Aktuelles von Rita Schauck
Die Herrschenden rüsten zum Krieg – auch in Nürnberg. Hier findet vom 23. – 25. Februar die Kriegsmesse Enforce Tac statt. Es ist eine der größten Kriegsmessen in Deutschland. Ein ziviles Dorf wird nachgebaut, um Waffen und Rüstungsgüter direkt im Einsatz zu präsentieren: „Dynamisch. Greifbar. Live“. Arbeiter bei der Messe, die Familie und Freunde durch genau jene Rüstungsunternehmen verloren haben, die bei der Enforce Tac ausstellen, fürchten um ihre Jobs oder bekamen sogar ein Hausverbot für das Messegelände, nachdem sie sich an den Protesten beteiligten. Doch die bürgerliche Kriegspropaganda übt sich in ihrem fortschrittlichen Schein. Und so gibt es bei der Kriegsmesse in diesem Jahr auch das Awarenesskonzept „AwareFlair – gemeinsam achtsam“.
Der Krieg kommt in unsere Städte
Das erste Mal gesehen habe ich den Punisher-Totenkopf auf einer Militäruniform in einem Checkpoint der israelischen Kolonialarmee. Der Soldat war so stolz darauf, dass er auf Nachfrage extra aus seinem schusssicheren Kontrollhäuschen kam, damit wir uns das Symbol genauer anschauen konnten. Hinterher informierte ich mich über den Punisher: Ein Symbol, verwendet als inoffizielles Erkennungszeichen von extrem rechten und reaktionären Kräften bei Polizei und Militär weltweit.[1]
Einige Jahre später begegnete mir dieses Symbol erneut – auf einer Internetseite der Nürnberger Messe. Im Impressum der Seite: Der Name des Nürnberger Oberbürgermeisters. Es war die Internetseite der Kriegsmesse Enforce Tac. Diese Messe findet seit 2012 jedes Jahr in Nürnberg statt. Einer der Aussteller hat den Punisher als Logo gewählt.[2] Damit ist der Aussteller auch in diesem Jahr auf dieser Messe in bester Gesellschaft.
Die Enforce Tac präsentiert sich als „Deutschlands Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung“. Unter Schirmherrschaft von Bundeskanzler Merz kommen hier unter dem Motto „Connecting Minds. Protecting Europe“ in der nächsten Woche über 1300 Aussteller aus rund 50 Ländern zusammen. Sie präsentieren: die neuesten Technologien des Krieges. Der Krieg kommt in unsere Städte – dafür steht diese Messe in mehrfacher Hinsicht.
Hier treten Vertreter der brasilianischen „Polícia Militar“ in Uniform auf, welche in Brasilien Menschen aus den Armenvierteln verschwinden lassen und es werden Geschenktütchen von Heckler & Koch verteilt. Dabei sind deutsche Rüstungsriesen wie Diehl, Heckler & Koch und Rheinmetall, aber auch viele Firmen, die zusätzlich eine zivile Sparte betreiben – zum Beispiel Canon oder uvex – sowie zahlreiche Verbände, etwa die Allianz faserbasierte Werkstoffe Baden-Württemberg, die deutsche Polizeigewerkschaft, die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen oder auch ein „USK Freundeskreis“.
Die Räume für die Messe stellen Politik und Stadt: Das Messegelände gehört zu jeweils 49,9 % der Stadt Nürnberg und dem Freistaat Bayern. Mehrere Stadträte von CSU, SPD und Grünen sitzen im Aufsichtsrat der Messe.[3]
Kriege als Werbekulisse
Aber hier wird auch ein ganzes Dorf nachgebaut, um Krieg zu spielen. „Dynamisch. Greifbar. Live“ nennt die Messe dieses Spektakel. Eine der insgesamt sieben Messehallen der Enforce Tac wird genutzt, um hier das Enforce Tac Village aufzubauen. Hier werden in einer dörflichen Kulisse Kriegsszenarien durchgespielt. Die Aussteller können dafür bezahlen, dass ihre Produkte hier im Einsatz präsentiert werden.[4] Kriege als Werbekulisse. Vor zwei Jahren warb die Enforce Tac mit einem Bild eines arabischen Supermarktes für das „Enforce Tac Village“ – so sieht sie aus, die „realistische“ Umgebung, in der die Waffen zum Einsatz kommen sollen. Nachdem diese zynische Werbestrategie öffentlich skandalisiert wurde, wurde das Bild von der Website genommen. Im Statement der Messe dazu hieß es „Sollten wir […] mit dem bis dato genutzten Bildmaterial im Rahmen unserer Bewerbung Gefühle verletzt haben oder ein falscher Eindruck des Trainingsareals „Enforce Tac Village“ entstanden sein, so bitten wir dies zu entschuldigen.“ Als ob es hier um Befindlichkeiten ginge und nicht um eine Messe, die ganz konkret jene Produkte verkauft, die unsere Klassengeschwister weltweit ermordet und verstümmelt. Das Enforce Tac Village knüpft dabei an einer in der Rüstungsbranche gängigen Werbestrategie an: Die zynische Vermarktung als „einsatzerprobt“ oder „battle proven“ ist hier üblich. Die Unternehmen der Enforce Tac werben mit einer besonders hohen „hit-kill ratio“[5] oder einer „enhanced lethality“ – mit verbesserter Tödlichkeit[6].
Besonders überzeugend finden diese zynischen Verkaufsargumente durch israelische Rüstungsunternehmen Anwendung. Diese werben nicht nur im nachgebauten Enforce Tac Village, sondern mit echten Bildern und Video der israelischen Besatzungsarmee. Produktplatzierung im Völkermord. Die zionistische Siedlerkolonie bekommt in diesem Jahr mit dem „Israel National Pavillion“ als einziges Land einen eigenen Stand. Über 38 Unternehmen der israelischen Kolonialmacht werden bei der Messe in Nürnberg vertreten sein – so viele wie nie zuvor.
Mit Menschenrechten für Aufrüstung
Die Enforce Tac ist in den letzten Jahren immer weiter gewachsen. Ganz offen bezieht sie dieses Wachstum auf den Kriegskurs der BRD. Kriegsmessen wie die Enforce Tac werden größer und sie werden häufiger. Ab 2027 ist in Hannover die riesige Kriegsmesse DSEI geplant.[7] Die Kriegsmesse Enforce Tac ist damit auch so etwas wie ein Brennglas für den aktuellen Kriegskurs. In einem „Defence Career“ Bereich und der „Jobzone“ wird nach neuen Fachkräften für die immer größer werdende Rüstungsindustrie gesucht.
Auch Kriegsnarrative werden hier geprobt. Nürnberg präsentiert sich nach außen gerne als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“.[8] Auf die Frage, wie dieser Anspruch mit der Messe zusammenpasse, antwortete die Veranstaltungsleiterin der Messe, Jasmin Rutka, mit der üblichen Lüge, dass Krieg und Aufrüstung für „Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Sicherheit in Europa“[9] stünden. Die bei der Enforce Tac ausstellende Firma „ATG Kriminaltechnik GmbH“ formuliert es auf einem ihrer Patches noch knapper: Der Punisher Totenkopf wird dort gerahmt von dem Schriftband „If you want peace- prepare for war“. Wir kennen diese Lügen. Und wir wissen: Es ging nie um Frieden und ganz sicher nicht um Sicherheit für uns, unsere Familien und Freunde. Das einzige, was durch die Waffen der Enforce Tac gesichert wird, sind die Profitinteressen der herrschenden Klasse.
Eine besondere Rolle spielt in der Kriegsrhetorik der Enforce Tac die Nutzbarmachung des bürgerlichen Feminismus für die Kriegspropaganda. Auffällig viele Frauen vertreten die Enforce Tac nach außen und die Kriegsmesse legt auf ihrer Homepage stolz ihr Awarenesskonzept dar. Ein safer space auf einer Messe, in der mit Krieg und Zerstörung gehandelt wird – selten wird der Zynismus der Herrschenden so offensichtlich. Wenn eine Kriegsmesse Frauen gezielt einsetzt, um Militarisierung immer weiter zu normalisieren, zeigt sich einmal mehr, wie sehr die Forderung nach „mehr Repräsentanz“ von Frauen gegen uns als arbeitende Klasse gerichtet wird, wenn sie keinerlei Verbindung zu den Interessen der Herrschenden herstellt.
Protest und Repression
Nachdem es länger ruhig um die Messe war, ging von der Palästina Solidaritätsbewegung vor drei Jahren der Impuls aus, wieder aktiver gegen die Kriegsmesse vorzugehen. Proteste wurden organisiert. Hauptziel der „Enforce Tac Absagen“-Kampagne war in diesem Jahr, die Kriegsmesse in der Stadt bekannter zu machen und zu entnormalisieren. Bei Gesprächen an Infoständen und bei Flyerverteilungen wurde deutlich, wie viele Menschen diese Kriegsmesse ablehnen. Ein weiterer Punkt der Arbeit gegen die Enforce Tac sind erste vorsichtige Ansätze der Aktivierung von Arbeiterinnen und Arbeitern gegen die Kriegsmesse. In Hotels, Catering, Security, Reinigungsfirmen, Transport sind viele Menschen durch ihre Arbeit mit der Messe verbunden. Vielen ist bisher nicht bewusst, um welche Art Messe es sich hier handelt. Teilweise mussten palästinensische Mitarbeiter feststellen, dass sie bei der Enforce Tac die Sicherheit für genau die Firmen übernehmen sollen, mit deren Waffen ihre Familien ermordet wurden. Als sie sich daraufhin an den Protesten gegen die Kriegsmesse beteiligten, erhielt mindestens ein Kollege Hausverbot und in der Folge kaum noch Aufträge bei der Sicherheitsfirma, sodass er sich einen anderen Job suchen musste. Diese Reaktion zeigt vor allem den Schwachpunkt der Messe: Ohne hunderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Bereichen könnte diese Kriegsmesse nicht stattfinden. Eine klare Forderung bei den Protesten in diesem Jahr ist daher: Niemand darf gezwungen werden für eine Kriegsmesse zu arbeiten! Mehr als jeder Appell an die Stadt, ist es vor allem die Mobilisierung der Arbeiterklasse und ihr Widerstand, der den Kriegstreibern in unseren Städten gefährlich werden kann.
[1] Mehr zur Verwendung dieses Symbols durch die israelische Kolonialarmee: „The logo of the Punisher, which was appropriated by U.S. security forces and the far right for years, has become a common sight in the Israeli army.” https://www.972mag.com/punisher-symbol-israel-army/
Allgemeiner zum Symbol am Beispiel der Nutzung durch die Züricher Polizei: https://tsri.ch/a/von-rechtsextremen-genutzte-symbole-bei-zuercher-polizei-weit-verbreitet-punisher-thin-blue-line
[2] Es handelt sich um die Firma „ATG Kriminaltechnik GmbH“. Sie ist auch in diesem Jahr wieder bei der Messe mit einem Stand vertreten. Neben dem Punisher Symbol, vertreibt das Unternehmen unter anderem Patches, auf denen in Altdeutscher Schrift steht: „Ich bin nicht gekommen um Frieden zu bringen, sondern das Schwert“. Oder in moderner Variante zwei gekreuzte Sniper mit der Aufschrift: „From a place you will not see comes a sound you will not hear“. https://www.enforcetac.com/de-de/aussteller/atg-kriminaltechnik-gmbh-2476168
[3] https://www.nuernbergmesse.de/de-de/unternehmen/nuernbergmesse-group/daten-fakten
[4] Das Enforce Tac Village präsentiert Produkte mitten im Geschehen: eingebettet in authentische Einsatzszenarien, entwickelt von aktiven und ehemaligen Kräften aus Militär und Polizei. Produkte und Lösungen werden hier praxisnah inszeniert und in realitätsnahen Situationen erlebbar.
Ein erfahrener Moderator führt durch das Programm, ein Produktionsteam liefert mit mehreren Kameraperspektiven und Bodycams eindrucksvolle Bilder. Direkt an die Tribüne angeschlossen bietet ein Showroom die Möglichkeit, Produkte im Detail zu erleben und mit den Akteuren des Enforce Tac Villages in den Austausch zu gehen.
[5] Etwa in dieser Broschüre zu verschiedenen Munitionstypen von Rheinmetall: https://www.rheinmetall.com/Rheinmetall%20Group/brochure-download/Weapon-Ammmunition/B233e0920-Rheinmetall-Leadership-in-ammunition-effectiveness-medium-calibre-portfolio.pdf
[6] Zum Beispiel in dieser Drohnenwerbung von Elbit Systems, auch bei der Messe dabei: https://www.elbitsystems.com/networked-warfare/robotic-and-autonomous-solutions/tactical-unmanned-aerial-systems
[7] https://www.dsei-germany.com/
[8] https://www.nuernberg.de/internet/stadtportal/stadtthema_menschenrechte.html
[9] https://soldat-und-technik.de/2026/01/enforce-tac/47266/chefin-enforce-tac/


