abschaffen zu wollen.

Qualitätszertifikate können unter Umständen trotzdem eine sinnvolle Methode darstellen, um die Betriebe zu Spitzenleistungen zu motivieren. Allerdings können diese nicht mit Zahlungen ins Budget des Betriebs belohnt werden. Möglicherweise reicht das Prestige und die Ehre, auf diese Weise ausgezeichnet zu werden, oft als Motivation für hohe Leistungen aus, insbesondere bei einer politisch bewussten Arbeiterklasse. Andernfalls sind auch materielle Anreize in nicht-monetärer Form (s.o.) möglich.

Qualitätsverbesserungen planen

Versuchen wir nun allgemein eine erste Antwort auf die Frage, wie Qualitätsverbesserungen im Sozialismus zum Planziel werden und anhand welcher Kriterien die Planerfüllung abgerechnet werden kann.

Bei den meisten wichtigen Produkten, von denen der reibungslose Ablauf der Volkswirtschaft abhängt, beispielsweise Komponenten für Maschinen, Baumaterialien, aber auch Fertigprodukte wie Lastwagen, Spülmaschinen oder Stehlampen, lässt sich die Qualität weitgehend objektiv bestimmen, quantifizieren und abrechnen. Auch Verbesserungen der Qualität lassen sich dementsprechend in technischen Daten ausdrücken und planen, was durch die Erfahrung der Sowjetunion bestätigt wird (s.o.).

Doch ein naheliegender Einwand gegen ein solches „technisches“ Qualitätsverständnis liegt darin, dass nicht in jedem Fall das, was Konsumenten als „Qualität“ verstehen und wahrnehmen, sich in technischen Daten ausdrücken lässt. Es ergibt offenkundig wenig Sinn, die Qualität eines Restaurants daran bewerten zu wollen, welche Oberflächenbeschaffenheit oder welches Gewicht die hergestellten Mahlzeiten haben.

Stellen solche Beispiele deshalb ein Problem für eine Planwirtschaft dar?

Zunächst sollte das Beispiel der Restaurants in seiner Bedeutung richtig eingeordnet werden: Ohne Zweifel wäre es wünschenswert, dass es in einer sozialistischen Gesellschaft viele Restaurants mit erstklassiger Küche gäbe. Doch wenn das nicht der Fall wäre, wenn also die Restaurants größtenteils mittelmäßiges Essen servieren würden, wären die Auswirkungen davon sehr begrenzt. Eine unzufriedene Kundschaft wiegt für den ökonomischen Erfolg des Sozialismus nicht so schwer, wie wenn beispielsweise die Betriebe, in denen Baumaterialien oder wichtige Maschinenteile produziert werden, nur schlechte Qualität liefern können. Das liegt daran, dass wir uns die Ökonomie wie ein Spinnennetz vorstellen können, in dem es zahllose Verbindungen zwischen den Produktionseinheiten gibt – und in diesem Spinnennetz sind die Produzenten von Baumaterialien und Maschinenteilen im Zentrum, das heißt große Teile der restlichen Wirtschaft sind von ihnen abhängig. Die Gastronomie hingegen liegt am Rand des Netzes – ein Misserfolg hätte nur geringe Auswirkungen auf die restliche Wirtschaft.

All das heißt natürlich nicht, dass es nicht trotzdem wichtig wäre, auch in solchen Dienstleistungsbetrieben eine hohe Qualität zu sichern. Wie wäre das beispielsweise möglich?

Grundsätzlich lassen die in der Gesellschaft vorhandenen Konsumbedürfnisse sich durch die Konsumforschung mithilfe stichprobenartiger Umfragen und natürlich auch der Trends von Verkäufen feststellen. Auch im kleinen Maßstab ist das möglich: So kann z.B. in jeder Stadt eine lokale Datenerhebung erfolgen, die ermittelt, welche Art von Restaurants die Einwohner sich wünschen (z.B. wie viele italienische, vietnamesische oder deutsche Restaurants) und welche Angebote besonders gewünscht werden. Daraus könnte ein lokaler Plan erstellt werden, der das Gastronomieangebot dem Bedarf anpasst, also z.B. Restaurants oder Cafés eröffnet oder schließt. Nun ergibt es auch bei Dienstleistungsbetrieben dieser Art offensichtlich wenig Sinn, rein physische Planziele vorzugeben, beispielsweise dass ein Restaurant pro Jahr unbedingt 10.000 l Erbsensuppe kochen soll, egal ob diese nachgefragt wird oder nicht. Vielmehr wäre ein sinnvolles Erfolgskriterium die Zufriedenheit der Kunden, die, ähnlich wie bei heutigen Google-Bewertungen, eine Bewertung vornehmen können. Denkbar ist auch eine bestimmte Zahl von Gästen als Planziel vorzugeben: Da Werbung im größeren Maßstab nicht stattfindet (abgesehen davon, dass ein Restaurant seine Gerichte auf einem Schild vor der Tür anpreist o.ä.) und die Verkaufspreise zentral vorgegeben sind, würde der Planerfolg eines Gastronomiebetriebs primär davon abhängen, wie gut er die Bedürfnisse seiner Gäste befriedigt. Anders als im Kapitalismus hängt am Erfolg dieser Unternehmen allerdings nicht das wirtschaftliche Überleben einer ganzen Familie und ihrer Angestellten – wird ein Restaurantbetrieb wegen Misserfolgs oder mangelnden Bedarfs geschlossen, werden die Angestellten in einen anderen transferiert oder schlimmstenfalls für einen anderen Beruf umgeschult.

Es gibt auch hier keinen Grund zu der Annahme, dass ein Restaurantbetrieb in einer Planwirtschaft schlechtere Leistung bieten würde als im Kapitalismus. Im Gegenteil würde die Qualität der Ernährung in einer sozialistischen Gesellschaft im Vordergrund stehen. Im Kapitalismus dominieren in vielen Ländern Fast-Food-Restaurants mit ungesunden Fertiggerichten die Gastronomiebranche, weil sie an vielen Orten (zum Beispiel an Autobahnen) ein Monopol innehaben und die Konsumenten durch ständige Werbung anziehen. In einer Planwirtschaft sollten hingegen gezielt Restaurants gefördert und ausgebaut werden, die gesundes und hochwertiges Essen zubereiten.

Was bleibt von Kornais Kritik an den Qualitätsproblemen der Planwirtschaft?

Kornai stützt sich auf einen oberflächlichen Vergleich bestimmter und in Teilen konstruierter ökonomischer Ergebnisse aus westlichen und RGW-Staaten, um die Überlegenheit der ersteren zu belegen. Als Erklärung für diesen Rückstand führt er dann verschiedene Gründe an, die alle die zentrale Planung verantwortlich machen sollen, während er andere Faktoren, die deutlich plausibler die Unterschiede erklären können, ignoriert.

Um eine aussagekräftige Einschätzung zur Leistungsfähigkeit der osteuropäischen Planwirtschaften in Bezug auf die Konsumgüterindustrie zu treffen, wäre es notwendig, die Auswirkungen des Rüstungswettlaufs auf die anderen Wirtschaftszweige systematisch zu untersuchen, wie Allen es zumindest ansatzweise versucht.

Dies tun aber weder Kornai noch andere Kritiker des Sozialismus. Wer wie sie stattdessen einfach die Konsumgüterindustrie der DDR mit der der Bundesrepublik Deutschland vergleicht[100] und davon, ohne Berücksichtigung selbst der wichtigsten kausalen Faktoren, auf eine generell schwächere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der sozialistischen Konsumgüterindustrie schließen will, der betreibt Propaganda und keine Wissenschaft.

Hinzu kam, dass aufgrund ihres nach wie vor bestehenden Rückstandes bei der Entwicklung der Produktivkräfte der Fokus der sozialistischen Länder weiterhin größtenteils auf der Produktion von Investitionsgütern lag. Die Konsumgüterindustrie war somit der am wenigsten priorisierte Bereich der Industrie. Ihre Leistungsfähigkeit und ihre Produkte beispielsweise mit der hoch entwickelten Konsumgüterindustrie der USA zu vergleichen, ignoriert die völlig unterschiedlichen Bedingungen, unter denen sie sich entwickelten. Somit ist die Feststellung, dass in der Sowjetunion das Konsumgüterangebot weniger entwickelt war als in den USA oder der BRD, sicherlich kein tragfähiger Beleg für eine generell höhere Leistungsfähigkeit des Kapitalismus auf diesem Gebiet.

Schließlich müssen wir hervorheben, dass durch die Entwicklung von international gültigen, extrem detailliert spezifizierten und bewährten Industriestandards heute die Frage der Produktqualität in einem Maße beherrschbar ist wie noch nie zuvor in der Geschichte. Die Durchsetzung einer weltweit einheitlichen Normierung und Durchsetzung von Qualitätsstandards in Form des ISO 9001-Systems sowie den dazugehörigen Schulungs- und Zertifizierungsprogrammen sind nicht nur eine sehr erfreuliche Vorarbeit für die Möglichkeit sozialistischer Wirtschaftsplanung, sondern eliminieren Kornais Argumentation in Bezug auf die angeblichen Qualitätsprobleme der Planwirtschaft (die nicht einmal in der Vergangenheit empirisch haltbar waren) für den heutigen Stand der Produktivkräfte restlos und endgültig.

7. Ist der Sozialismus eine „Mangelwirtschaft?

Ein letztes bekanntes Konzept, das von János Kornai eingeführt wurde und seitdem in keiner bürgerlichen Kritik der Planwirtschaft fehlen darf, ist das der „Mangelwirtschaft“. Kornai zufolge ist jede Planwirtschaft eine „Mangelwirtschaft“, während kapitalistische Ökonomien nur in Ausnahmefällen (wie Kriegen) diese Form annähmen[101].

Unter einer Mangelwirtschaft versteht Kornai eine Wirtschaft, in der:

„Knappheitserscheinungen (1) allgemein sind, d. h. sie treten in allen Bereichen der Wirtschaft auf (im Handel mit Waren und Dienstleistungen für Verbraucher, bei Produktionsmitteln, einschließlich Investitionsgütern, bei Arbeitskräften, bei exportierten und importierten Produkten sowie bei internationalen Zahlungsmitteln); (2) häufig und nicht nur ausnahmsweise oder sporadisch sind; (3) intensiv sind, sodass sie sich sehr stark auf das Verhalten und das Umfeld der Wirtschaftsteilnehmer sowie auf die Merkmale und Ergebnisse der Wirtschaftsprozesse auswirken; und (4) chronisch sind, d. h. sie treten nicht nur vorübergehend auf, sondern sind dauerhaft vorhanden.

Der Sozialismus, so Kornai, sei grundsätzlich immer eine „Mangelwirtschaft“[102]. Kornai versucht, diese These zu belegen, indem er verschiedene Daten über knappe Güter in sozialistischen Ländern, beispielsweise Wartezeiten auf Häuser und Autos, präsentiert. Diese Daten belegen in der Tat, dass es in manchen Branchen erhebliche Schwierigkeiten gab, die Konsumbedürfnisse der Bevölkerung in einem zufriedenstellenden Maße zu erfüllen. Was allerdings die Gründe für diese Kluft zwischen Bedürfnissen und Güterangebot waren, ist eine ganz andere Frage, die sich aus den Daten keineswegs ergibt. Vor allem hätte Kornai den offensichtlichen Einwand beantworten müssen, dass der generelle Rückstand der Produktivität und die Depriorisierung der Konsumgüterindustrie – während gleichzeitig die Bedürfnisse durch Wahrnehmungen der Konsumkultur im Westen geprägt wurden – diese Diskrepanz auch allein erklären könnten. Dann gäbe es allerdings keinerlei Argument mehr für seine These, wonach die Planwirtschaft an sich eine „Mangelwirtschaft“ sein müsse.

Um zu beantworten, ob das der Fall ist oder nicht, müssen wir uns fragen, was die Gründe für Güterknappheit in einer Planwirtschaft sind. Denn lange Schlangen und Wartelisten entstehen nicht einfach unmittelbar als Folge davon, dass eine Wirtschaft zentral geplant wird, sondern sind im Wesentlichen abhängig vom Zusammenspiel folgender vier Faktoren: 1) Der Nachfrage nach einem Gut, 2) der realisierten Produktionsmenge des Gutes, 3) der Leistungsfähigkeit der Logistik (also ob das Gut auch rechtzeitig dort bereitgestellt werden kann, wo es benötigt wird und bevor es verdirbt) und 4) den Preisen.

Zu 1): Die Nachfrage können wir als gegeben voraussetzen, sie bedeutet hier nur, wie viele Konsumenten ein Interesse an dem Gut hätten, wenn es für alle ausreichend verfügbar wäre.

Zu 2): Die für den Konsum zur Verfügung stehende Produktionsmenge (d.h. die gesamte Produktionsmenge minus Abzüge für beispielsweise Exporte oder Reserven) hängt ab von der Produktivität der Betriebe und der Verfügbarkeit der erforderlichen Ressourcen. Kornai ging davon aus, dass Planwirtschaften tendenziell unproduktiv sind, und sieht dies bereits als Beleg für seine „Mangelwirtschafts“-These. Diese Behauptung ist jedoch aus den oben genannten Gründen nicht plausibel, sie ist empirisch nicht bestätigt und es gelingt Kornai auch nicht, sie zu belegen. Deshalb rechtfertigt nichts die Annahme, dass in einer Planwirtschaft das Güterangebot per se niedrig sein muss, außer infolge von Aggressionen des Klassengegners.

Zu 3): Weshalb ausgerechnet die Logistik einer Planwirtschaft der im Kapitalismus unterlegen sein sollte, ist überhaupt nicht ersichtlich. Denn die großen Logistikunternehmen wie DHL, FedEx, Maersk, UPS oder Kuehne + Nagel, in noch umfassenderem Ausmaß zudem die Online-Versandunternehmen wie Amazon, Alibaba oder Zalando, betreiben intern eine ausgeklügelte Form der Planwirtschaft, um so effizient wie möglich (d.h. zum Beispiel mit möglichst wenig Fahrtwegen und Lagerkosten) die Waren an ihre vielen Millionen Kunden auszuliefern. Der Marktmechanismus ist für das Funktionieren dieser Systeme an keiner Stelle erforderlich. Bei der Umsetzung einer sozialistischen Planwirtschaft von den hochentwickelten Techniken beispielsweise des Amazon-Konzerns für die Planung von Lieferungen oder sogar die Prognose zukünftig anstehender Lieferungen zu lernen, wie es vorgeschlagen worden ist[103], ist sicherlich sinnvoll und sollte weiter erforscht werden.

Zu 4): Es bleibt die Frage der Preise. Die Preise in einer Planwirtschaft werden bekanntlich nicht über den Markt gebildet, sondern zentral festgelegt. Wird der Preis für ein Gut trotz seines begrenzten Angebots vom Staat niedrig angesetzt (also unterhalb des Gleichgewichtspreises), dann wird dieses Gut gekauft, bis das Angebot erschöpft ist und die Regale leer bleiben. Es werden also alle verfügbaren Güter zu den niedrigen Preisen gekauft, aber nicht jeder bekommt so viel, wie er gerne gekauft hätte. Unter kapitalistischen Bedingungen sind diese Art von Engpässen vergleichsweise selten – auch wenn sie immer wieder vorkommen – weil bei knappen Waren die Preise nach oben reguliert werden und daher viele potenzielle Konsumenten sich doch gegen den Kauf entscheiden bzw.. finanziell nicht mehr zum Kauf in der Lage sind. Aus der Sicht liberaler Ökonomen wie Kornai beweist dieser Mechanismus zum Umgang mit Knappheit die Überlegenheit der sogenannten „Marktwirtschaft“.

Allerdings ist hierzu zu sagen, dass der Markt an der Knappheit an sich, wenn sie als Mangel an Gütern gemessen an den gesellschaftlichen Bedürfnissen verstanden wird, zunächst überhaupt nichts ändert. Durch die Erhöhung des Preises entsteht zwar ein Anreiz für die Kapitalisten, mehr von dem knappen Gut zu produzieren und auf den Markt zu werfen, dies ist aber bei einigen Gütern (wie dem bereits genannten Wohnraum im Zentrum von Großstädten) nur sehr begrenzt möglich. In diesen Fällen verschwindet die Knappheit also gar nicht, sondern wird nur auf die verschiedenen gesellschaftlichen Klassen anders verteilt, indem bestimmte Waren für die Arbeiterklasse unerschwinglich gemacht werden. Ein Vorteil dieses Preismechanismus liegt hingegen durchaus darin, dass trotz Knappheiten vermieden werden kann, dass lange Schlangen vor den Läden entstehen. Wenn die Konsumenten wissen, dass sie sich ein Gut nicht leisten können, werden sie sich den Weg zum Laden ersparen und damit Zeitverlust und Frustration vermeiden.

Dieser Aspekt sollte auch für den Sozialismus ernst genommen werden: Auch in einer Planwirtschaft sollte das Phänomen der „leeren Regale“ und „langen Schlangen“, das aus manchen sozialistischen Ländern bekannt ist, also möglichst vermieden werden. Es ist aber auch in diesem Punkt völlig unklar, weshalb eine sozialistische Ökonomie hier große Schwierigkeiten produzieren sollte. Denn auch wenn die Festsetzung der Preise eine bewusste Entscheidung der staatlichen Behörden ist, bedeutet das keineswegs, dass diese Preise deshalb willkürlich bestimmt werden. Vielmehr können diese Preise, so als gäbe es tatsächlich einen Markt, erhöht oder gesenkt werden, bis Angebot und Nachfrage sich ausgleichen. Ob ein Nachfrageüberhang (oder anders formuliert: eine Knappheit des Angebots) entsteht, ist also einfach eine Frage der Preispolitik, die sich keineswegs aus der Existenz einer Planwirtschaft ergibt.

Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, aus politischen Gründen in bestimmten Bereichen höhere oder niedrigere Preise festzusetzen und die Zuteilung knapper Güter anhand anderer Kriterien zu regulieren (zum Beispiel, dass gut erreichbare und ebenerdige Wohnungen nicht höhere Preise bekommen, sondern bevorzugt an alte und behinderte Menschen und Familien mit Kindern zugeteilt werden). Bestimmte Güter können zudem auch kostenlos verfügbar sein. Kornai sieht in dieser Praxis der sozialistischen Länder einen weiteren Konstruktionsfehler, da dies zwangsläufig zu Knappheiten führen müsse. In der Tat war es so, dass in der UdSSR und anderen Ländern die meisten Güter und Dienstleistungen des Grundbedarfs entweder kostenlos oder extrem günstig waren. Kornai versteigt sich an dieser Stelle sogar zu der absurden Spekulation, es sei dem Sozialismus in Wirklichkeit nicht um Bedürfnisbefriedigung gegangen, sondern darum, bewusst Knappheit zu erzeugen, damit die „Bürokratie“ die Güterverteilung übernehmen müsse und dadurch mehr Macht bekomme[104]. Doch selbst jenseits solcher Dummheiten, die Kornais Werk als unwissenschaftliche Propaganda entlarven, ist seine Argumentation wieder einmal bemerkenswert flach. Denn so sehr es stimmt, dass bei vielen Gütern und innerhalb eines gewissen Rahmens die Preise sowie die Nachfrage nach Gütern direkt aufeinander reagieren, so unrichtig ist es doch, diesen Zusammenhang zu verabsolutieren. Denn bei sehr vielen Gütern des Grundbedarfs ist in Wirklichkeit sehr schnell eine Sättigung des Bedarfs erreicht und weitere Preissenkungen führen dann auch nicht mehr zu wachsendem Konsum. Wenn Wohnraum, öffentlicher Verkehr und Klinikbesuche kostenlos wären, müsste wohl kaum befürchtet werden, dass sofort alle Bürgerinnen und Bürger in mehreren Wohnungen gleichzeitig wohnen würden (was man außerdem auch verbieten könnte), dass sie sinnlos den ganzen Tag mit der Bahn hin- und herfahren oder jeden Tag ins Krankenhaus fahren würden, einfach nur weil es nichts kostet. Güter, bei denen ein zur Bedürfnisbefriedigung aller Gesellschaftsmitglieder angemessenes Angebot bereitgestellt werden kann, könnten und sollten in einer sozialistischen Ökonomie also durchaus kostenlos zur Verfügung stehen, ohne dass dies zu Versorgungsengpässen führen muss.

Zusammenfassend können wir also feststellen, dass auch die Gleichsetzung von Planwirtschaft mit „Mangelwirtschaft“ sich bei genauerer Betrachtung als unsinnig erweist. Im Wesentlichen reduziert sich die Problematik der Vermeidung von Mangel einerseits auf die Frage, wie Logistik in einer komplexen Ökonomie zu planen ist (ein Thema, zu dem weitere Forschungen sicherlich notwendig sind, bei dem aber bereits jetzt die konkreten Techniken der kapitalistischen Logistikunternehmen einen lehrreichen Anschauungsunterricht bieten können) und andrerseits auf die Frage einer geeigneten Preispolitik, die anhand der Prioritäten der sozialistischen Güterverteilung und gewonnener Erfahrungswerte zu beantworten sein wird. In keinem dieser beiden Punkte wurde bisher überzeugend argumentiert, weshalb eine sozialistische Wirtschaftsverwaltung diese Herausforderungen nicht oder schlechter als der Kapitalismus bewältigen können sollte.

8. Fazit

In diesem Text wurden die Argumente der bürgerlichen Kritik an der Planwirtschaft ernst genommen und auf ihre Stichhaltigkeit überprüft. Dafür wurden die wesentlichen Punkte aus der Kalkulationsdebatte der 1920er und 30er Jahre ein weiteres Mal dargelegt und überprüft und auch die zentralen Kritikpunkte Kornais diskutiert. Die Bilanz dieser Debatten ist für das bürgerliche, antisozialistische Lager nicht günstig. Manche Behauptungen (zum Beispiel Kornais „Mangelwirtschaft“-Argument) sind so schwach begründet, dass es schwer fällt, darin überhaupt einen wissenschaftlichen Beitrag zu sehen. Andere, wie die zentrale These bei Mises, dass verschiedene Güter sich prinzipiell nur anhand von Marktpreisen vergleichen ließen, sind offensichtlich falsch und müssten von jedem, der ehrlich diskutieren will, verworfen werden. Überwiegend sind die Argumente zudem so unscharf formuliert, dass sie sich einer Überprüfung entziehen, sodass selbst falls man zugestehen würde, dass damit reale Probleme beschrieben sind, noch lange nicht gesagt wäre, ob diese Probleme überhaupt so gravierend sind, dass sie eine sozialistische Ökonomie nennenswert beeinträchtigen würden.

Und schließlich kranken alle der „klassischen“ Kritiken am Sozialismus an dem grundsätzlichen Problem, dass sie Ökonomie und Politik voneinander trennen und lediglich versuchen, die vermeintliche ökonomische Ineffizienz des Sozialismus nachzuweisen. Allerdings lehnen Marxisten den Kapitalismus nicht einfach nur ab, weil seine inneren Widersprüche notwendigerweise zu Ineffizienz und Verschwendung führen, sondern vor allem, weil er der großen Mehrheit der Menschen nichts zu bieten hat außer einem Leben in ständiger Unsicherheit, einem Leben, das in all seinen Bereichen dem Zwang zur Profitmacherei für einen anderen unterworfen ist, und für Milliarden Bewohner des Planeten Elend und Not bedeutet. Kapitalismus bedeutet, dass die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums so irrational organisiert ist, dass sie periodisch im Abstand weniger Jahre immer wieder in Krisen zusammenbricht, in denen der mühsam geschaffene Reichtum massenhaft wieder vernichtet wird, in denen Millionen Arbeiterfamilien ihre Arbeit und Existenz verlieren, nicht weil zu wenig, sondern weil zu viel Reichtum existiert. Kapitalismus bedeutet, die natürlichen Grundlagen unserer Existenz auf diesem Planeten rücksichtslos unter die Räder der Profitmaschinerie zu werfen und damit bereits innerhalb der kommenden Jahrzehnte riesige Landstriche und potenziell ganze Kontinente in unbewohnbare Mondlandschaften zu verwandeln. Kapitalistische Herrschaft bedeutet schließlich, dieses Regime der Ausbeutung, Unterdrückung und Entmenschlichung mit allen Mitteln abzusichern und auszuweiten, zu denen immer auch staatliche Repression, faschistischer Terror, Krieg und Völkermord gehören. Kapitalismus bedeutet schlicht die entfesselte Barbarei, die heute mehr denn je auf die furchtbarsten Instrumente zur Menschheitsvernichtung zurückgreifen kann, die es in der Geschichte gegeben hat. Kapitalismus bedeutet, dass die Zivilisation auf der Erde mit Sicherheit untergehen wird, wenn nicht der Kapitalismus vorher überwunden wird. Die Fokussierung der Argumentation auf die „Marktwirtschaft“ als ein „Subsystem“ der kapitalistischen Gesellschaftsformation, was aus bürgerlicher Sicht oft sogar noch als Ausdruck „rigoroser“ Wissenschaft gesehen wird, ist in Wirklichkeit das Gegenteil, nämlich wissenschaftsfeindliche Borniertheit, die wirklicher Erkenntnis fundamental im Weg steht.

Eine sozialistische Planwirtschaft kann grundsätzlich alle diese Probleme lösen, weil sie die Sphäre der Produktion dem Kommando eines blinden und irrationalen Marktmechanismus entzieht und das gesellschaftliche Bedürfnis anstelle des Profits zum regierenden Prinzip macht.

Das Scheitern der Kritiken an der sozialistischen Planwirtschaft bedeutet für sich genommen aber eben nur, dass die bürgerliche Wissenschaft nicht imstande ist, die Möglichkeit des Sozialismus zu widerlegen. Es ist für sich genommen noch kein Beweis dafür, dass eine sozialistische Planwirtschaft, die den Kapitalismus an Effizienz übertrifft (oder ihm zumindest gleichkommt) möglich ist. Um das tatsächlich zu belegen, muss eine Konzeption der Planwirtschaft auf dem heutigen Stand der Produktivkräfte noch ausgearbeitet werden, was sicherlich nur das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein kann. Und selbst dann wird eine solche Konzeption nicht jede Eventualität oder jedes Spezialproblem lösen. Vermutlich werden in der Praxis neue Probleme auftauchen, die wir heute mangels Erfahrung nicht vorhersehen können und für die dann Lösungen entwickelt werden müssen. Eine Planwirtschaft ist eben kein Zaubermechanismus und kein Selbstläufer. Da die Planung im Gegensatz zur Steuerung durch den Markt ein bewusster Akt ist, der von Personen organisiert und vollzogen werden muss, macht sie ständige Anpassungen und Korrekturen möglich, aber auch notwendig.

Bedeutet das, dass wir eigentlich noch gar nicht wissen können, ob der Sozialismus „funktionieren“ wird oder nicht? Ist es also ein Schuss ins Blaue, wenn wir heute für den Sozialismus eintreten?

Nein. Sowohl die Erfahrungen der sozialistischen Länder, deren Bilanz im Sinne einer Emanzipation der Menschheit aus Ausbeutung und Unterdrückung positiv zu bewerten ist, als auch das Versagen des akademischen Antikommunismus dabei, einigermaßen tragfähige Argumente gegen den Sozialismus hervorzubringen, und schließlich die technologischen Fortschritte unserer Zeit, die die Sammlung, Übertragung und Verarbeitung von Informationen in nie dagewesenem Umfang möglich machen und bereits heute innerhalb der großen kapitalistischen Monopolkonzerne eine detaillierte ökonomische Planung in Echtzeit erlauben – all das deutet in überwältigendem Maße darauf hin, dass der Sozialismus nicht nur möglich und wünschenswert ist, sondern auch als Produktionsweise den heutigen Produktivkräften objektiv entspricht, ja geradezu von diesen verlangt wird.

Doch der Sozialismus wird nicht von selbst kommen. Dass er die einzige Alternative zur Katastrophe ist, bedeutet nicht, dass die Katastrophe nicht passieren kann. Der Sozialismus kann überall auf der Welt nur im Ergebnis härtester Klassenkämpfe, auf Grundlage einer revolutionären Strategie und unter der Führung einer kommunistischen Partei erkämpft werden.


[1] Einige der beliebtesten und auch besten Serien der vergangenen Jahre beinhalten eine mehr oder weniger scharfe Gesellschaftskritik, von Breaking Bad über Fallout bis Andor – natürlich ohne dass das an sich dem System gefährlich werden kann.

[2] Paul Cockshott/ Allin Cottrell 2006: Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie, PapyRossa Verlag Köln.

[3] Z.B. der Future Histories Podcast, online: https://www.futurehistories.today/, abgerufen 15.1.2026.

[4] Z.B. Marcel Kunzmann 2018: Theorie, System & Praxis des Sozialismus in China, Verlag Mirco Kolarczik, Berlin.

[5] Max Weber 2008: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Zweitausendeins, Frankfurt/Main, S. 79

[6] So z.B. János Kornai 1992: The Socialist System. The Political Economy of Communism, Oxford University Press, S. 294ff

[7] Jonathan Walker 2014: Operation Unthinkable: Churchill’s plan for World War Three, online: https://media.nationalarchives.gov.uk/index.php/operation-unthinkable-churchills-plan-world-war-three/, abgerufen 13.1.2026.

[8] Robert C. Allen 2003: Farm to Factory. A Reinterpretation of the Soviet Industrial Revolution, S. 189-203.

[9] Ebd, S. 209.

[10] Tagesschau: Das geben die NATO-Staaten für Verteidigung aus, online: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/nato-ausgaben-verteidigung-faq-100.html, abgerufen 8.1.2025.

[11] Joseph Ball 2020: Does socialism really lead to economic failure? The USSR and COMECON Eastern Europe before 1989, Journal of Labour and Society 2020, S. 19.

[12] Allen 2003, S. 209ff.

[13] CSSR: Tschechoslowakische Sozialistische Republik.

[14] Für einen grundsätzlichen Vergleich der ökonomischen Erfolge sozialistischer Länder mit ihren westlichen kapitalistischen Konkurrenten siehe Ball 2020.

[15] Ludwig von Mises 1920: Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 47, S. 101.

[16] Ebd., S. 107.

[17] Ebd., S. 104

[18] Friedrich August von Hayek 1937: Economics and knowledge, Economica 4 (13), S. 52.

[19] Hayek 1945: The Use of Knowledge in Society, The American Economic Review, 35 (4), S. 519-530.

[20] Zit. n. Hayek 1963: The Nature and History of the Problem, in: Ders. (Hrsg.): Collectivist Economic Planning, London: Routledge & Kegan Paul Ltd., S. 26. Rechtschreibung modernisiert, Th.S..

[21] So z.B. Leigh Phillips/ Michal Rozworski 2019: The People’s Republic of Walmart, Verso Books, New York.

[22] Im Original: “The vast quantity of information required for bureaucratic coordination causes serious problems in itself. Assembly and processing of that huge mass of information, and coordination based in this information, is too enormous and difficult a task to be undertaken efficiently through centralized planning and management”, János Kornai 1992: The Socialist System. The Political Economy of Communism, Oxford University Press, S. 127.

[23] Ebd, S. 127f.

[24] Ebd, S. 129.

[25] Vgl. Gerfried Tschinkel 2017: Die Warenproduktion und ihr Ende. Grundlagen einer sozialistischen Wirtschaft, PapyRossa: Köln; Guenther Sandleben 2022: Gesellschaft nach dem Geld, PapyRossa: Köln; Helmut Dunkhase 2022: Plädoyer für Planwirtschaft. Vom Umgang mit Widersprüchen in DDR, Sowjetunion und VR China, PapyRossa: Köln; Jan Philipp Dapprich 2023: Tokens make the world go round: socialist tokens as an alternative to money, Review of Evolutionary Political Economy, vol. 4, S. 497-513.

[26] Matthias Janson 2022: Rechenleistung von Supercomputern wächst rasant: online: https://de.statista.com/infografik/26868/rechenleistung-des-jeweils-staerksten-supercomputers-der-welt/ , abgerufen 13.1.2025.

[27] Vgl. Kornai 1992, S. 179.

[28] Our World in Data: Oil Production, online: https://ourworldindata.org/grapher/oil-production-by-country?country=QAT~OMN~SAU~NOR~IRQ~USA~ARE~RUS~VEN~IRN~OWID_WRL, abgerufen 15.1.2026.

[29] Statista: Entwicklung des Preises der Ölsorte West Texas Intermediate in den Jahren 1976 bis 2025: online: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/77924/umfrage/entwicklung-des-oelpreises-von-west-texas-intermediate/; abgerufen 15.1.2026, eigene Berechnungen.

[30] Auto Fuel Efficiency Trends, online: https://ar.inspiredpencil.com/pictures-2023/auto-fuel-efficiency-trends, abgerufen 14.1.2026.

[31] Bei Optimierungsverfahren gibt es auch die Möglichkeit, bestimmte Werte als harte Untergrenze zu setzen. Beispielsweise könnte man den Wert für die Luftverschmutzung als harten „Constraint“ fassen, sodass er nicht mehr beliebig variierbar ist, sondern ein gewisser Wert als Untergrenze nicht unterschritten werden kann (z.B. der Wert, ab dem es Todesopfer gäbe).

[32] Nicholas Shaxson/ Claire Godfrey 2024: How monopolists drive the world’s power and wealth divide, Bericht für Balanced Economy Project, Global Justice Now, SOMO & Lobby Control, S. 13.

[33] Ebd, S. 7

[34] Jan de Loecker et al. 2020: The Rise of Market Power and the Macroeconomic Implications, The Quarterly Journal of Economics, 135(2).

[35] Shaxson/Godfrey 2024, S. 15.

[36] Paul W. Cockshott/ Allin Cottrell 1997: Information and Economics. A Critique of Hayek, Research in Political Economy, vol. 16, S. 177-202.

[37] Ebd.

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Grenznutzen ist ein zentraler Begriff der neoklassischen Wirtschaftslehre. Er beschreibt den zusätzlichen Nutzen, den ein Individuum erhält, wenn es eine weitere Einheit eines Gutes konsumiert. Die Theorie geht davon aus, dass bei zunehmendem Konsum des gleichen Guts, der Grenznutzen abnimmt und es an einem bestimmten Punkt rational ist, stattdessen seine knappen Ressourcen für ein anderes Gut auszugeben und somit den eigenen Grenznutzen zu maximieren.

[41] Analog zum Grenznutzen wird in der neoklassischen „marginalistischen“ Theorie auch von Grenzproduktivität gesprochen: Beispielsweise kann in einer Fabrik zusätzlicher Ressourcenaufwand (z.B. zusätzliche Arbeiter oder zusätzlicher Kapitaleinsatz) die Gesamtproduktion erhöhen, aber jede zusätzliche Einheit erhöht die Produktivität weniger als die vorherige, sodass es an einem bestimmten Punkt rational ist, die knappen Ressourcen einer anderen Verwendung zuzuführen, anstatt weiter in dieselbe Fabrik zu investieren.

[42] Oskar Lange 1956: On the Economic Theory of Socialism, in: Benjamin E. Lippincott (Hrsg.): On the Economic Theory of Socialism, The University of Minnesota Press, Minneapolis, S. 76.

[43] Ebd, 80ff.

[44] Ebd, 89.

[45] Ebd, S. 99ff.

[46] Oskar Lange 1967: The Computer and the Market, online: https://calculemus.org/lect/L-I-MNS/12/ekon-i-modele/lange-comp-market.htm, abgerufen 13.1.2026.

[47] Desaggregation bedeutet, große zusammengefasste Daten oder Werte in kleinere, genauere Einzelteile aufzuteilen, um sie besser verarbeiten zu können.

[48] Kurz zusammengefasst: Ihre Vorstellung einer Basisdemokratie mithilfe von ständigen Online-Volksabstimmungen unterschätzt die Notwendigkeit von repräsentativ-demokratischer Delegation von Entscheidungen und unterschlägt völlig die Notwendigkeit der kommunistischen Partei als Avantgarde auch im sozialistischen Aufbau. Als Konzeption sozialistischer Demokratie ist sie damit untauglich.

[49] Paul Cockshott/ Allin Cottrell 2006: Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie, S. 117f.

[50] Ebd., S. 80ff, 121f.

[51] Cockshott/Cottrell 1999: Economic planning, computers and labor values, online unter: https://users.wfu.edu/cottrell/socialism_book/aer.pdf, S. 5, abgerufen 10.1.2026.

[52] Cockshott/Cottrell 2006, S. 153f.

[53] Harald Dyckhoff/ Thomas S. Spengler 2010: Produktionswirtschaft. Eine Einführung, Springer: Heidelberg, S. 14f.

[54] Im Original: “One must add, however, that direct bureaucratic control is inefficient in many respects. It is extremely rigid; there are long delays and serious losses before it adapts to changes in needs, technology, the domestic political situation, or the outside world. It provides no incentives for initiative, entrepreneurial spirit, or innovation.”, Kornai 1992, S. 118.

[55] Im Original: “The mechanism of direct bureaucratic control would work well if perfect information on the past were available, if prediction of the future were precise, and if every command were faultless and carried out with impeccable accuracy. In real life the information is imperfect and imprecise, and there are a great many uncertainties about predicting the future. Moreover, both commanders and those who obey the commands are living, fallible people, not parts of a clockwork machine. The problems (…) mainly arise out of the motivations and conflicts of those taking part in it, and from the distortions in the process of collecting and utilizing information.”, Ebd, S. 119.

[56] Ebd, 120f.

[57] Im Original: “The head of the firm has an interest in receiving as easy a production assignment as possible and as plentiful a supply of materials and labor as possible to carry it out. That will result in the least conflict and minimize the risk of losing one’s bonus or even incurring a punishment for falling short of the plan. These interests encourage one to distort the information by reporting a smaller capacity and a larger input requirement than one expects in the plan. On seeing the first draft of the plan, one does well to bargain; by complaining and perhaps requesting the party organizations and the higher authorities to intercede, one tries to obtain a looser plan, that is, a relatively smaller output assignment and a relatively larger input allowance. (…) The directorate’s experienced drafters of plans are aware of this tendency, however. In the initial phase of planning they prescribe a plan 10 or 20 percent tighter than they themselves consider realistic, calculating that the firm will want to beat them down”, Ebd., S. 122.

[58] Im Original: “The process leads ultimately to methodical distortion of the upward flow of information toward the underestimation of capability and the withholding of performance”, Ebd., S. 123.

[59] Auch hier ist Kornais Argumentation mangelhaft und im Grunde nicht wissenschaftlich verwertbar, weil seine Argumentation auf einer allgemeinen Ebene verbleibt, im Wesentlichen Behauptungen aufstellt und es versäumt zu belegen, dass die von ihm behaupteten Probleme in der Planwirtschaft überhaupt in einem Maße auftreten müssen, dass sie die Leistungsfähigkeit der Ökonomie nennenswert einschränken.

[60] Kornai 1992, S. 140ff.

[61] Ebd., S. 146.

[62] Ebd, S. 146.

[63] Ebd, S. 163.

[64] Die Investitionsquote ist der Anteil der Investitionen als Prozentsatz der gesamten Wirtschaftsleistung.

[65] Ebd, S. 164.

[66] Ebd, S. 119.

[67] Im Original: “On the contrary, the plans were implemented; the problem was that they did not make sense. The strength of Soviet socialism was that great changes could be wrought by directives from the top”, Allen 2003, S. 211.

[68] Als Aggregation wird die Zusammenfassung mehrerer Einzelgrößen zu einer Gesamtgröße verstanden. Bezogen auf die Wirtschaftsplanung z.B.: Statt den jeweiligen Produktionsmengen für Shampoos mit Pfirsichgeruch, Shampoos gegen Haarausfall usw. wird nur die Produktionsmenge von Shampoo insgesamt angegeben.

[69] Kornai 1992, S. 310.

[70] Ebd, S. 271ff

[71] Ebd, S. 184.

[72] Ebd., S. 246ff.

[73] Ebd., S. 251.

[74] Ben Arnold 2021: DDR-Haushaltsgeräte: Per Gesetz unkaputtbar, mdr 24.11.2021, online: https://www.mdr.de/geschichte/ddr/wirtschaft/gesetzliche-zuverlaessigkeit-von-ddr-elektrogeraten-garantie-100.html, abgerufen 13.1.2026.

[75] Ebd.

[76] So z.B. Laura Forker, die mangelhafte Qualität der sowjetischen Produkte behauptet, aber nicht belegt, und dann ihre eigene Behauptung als Argument dafür heranzieht, dass das sowjetische Konzept von Qualität sowie die Funktionsweise von Planwirtschaften (das Vorherrschen eines „Verkäufermarktes“) ungeeignet seien, hohe Qualität sicherzustellen, vgl. Laura Forker 1990: Accepting Soviet goods in countertrade. Problems with product quality, Journal of Purchasing and Materials Management, Spring 1990, S. 13-19.

[77] Malcolm Hill 1985: Soviet Product Quality and Soviet State Standards, International Journal of Quality & Reliability Management, Vol. 2 Issue: 1, S. 61.

[78] Van R. Wood/ John R. Darling 1993: The Marketing Challenges of the Newly Independent Republics. Product Competitiveness in Global Markets, Journal of International Marketing, Vol 1, No. 1, S. 93ff.

[79] Im Original: “Contrary to popular belief, superior technology does exist in many of the new republics and ‘a remarkable number of (former) Soviet enterprises produce usable, sophisticated products’ that are suited for export”, Ebd, S. 99.

[80] Im Original: “In terms of undertaking marketing activities that lead to consumer dissatisfaction (e.g., poor advertising and promotion, inadequate warranties and guarantees), there is a significant competitive gap between the USSR and the Western countries under study”,Ebd., S. 94.

[81] Laura Forker 1991: Quality. American, Japanese and Soviet Perspectives, Academy of Management Executive, 5 (4), S. 64.

[82] Im Original: “The totality of properties of a product, determining its suitability to safety defined requirements in accordance with its purpose“, ebd, S. 71.

[83] Ebd., S. 73.

[84] Ebd., S. 71f.

[85] Im Original: “There is strong evidence to suggest that the quality of Soviet-produced general purpose machines is similar to that of their British-manufactured counterparts. Furthermore, since many of the requirements of the British standards are based on the recommendations of the International Standards Organisation, and the UK machine tool industry is a long-standing supplier to international markets, it would appear that the USSR can now be viewed as a potential international supplier of general-purpose machine tools of adequate quality”,Malcolm R. Hill 1985: Soviet Product Quality and Soviet State Standards, International Journal of Quality & Reliability Management, Vol. 2 Issue: 1, S. 57f.

[86] Malcolm R. Hill/ Richard McKay 1988, Soviet Product Quality, Palgrave Macmillan UK, S. 129.

[87] Hill 1985, S. 58.

[88] Im Original: “In view of these results, therefore, it would seem to be appropriate to reconsider some of the generally held Western views of Soviet product quality, since some of the criticism may be overstated”, ebd, S. 60.

[89] Hill/McKay 1988, S. 65.

[90] Ebd., S. 91.

[91] Ebd., S. 108f.

[92] Ebd., S. 125.

[93] Im Original: “It also seems that the methodology of standardisation has lent itself well to ‘plan fulfillment’ conditions prevailing in a planned economy, since standardisation quantifies a product’s major parameters and tolerances as basis for assessment. In other words a ‘pass/fail’ decision on product quality, with its associated consequences for plan fulfilment and factory receipts, can be based on objective tests and quantifiable data for defined parameters. Such an approach is likely to have had an intrinsic attraction to policy-makers, planners and administrators in the Soviet economy where factory success is usually judged according to a range of quantifiable indicators”, ebd., S. 128.

[94] Im Original: “In summary, most of the Western assessors viewed Soviet consumer products as mechanically adequate, simple in construction and to service, and robust, but heavy, sometimes unreliable and inconvenient to use, lacking contemporary control devices, and generally dated and unsophisticated in design and appearance. At the prices for which these products were sold on Western markets, however, the balance of their advantages and disadvantages led to the conclusion that they were usually value for money”, ebd., S. 132.

[95] Ebd, S. 133.

[96] Ball 2020, S. 14f.

[97] Forker 1991, S. 72.

[98] Victoria Ryabikova 2021: 10 Brands born in the USSR and popular still, online: https://www.rbth.com/business/334044-10-brands-born-in-ussr, abgerufen 13.1.2026.

[99] Für eine Kritik der Kossygin-Reform, die in der Sowjetunion dieses System ab 1965 einführte, siehe: Thanasis Spanidis 2018: War die Sowjetunion „staatskapitalistisch“ und „sozialimperialistisch“?, online: https://www.kommunistischepartei.de/wp-content/uploads/2018/07/Spanidis-War-die-SU-sozialimperialistisch.pdf.

[100] Kornai 1992, S. 306.

[101] Ebd., S. 234ff.

[102] Ebd., S. 233.

[103] Evgeny Morozov 2019: Digital Socialism?, New Left Review 116/117, Mar/Jun 2019, S. 62f; Leigh Phillips/ Michal Rozworski 2019: The People’s Republic of Walmart, , Kapitel 4.

[104] Kornai 1992, S. 274.

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