Neapco-Werkschließung in Düren – ein Angriff auf uns alle

Bericht von Michala Pavlíčková und Pavel Wierroth

Mit der Schließung des Neapco-Werks, des größten Arbeitgebers in Düren, verlieren fast alle der etwa 500 verbliebenen Beschäftigten ihren Arbeitsplatz. Nach jahrelangem Personalabbau sollen die verbliebenen Arbeiterinnen und Arbeiter nun auch noch die Stilllegung und Abwicklung ihres eigenen Betriebs durchführen.

Der große Automobilzulieferer wird sein Werk bis zum Sommer schließen. Als Grund nennt das Unternehmen die erfolglose Suche nach Investoren; bereits im Juni des vergangenen Jahres wurde Insolvenz angemeldet. Die US-Muttergesellschaft zahlt Abfindungen über einen Treuhänder, zudem wurden ein Sozialplan und ein Interessenausgleich vereinbart. Danach wechselt ein Teil der Beschäftigten vorübergehend in eine Transfer- und Auffanggesellschaft zur Qualifizierung; diese ist aber an eine Mindestbetriebszugehörigkeit und ein Höchstalter gebunden. Besonders neue oder alte Arbeiter haben also nicht einmal darauf ein Anrecht. Maschinen und Anlagen sollen anteilig in andere Werke übernommen, verkauft oder versteigert werden. Andere Werke der Unternehmensgruppe bleiben von der Schließung unberührt. Parallel übernimmt der Konzern einen Konkurrenten und verlagert weitere Teile der Produktion ins Ausland.

Die Schließung erfolgt damit trotz wirtschaftlicher Expansion des Unternehmens. Während andernorts übernommen und investiert wird, werden vor Ort Stellen gestrichen. Entlassen wird also nicht aus Not, sondern im Interesse höherer Profite. Für das Unternehmen sind Arbeitsplätze lediglich variable Kosten – für die Beschäftigten jedoch die Grundlage ihres gesamten Lebensunterhalts.

Daraus entsteht ein deutlicher Widerspruch: Während Werke schließen und Menschen entlassen werden, sollen die Verbleibenden länger und intensiver arbeiten. Für die einen bedeutet das Überlastung, für die anderen Arbeitslosigkeit. Beides führt zu wachsender Unsicherheit und erhöht den Druck auf die gesamte Arbeiterklasse.

Dieser Vorgang steht exemplarisch für eine breitere gesellschaftliche Entwicklung. Zunehmend geraten soziale und arbeitsrechtliche Schutzmechanismen unter Beschuss. Diskutiert werden die Einschränkung oder Abschaffung des Rechts auf Teilzeit, längere Arbeitszeiten, die Aufweichung des Achtstundentages sowie eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters. Gleichzeitig fordern bürgerliche Politiker immer größere „Arbeitsbereitschaft“ und stellen soziale Absicherungen infrage. Damit wird der Weg für weitere Angriffe auf die arbeitenden Menschen bereitet.

Der bürgerliche Klassenstaat orientiert sich maßgeblich an den Interessen der Kapitalverwertung. Der Abbau sozialstaatlicher Leistungen, Lohndruck und die Flexibilisierung der Arbeitszeiten dienen dazu, den von den Arbeitern geschaffenen Mehrwert zu steigern, während soziale Risiken zunehmend privatisiert werden.

Es geht dabei nicht nur um abstrakte wirtschaftliche Kennzahlen oder technische Reformen, sondern um konkrete Lebensrealitäten. Angriffe auf Arbeitsplätze und soziale Rechte treffen die arbeitenden Menschen direkt – ihre Familien, ihre Kinder und ihre Zukunft.

Die Folgen sind bereits deutlich spürbar: steigende Armut, wachsende Kinderarmut und Zukunftsängste in immer mehr Haushalten. Viele wissen nicht, wie sie die nächsten Monate überstehen sollen. Gleichzeitig werden Milliardenbeträge für militärische Aufrüstung und wirtschaftsstrategische Interessen bereitgestellt. Während im Alltag jeder Euro fehlt, stehen für Kapital- und Machtinteressen scheinbar unbegrenzte Mittel zur Verfügung.

Für die Betroffenen ist dies keine bloße betriebliche Entscheidung, sondern ein tiefer Einschnitt in ihr gesamtes Leben. Mit dem Lohn verschwinden Sicherheit und Planungsperspektive. Mieten, Rechnungen und die Versorgung der Kinder werden zur existenziellen Frage. Was von Unternehmern und Staat als „Stellenabbau“ bezeichnet wird, bedeutet für viele Familien den unmittelbaren Absturz in Unsicherheit und Armut.

Hinzu kommt die enorme psychische Belastung der verbliebenen Arbeiter, die gezwungen sind, die Stilllegung und Abwicklung ihres eigenen Betriebs selbst zu organisieren. Sie bauen gewissermaßen den Ort ab, an dem sie über Jahre oder Jahrzehnte ihre Arbeitskraft verkauft haben. Was gestern noch als „sicherer Arbeitsplatz“ galt, erweist sich heute als Illusion. Im Kapitalismus zählt selbst jahrzehntelange Loyalität nichts, sobald die weitere Verwertung der Arbeitskraft nicht mehr profitabel erscheint.

Besonders betroffen sind die älteren Beschäftigten. Bei Neapco sind viele über 50 Jahre alt, weil in den letzten Jahren nur noch wenige jüngere Arbeiter eingestellt wurden. Wer in diesem Alter entlassen wird, hat auf dem Arbeitsmarkt kaum noch Chancen.

Die Folgen sind also nicht nur materiell, sondern auch körperlich und seelisch. Arbeitslosigkeit, Armut und ständige Existenzängste führen zu Erschöpfung, Depression und Perspektivlosigkeit. Die Zerstörung der Lebensperspektive ist dabei kein persönliches Versagen, sondern Ergebnis eines Systems, das Menschen nach ihrer Verwertbarkeit sortiert.

Es reicht daher nicht, an die bürgerlichen Vertreter des Kapitals zu appellieren oder Hoffnungen in die Sozialdemokratie zu setzen. Die SPD ging historisch aus der Arbeiterbewegung hervor, verfolgt heute jedoch ähnlich wie die Linkspartei überwiegend eine reformorientierte und systemstabilisierende Politik. Ob in Regierungsverantwortung oder in der Opposition – die sozialdemokratischen Parteien tragen die Sozialkürzungen, längeren Arbeitszeiten, Rentenverschlechterungen und Militarisierung mit, während grundlegende Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter trotz aller Beteuerungen ausbleiben. Auch in den konkreten Arbeitskämpfen im Betrieb wirken sich diese reformistischen Einflüsse aus: Mit der Sozialpartnerschaft, die sozialdemokratische Kräfte als eine gleichberechtigte Übereinkunft von Arbeiter- und Kapitalinteressen propagieren, wird nicht nur der Klassencharakter von Arbeitskämpfen im Kapitalismus verschleiert; sie bremst auch die Kampfbereitschaft der Arbeiter aus und sichert damit die Angriffe der Unternehmer ab. Auch bei Neapco konnten die Verhandlungen mit den Vertretern der Bourgeoisie nicht verhindern, dass die Masse der Beschäftigten ihre Arbeitsplätze verlor. Von Seiten der SPD, die den Dürener Bürgermeister stellt, kam außer Floskeln wenig Substanzielles. Betont wurden vor allem die niedrig gehaltenen Gewerbesteuern sowie der Besuch des damaligen Bundeskanzlers Scholz. Im Wesentlichen blieb es bei diesen symbolischen Gesten. Den Beschäftigten wurde vermittelt, dass man sie allenfalls auf dem Weg in neue Arbeitsverhältnisse unterstützen könne.

Rückblickend hat die SPD den allermeisten Arbeitern ihre Arbeitsplätze trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht erhalten. Die Entlassungswellen bei Neapco entlarven damit abermals den eigentlichen Charakter der Sozialpartnerschaft: Sie wird als verlässliche Partnerschaft zwischen Unternehmen und Beschäftigten dargestellt, erweist sich in Wirklichkeit jedoch als leere Versprechung zur Neutralisierung der Kampfkraft der Arbeiter.

Nur eine vereinte, organisierte und solidarische Arbeiterklasse kann diese Verhältnisse grundlegend verändern. Nur eine sozialistische Gesellschaftsordnung kann die Armut und Nöte der Massen überwinden und ein sicheres, menschenwürdiges Leben für alle garantieren.

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