Aktuelles von David Brandt
Auf Grönland, der weltgrößten Insel im namensgebenden Herzen des Nordatlantikpakts, treten derzeit unerwartet deutlich die wachsenden Bruchlinien zwischen den nationalen Bourgeoisien des NATO-Blocks zutage. Die Verlagerung des US-Fokus in den pazifischen Raum unter Obama hatte man in Europa als Ausdruck der neuen Multipolarität verstanden, also als friedliche Neuaufteilung unter Partnern – dabei wurde die grundsätzliche Stabilität der Allianz aber vielleicht überschätzt.
Das Trump-Lager geht die zweite Amtszeit mit kalter Aggressivität an: Auf eine Reihe verbaler Anspruchsmeldungen auf den weitgehend selbstverwalteten Teil des Königreichs Dänemark und einen Besuch von Vizepräsident Vance folgt nun immer offeneres Säbelrasseln. „Wir brauchen Grönland“, man wolle es „übernehmen“ – mit finanziellen Anreizen für die Bewohner oder notfalls „auf die harte Tour“, um den Rivalen China und Russland zuvorzukommen. Deren militärisches Bedrohungspotenzial für die Insel hält der europäische NATO-Oberbefehlshaber allerdings für „nicht unmittelbar“.
Auf stichhaltige Argumente auf dem diplomatischen Parkett verzichtet Trump ohnehin. Neben dem „Recht des Stärkeren“ werden – angeblich im Interesse aller (westlichen) Parteien – vor allem die grönländischen Verteidigungskapazitäten ins Feld geführt, die sich auf „zwei Hundeschlitten“ beliefen. Und überhaupt: „Sie [die NATO-Partner] brauchen uns viel mehr als wir sie.“ Wenn die USA nicht handelten, wäre die Insel angeblich China oder Russland ausgeliefert, deren Flotten schon um sie herumkreuzen würden (Belege dafür gibt es nicht). Als Trump kürzlich noch mit dem Argument überraschte, eine Bootslandung vor Jahrhunderten mache ein Land nicht zu dänischem Eigentum, dürften sich bei amerikanischen Indigenen einige Augenbrauen gehoben haben.
Die Causa erfährt nun eine rasante Zuspitzung, nachdem soeben noch beim Besuch der dänischen und grönländischen Außenminister in Washington lediglich eine prinzipielle „Meinungsverschiedenheit“ verlautbart worden war und Frankreich in der Hauptstadt Nuuk ein Konsulat eröffnet hatte: Am vergangen Donnerstag erklärten die europäischen NATO-Staaten Deutschland, Frankreich, Schweden und Norwegen, auf dänische Einladung ein gemeinsames Expeditionskorps nach Grönland zu entsenden.
China reagiert derweil diplomatisch und verbittet sich, als Begründung für aggressive Handlungen herangezogen zu werden. Hier macht man die Arktis als Angelegenheit der internationalen Gemeinschaft geltend, wo das eigene Wirken stets auf „Frieden, Stabilität und nachhaltige Entwicklung“ ausgerichtet sei. Russland wiederum verhandelt angeblich gar aktiv mit den USA um Pfründe in der Region. Es könnte auf den „Deal“ bauen, durch Stillhalten auch in seiner Einflusssphäre freiere Hand zu erhalten. China und Russland sollen sich im vergangenen Herbst bereits über die kooperative Verwaltung der arktischen Schiffspassagen beraten haben – letzteres profitiert einmal mehr vom sowjetischen Erbe mit massiven Atomeisbrechern.
Ein tatsächlicher US-Angriff würde die NATO nicht nur in absurde praktische Widersprüche in der Kommandostruktur stürzen (die Verteidigung dänischen Territoriums liegt turnusmäßig aktuell bei einem US-Admiral). Ein solcher Angriff würde nach einhelliger Einschätzung tiefgreifende Veränderungen des imperialistischen Bündnisses erzwingen oder gar sein Ende bedeuten – liegt sein Abschreckungspotenzial doch im gegenseitigen politisch-militärischen Beistand der Bündnispartner. Von Neocon-Falken älterer Schule in der Republikanischen Partei gibt es denn auch ungewöhnlich deutliche Bedenken, dort würde man das Konstrukt NATO mitsamt eigener europäischer US-Basen gern bewahren.
Nicht nur für die Kriegs-, sondern auch für die Handelsflotten wird Grönland mit seiner Lage an der aufschmelzenden Nordostpassage ein Vermögenswert. China arbeitet seinerseits an einer „polaren Seidenstraße“. Der fortschreitende Klimawandel könnte nicht nur die Seewege, sondern auch eine künftige Ausbeutung der Arktis zugänglicher machen – im Falle Grönlands wartet gar eine „geologische Einzigartigkeit“, etwa mit Uran und Lithium.
Das Konzept eines spiegelbildlichen geostrategischen Pendants zu Alaska ist keineswegs neu: Nachdem nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche US-amerikanische Basen mit bis zu 12.000 Mann auf Grönland zurückblieben, schlug die US-Seite bereits einen Kauf vor. In Kombination mit der aktuell ausgebauten „Donroe“-Doktrin (der Donald Trump’schen Modernisierung der Monroe-Doktrin, der aggressiven Vorhofpolitik der USA in Lateinamerika) im Süden sowie provokativen Anschlussphantasien Richtung Kanada ergeben sich Pufferzonen für das, was da kommen mag – so konkret muss man die kommenden imperialistischen Konflikte wohl verstehen, die in den Situation Rooms der Regierungssitze durchgespielt werden.


