Über Kleinbauern und Landarbeiter

Alex Bauer

Wie ordnet man die Kleinbauern ein, ihr Verhältnis zur Arbeiterklasse, wie kann man sie organisieren und für den sozialistischen Aufbau begeistern? Auf all diese Fragen lässt sich eine Vielzahl von verschiedenen Antworten finden. Wir versuchen daher mittels dieses Artikels einen Beitrag in der Klärung zu schaffen. Dabei stellt der Artikel kein umfassendes Geschichtsbuch dar, sondern beschäftigt sich ausschließlich mit den wichtigen Fragen der Landwirtschaft in der heutigen BRD. Wichtig sind die Fragen deswegen, da es sich auch um sehr grundlegende Fragen handelt. Unklarheiten über den Umgang mit Kleinbürgern und die Organisierung einer gespaltenen Arbeiterklasse durchziehen heute die gesamte kommunistische Bewegung.

Klassen der Landwirtschaft

Zunächst muss jedoch untersucht werden, was wir unter den Bauern verstehen. Es ist unsinnig von den Bauern als einer einheitlichen Masse zu sprechen. Mit der Entstehung des Kapitalismus hörten die Bauern auf, eine einheitliche Klasse zu sein. Sie zerfielen zunehmend in die Klassen und Schichten des Kapitalismus. In den meisten marxistischen Texten unterteilte man deshalb die Bauern in kleine oder große Bauern. Diese Unterteilung definierte sich durch die Größe des Flächenbesitzes der jeweiligen Bauern.

Aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten sind diese Begriffe jedoch nicht mehr zielführend. Die Entwicklung der Produktivkräfte und die Spezialisierung bestimmter Sparten der Landwirtschaft führten dazu. Mit der Hektaranzahl alleine lassen sich heute nur sehr wenige Aussagen über die Kapitalgröße fällen. So kann zum Beispiel 40 Hektar Ackerbau problemlos von einer Person geführt werden, während 40 Hektar intensiver Erdbeeranbau hunderte Arbeiter beschäftigt.[1]

Uns erscheinen daher klarere Begriffe sinnvoller. Nach Marx und Lenin definieren wir Klassen „nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen.“[2] Während also in früheren Texten unter Kleinbauern oder auch armen Bauern Pächter ohne Eigenland, welche ihre Teilernte an einen Großgrundbesitzer abgeben mussten, verstanden wurden, nutzen wir den Begriff heute anders. Da ein gesetzliches System der Ernteabgaben in der BRD heute nicht mehr existiert, beschreiben wir mit dem Begriff Kleinbauer eine Schicht der Kleinbürgerklasse, welche in der Landwirtschaft tätig ist. Der Kleinbauer besitzt als Kleinbürger Produktionsmittel, beutet jedoch keine oder nur sehr wenige Arbeiter aus. Kleinbauern, welche Arbeiter ausbeuten, können von dem Mehrwert allein nicht leben und sind gezwungen zu arbeiten. In dem Moment, in dem der Kleinbauer vom Mehrwert allein leben kann, wird er Kapitalist. Wir bezeichnen diese auch als Großagrarier.

Der Kleinbauer besitzt sowohl die Möglichkeit zu den kapitalistischen Großagrariern aufzusteigen als auch in die Arbeiterklasse abzurutschen. Sie sind sowohl von Kapitalisten und insbesondere den Monopolen als auch durch den Kampf der Arbeiter in ihrer Stellung bedroht. Ihr Eigeninteresse als Klasse geht sowohl gegen die kapitalistische Zentralisierung als auch die revolutionäre Sache der Arbeiter. Um ihre Klasse zu erhalten, versuchen sie wie Marx schreibt „das Rad der Geschichte zurückzudrehen.“[3] (MEW 4, S. 472) Da dies jedoch nicht möglich ist, vertreten sie in der Praxis die Interessen der ihr näherstehenden Klasse. Wenn ihr Aufstieg zu den kapitalistischen Großagrariern möglich erscheint, biedern sie sich dem Interesse der kleineren Kapitalisten an. Wenn ihr Abstieg zu den Proletariern unausweichlich wird, biedern sie sich deren Interessen an. Wir verstehen deshalb die Kleinbauern als schwankende Klasse, welche sich im Entscheidungsmoment sowohl auf die kapitalistische als auch die proletarische Seite schlagen kann. Dies zeigte sich auch wiederholt historisch. Als Bauernräte halfen sie bei der Gründung der Münchner Räterepublik, als Bauernwehren zerschlugen sie diese mit den Freikorps später.[4]

Die ausgebeuteten Landarbeiter sind eine Schicht der Arbeiterklasse. Sie arbeiten für einen Lohn auf den Höfen der Großagrarier oder Kleinbauern. Ihr objektives Klasseninteresse liegt in der sozialistischen Revolution.

Dem Landarbeiter entgegengestellt steht der Großagrarier. Die Großagrarier sind eine Schicht der Kapitalistenklasse. Der Großteil ihres Kapitalbesitzes besteht auf der Ausbeutung der Landarbeiter. Dabei ist nicht jeder landwirtschaftliche Betrieb im Besitz eines Großagrariers oder Kleinbauern. Auch Kapitalisten und Monopole anderer Branchen können diese besitzen und tun dies auch.

EU-Subventionen für die Landwirtschaft

Die landwirtschaftliche Produktion hat für imperialistische Staaten einen anderen Stellenwert als Wirtschaftszweige mit einem ähnlichen Gewicht. Nirgendwo wird diese Tatsache deutlicher als bei Betrachtung der EU-Subventionen für die Landwirtschaft der BRD. Die Bruttowertschöpfung der deutschen Landwirtschaft liegt derzeit bei nicht einmal einem Prozent vom gesamtnationalen bereinigten Bruttoinlandprodukt.[5] Allein 2022 erhielt diese eine Auszahlung von 6,3 Milliarden Euro, ein Jahr später noch einmal 6,9 Milliarden.[6] Dies ist kein Zufall und zeigt sich mit verschiedener Stärke bei jedem imperialistischen Staat. Da die zwischenimperialistischen Kriege unausweichlich sind, gehört der Schutz der unabhängigen Lebensmittelproduktion zur Kriegsvorbereitung jedes imperialistischen Staates. Dies zeigt sich zudem auch daran, dass jene Subventionen primär in Sparten der Landwirtschaft fließen, welche die Ernährungssicherheit bieten. Zu diesen Bereichen gehören der Ackerbau und die Viehzucht. Die restlichen Bereiche der Landwirtschaft werden dabei für die Ernährungssicherheit als nachrangig betrachtet. Die Folgen dieser Politik sind dabei heute recht eindeutig. Der Selbstversorgungsgrad der BRD bei Weizen, Kartoffeln, Käse und allen heimischen Fleischarten liegt bei über 100%, während er beim Gemüse- (38%) und Obstanbau (20% insgesamt, 60% bei heimischen Obstarten) vergleichsweise niedriger ist.[7]

Zweitrangig dienen die Subventionen dem Schutz der deutschen Landwirtschaft vor ausländischen Produkten. Während die Preiszusammensetzung von Ackerbauprodukten jener der Industrieprodukte ähnelt, setzen sich Gemüse- und Obstprodukte noch immer aus einem höheren Anteil an variablem Kapital zusammen. Dies führt zu einer Schwäche in der Konkurrenzfähigkeit gegenüber ähnlichen kapitalistischen Staaten mit einem niedrigeren Lohnniveau. Folglich liegen die deutschen Erzeugerpreise von landwirtschaftlichen Produkten, seit Gründung der EU, über den Weltmarktpreisen.[8] Die weitreichende Konzentration der Landwirtschaft und die Entwicklung ihrer Produktionskräfte in den letzten Jahrzehnten macht jedoch diese Maßnahmen zunehmend überflüssiger. Aufgrund dessen sinken auch die inländischen Erzeugerpreise seit Jahren in Richtung Weltmarktpreishöhe.[9]

Zusätzlich haben die EU-Subventionen den Effekt, dass sie zur Zentralisation des landwirtschaftlichen Kapitals in der BRD führen. Dies zeigt sich am deutlichsten in der Umschichtung der Subventionsausschüttung der letzten Jahre. Die Ausschüttung eines Großteiles der Subventionen wird heute nicht mehr nach der Produktionsleistung der einzelnen Betriebe bestimmt, sondern hauptsächlich anhand ihrer Flächengröße.[10] Dies hat nicht nur die stärkere Förderung einzelner Großbetriebe zur Folge, sondern führt auch zur Subventionsausschüttung an riesige Investorengruppen. Die größte Agrarholding-Gruppe in der BRD, die DAH-Gruppe, kassierte durch ihren Flächenbesitz allein 2019 ganze 5,35 Millionen Euro in Form landwirtschaftlicher Hilfsgelder.[11] Auch die Einbindung von Umweltauflagen verstärkt die ungleiche Subventionsausschüttung. Durch sie werden neuartige Produktionsmittel erforderlich, welche wieder für hohe Kapitalsummen gekauft werden müssen. Solche Investitionen kann jedoch ein Kleinbauer nicht tätigen.[12]

Macht am Produktionsweg

Die produzierten Agrarprodukte gelangen heute nicht mehr direkt vom Produzenten zum Konsumenten, sondern mittels der Verarbeitungsindustrie und des Lebensmittelhandels. Für die Macht am Produktionsweg und die resultierende Profitverteilung ist daher die Konzentration dieses Sektors von besonderer Bedeutung. Jener der Landwirtschaft nachgelagerte Sektor ist in der BRD um ein Vielfaches konzentrierter als die landwirtschaftlichen Betriebe selbst.[13]

Um Macht am Produktionsweg zu erlangen, besteht zwischen Großagrariern und anderen Kapitalisten, sowie auch Monopolen, ein innerkapitalistischer Interessenskonflikt. Es wäre jedoch unsinnig von einer Unterdrückung der Großagrarier und Kleinbauern durch die Monopole der Verarbeitungsindustrie zu sprechen. Tatsächlich schuf der monopolisierte Lebensmitteleinzelhandel, als zentraler Abnehmer größerer Produktionsmengen, eine wichtige Grundlage für die Zentralisation der Landwirtschaft. Innerkapitalistische Konflikte und ungleiche Abhängigkeiten sind in einer kapitalistischen Wirtschaft allgegenwärtig und keine Besonderheit der Landwirtschaft.  Dennoch ist es wichtig die heutige Situation darzustellen, um die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft zu verstehen.

Die Aufteilung der Profitausschüttung von Agrarprodukten wird heute in Ackerbau und Viehzucht überwiegend von der Verarbeitungsindustrie und dem Handel bestimmt.[14] [15] Im Obst- und Gemüsebau hingegen sitzt die Macht am Produktionsweg beim Lebensmitteleinzelhandel (LEH).[16] Der Grund hierfür liegt in der größeren ökonomischen Gewichtung der verarbeitenden Industrie und des Handelskapitals, sowie in ihrer früheren und auch stärkeren Konzentration. Während heute 250.000 landwirtschaftliche Betriebe in der BRD bestehen, stellen fünf LEH-Konzerne über 80% des deutschen Lebensmitteleinzelhandel dar und agieren praktisch wie ein Monopol.[17] Der größte von ihnen, die EDEKA-Gruppe, besitzt in der BRD allein einen Marktanteil von ca. 25 % im gesamten Lebensmitteleinzelhandel. In der Dauermilchherstellung haben sich die Hochwald Milch eG, Nestle-Ursina und die DMK GmbH den Markt praktisch aufgeteilt.[18] Diese Beispiele lassen sich beliebig ergänzen.

Die geringe Macht am Produktionsweg der landwirtschaftlichen Produzenten, aber insbesondere der Kleinbauern, stellt den Hauptfaktor dar, welcher zu einer sprunghaften Zentralisation des landwirtschaftlichen Kapitals geführt hat. Es ist daher kein Zufall, dass das Aufsteigen der LEH-Konzerne inmitten der 1960er zeitgleich mit der starken Proletarisierung vieler Kleinbauern geschah.[19] Die Herausbildung der LEH-Monopole macht die Existenz der Kleinbauern heute nur noch in bestimmten kleinen Nischen möglich.

Auswirkungen der Zentralisation

Ursachen der sprunghaften Konzentration der Landwirtschaft im letzten halben Jahrhundert wurden bereits angeschnitten. Grundsätzlich ist die Zentralisation von Kapital eine Folge der kapitalistischen Konkurrenz. Jedoch gibt es innerhalb und außerhalb des jeweiligen Wirtschaftssektors Faktoren, die diesen Prozess beschleunigen oder verlangsamen können. So war beispielsweise historisch in der Schwerindustrie die organische Zusammensetzung des Kapitals höher als in der Landwirtschaft, welche besonders arbeitsintensiv war.[20] Zudem erschwerten verschiedene Erbteilungsgesetze die Zentralisation von Land in wenigen Händen.[21] Die Realerbschaftsteilung im Westen Deutschlands führte stellenweise sogar zu einer fortschreitenden Aufteilung des Landes.[22] Ein Großteil dieser Faktoren besteht heute jedoch nicht mehr. Gerade die organische Zusammensetzung des Kapitals in der Landwirtschaft erhöhte sich stark und liegt heute über dem Durchschnitt der Industrie (75 % höherer Kapitaleinsatz pro Arbeitskraft).[23] Verstärkt wurde die folgende Kapitalzentralisation durch Faktoren wie 1. die Aufteilung der Subventionsausschüttung durch den politischen Überbau, 2. der Druck der Verarbeitungs- und LEH-Monopole und 3. die immer stärker wirkenden Weltmarktpreise.

Entwicklung der Anzahl (in 1.000) und des Anteils (in %) der Betriebe nach Hektar (ha) in der BRD

 1949 1960 1970 1980 1990 
           
 Anzahl%Anzahl%Anzahl%Anzahl%Anzahl%
 1646,81001385,31001083,1100797,5100629,7100
1-10 ha1262,576,7960,569,3638,559,0407,051,0296,247,0
10-20 ha256,315,6286,520,7268,524,8181,322,7129,220,6
20-30 ha72,24,4120,08,7104,29,6102,612,980,112,7
30-50 ha40,32,542,93,153,44,975,39,476,012,1
50-100 ha12,60,813,71,016,31,526,93,540,66,5
>100 ha3,00,22,70,23,00,34,40,67,11,1

Entwicklung der Betriebsanzahl (in 1.000) und ihrer Veränderung (in %) in der BRD

Größenklasse in haBetriebsanzahl 2010Betriebsanzahl 2020Veränderung in %Fläche (in 1.000 ha) 2010Fläche (in 1.000 ha) 2020Veränderung in %
bis 527.35121.48778,654,036,667,8
5 – 1047.31444.76694,6343,9324,894,4
10 – 2063.16052.56883,2945,8781,782,6
20 – 5076.06861.06580,32.535,02.034,880,3
50 – 10051.62344.73786,73.624,83.171,187,5
100 – 20022.82824.897109,13.071,73.398,3110,6
ab 20010.79013.256122,96.125,46.847,1111,8
Summe299.134262.77687,816.704,016.558,499,1

Die offensichtlichste Auswirkung der Kapitalzentralisation in der Landwirtschaft, war die bereits erwähnte Mechanisierung dieser. Die erhöhte Kapitalzentralisation in einigen Betrieben machte größere Investitionen in das tote Kapital erst möglich.[24] [25]Aufgrund des Konkurrenzdruckes folgte hierauf wiederum eine erhöhte organische Kapitalzusammensetzung in der gesamten Landwirtschaftsbranche.[26] Folglich sank der allgemeine Beschäftigungsgrad in der Landwirtschaft massiv und liegt heute in der BRD bei 2 %.[27] Zeitgleich stieg der Anteil der Landarbeiter gegenüber jenen der Kleinbauern an. Aufgrund dessen machen die Landarbeiter heute über 60 % der Beschäftigten in der deutschen Landwirtschaft aus.[28] Auch schuf die erhöhte Kapitalzentralisation wieder die Möglichkeit und Notwendigkeit dazu, dass sich die deutschen Großagrarier auch im Ausland ausbreiteten. Der Grund für diese Ausweitung ins Ausland ist, dass der deutsche Innenmarkt zu klein ist, um die von ihnen produzierte Menge abzunehmen, sodass diese Produkte in ausländische Abnehmermärkte eindringen. Dies geschieht jedoch noch in einem vergleichsweise kleinen Ausmaß. Dies liegt daran, dass die Kapitalzentralisation noch kein Stadium erreicht hat, in welchem sich klar definierbare Monopole herausgebildet haben. Dies ist jedoch eine absolute kapitalistische Gesetzmäßigkeit, welche folglich sich langfristig auch in der kapitalistischen Landwirtschaft durchsetzen wird. Die breite Verdrängung der Reste der Kleinbauern in Nischen, wie der Direktvermarktung oder bestimmter Bio-Siegel-Produktionsarten, ist eine unausweichliche Konsequenz.

Agitation der Landarbeiter und Kleinbauern

Die Zusammensetzung der Werktätigen in der Landwirtschaft ist heute grundlegend anders als vor einem Jahrhundert. Damals befand sich das Landarbeitertum noch im embryonalen Stadium und Kleinbauern stellten fast alle Werktätigen dar. Heute stellen die Landarbeiter den Großteil der Werktätigen. Kleinbauern gibt es in der BRD heute noch, sie stellen jedoch eine schrumpfende Minderheit dar. Unsere heutige Gewichtung in der Agitation muss dieses Verhältnis widerspiegeln. Jedoch nicht nur aufgrund der Zusammensetzung der Werktätigen, sondern auch, da der Landarbeiter ein objektives Interesse an der sozialistischen Revolution besitzt. Folglich müssen die Agitation und Organisierung der Landarbeiter Vorrang haben. Dem nachgestellt steht die Agitation der Kleinbauern, damit diese zumindest die Kapitalistenklasse nicht aktiv unterstützt.

Die Agitation und Organisation der Landarbeiter bewahrheiteten sich historisch als besonders schwierig und auch heute wird dies der Fall sein. Historisch lag dies vor allem an der Zusammensetzung der Werktätigen in der Landwirtschaft, bzw. im Verhältnis der Kleinbauern zu ihren Produktionsmitteln. Das größte Hindernis besteht heute in der Spaltung anhand nationaler Linien und der einhergehenden Art der Beschäftigung. Man kann die Landarbeiter in der BRD in Vollzeitarbeiter und Saisonarbeiter einteilen, sie bestehen in einem 5:6 Verhältnis.[29] In beiden Arbeiterschichten bestehen unterschiedliche Hindernisse für die Agitation, jedoch stellt ihre Spaltung das übergreifende Hindernis dar.

Unter den Saisonarbeitern weisen sich die fehlenden Arbeitsrechte und damit einhergehend der nicht bestehende Kündigungsschutz als größtes Hindernis aus. Der fehlende Kündigungsschutz ermöglicht einen deutlich stärkeren Klassenkampf seitens der Kapitalisten als bei anderen Lohngruppen. Dies hat zur Folge, dass eine Organisierung und ein Streik erst in aller letzter Instanz erfolgen. In der jüngeren Vergangenheit entstanden Streikbewegungen daher erst dann, wenn die einzige Alternative darin bestand, ohne Gehalt nach Hause zurückzukehren[30]. Ein weiteres, aber kleineres Hindernis ist die Spaltung innerhalb der Saisonarbeiter anhand von Nationalitäten (70 % Rumänen und 25 % Polen). In den vielen landwirtschaftlichen Betrieben besteht ein tiefes Misstrauen zwischen den Polen, Rumänen und vor allem Romani. 

Unter den festangestellten Arbeitern führt ihre qualifiziertere Arbeitsart zur Isolation von den restlichen betrieblichen Arbeitern. Sie verrichten sehr oft die Arbeit eines Vorarbeiters im Betrieb, jedoch ohne das Bestechungsgehalt eines Arbeiteraristokraten. Wenn sie nicht die Rolle eines Vorarbeiters erfüllen, verrichten sie Arbeiten, welche nur sie alleine mit ihren erlernten Qualifikationen erfüllen können. Somit besteht zwischen ihnen und der restlichen Belegschaft nicht nur eine Sprachbarriere, sondern sie haben tatsächlich weniger Kontakt im Arbeitsalltag. Zeitgleich hat der Festangestellte als Vorarbeiter stärkeren Kontakt zum Kleinbauern oder Großagrarier, oftmals auch auf verschiedenen sozialen Ebenen. Dies drückt das Klassenbewusstsein des Festangestellten vor allem in kleinbäuerlichen Betrieben sehr stark herunter.

Der resultierende Effekt dieser Hindernisse ist, dass fast das gesamte Landarbeitertum nicht in der Gewerkschaft organisiert ist. Dieser Zustand kann durch gezielte Gewerkschafts- und Betriebsarbeit verändert werden. Dafür muss dem Landarbeiter im Arbeitsalltag praktisch gezeigt werden, warum eine klassenorientierte Organisierung für ihn selbst notwendig ist. Klar ist zudem, dass die Erkämpfung eines einfachen Kündigungsschutzes der Saisonarbeiter die Grundlage für ihre gewerkschaftliche Organisierung wäre.

Die Agitation der Landarbeiter ist in allen größeren landwirtschaftlichen Betrieben die klare Hauptaufgabe. Sie wird vor allem im Obst- und Gemüseanbau stattfinden, da sich dort die größten Kapital- und Arbeitskraftkonzentrationen auf wenige Betriebe befinden. Auch im Ackerbau steht die Agitation der Landarbeiter im Vordergrund, jedoch stellen die Kleinbauern hier noch immer eine relevante Schicht.

Die Agitation der Kleinbauern setzt sich zur Aufgabe sie als Verbündete zu gewinnen oder zumindest dafür zu sorgen, dass sie sich der sozialistischen Revolution nicht entgegenstellen. Durch ihr schwankendes Klasseninteresse und der heutig verstärkten Gefahr ihres Klassenabstieges, ist dies möglich. Wir sehen eine bestehende klassenbewusste Arbeiterbewegung als absolute Grundlage für eine mögliche Organisierung der Kleinbauern. Bereits seit Jahrzehnten erkennen viele Kleinbauern den Monopoldruck als existenzbedrohend an. Sie sind jedoch ohne eine klassenbewusste Arbeiterbewegung unfähig eine Alternative zur kapitalistischen Produktionsweise zu erkennen. Sofern diese nicht vorhanden ist, klammern sich die Kleinbauern an die Illusion eines Klassenaufstieges, bis all ihre Reserven verbraucht sind.

Die Möglichkeit des Aufbaus der klassenbewussten Arbeiterbewegung ist jedoch vorhanden und hat sich historisch immer wieder bewahrheitet. Auch die Landarbeiter werden ein fester Bestandteil dieser Bewegung sein. Damit dies gelingt, ist es unumgänglich, ihre Situation zu verstehen, um daraus eine praxistaugliche Taktik zu entwickeln.“


[1] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 271

[2] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 271

[3] vgl. LW 29, S.410

[4] Vgl. MEW 4, S. 472

[5] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 179

[6] Ahrens, Sandra (2025): Bruttowertschöpfungsanteil der Agrarwirtschaft in Deutschland bis 2024. Online: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/323856/umfrage/bruttowertschoepfungsanteil-der-agrarwirtschaft-in-deutschland/#statisticContainer, 29.06.2025

[7] Agrarfonds: Gesamtliste der Begünstigten und Dokumente. Online: https://www.agrarzahlungen.de/agrarfonds/bs, 29.06.2025

[8] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 282

[9] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 206

[10] Deter, Alfons (16.10.2020): Agrarholdings erhalten EU-Agrarsubventionen in Millionenhöhe. In: top agar 2020.

[11] vgl. LW 29, S.410

[12]  Agrarfonds: Gesamtliste der Begünstigten und Dokumente. Online: https://www.agrarzahlungen.de/agrarfonds/bs, 29.06.2025

[13] Deter, Alfons (16.10.2020): Agrarholdings erhalten EU-Agrarsubventionen in Millionenhöhe. In: top agar 2020.

[14] Jahr, Peter (02.09.2021): Die europäische Agrarreform – eine unendliche Geschichte. Vortrag an der Leipziger ökonomischen Sozietät

[15] Fischer, Christian (2024): Nahrungsversorgungssysteme heute und morgen. Springer Verlag, S. 89

[16] Vgl. MEW 4, S. 472

[17] (08.06.1971): Verbraucher Politische Korrespondenz, Nr. 23

[18] BELF (1971): Agrarbericht 1970. Bonn, Materialband, S. 13

[19] Fischer, Christian (2024): Nahrungsversorgungssysteme heute und morgen. Springer Verlag, S. 89

[20] BVE-Jahresbericht 2023/2024, S. 50

[21] MIV (2020): Milch und mehr – die deutsche Milchwirtschaft auf einen Blick. In: Fakten Milch. September 2020

[22] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 223, Tabelle 36.1

[23] Poppinga, Onno-Hans (1971): Zur Bauernfrage in Westdeutschland. Stuttgart: Plakat-Bauernverlag, S. 4

[24] (2021): Realteilung bei verpachteten landwirtschaftlichen Betrieben. In: Bauernblatt. 19.06.2021

[25] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 204

[26] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 289

[27] Schulze, Eberhard (2023): Deutsche Agrargeschichte. Düren: Shaker Verlag, S. 320

[28] Scholle, K. (2025): Erzeugerpreisindex für Landmaschinen in Deutschland bis 2024

[29] DBV (2022): Kapitaleinsatz je Erwerbstätigen nach Wirtschaftsbereichen

[30] Statistisches Bundesamt (2023): Statistischer Bericht – Landwirtschaftliche Betriebe – Arbeitskräfte und Berufsbildung der Betriebsleitung/Geschäftsführung – 2023

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